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Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart

Es bietet eine Übersicht der Nachkriegsgeschichte Europas aus der Perspektive der von 1989 bis 2005 veränderten europäischen Gesamtsituation. A History of …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung
  2. 2. Europas Entwicklung nach 1945
  3. 3. Ideologien und Modell Europa
  4. 4. Gesellschaft, Gewalt und Vielfalt
  5. 5. Kommunismus, 1960er Jahre und Umbrüche
  6. 6. Demokratisierung, EU und Ausgaben

Gegenstand und Bedeutung

Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart ist ein Buch des britischen Historikers Tony Judt. Der Originaltitel lautet Postwar: A History of Europe Since 1945. Das Werk gibt einen Überblick über die Nachkriegsgeschichte Europas und betrachtet sie aus der Perspektive der veränderten europäischen Gesamtsituation von 1989 bis 2005.

Das Buch wurde international stark beachtet: Der Book Review der New York Times zählte es zu den zehn besten Büchern des Jahres 2005. Es erhielt 2006 den Arthur Ross Book Award als bestes Buch zur internationalen Politik. In Deutschland wählte die Jury von H-Soz-u-Kult es zum besten historischen Buch 2006 in der Kategorie Europäische Geschichte.

Europas Entwicklung nach 1945

Judt betont, dass sein Buch keine geschlossene Gesamtgeschichte und kein einziges übergreifendes Thema bieten soll. Trotzdem arbeitet er mehrere große Entwicklungslinien heraus. Eine zentrale These ist, dass Europa zwischen 1945 und 2005 politisch an Bedeutung verlor. Viele Staaten waren durch Niederlagen gedemütigt: entweder durch die Niederlage gegen Hitlerdeutschland oder durch die Niederlage gegen die Anti-Hitler-Koalition. Die einzigen europäischen Siegerstaaten von 1945, Großbritannien und die Sowjetunion, gehörten nach ihrem eigenen Selbstverständnis nur teilweise zu Europa und verloren zugleich stark an Gewicht. Großbritannien litt früh unter wirtschaftlicher Dauerkrise und dem Verlust des Empire; die Sowjetunion verlor ihre Stellung schließlich durch ihr Auseinanderfallen.

Gleichzeitig beschreibt Judt die Nachkriegsjahrzehnte als Zeit eines langen wirtschaftlichen Aufschwungs in Westeuropa. Der Lebensstandard verbesserte sich deutlich, etwa im westdeutschen Wirtschaftswunder, im italienischen miracolo economico, in den französischen trente glorieuses und in der britischen society of success. Dieser Aufschwung setzte nach Judt jedoch später ein, als oft angenommen wird. Besonders die 1960er Jahre waren durch breiten Massenwohlstand, Massenmobilisierung und den Siegeszug des Fernsehens geprägt. Die moderne Konsumgesellschaft breitete sich aus. Auch ländliche Gebiete, die 1945 teilweise noch vormodern geprägt waren, etwa Süditalien, veränderten sich rasch. Mit zeitlichem Abstand führten diese Entwicklungen zu tiefgreifenden kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen, unter anderem im Verhältnis der Generationen und Geschlechter sowie in der Bedeutung der Religion.

Ideologien und Modell Europa

Judt sieht in der Nachkriegszeit auch einen Niedergang großer Fortschrittstheorien des 19. Jahrhunderts. Im Westen kam es zum „Erlahmen politischer Leidenschaften“, im Osten zur „Diskreditierung des offiziellen Marxismus“. Damit verloren umfassende politische Heilsversprechen an Überzeugungskraft.

Als „bescheidener Ersatz“ für die großen Ziele des 19. Jahrhunderts trat nach Judt das „Modell Europa“ hervor. Damit meint er einen „spezifisch europäische[n] Weg zur Gestaltung der sozialen Verhältnisse in den einzelnen Ländern und den zwischenstaatlichen Beziehungen“. Judt bewertet bereits den erfolgreichen Wiederaufbau nach 1945 als mindestens ebenso wichtig wie die spätere europäische Einigung.

Die Amerikanisierung Europas in den 1950er und 1960er Jahren wird nach Judt überschätzt. Auch empfanden die Westeuropäer den Kalten Krieg weniger bedrohlich als die USA. Sie wollten zwar amerikanischen Schutz, nahmen den eigenen Machtverlust gegenüber den USA aber übel. Die Bewertung amerikanischer kultureller Einflüsse hing stark vom Alter ab: Die ältere Generation sah sie, unabhängig von ihrer politischen Haltung, als Bedrohung europäischer Identität und Tradition; die jüngere Generation betrachtete sie eher als Gewinn an Freiheit und Selbständigkeit. Judt betont, dass die Amerikanisierung schon in der Zwischenkriegszeit begonnen hatte und sich erst mit einem Generationswechsel richtig durchsetzte.

Gesellschaft, Gewalt und Vielfalt

Nach Judt wurde Europa 1945 durch Grenzverschiebungen, Vertreibungen und Völkermord ethnisch homogener. Ethnische Homogenität bedeutet hier, dass Staaten in ihrer Bevölkerung weniger verschiedene ethnische Gruppen umfassten als zuvor. Als große Vielvölkerstaaten blieben vor allem die Sowjetunion und Jugoslawien bestehen. Seit den 1980er Jahren wurde Europa jedoch wieder multikultureller.

Judt formuliert dazu zugespitzt: „Seit 1989 ist klarer geworden, in welchem Maß die Stabilität Nachkriegseuropas auf den Taten Stalins und Hitlers beruhte.“ Zugleich sieht er die Ablehnung von Völkermord als ein durchgängiges Merkmal des späteren Europa. Deshalb werde sich nach Judt die Leugnung des Völkermords an den Armeniern durch die Türkei „als Hindernis für ihren EU-Beitritt erweisen“.

Kommunismus, 1960er Jahre und Umbrüche

Eine aus deutscher Sicht besonders auffällige These des Buches lautet, dass das deutsche Wirtschaftswunder auf der wirtschaftlichen Gesundung der 1930er Jahre und auf der Schulung vieler deutscher Manager in der NS-Bürokratie beruht habe.

Für die 1960er Jahre sieht Judt als wichtigstes Ergebnis die Erkenntnis, dass der Kommunismus nicht reformierbar gewesen sei. Praktische Errungenschaften dieser Zeit erscheinen ihm weniger zentral. Zugleich stellt er fest, dass in den Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Autorität erloschen sei. In beiden Hälften Europas habe eine „endgültige Abkehr von politischen Ideologien“ stattgefunden. Judt spricht davon, dass „ein 180jähriger Zyklus ideologischer Politik in Europa“ zu Ende gegangen sei.

Die „Meistererzählung“ des Sozialismus zerfiel nach Judt aus mehreren Gründen. Im Osten hätten der Prager Frühling 1968, die chinesische Kulturrevolution und schließlich der Genozid in Kambodscha gezeigt, dass der Kommunismus reformunfähig und menschenverachtend sei. Im Westen machten die ökonomischen Krisen der 1970er Jahre das Versprechen von Wohlfahrtsstaat und weiterem sozialen Fortschritt unglaubwürdig. Die progressive Linke suchte deshalb eine neue Orientierung und fand sie nach Judt in der „Sprache der Rechte und Freiheiten, die in jeder europäischen Verfassung festgeschrieben waren“. Die wichtigsten Veränderungen verortet er dabei weniger in Westeuropa als im Osten.

Demokratisierung, EU und Ausgaben

Den Sturz der kommunistischen Herrschaft erklärt Judt nicht in erster Linie aus Polen heraus. Er sei nur möglich gewesen, weil die Macht des sowjetischen Zentrums durch den „Reformkommunisten“ Gorbatschow ausgehöhlt wurde. Die Opposition sei erfolgreich gewesen, weil der Kommunismus diskreditiert war, weil sie – mit Ausnahme Rumäniens – gewaltlos vorging und weil ihr Ziel nicht der Kapitalismus, sondern das freie Europa gewesen sei.

Für Südeuropa hebt Judt hervor, dass der Übergang zur Demokratie in Griechenland, Portugal und Spanien in den 1970er und 1980er Jahren von konservativen Politikern eingeleitet wurde: Karamanlis, Spínola und Soares. Dieser Übergang führte über die Süderweiterung in die Europäische Union. Den Weg zur Europäischen Union erklärt Judt weniger durch politischen Einigungswillen als durch pragmatische „Reaktionen auf wirtschaftliche Probleme“.

Das Buch erschien 2005 auf Englisch bei Penguin Press unter dem Titel Postwar. A History of Europe Since 1945, ISBN 1-59420-065-3. Die deutsche Ausgabe Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart erschien 2006 in der Übersetzung von Mathias Fienbork und Hainer Kober bei Hanser in München/Wien, ISBN 3-446-20777-5. Weitere deutsche Ausgaben erschienen 2006 bei der Bundeszentrale für politische Bildung, ISBN 3-89331-681-7, und 2009 als Fischer-Taschenbuch, ISBN 978-3-596-18031-8.

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