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Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871)
Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871) ist der Titel mehrerer Historienbilder des deutschen Malers Anton von Werner.
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Kern und Bedeutung
Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871) ist der Titel mehrerer Historienbilder des deutschen Malers Anton von Werner. Historienbilder stellen geschichtliche Ereignisse dar. Werner zeigte die Feierlichkeit im Spiegelsaal von Versailles, bei der der preußische König Wilhelm I. als Deutscher Kaiser gewürdigt wurde. Diese Szene wurde später als „Kaiserproklamation“ bekannt, obwohl Wilhelm den Kaisertitel laut Verfassung bereits seit dem 1. Januar 1871 hatte.
Werner war am 18. Januar 1871 selbst bei der Feierlichkeit anwesend. Seine Bilder wurden deshalb als besonders wichtige Darstellungen dieses Ereignisses wahrgenommen. Alle Fassungen zeigen den Moment, in dem der Großherzog von Baden ein Hoch auf den neuen Kaiser ausbringt. Dadurch erscheint das Kaiserreich als Werk der deutschen Fürsten, Soldaten und politischen Ratgeber.
Die Fassungen unterscheiden sich deutlich. Werner passte die Personen an spätere Zustände an: Sie wirken älter, Bismarck wird in späteren Fassungen durch eine weiße Paradeuniform stärker hervorgehoben, und in der dritten Fassung trägt er den Orden Pour le Mérite, den er 1884 erhielt. In der dritten Fassung fügte Werner außerdem Albrecht von Roon hinzu, obwohl dieser 1871 nicht an der Proklamation teilgenommen hatte. Gerade diese Veränderungen geben den Bildern dokumentarischen und geschichtsdidaktischen Wert, zeigen aber auch, dass sie nicht einfach eine genaue Momentaufnahme von 1871 sind.
Erste Fassung
Die erste Fassung entstand bis 1877 für das Berliner Schloss. Sie wurde am 22. März 1877 enthüllt, war ein Ölgemälde auf Leinwand im Format 4,34 × 7,32 Meter und ging im Krieg verloren. Erhalten ist sie nur als Schwarz-Weiß-Fotografie.
Werner war während des Deutsch-Französischen Krieges durch Friedrich von Baden in das Umfeld des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm gekommen. Im Januar 1871 wurde er nach Versailles gerufen, um dort ein bedeutendes Ereignis zu erleben. Erst unmittelbar vor dem 18. Januar erfuhr er, dass es sich um die Proklamation des Deutschen Kaiserreiches handeln würde. Der Kronprinz wünschte sich für Berlin ein großes nationales Geschichtsbild, ähnlich wie Versailles mit Historiengemälden Frankreichs ausgestattet war.
Die Zeremonie im Spiegelsaal war kurz und schlicht. Soldaten und Offiziere standen in der Galerie, Wilhelm I. zog mit deutschen Bundesfürsten und seinem Gefolge ein. An einem Feldaltar fand ein Gottesdienst statt, der mit dem Choral „Nun danket alle Gott“ endete. Danach stellten sich die Fürsten um Wilhelm auf einem flachen Podest auf. Bismarck verlas die Kaiserproklamation. Der Großherzog von Baden rief ein „Hoch“ auf „seine Majestät Kaiser Wilhelm“ aus, das dreimal wiederholt wurde.
Während des Gottesdienstes skizzierte Werner die Hauptpersonen aus nächster Nähe. Später porträtierte er Bundesfürsten, Vertreter der Hansestädte und zahlreiche Offiziere. Für die Komposition musste er den engen Spiegelsaal, die Soldatenreihen, die Fürsten um den Kaiser und die Deckengemälde von Versailles verbinden. Das Bild hing zunächst im „Weißen Saal“ des Berliner Schlosses, später verlor es durch Umhängungen an Wirkung. Seit 1914 war es im Schloss eingelagert und verbrannte am 2. Februar 1945 bei einem Luftangriff auf Berlin.
Zweite Fassung
Die zweite Fassung entstand 1882 für die Ruhmeshalle der preußischen Armee im Berliner Zeughaus. Sie war ein Wandbild in Wachsfarben auf Leinwand, 5,0 × 6,0 Meter groß, und ging ebenfalls im Krieg verloren. Auftraggeber war Wilhelm I., nachdem die erste Fassung sehr populär geworden war.
Werner plante zunächst eine frontale Darstellung: Wilhelm sollte auf einem hohen Podest stehen, umgeben von deutschen Fürsten. Bismarck, Roon, Moltke und andere Heerführer sollten ihm zugewandt sein, im Vordergrund jubelnde Offiziere und einfache Soldaten. Zwei allegorische Figuren sollten das Kaiserwappen halten. Wilhelm I. lehnte diesen Entwurf als unrealistisch ab, besonders weil Roon 1871 nicht teilgenommen hatte. Den weißen Offiziersrock Bismarcks akzeptierte er jedoch mit der Bemerkung: „Sie haben Recht, er war falsch angezogen“.
Wegen der geringeren Breite musste Werner die Zahl der Figuren stark verringern. Um Wilhelm I., den Kronprinzen und den Großherzog von Baden blieben nur die Fürsten sieben größerer Staaten. Bismarck wurde aus farbkompositorischen Gründen in weißer Uniform hervorgehoben. Die Waffenbrüderschaft Preußens mit Bayern zeigte Werner durch den Handschlag des preußischen Generals Leonhard von Blumenthal mit dem bayerischen General Jakob von Hartmann.
An der zweiten Fassung wird häufig kritisiert, dass Einzelheiten wie Bismarcks weiße Uniform nicht der Situation von 1871 entsprechen. Werner stellte die Teilnehmer aber bewusst nach den realen Verhältnissen von 1882 dar, also etwa zehn Jahre nach der Reichsgründung. Wilhelm erscheint nun stärker als Kaiser, nicht nur als „primus inter pares“, also als Erster unter Gleichen. Thomas W. Gaehtgens beschreibt die Funktion des Bildes deshalb als „Legitimation der Gegenwart mit Hilfe eines vergangenen Geschehens“. Das Wandbild überstand zwar Luftangriffe im November 1943, war nach weiteren Schäden am Zeughaus bei Kriegsende aber nicht mehr in seinem Rahmen vorhanden.
Dritte Fassung
Die dritte Fassung entstand 1885 als Geschenk für Otto von Bismarck zu seinem 70. Geburtstag. Sie wurde ihm am 1. April 1885 überreicht. Das Ölgemälde auf Leinwand misst 1,67 × 2,02 Meter und befindet sich heute bei der Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh. Es ist die einzige erhaltene Fassung und heute im Bismarck-Museum Friedrichsruh öffentlich zugänglich. Sie ist außerdem das am häufigsten reproduzierte Bild der Kaiserproklamation.
Da wenig Zeit blieb, übermalte Werner das Schwarzweiß-Modello der Zeughausfassung farbig. Wieder ließ er die dargestellten Personen etwas älter erscheinen. Bismarck trägt nun den Orden Pour le Mérite, den er 1884 erhalten hatte. Noch Ende März 1885 nutzte Werner einen Besuch des Großherzogs von Baden in seinem Atelier, um dessen Darstellung zu aktualisieren.
Eine besondere Veränderung betrifft Albrecht von Roon. Roon war 1879 gestorben und hatte 1871 nicht an der Proklamation teilgenommen. Wilhelm I. bestand dennoch darauf, ihn wegen seiner engen Beziehung zu Bismarck in das Gemälde aufzunehmen. Werner stellte Roon so dar, wie er als Teilnehmer der Proklamation hätte aussehen können. Dafür musste er den Handschlag zwischen Hartmann und Blumenthal opfern, wodurch deren Stellung im Bild weniger logisch wirkt.
Vierte Fassung
Eine vierte, kaum beachtete Fassung schuf Werner 1913 als Wandbild für den Neubau des Realgymnasiums in Frankfurt (Oder). Es war ein Ölgemälde auf Leinwand im Format 5,00 × 7,55 Meter. Das genaue Aussehen ist nicht überliefert. Eine Ähnlichkeit mit der zweiten und dritten Fassung lässt sich nur aus einer Kompositionsskizze und einem Foto der Aula mit Sauer-Orgel und Wandgemälde vermuten.
Als Bildunterschrift trug diese Fassung den Schlusssatz der Kaiserproklamation vom 18. Januar 1871. Im Zweiten Weltkrieg blieb sie unbeschädigt, ist aber nach 1945 verschollen. Eine Suche des Stadtarchivs Frankfurt (Oder) zum 150. Geburtstag Werners blieb erfolglos. Letzte Hinweise verlieren sich 1948; damals soll das Bild auf dem Dachboden eines Behelfsbaus des Stadttheaters gelagert haben, dem es wohl für „Dekorationszwecke“ übergeben worden war.