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Deutschland. Ein Wintermärchen
Deutschland. Ein Wintermärchen (1844) ist ein satirisches Versepos des deutschen Dichters Heinrich Heine (1797–1856). Den äußeren Rahmen dafür bildet eine …
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Werk, Thema und Bedeutung
„Deutschland. Ein Wintermärchen“ ist ein satirisches Versepos von Heinrich Heine (1797–1856), das 1844 erschien. Den äußeren Rahmen bildet seine Reise von Paris nach Hamburg im Winter 1843. Reiseerlebnisse verbindet Heine mit historischen, autobiografischen, politischen und philosophischen Betrachtungen.
Das Werk richtet sich vor allem gegen die politischen Zustände im Deutschland der Restaurationszeit: gegen Zensur, Unterdrückung, Militarismus, obrigkeitliches Denken, religiösen Aberglauben und reaktionären Chauvinismus gegenüber Frankreich. Diesem trüben „Novemberbild“ stellt Heine die Hoffnung auf Freiheit, Gleichheit und ein sozialeres Europa gegenüber. Die Französische Revolution versteht er als politischen Aufbruch; Napoleon bewundert er als Vollender der Revolution und Verwirklicher der Freiheit.
Heine sieht sich dabei nicht als Gegner Deutschlands, sondern als patriotischen Kritiker. Seine Satire entsteht gerade aus seiner Vaterlandsliebe und seinem Wunsch nach einem freien, demokratischen Deutschland. Die „Konterbande“, die der Ich-Erzähler über die Grenze bringt, besteht deshalb nicht aus verbotenen Gegenständen, sondern aus seinen „illegalen“ Gedanken.
Entstehung und Veröffentlichung
Heine emigrierte 1831 nach Frankreich. Er war mit den politischen Verhältnissen in Deutschland unzufrieden; als getaufter Jude hatte er dort keine Möglichkeit zu einer juristischen Tätigkeit und wollte außerdem der Zensur entgehen. 1835 verbot der Deutsche Bundestag seine Schriften zusammen mit den Veröffentlichungen der Autoren des Jungen Deutschland.
Ende 1843 besuchte Heine für einige Wochen seine Mutter und seinen Verleger Julius Campe in Hamburg. Auf der Rückreise entstand zunächst ein Gelegenheitsgedicht, das er innerhalb der folgenden drei Monate zu einem humoristischen und politischen Reiseepos ausarbeitete. Campe hielt das Werk von Anfang an für sehr radikal und erwartete Angriffe von Patrioten und Moralisten.
Das Versepos erschien 1844 bei Hoffmann und Campe im Band „Neue Gedichte“. Hintergrund war die Zwanzig-Bogen-Klausel aus den Zensurbestimmungen der Karlsbader Konferenz von 1819: Manuskripte mit mehr als zwanzig Druckbogen beziehungsweise mehr als 320 Seiten mussten vor dem Druck nicht zensiert werden. Trotzdem entschärfte Heine vorab zahlreiche Stellen durch Umarbeitungen, um Vorwürfen entgegenzutreten, er verachte sein Vaterland und bevorzuge Frankreich einseitig.
Am 4. Oktober 1844 wurde das Buch in Preußen verboten und beschlagnahmt. König Friedrich Wilhelm IV. erließ am 12. Dezember 1844 einen Haftbefehl gegen Heine. Auch später verboten Zensurbehörden das Werk wiederholt. Eine gesonderte Ausgabe war in anderen deutschen Gebieten erhältlich, musste dafür jedoch gekürzt und verändert werden.
Reiseverlauf und zentrale Stationen
Das Epos umfasst 27 Capita, also Kapitel. Die literarische Kutschfahrt führt von der französisch-deutschen Grenze über Aachen, Köln, Westfalen, Minden, Bückeburg und Hannover nach Hamburg; eingeschoben ist ein längerer Exkurs über Kaiser Barbarossa. Das letzte Kapitel bildet den Epilog.
Diese Route entspricht nicht genau der wirklichen Hinreise. Heine reiste nicht, wie der Gedichtanfang behauptet, „im traurigen Monat November“, sondern bereits im Oktober nach Hamburg. Dabei nahm er den kürzeren Weg über Brüssel, Münster, Osnabrück und Bremen. Erst seine Rückfahrt vom 7. bis 16. Dezember verlief über die im Epos genannten Stationen.
An der Grenze wird das Gepäck des Erzählers von preußischen Zöllnern durchsucht. Die tatsächlich gefährliche Ware befindet sich jedoch in seinem Kopf: Gedanken und mögliche Bücher, die der Staat beschlagnahmen könnte. In Aachen verspottet er die steife Haltung der preußischen Soldaten, ihre Schnurrbärte und die Pickelhaube. In Köln kritisiert er die rückwärtsgewandte Begeisterung für die Vollendung des mittelalterlichen Doms. Der personifizierte „Vater Rhein“ ist des nationalistischen Geredes müde und sehnt sich nach den Franzosen zurück.
Ein dämonischer Begleiter erscheint als ausführende Kraft von Heines revolutionären Vorstellungen und erklärt: „Ich bin die Tat von deinem Gedanken.“ Am Kölner Dreikönigenschrein richtet sich die Satire gegen Aberglauben und möglicherweise zugleich gegen die Heilige Allianz aus Preußen, Österreich und Russland.
In Westfalen erinnert sich der Erzähler an Napoleon, beschreibt satirisch die regionale Küche und lobt die Westfalen als trinkfest, kampfbereit, treu und gefühlvoll. Im Teutoburger Wald denkt er am entstehenden Hermannsdenkmal darüber nach, wie Deutschland ohne den Sieg des Arminius über die Römer geworden wäre. Die Vorstellung einer stärkeren römischen Prägung dient zugleich der Kritik an deutscher Kleinstaaterei und an der Kulturpolitik Friedrich Wilhelms IV. Bei Paderborn vergleicht sich Heine mit Christus, seinem „armen jüdischen Vetter“: Ihn selbst habe die Zensur bisher wenigstens vor einer Kreuzigung bewahrt.
Barbarossa und Hamburg
In den Capita XIV bis XVII verarbeitet Heine die Sage von Kaiser Barbarossa, der im Kyffhäuser schlafen und eines Tages Deutschland befreien soll. Im Traum begegnet der Erzähler jedoch keinem tatkräftigen Retter, sondern einem senilen, zögernden Greis, der sich kaum für Deutschlands Not interessiert. Heine berichtet ihm von der Guillotine und der Beseitigung gekrönter Häupter seit dem Mittelalter. Als Barbarossa empört reagiert, erklärt der Erzähler, Deutschland brauche überhaupt keine Kaiser. Nach dem Erwachen nimmt er dies ironisch teilweise zurück: Selbst das veraltete Heilige Römische Reich erscheine besser als das gegenwärtige politische „Zwitterwesen“.
In der preußischen Festung Minden fühlt sich der Reisende gefangen. Ein Albtraum zeigt ihn als Prometheus, dem der preußische Adler die Leber aushackt. Über Bückeburg gelangt er nach Hannover, wo König Ernst August durch die Feigheit seiner Untertanen geschützt sei und sich nach dem freieren britischen Leben zurücksehne.
In Hamburg wohnt Heine bei seiner Mutter. Ihre Fragen nach seiner Frau, seiner bevorzugten Nation und seiner politischen Partei beantwortet er ausweichend. Die Stadt hat sich durch den großen Brand stark verändert; Heine verspottet das Selbstmitleid der Hamburger, blickt aber auch wehmütig auf seine Jugend und auf gealterte oder verstorbene Bekannte zurück.
Nach einem Essen mit seinem Verleger Campe erscheint ihm Hammonia, die Schutzgöttin Hamburgs. Ihr gesteht er, Heimweh und Vaterlandsliebe hätten ihn nach Deutschland geführt. Sie verspricht, ihm die Zukunft Deutschlands zu zeigen, und präsentiert einen Zauberkessel, der sich als Nachttopf Karls des Großen herausstellt. Sein Gestank gilt als „deutscher Zukunftsduft“. Die folgende erotische Szene wird durch den Eingriff des Zensors abgebrochen.
Im Epilog hofft Heine auf kommende Lesergenerationen, welche die Heuchelei der alten Zeit überwinden und den Dichter verstehen werden. Er stellt sich in die Tradition von Aristophanes und Dante und warnt den preußischen König davor, lebende Dichter zu beleidigen: Ihre sprachlichen „Flammen und Waffen“ seien mächtiger als die Gewalt der Herrschenden.
Aufbau und Versform
Neben einem Vorwort und einem Nachtrag besteht das Werk aus genau 27 Capita mit insgesamt mehr als 500 Strophen. Wie in Heines „Atta Troll. Ein Sommernachtstraum“ hat jede Strophe vier Verse. Der Untertitel „Ein Wintermärchen“ verweist auf William Shakespeares „The Winter’s Tale“ von 1623 und bildet zugleich das winterliche Gegenstück zu „Atta Troll“, dessen Untertitel auf Shakespeares „A Midsummer Night’s Dream“ von 1600 anspielt.
Die Strophen ähneln der Nibelungenstrophe. Der erste und der dritte Vers besitzen jeweils vier Hebungen, der zweite und der vierte jeweils drei. Als Hebung bezeichnet man eine betonte Silbe im Vers. Das Versmaß ist überwiegend jambisch, wechselt also meist zwischen unbetonten und betonten Silben. Die Zahl der unbetonten Senkungen ist jedoch unterschiedlich. Dadurch wirkt der Rhythmus teilweise anapästisch, freier und der gesprochenen Sprache ähnlich.
Nur der zweite und vierte Vers reimen sich; der erste und dritte bleiben reimlos. Zugleich enden die Zeilen 1 und 3 stets männlich, also auf einer betonten Silbe, und die Zeilen 2 und 4 weiblich, also auf einer unbetonten Silbe. Die volksliednahe, leicht verständliche Form steht in wirkungsvollem Gegensatz zu den anspruchsvollen politischen und philosophischen Aussagen.
Einordnung und Wirkung
Das Versepos blieb in Deutschland lange umstritten. Besonders im 19. Jahrhundert wurde es häufig als antideutsche „Schmähschrift“ eines angeblichen „Vaterlandsverräters“ verstanden. Während des Nationalsozialismus wurde diese Ablehnung durch antisemitische Angriffe auf Heine als „jüdischen Nestbeschmutzer“ weiter verschärft.
Später setzte sich die Auffassung durch, dass das Werk ein bedeutendes politisches Gedicht des Vormärz ist. Als Vormärz bezeichnet man hier die von Forderungen nach Freiheit und politischer Veränderung geprägte Zeit vor der Revolution von 1848. Hervorgehoben werden Heines Witz, seine bildreiche Sprache und die Mehrdeutigkeit seiner Haltung: Er kritisiert Deutschland scharf, bleibt seiner Heimat aber emotional verbunden und gewinnt aus dem erneuten Kontakt mit ihr dichterische Kraft.
Das Winterbild steht für die politische Erstarrung der Restauration. Der erhoffte „Frühling“ der Freiheit wird durch Zensur, Unterdrückung, Verfolgung und Exilierung verdrängt. Das Werk verbindet daher Lebensfreude mit ernsthafter Aufklärung und dem Bekenntnis zu Gleichheit und Freiheit. Heute gilt es als wichtiges lyrisches Zeugnis des Exilanten Heinrich Heine und als Höhepunkt seiner politischen Dichtung.