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Mutismus
Mutismus oder psychogenes Schweigen (lat. mutitas „Stummheit“, mutus „stumm“) ist eine Kommunikationsstörung, wobei keine Defekte der Sprechorgane und des …
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Begriff und Einordnung
Mutismus, auch psychogenes Schweigen, ist eine Kommunikationsstörung: Betroffene sprechen nicht oder nur in bestimmten Situationen, obwohl keine Defekte der Sprechorgane oder des Gehörs vorliegen. Er tritt mehrheitlich zusammen mit einer Sozialphobie auf; bei Jugendlichen und Erwachsenen ist das Schweigen häufig in Depressionen eingebettet.
Unterschieden werden selektiver beziehungsweise elektiver Mutismus, totaler Mutismus und akinetischer Mutismus. Beim selektiven Mutismus besteht die Sprechunfähigkeit nur in bestimmten Situationen. Beim totalen Mutismus ist verbale Kommunikation in keiner Situation möglich. Der akinetische Mutismus ist dagegen ein neurologisches Syndrom.
Formen des Mutismus
Selektiver Mutismus ist eine Angststörung, die vor allem im Kindes- und Jugendalter auftritt. Die betroffene Person kann nur in bestimmten Situationen nicht artikulieren. In vertrauter Umgebung spricht sie meist normal, teils sogar überdurchschnittlich viel. Deshalb bemerken Eltern die Störung häufig erst, wenn Lehrkräfte oder Freunde darauf hinweisen. Geistige Einschränkungen liegen dabei nicht vor. Die Begriffe „elektiver“ und „selektiver“ Mutismus bezeichnen dasselbe Störungsbild; in der ICD-10 steht dafür unter F94.0 „elektiver Mutismus“.
Beim totalen Mutismus kann die betroffene Person mit niemandem verbal kommunizieren. Schockerlebnisse können ihn auslösen; zur Häufigkeit möglicher Ursachen sind keine Quellen bekannt.
Beim akinetischen Mutismus ist die Person wach und nicht gelähmt, hat aber eine schwere Antriebsstörung. Sie bewegt sich nicht selbst (Akinese), spricht nicht und zeigt keine Emotionen, weil der Antrieb fehlt. Wahrnehmung und Gedächtnis sind meist nicht beeinträchtigt.
Verbreitung und Erscheinungsbild
Mutismus ist selten und oft unbekannt. Etwa zwei bis fünf von 10.000 Vorschul- oder Schulkindern sind betroffen. Angaben zum Verhältnis Mädchen:Jungen reichen von 1,6:1 bis 2,6:1, sind aber wegen kleiner Stichproben von 100 oder 50 Personen unsicher. Selektiver Mutismus gilt als die einzige Sprachstörung, bei der mehr Mädchen als Jungen betroffen sind.
Als Frühmutismus wird ein Beginn zwischen dem 3. und 4. Lebensjahr bezeichnet. Spätmutismus zeigt sich häufig beim Schuleintritt zwischen dem 5. und 7. Lebensjahr und wird daher auch Schulmutismus genannt.
Betroffene sprechen entweder gar nicht oder sie schweigen gegenüber bestimmten Personen beziehungsweise in bestimmten Situationen. Zusätzlich kann der Kontakt auf der Ebene der nonverbalen Kommunikation abbrechen. Selektiv oder elektiv mutistische Kinder sprechen meist mit Eltern und Geschwistern, aber etwa nicht mit Fremden, im Kindergarten oder in der Schule. Totaler Mutismus ist bei Kindern äußerst selten.
Ursachen und Folgen
Mutismus ist in der Regel durch eine Disposition, also eine Veranlagung, bedingt. In einer Studie von Kristensen hatten 72,2 % der untersuchten Mutisten deutlich schüchterne Familienangehörige, gegenüber 17,6 % in der Kontrollgruppe. Bei totalem Mutismus können Traumata eine Rolle spielen. Diese schwerste Form des Schweigens kommt auch häufig zusammen mit endogenen Depressionen, Psychosen oder weiteren psychiatrischen Erkrankungen vor.
Bei selektivem Mutismus finden sich in Familien der Betroffenen gehäuft Gehemmtheit, kommunikativer und sozialer Rückzug, eigenbrötlerisches Verhalten, Ängste und Depressionen. Aufrechterhaltende Faktoren können vermehrte Aufmerksamkeit, eine Mittelpunktstellung in der Familie, Sonderrollen oder die Befreiung von Pflichten sein. Dadurch kann ein Teufelskreis entstehen, aus dem Betroffene nicht allein herauskommen.
Die sprachliche, kognitive, soziale und emotionale Entwicklung kann beeinträchtigt werden. Mögliche Folgen betreffen Persönlichkeitsentwicklung, Ich-Identität und Selbstbewusstsein sowie Schule, Ausbildung und Beruf. Betroffene können Sozialangst, seelischen Rückzug, Widerstand gegen andere oder depressive Stimmungslagen erleben. Da ruhige Kinder leichter übersehen werden als hyperaktive oder lernbehinderte Kinder, wird Mutismus oft nicht richtig erkannt; Eltern deuten ihn teilweise als Schüchternheit oder Lustlosigkeit. Auch Kommunikationspartner sind vom Schweigen betroffen. Zum Reden aufzufordern kann dazu führen, dass Betroffene noch stärker schweigen.
Diagnose und Abgrenzung
Nach DSM-IV liegt beim selektiven Mutismus eine anhaltende Unfähigkeit vor, in bestimmten erwarteten Situationen zu sprechen, zum Beispiel in der Schule, obwohl in anderen Situationen normale Sprechfähigkeit besteht. Die Störung muss schulische oder berufliche Leistungen oder die soziale Kommunikation beeinträchtigen und mindestens einen Monat dauern. Der erste Monat nach Beginn von Schule, Ausbildung oder Beruf zählt dabei nicht.
Die Sprechunfähigkeit darf nicht auf fehlende Kenntnisse der benötigten Sprache oder darauf zurückgehen, dass sich die Person in dieser Sprache unwohl fühlt. Sie darf außerdem nicht besser durch eine Kommunikationsstörung wie Stottern erklärt werden und nicht ausschließlich bei einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung wie Autismus, bei Schizophrenie oder einer anderen psychotischen Störung auftreten.
Abzugrenzen ist Mutismus von Schizophrenie oder Psychose, bei denen Wahnsymptome auftreten können. Fehlende Stereotypien und das Sozialverhalten helfen bei der Unterscheidung von Autismus, Asperger-Syndrom und Deprivationssyndromen wie Hospitalismus. Ausgeschlossen werden müssen auch Stottern, Poltern, Stammeln, fehlendes Sprachverständnis, zentral-organische Schädigungen wie Schädel-Hirn-Trauma oder Aphasie, Sprachentwicklungsstörungen und Gehörlosigkeit. Schweigen aus Trotz, Trauer oder bewusstem Vermeidungs- beziehungsweise Abwehrverhalten ist kein Mutismus.
Behandlung und Klassifikation
Die Behandlung kann sprachtherapeutisch, psychotherapeutisch und/oder psychiatrisch erfolgen. Sinnvoll kann eine multifaktorielle Therapie sein, die Sprachtherapie, Psychotherapie, Familientherapie und Psychiatrie verbindet. Bei mutistischen Jugendlichen und Erwachsenen kann, je nach medizinischer Herangehensweise, zusätzlich eine Behandlung mit Antidepressiva wie Sertralin stattfinden.
Die Systemische Mutismus-Therapie (SYMUT) von Hartmann verbindet sprachtherapeutische und verhaltenstherapeutische Maßnahmen. Der Ansatz von Katz-Bernstein verbindet Psychologie und Kommunikationstherapie. Andere Konzepte deuten das Schweigen als positive Fähigkeit des Kindes und zielen darauf, dass es selbst Kontakt aufnimmt; wegen der vorhandenen Ängstlichkeit gelingt dies jedoch nur äußerst selten.
In der ICD-10 werden psychisch und nicht organisch bedingte Sprechstörungen als Entwicklungsstörungen unter F80 eingeordnet: F80.0 steht für Artikulationsstörung, F80.1 für expressive Sprachstörung, F80.2 für rezeptive Sprachstörung und F80.3 für erworbene Aphasie mit Epilepsie (Landau-Kleffner-Syndrom). Selektiver Mutismus ist als F94.0 unter Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in Kindheit und Jugend aufgeführt. In der ICD-11 lautet der Schlüssel für Mutismus MB23.D.