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Blankvers
Der Blankvers ist ein reimloser jambischer Fünfheber mit männlicher oder weiblicher Kadenz. Das metrische Schema ist also: ◡—◡—◡—◡—◡—(◡).
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Definition und Funktion
Der Blankvers ist ein reimloser jambischer Fünfheber mit männlicher oder weiblicher Kadenz. Sein metrisches Schema lautet: ◡—◡—◡—◡—◡—(◡). Ein Jambus besteht aus einer unbetonten und einer betonten Silbe; ein Fünfheber enthält fünf solcher Hebungen. Bei männlicher Kadenz endet der Vers betont, bei weiblicher Kadenz folgt noch eine unbetonte Silbe.
Der Blankvers ist in der englischen und deutschen Literatur das klassische dramatische Versmaß. Seine besondere Bedeutung beruht auf seiner Flexibilität. Er besitzt keine feste Zäsur, also keinen vorgeschriebenen Einschnitt im Vers. Pausen können an beliebiger Stelle stehen. Die Kadenz kann gleich bleiben oder regelmäßig beziehungsweise unregelmäßig wechseln.
Auch der Satzbau ist beweglich: Syntaktische Einheiten können mit der Versgrenze zusammenfallen oder über sie hinausreichen. Dieses Überschreiten der Versgrenze heißt Enjambement. Es kann Spannung erzeugen sowie das Sprechtempo beschleunigen oder verlangsamen. Außerdem können mehrere Sprecher einen Vers untereinander aufteilen. Diese Aufteilung heißt Antilabe und kann die dramatische Wirkung verstärken.
Entwicklung im englischen Drama und in der Dichtung
Der Blankvers stammt aus der englischen Dichtung. Zu seinen Vorläufern zählen der französische vers commun, der italienische Endecasillabo und der gereimte englische heroic verse. Als Begründer gilt Henry Howard, Earl of Surrey. In seiner um 1540 entstandenen Übersetzung der Aeneis verzichtete er auf den Reim, weil dieser mit der Würde des antiken Epos als unvereinbar angesehen wurde.
Im Drama erschien der Blankvers erstmals in der Tragödie Gorboduc von Thomas Sackville, 1. Earl of Dorset, und Thomas Norton; sie wurde 1561/62 uraufgeführt. Danach wurde der Blankvers schnell zum Standardversmaß des englischen Dramas. Christopher Marlowe, Ben Jonson und vor allem William Shakespeare entwickelten ihn im 16. und 17. Jahrhundert weiter und verfeinerten seine Möglichkeiten.
Im England des 17., 18. und 19. Jahrhunderts wurde der Blankvers auch in der Gedankenlyrik und der erzählenden Dichtung verwendet. Ein bedeutendes Beispiel ist John Miltons Paradise Lost und Paradise Regained. Milton bezeichnete sein Versmaß als „English Heroic Verse without Rime“, also als englischen epischen Vers ohne Reim, vergleichbar mit den Versen Homers im Griechischen und Vergils im Lateinischen. Er hielt den Reim besonders in längeren Werken weder für ein notwendiges Merkmal noch für echten Schmuck eines guten Verses.
In Deutschland wurde der Blankvers ausgehend von Übersetzungen aus der englischen Literatur seit dem Ende des 17. Jahrhunderts verwendet, zunächst nur sporadisch.
Der Blankvers im Deutschen
Zu den frühen deutschen Verfassern des Blankverses gehören Christoph Martin Wieland mit Lady Johanna Gray (1758) und Joachim Wilhelm von Brawe mit Brutus, entstanden 1757/1758 und erschienen 1768. Den endgültigen Durchbruch erreichte das Versmaß durch Gotthold Ephraim Lessings dramatisches Gedicht Nathan der Weise (1779). Die deutschen Dramatiker der Klassik und des 19. Jahrhunderts, darunter Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich von Kleist, Franz Grillparzer, Friedrich Halm und Friedrich Hebbel, verfassten ihre Versdramen überwiegend in Blankversen.
Der Blankvers wurde außerdem in Gedichten verwendet, häufig in erzählenden Gedichten. Beispiele stammen unter anderem von Friedrich Schiller, Theodor Fontane, Theodor Storm, Conrad Ferdinand Meyer, Carl Spitteler, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Borchardt und Gerhart Hauptmann. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging seine Verwendung in der BRD zurück, während er in der DDR lebendig blieb und häufig verwendet wurde. Ein modernes Beispiel aus dem 21. Jahrhundert ist der Gedichtzyklus im blankvers eines leergefegten gangs des Rappers und Lyrikers Schwartz.
Auch längere Erzähltexte und Versepen wurden in Blankversen geschrieben, etwa Geron, der Adlige von Christoph Martin Wieland und Goliath von Friedrich Wilhelm Weber. Blankverse können zudem in Prosatexten vorkommen, beispielsweise in Klabunds Ben Jonson und der Spitzbube.
Häufig diente der Blankvers Gebrauchs- und Anlassgedichten, etwa zu Denkmalseinweihungen, Theatereröffnungen oder Gedenkveranstaltungen. Außerdem wurde er für Übersetzungen fremdsprachiger Dichtungen eingesetzt, selbst wenn deren Originale nicht im Blankvers verfasst waren. Gottfried August Bürger begann beispielsweise, die Ilias in Blankverse zu übertragen, bevor sich Hexameter-Übertragungen der homerischen Epen durchsetzten. Christoph Martin Wieland übertrug die Briefe des Horaz in Blankverse, weil er diese Form für geeigneter hielt als deutsche Hexameter.
Beispiele für die Form
Ein frühes selbstbezügliches Beispiel findet sich in Samuel Gotthold Langes Ode Der Gegen-Parnaß. Dort ist der Blankvers strophisch organisiert; spätere Gedichte verwenden ihn fast ausschließlich stichisch, also Vers für Vers ohne feste Strophengliederung. Inhaltlich beschreibt Lange den vom Reim befreiten Gang seines Verses.
Als metrisch präziseres Beispiel gelten die ersten Verse von Goethes Iphigenie auf Tauris. Sie zeigen den jambischen Fünfheber ohne Reim und verbinden die regelmäßige Grundstruktur mit einem beweglichen Satzbau und wechselnden Versschlüssen.
Christian Morgensterns kurzes Gedicht Der Schlaf zeigt, dass Blankvers auch von einem Dichter verwendet wurde, der vor allem für Reimverse bekannt ist. Das Gedicht schildert den Schlaf in Bildern von nächtlichen Scharen, Unholden und Legionen. Die Verse veranschaulichen, wie der Blankvers erzählende und bildhafte Inhalte tragen kann, ohne durch einen Endreim festgelegt zu sein.