Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind

Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind ist der Titel eines Ratgebers für Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus über Schwangerschaft und Entbindung,

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Einordnung
  2. 2. Autorin und Aufbau des Ratgebers
  3. 3. Verbreitung und Weiterveröffentlichung
  4. 4. Erziehungsgrundsätze und Kritik
  5. 5. Deutungen der möglichen Folgen
  6. 6. Chamberlains Analyse

Bedeutung und Einordnung

Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind ist ein 1934 erstmals veröffentlichter Ratgeber von Johanna Haarer (1900–1988). Er behandelt Schwangerschaft, Entbindung, Wochenbett und Säuglingspflege im ersten Lebensjahr. Zusammen mit Unsere kleinen Kinder (1936) und Mutter, erzähl von Adolf Hitler! (1939) gehörte er zu den bekanntesten Erziehungsbüchern des Nationalsozialismus.

Das Buch verband praktische Pflegehinweise mit nationalsozialistischer Ideologie. Im Vorwort erklärte Haarer, Frauen sollten der „Familie, dem Volk, der Rasse Kinder“ schenken; die Mutter werde als „erste Trägerin des Staates“ dargestellt. Der Ratgeber sollte damit nicht nur über Gesundheit und Versorgung informieren, sondern Kinder im Sinne der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft formen.

Autorin und Aufbau des Ratgebers

Haarer war Lungenfachärztin, nicht Kinderärztin, und hatte keine pädagogische Ausbildung. Nach der Geburt ihrer Zwillinge 1933 gab sie ihre ärztliche Tätigkeit auf, schrieb über Säuglingspflege und Erziehung und veröffentlichte unter anderem im Völkischen Beobachter. 1937 trat sie der NSDAP bei.

Der Ratgeber umfasst zwölf Kapitel auf 275 Seiten. Sie reichen von der ersten Hälfte der Schwangerschaft über Geburt und Wochenbett bis zu Stillen, künstlicher Ernährung, Pflege des Säuglings und dem „älteren Säugling“. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs kam ein Anhang zur Beschaffung von Säuglingsausstattung mit der Säuglings-Kleiderkarte hinzu.

Wichtige Themen waren feste Tagesabläufe, Hygiene, Ernährung und Reinlichkeit. Haarer gab dabei genaue Zeitvorgaben: Stillen sollte höchstens 20 Minuten dauern, Flaschenfütterung höchstens 10 Minuten. Wenn ein Kind beim Essen „bummelt“ oder „trödelt“, sollte die Mahlzeit beendet und erst zur nächsten planmäßigen Zeit wieder Nahrung gegeben werden.

Verbreitung und Weiterveröffentlichung

Das Buch wurde ein Bestseller: Bis zum Ende des Krieges wurden 690.000 Exemplare verkauft. Es wurde von den Nationalsozialisten gefördert, in Reichsmütterschulungen gelehrt und auch in Kindergärten sowie Heimen als Erziehungsgrundlage genutzt. Bis April 1943 hatten nach dem Artikel drei Millionen Frauen an Schulungen der NS-Frauenschaft teilgenommen.

Die Erstveröffentlichung erschien im J. F. Lehmanns Verlag. Dieser gab seit dem Ersten Weltkrieg zunehmend wehrwissenschaftliche, rassenkundliche und rassenhygienische Schriften heraus, förderte seit 1929 die NSDAP und wurde im Dritten Reich als „kriegswichtig“ eingestuft. Die Alliierten verboten den Verlag 1945.

Nach 1945 waren Haarers Bücher zunächst verboten. Ihr erfolgreichster Ratgeber erschien später, vom deutlichsten NS-Sprachgebrauch bereinigt und unter dem Titel Die Mutter und ihr erstes Kind, erneut; die letzte Auflage erschien 1987. In den Nachkriegsausgaben fehlte ein Hinweis auf Titel und Jahr der Erstausgabe. Insgesamt erreichte das Buch eine Auflagenstärke in Millionenhöhe. In der DDR wurde Haarers Buch nicht verlegt.

Erziehungsgrundsätze und Kritik

Nach der Darstellung von Anne Kratzer und Sigrid Chamberlain sollte das Kind bei Haarer vor allem ruhig, gehorsam und anpassungsfähig werden. Zuneigung und Körperkontakt galten als gefährlich oder „verweichlichend“. Das Kind solle gefüttert, gebadet und „trockengelegt“, im Übrigen aber weitgehend in Ruhe gelassen werden. Schreien sollte nicht mit Nähe beantwortet werden, sondern das Kind sollte schreien gelassen werden.

Chamberlain fasst Haarers Empfehlungen so zusammen: Nach dem Waschen, Wickeln und Anziehen solle ein Neugeborenes zunächst 24 Stunden allein bleiben; erst dann werde es zum Stillen zur Mutter gebracht. Gemeinsame Zeit sei auf Pflegetätigkeiten begrenzt. Auch Tragen solle möglichst körperfern erfolgen. Erwachsene dürften sich nach Chamberlains Darstellung über Fehler und Schwächen von Kindern lustig machen oder sie verspotten.

Die spätere Kritik stützt sich besonders auf Bindungsforschung. Bindung bezeichnet die verlässliche emotionale Beziehung eines Kindes zu seinen Bezugspersonen. Sicher gebundene Kinder reagieren auf eine kurze Trennung zwar irritiert, können sich aber wieder beruhigen; unsicher gebundene Kinder reagieren entweder kaum oder bleiben lange untröstlich. Kritikerinnen und Kritiker bewerten Haarers Ratschläge als systematische Verweigerung von Nähe, Kommunikation und Trost. Sie sehen darin eine Förderung von Beziehungsunsicherheit und Gefühlsunterdrückung.

Deutungen der möglichen Folgen

Rose Ahlheim beschreibt die Folgen einer solchen Erziehung als früh gespeicherte affektive, also gefühlsmäßige Erinnerungen im „Körpergedächtnis“. Bleibt ein Säugling mit Angst und Schmerz allein, könne sich die Angst bis zur „Vernichtungsangst“ steigern. Für die Entwicklung sei wichtig, dass eine Bezugsperson das Kind wahrnimmt und beruhigt.

Chamberlain deutet Haarers Pädagogik als Erziehung „durch Bindungslosigkeit zu Bindungsunfähigkeit“. Sie führt aus, dass verweigerter Blickkontakt, fehlende kindgerechte Ansprache, strikte Reinlichkeits- und Essensregeln sowie langes Alleinsein die Entwicklung von Selbstwert, Vertrauen und Selbstständigkeit beeinträchtigen könnten. Das Kind werde in dieser Deutung nicht als Person mit Bedürfnissen behandelt, sondern zur Unterordnung erzogen.

Für die Generation der Kriegskinder werden unter anderem Schwierigkeiten mit Nähe, Körperlichkeit, Gefühlen, Erinnerungen, Beziehungen und dem Trösten eigener Kinder berichtet. Chamberlain beschreibt auch scheinbar gegensätzliche Reaktionen: häufige Orts- oder Beziehungswechsel einerseits, langes Ausharren in belastenden Beziehungen andererseits. Beide deutet sie als mögliche Folgen von Angst vor Verlassenwerden. Diese Zuordnungen sind Analysen und Berichte der genannten Autorinnen; der Einfluss Haarers lasse sich laut Kratzer höchstens im klinischen Einzelfall nachverfolgen.

Chamberlains Analyse

Besondere Aufmerksamkeit erhielt Sigrid Chamberlains Buch Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, erstmals 1997 und 2016 in sechster Auflage erschienen. Es untersucht Haarers Ratgeber, Erziehungsziele im Nationalsozialismus sowie mögliche unmittelbare und langfristige Folgen. Chamberlain nutzt Erkenntnisse aus Säuglingsforschung und Bindungstheorie sowie Interviews mit Betroffenen, erklärt aber selbst, ihr Buch sei parteiisch und nicht vollständig.

Sie beschreibt einen „nationalsozialistischen Typus“, der durch Bindungslosigkeit, Gefühlsunterdrückung, Anpassung und Sehnsucht nach Zugehörigkeit geprägt sei. Nach ihrer Deutung können Menschen dadurch für autoritäre Gemeinschaften, Uniformierung und „unheilvolle Symbiosen“ anfällig werden. Sie unterscheidet Freundschaft als direkte Beziehung zwischen Menschen von Kameradschaft, die im Nationalsozialismus über Ideologie, Führer oder Symbole vermittelt gewesen sei.

Chamberlain erörtert außerdem, ob überzeugte Nationalsozialisten liebevolle Eltern sein konnten. Sie verneint nicht, dass es gut versorgende oder nicht gewalttätige Eltern gab, hält aber die Darstellung liebevoller Nazi-Eltern für nicht typisch. Eine abschließende Antwort auf ihre Frage gibt sie nicht.

Weiterlesen

Schwangerschaft Die Schwangerschaft bei Menschen dauert bei normalem Verlauf von der Befruchtung bis zur Geburt durchschnittlich 38 Wochen, mit einer Schwankungsbreite von … Geburt Eine Schwangerschaft dauert beim Menschen durchschnittlich 266 Tage und endet, wenn der Fötus die Gebärmutter der Mutter verlässt. Die meisten Kinder werden … Johanna Haarer In der Zeit des Nationalsozialismus waren ihre auflagenstarken Schwangeren- und Erziehungsratgeber eng an dessen Ideologie angelehnt. Haarer war zeitweise „ … Machtergreifung Als Machtergreifung (auch Machtübernahme oder Machtübergabe) wird die Ernennung des Nationalsozialisten Adolf Hitler zum Reichskanzler durch den … Erziehung im Nationalsozialismus ... Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft sowie Bildung neuer Jugendorganisationen. 2. Phase der Kriegsvorbereitung (1936–1940): Eingriffe in die … Zweiter Weltkrieg Als Zweiter Weltkrieg (1. September 1939 – 2. September 1945) wird der zweite global geführte Krieg sämtlicher Großmächte im 20. Jahrhundert bezeichnet. Staatsexamen Ein Staatsexamen (Plural Staatsexamina; von lateinisch examen ‚Verhör' oder ‚Untersuchung'; kurz Stex oder StEx; auch Staatsprüfung) ist eine von einer … Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Sie war als straffe Führerpartei organisiert. Ihr Parteivorsitzender war ab 1921 der spätere Reichskanzler Adolf Hitler, unter dem sie das sogenannte Dritte … Bayern Geographie ... Bayern ist mit rund 1300 Museen das museumsreichste Bundesland Deutschlands und eine der museumsreichsten Regionen des Kontinents. Ideologie Ideologische Deutungsmuster sind nicht auf politische Lehren beschränkt, sondern können auch nationale, kulturelle, wirtschaftliche oder religiöse Vorstellungen … Deutsche Demokratische Republik Tauschgeschäfte mit Parallelen zum klassischen Kolonialhandel, so von Waffen und Lkw aus der DDR gegen Rohkaffee und Energierohstoffe aus ausgewählten … Erster Weltkrieg Der Erste Weltkrieg war ein bewaffneter Konflikt, der von 1914 bis 1918 in Europa, Vorderasien, Afrika, Ostasien und auf den Ozeanen geführt wurde.