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Willehalm

Der Willehalm (französisch Guillaume), auch Willehalm von Orlens, ist eine Verserzählung Wolframs von Eschenbach, welche unter anderem den Krieg zwischen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk, Quellen und Entstehungszeit
  2. 2. Handlung bis zur Rückkehr des Heeres
  3. 3. Die zweite Schlacht und das offene Ende
  4. 4. Religiöse Toleranz, Verwandtschaft und Erzähltechnik
  5. 5. Überlieferung und Ausgaben

Werk, Quellen und Entstehungszeit

Der Willehalm, auch Willehalm von Orlens, ist eine fragmentarisch gebliebene Verserzählung Wolframs von Eschenbach. Im Mittelpunkt steht der Krieg zwischen Christen und Heiden, womit Muslime gemeint sind, in Südfrankreich. Das Werk verbindet Kriegshandlung, höfische Lebenswelt, Liebe und religiöse Fragen. Seine besondere Bedeutung liegt in Wolframs ausgeprägter Sprachkunst und in einer vergleichsweise toleranten Darstellung des Islam.

Die wichtigste Vorlage war die französische Chanson d’Aliscans, ein um 1185 verfasstes Heldenepos über den Kampf zwischen Christen und Muslimen. Die christlichen Heerführer Guillaume und Vivien entsprechen Willehalm und Vivianz. Vivien stirbt in der ersten Schlacht als Märtyrer; Guillaume erhält später von König Louis ein Heer für einen zweiten Feldzug. Die Chanson d’Aliscans gehört zum Zyklus Chanson de Guillaume und damit zur französischen Heldenepik, deren Gattungsbezeichnung Chanson de geste lautet. Wolfram übernahm Grundhandlung, Figuren, Orte und Ereignisse, veränderte jedoch Einzelheiten und die Darstellung erheblich für sein deutschsprachiges höfisches Publikum.

Als weitere Grundlage diente der Sagenstoff um Guillaume d’Orange, den historischen Grafen Wilhelm von Toulouse und Enkel Karl Martells. Guillaume kämpfte unter Karl dem Großen und Ludwig dem Frommen gegen Basken und Sarazenen, zog sich später in das Kloster Gellone zurück und starb dort 812. 1066 wurde er heiliggesprochen. Aus der um ihn entstandenen Chançun de Willame übernahm Wolfram unter anderem die Figur Gyburg.

Landgraf Hermann von Thüringen holte Wolfram an seinen Hof und stellte ihm die Chanson d’Aliscans vermutlich schriftlich oder durch einen Vortrag zur Verfügung. Umstritten ist, welche Ausgabe Wolfram kannte und ob er weitere Texte des französischen Zyklus direkt kannte. Die Chanson d’Aliscans ist in 13 Handschriften mit teils erheblichen Abweichungen überliefert; daher wird auch angenommen, dass Wolfram zusätzliche Informationen von anderen Dichtern am Thüringer Hof erhielt.

Eine exakte Datierung ist nicht möglich. Nach dem allgemeinen Forschungskonsens begann Wolfram zwischen 1209 und 1217 mit der Arbeit; der Abbruch wird zwischen 1217 und 1226 angesetzt. Das VIII. Buch erwähnt die Krönung Kaiser Ottos IV. in Rom im Jahr 1209 und muss daher später entstanden sein. Die in den Büchern III und V erwähnte Belagerungsmaschine „driboc“ soll nach mehreren Chroniken erstmals 1212 beim Angriff Ottos IV. auf die Burg Weißensee eingesetzt worden sein; diese Bücher wären demnach nicht vor 1212 entstanden. Im IX. Buch wird Hermann von Thüringen in der Vergangenheitsform erwähnt, was auf eine Entstehung nach seinem Tod 1217 hinweist. Möglich ist außerdem eine spätere Einordnung bis 1226, unter anderem wegen möglicher Bezüge zu Damiette und al-Mansura, die 1221 im Mittelpunkt von Ereignissen standen. Diese Datierung bleibt in der Forschung diskutiert.

Handlung bis zur Rückkehr des Heeres

Ein Gebet an den dreieinigen Gott eröffnet das Epos. Dadurch wird der religiöse Charakter des Werkes angekündigt. Wolfram bittet um göttlichen Beistand beim Erzählen und stellt Gottes verliehenen „Sinn“ über bloßes Bücherwissen. Anschließend wird Willehalm als hochgeborener, kampferprobter Ritter vorgestellt. Das zentrale Thema ist das Leid, das treue Menschen aus Liebe und anderen Bindungen ertragen müssen: Willehalm gewinnt Arabel, die Ehefrau seines Feindes, und verursacht dadurch den Tod vieler Menschen. Nach ihrer Taufe trägt Arabel den Namen Gyburg.

Im 1. Buch enterbt Graf Heimrich von Narbon seine sieben Söhne zugunsten eines nicht näher bestimmten Patensohns. Die Söhne sollen sich bei hochrangigen Herren selbst Lehen erwerben. Willehalm gerät im Kampf gegen König Tybalt in Gefangenschaft und wird nach Arabi gebracht. Dort begegnet er Arabel, flieht mit ihr, überzeugt sie von der Bekehrung zum Christentum und heiratet sie. Er besetzt Tybalts Land in der Provence und gründet in Orange seine Grafschaft.

Arabels Vater, der heidnische Großkönig Terramer, zieht daraufhin ein riesiges Heer gegen die Provence. In der Schlacht von Alischanz schlagen die Christen zunächst Angriffe von Halzebier und Nöupatris zurück; Vivianz erschlägt Nöupatris. Als Terramer und sein Bruder Arofel eintreffen, wird das Christenheer jedoch zerschlagen. Vivianz wird tödlich verwundet. Willehalm rettet sich mit wenigen Männern nach Orange, lässt Gyburg dort zurück und muss schließlich allein fliehen.

Im 2. Buch findet Willehalm den sterbenden Vivianz, nimmt ihm die Beichte ab und reicht ihm das Abendmahl. Vivianz stirbt als christlicher Märtyrer. Auf der weiteren Flucht trifft Willehalm fünfzehn Heidenkönige und tötet sieben von ihnen. Ehmereiz verschont er, weil dieser Arabels Sohn und damit sein Stiefsohn ist. Arofel und Tenebruns tötet er. Willehalm trägt Arofels Rüstung und reitet dessen Pferd, um als Araber unerkannt durch die feindlichen Reihen zu gelangen. Sein eigenes Pferd Puzzat verrät ihn jedoch. König Tesereiz greift ihn an und wird von Willehalm getötet. In Orange hält Gyburg ihn zunächst wegen der Rüstung für einen Feind. Sie erkennt ihn erst, als er den Helm abnimmt und sie seine im Kampf verstümmelte Nase sieht. Danach reitet Willehalm nach Munleun, um König Loys, Ludwig den Frommen, um Hilfe zu bitten.

Im 3. Buch wird Orange weiter belagert. Gyburg leidet sowohl unter dem Tod von Christen als auch von Heiden, bleibt aber auf der christlichen Seite. Willehalm erreicht Orlens und gelangt nach mehreren Kämpfen und Verwechslungen nach Munleun. Dort wird er am Hof missachtet; selbst seine inzwischen zur Königin gewordene Schwester lässt die Tore vor ihm schließen. Der Kaufmann Wimar nimmt ihn auf. Als Willehalm am nächsten Tag den Königshof aufsucht, kommt es zum Streit. Er erinnert König Loys daran, dass dieser ihm seine Herrschaft verdanke, und reißt seiner Schwester die Krone vom Kopf. Erst die Nachricht vom Tod des Vivianz und von der Niederlage des Heeres führt dazu, dass Hilfe zugesagt wird. Willehalms Nichte Alyze vermittelt schließlich zwischen den Beteiligten.

Im 4. Buch erklärt sich Willehalms Schwester bereit, Vermögen und Einfluss einzusetzen. König Loys zögert zunächst, weil Willehalm ihn beleidigt hat. Nach einem erneuten Aufruhr und der Unterstützung durch Willehalms Brüder wird ein Heer aufgestellt, das sich innerhalb von zehn Tagen sammeln soll. Am Hof begegnet Willehalm dem riesenhaften Küchenknecht Rennewart, der die Taufe verweigert und deshalb niedrige Dienste verrichtet. Willehalm erbittet ihn als Kämpfer; Rennewart verlangt statt gewöhnlicher Waffen nur eine schwere Stange. König Loys begleitet das Heer bis Orlens und übergibt Willehalm die Reichsfahne. Auf dem Weg nach Orange sehen die Kämpfer die brennende Stadt.

Die zweite Schlacht und das offene Ende

Im 5. Buch dauert die Belagerung an. Terramer versucht in einem Religionsgespräch vergeblich, seine Tochter Gyburg zur Rückkehr zum Islam zu bewegen. Beide halten an ihrem jeweiligen Glauben fest, erklären den anderen für schuldig und fordern ihn zur Bekehrung auf. Terramer liebt seine Tochter dennoch und droht ihr zugleich mit dem Tod. Nach einem Sturmangriff brennt Orange; nur die Burg Glorjet bleibt verschont. Das heidnische Heer zieht vorübergehend zu seinen Schiffen zurück.

Gyburg hält einen neuen heidnischen Angriff zunächst für möglich, erkennt dann aber Willehalm mit dem inzwischen eingetroffenen Christenheer. In Glorjet kommen Willehalms Vater Heimrich, seine Brüder und weitere Kämpfer zum Festmahl zusammen. Gyburg berichtet von den zahlreichen Toten beider Seiten und von christlichen Rittern, die in nicht von Menschenhand geschaffenen Sarkophagen bestattet worden seien.

Im 6. Buch gerät Rennewart beim Festmahl wegen übermäßigen Weingenusses und seiner Stange in einen Streit. Ein Koch versengt ihm im Schlaf den Bart und wird von Rennewart dafür getötet. Gyburg vermutet, dass Rennewart ihr Bruder sein könnte, erhält von ihm aber keine Auskunft über seine Herkunft. Sie lässt ihm die Rüstung des Königs Synagun geben, der Willehalm einst gefangen genommen hatte.

Im Kriegsrat ruft Willehalm zur Verteidigung des Landes und zur Rache an den Heiden auf. Einige französische Fürsten wollen nach der Entsetzung Oranges nicht weiterkämpfen, schließen sich dem Feldzug aber schließlich an. Gyburg spricht zuletzt. Sie bejaht den Kampf gegen Terramers Herrschaftsanspruch, warnt jedoch vor einem Rachekreislauf und fordert, die besiegten Gegner zu schonen. Heiden seien wie Christen Geschöpfe Gottes; außerdem seien alle Kinder vor der Taufe Heiden. Sie begründet ihren Appell mit der Barmherzigkeit Gottes und Aussagen der Heiligen Schrift.

Im 7. Buch vergisst Rennewart seine Stange zunächst in Orange. Als er sie ein zweites Mal dort liegen lässt, läuft er selbst zurück und findet sie im Feuer gehärtet wieder. Vor dem riesigen heidnischen Heer ziehen sich die französischen Fürsten zurück, weil sie Ruhm lieber im Turnier suchen. Rennewart stellt sie bei Petit Punt und erschlägt 45 von ihnen, bis sie schwören, unter seinem Befehl zurückzukehren. Das christliche Heer wird in sechs Abteilungen geordnet. Terramer teilt sein Heer in zehn Verbände. Er will nicht nur die Niederlage seines Onkels Baligan gegen Karl den Großen rächen, sondern auch Orange und Paris zerstören, Aachen erobern und das Christentum vernichten. Seine Krieger sollen den Kampf je nach Alter als Minnedienst oder Dschihad verstehen.

Das 8. Buch schildert den Beginn der Schlacht von Alischanz. Die zehn heidnischen Gruppen greifen nacheinander an und zersprengen schließlich Willehalms Ordnung. Das Reichsheer steht vor der Niederlage.

Im 9. Buch wenden einzelne Kämpfer das Blatt. Heimrich erschlägt König Cernubile; Rennewart tötet fünf Heerführer und befreit Kriegsgefangene auf einem Schiff. Gemeinsam mit ihnen besiegt er Halzebier. Willehalm tötet den alten König Oukin. Rennewart schlägt Purrel nieder, dessen Stange zerbricht, und kämpft zunächst mit den Fäusten weiter. Dann folgt er Gyburgs Rat und zieht sein Schwert. Bernart tötet den heidnischen Fahnenträger Ektor von Salenie; das Heidenheer flieht. Im Zweikampf verwundet Willehalm Terramer schwer. Rennewart erschlägt seinen Halbbruder Kanliun, danach verliert sich seine Spur.

Die Christen siegen, erleiden aber schwere Verluste. Die Toten werden nach Rang behandelt: Einfache Männer werden begraben, Edelleute einbalsamiert. Willehalm beklagt Rennewart und stimmt einem Austausch von 25 gefangenen Heidenkönigen zu. König Matribleiz soll die Leichen beider Seiten in ihre Heimat bringen, damit sie nach den Riten ihrer Religion bestattet werden können. Hier bricht die Erzählung ab; Gyburgs Versöhnung mit ihren Verwandten und Rennewarts weiteres Schicksal bleiben offen. Eine an die Quellen angelehnte mögliche Fortsetzung lässt Rennewart zum Christentum kommen und Alyze heiraten; Ulrich von Türheim setzt die Geschichte im Rennewart fort.

Religiöse Toleranz, Verwandtschaft und Erzähltechnik

Wolfram stellt den Krieg als Verteidigung gegen Terramers absoluten Herrschaftsanspruch dar, bewertet den Religionskonflikt aber differenzierter als das Rolandslied des Pfaffen Konrad und andere Kreuzzugsdichtung. Die Kreuzzüge wurden mit der augustinisch geprägten Lehre vom bellum iustum, dem gerechten Krieg, gerechtfertigt. Im Willehalm besitzen muslimische Figuren jedoch dieselben höfischen Werte wie christliche Ritter: gesellschaftliche Würde, ritterlichen Ruhm, Freigiebigkeit, Rechtschaffenheit, moralisches Verhalten, Ehre, gute Erziehung und Aufrichtigkeit. Sie erscheinen als gläubige Menschen und nicht grundsätzlich als dämonische Gegner.

Gyburg verkörpert die Spannung besonders deutlich. Sie bleibt ihrem christlichen Glauben treu, empfindet aber Mitleid mit den Toten beider Seiten. Ihre Forderung, besiegte Heiden zu schonen, soll den Kreislauf von Leid und Rache durchbrechen. Willehalm verändert sich ebenfalls: In der ersten Schlacht tötet er den wehrlosen Arofel aus Rache für Vivianz. Nach dem späteren Sieg folgt er dagegen Gyburgs Schonungsgebot, tauscht Gefangene aus und ermöglicht den heidnischen Toten eine Bestattung. Glaube und Minne, also religiöse Bindung und Liebe, sind in Gyburg eng miteinander verbunden.

Ein wichtiges Strukturthema ist die ambivalente Verwandtschaft. Zur weltlichen Verwandtschaft zählen Blutsverwandtschaft, angeheiratete Verwandtschaft, Stiefverwandtschaft und Taufpatenschaft; daneben steht eine religiöse Verwandtschaft durch den gemeinsamen Glauben. Die Entführung und Bekehrung Arabels machen letztlich Heiden und Christen miteinander verwandt. Positive Bindungen zeigen sich etwa zwischen Gyburg und Rennewart, zwischen Willehalm und Arnalt sowie zwischen Heimrich und seinem Sohn. Gyburg erkennt Rennewart zunächst nicht rational als Bruder, spürt aber eine enge emotionale Nähe und bietet ihm Schutz. Willehalm und Arnalt beenden ihren Zweikampf sofort, als sie einander als Brüder erkennen. Heimrich erklärt das Leid seines Sohnes zu seinem eigenen.

Daneben sind Verwandtschaftsbeziehungen gestört: Heimrich enterbt seine Söhne zugunsten eines Patensohns, hilft Willehalm später aber sofort. Terramer und Rennewart bleiben dauerhaft verfeindet; Rennewart kämpft gegen seine eigenen Verwandten und trägt entscheidend zum christlichen Sieg bei. Im Religionsgespräch lieben sich Terramer und Gyburg weiterhin, können sich aber gegenseitig nicht überzeugen. Willehalm verschont seinen Stiefsohn Ehmereiz, während seine Bindung an den von Gyburg aufgezogenen Vivianz in seiner Klage sichtbar wird.

Das 3. Buch gestaltet außerdem höfische Begrüßungsrituale. Begegnungen zwischen Unbekannten, Menschen unterschiedlichen Standes, Vasallen, Verwandten und Sippenverbänden misslingen zunächst durch Missverständnisse und verweigerte Formen. Willehalms Rüstung wird zuerst als Aggressionszeichen gedeutet; als er tatsächlich aggressiv handelt, begegnet man ihm dagegen freundlich. Die Störung oder Unterlassung von Ritualen führt zur Gewalt. Alyzes Vermittlung stellt schließlich die Befriedungsfunktion des Rituals wieder her.

Überlieferung und Ausgaben

Der Willehalm ist in 78 mittelalterlichen Handschriften überliefert: 14 vollständige Abschriften stehen 64 erhaltenen Fragmenten gegenüber. Der um 1270 entstandene, früheste bebilderte Willehalm-Kodex ist ebenfalls nur fragmentarisch erhalten. Seine Fragmente der „Großen Bilderhandschrift“ befinden sich in der Bayerischen Staatsbibliothek in München und im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Der Kodex gehört zu den 15 ältesten illustrierten deutschen Handschriften literarischen Inhalts.

Ein Faksimile der Bruchstücke gab Ulrich Montag 1985 heraus. Eine weitere Reproduktion mit Kommentar von F. P. Knapp erschien 2005 in Graz als Band 14.1 und 14.2 der Reihe „Glanzlichter der Buchkunst“. Wichtige Textausgaben stammen von Karl Lachmann mit Übersetzung und Anmerkungen von Dieter Kartschoke (1968), Joachim Heinzle nach der Handschrift 857 der Stiftsbibliothek St. Gallen (1991 beziehungsweise 1994) und Werner Schröder mit Text und Übersetzung (3. Auflage 2003).

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