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Die Enden der Parabel
Die Enden der Parabel (engl. Gravity's Rainbow) ist ein 1973 erschienener Roman von Thomas Pynchon, der heute allgemein als sein Opus Magnum angesehen wird.
Inhalt6 Abschnitte
Überblick
Die Enden der Parabel, im englischen Original Gravity’s Rainbow, ist ein Roman von Thomas Pynchon aus dem Jahr 1973. Er gilt allgemein als Pynchons Opus Magnum, also als sein Hauptwerk. Die deutsche Übersetzung von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz erschien 1981. Der Roman wurde 1974 mit dem National Book Award und 1975 mit der William-Dean-Howells-Medaille ausgezeichnet; Pynchon lehnte die Medaille jedoch ab. 1974 war das Buch auch für den Pulitzer-Preis nominiert. Weil das Vergabekomitee die Juryentscheidung nicht mittragen wollte und den Roman für obszön und unlesbar hielt, wurde der Preis in diesem Jahr nicht vergeben.
Der Roman spielt größtenteils in Europa kurz vor und kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Er enthält aber viele Zeitsprünge in frühere und spätere Epochen sowie Handlungsstränge an anderen Orten, etwa in Zentralasien und den Vereinigten Staaten. Im Mittelpunkt steht immer wieder die deutsche V2-Rakete und die Frage, welche politischen, technischen, wirtschaftlichen, psychologischen und persönlichen Zusammenhänge sich um sie herum bilden. Das Magazin Time zählt das Buch zu den besten 100 englischsprachigen Romanen, die zwischen 1923 und 2005 veröffentlicht wurden.
Form und Erzählweise
Der Roman besteht aus vier Hauptkapiteln, die in insgesamt 73 Abschnitte gegliedert sind. Die Abschnitte verteilen sich im Verhältnis 21-8-32-12 auf die vier Kapitel; diese Zahlen wurden zum Teil zahlenmystisch gedeutet. Zwischen den Abschnitten steht jeweils eine Serie von sieben Quadraten. Jedem der vier Kapitel ist ein Motto vorangestellt.
Die Erzählung steht überwiegend im Präsens. Die Erzählstimme ist nicht einheitlich, sondern verändert sich je nach Situation und Figur. Manchmal wird der Leser direkt angesprochen, an anderen Stellen folgt die Darstellung den Gedankengängen einzelner Figuren so eng, dass die Erzählung schwer durchschaubar wird. Oft lässt sich nicht sicher unterscheiden, ob eine Szene zur „realen“ Handlung gehört oder ob es sich um Träume, Halluzinationen oder andere Bewusstseinszustände handelt.
Typisch ist auch die enzyklopädische Vielfalt des Romans: Pynchon verbindet sehr viele Wissensgebiete, literarische Anspielungen und Stile. Etwa 100 Gedichte oder Liedtexte sind in den Roman eingewoben und beziehen sich meist auf reale Genres der Literaturgeschichte.
Figuren und zentrale Suche
In Die Enden der Parabel treten mehrere hundert Figuren auf. Als Hauptfigur kann der amerikanische GI Tyrone Slothrop gelten, ein Nachkomme eines der ersten Siedler Neuenglands. Er ist gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in London stationiert. Durch pawlowsche Konditionierung, also eine erlernte körperliche Reaktion auf bestimmte Reize, bekommt Slothrop Erektionen, wenn Einschläge deutscher V2-Raketen in London bevorstehen.
Ein großer Teil des Romans handelt von Slothrops Suche nach dem Ursprung dieses Zusammenhangs. Er versucht, das Geheimnis, den „Text“ oder die „lost message“ der Rakete zu entschlüsseln. Dabei will er aus vielen einzelnen Tatsachen einen sinnvollen Zusammenhang bilden. Diese Suche betrifft nicht nur Slothrop: Auch andere Figuren versuchen, in einer als chaotisch erlebten Welt Ordnung und Bedeutung zu finden. Zugleich überträgt sich diese Suche auf die Leserinnen und Leser, die dem Roman selbst einen zusammenhängenden Sinn abgewinnen möchten.
Der Versuch, den „wahren Text“ zu finden, steht im Zeichen der Paranoia. Gemeint ist hier ein zwanghaftes Suchen nach verborgenen Zusammenhängen, obwohl sich eindeutige Erklärungen immer wieder entziehen. Gegen Ende des Romans verschwindet Slothrop allmählich aus der Handlung: Er löst sich gewissermaßen auf, wird von anderen Figuren nicht mehr gesehen und spielt schließlich keine Rolle mehr.
Weitere wichtige Figuren sind der SS-Leutnant Blicero, die niederländische Agentin Katje Borgesius, der Herero Enzian, der sowjetische Offizier Wjatscheslaw Tschitscherin und der deutsche Filmemacher Gerhardt von Göll, genannt „Der Springer“. Außerdem treten historische Figuren auf, darunter Mickey Rooney, Hugo Stinnes und August Kekulé.
Handlung
Die Handlung beginnt mit einem deutschen Raketenangriff auf London und einer Evakuierung. Später zeigt sich, dass diese Szene ein Traum der Nebenfigur Captain „Pirat“ Prentice ist. Ein Leitmotiv ist die V2-Rakete, mit der fast alle Figuren auf irgendeine Weise verbunden sind. Wichtig ist besonders ihre Entwicklung auf dem Prüfstand VII in Peenemünde.
Mehrere Figuren suchen nach dem geheimnisvollen Raketenmodell 00000 und dem eingebauten „Schwarzgerät“. Erst am Ende stellt sich heraus, dass dieses „Schwarzgerät“ ein Mensch ist. Auch Tyrone Slothrop sucht danach, weil er darin eine Antwort auf eine entscheidende Frage seiner eigenen Identität vermutet. Gleichzeitig wird Slothrop selbst von anderen Figuren verfolgt.
Weite Teile des Romans spielen in der „Zone“, dem besiegten und zerstörten Deutschland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Zone ist ein anarchischer, gesetzloser Raum, in dem noch keine neue Ordnung besteht und viele Figuren nur ihren eigenen Vorteil verfolgen. Der Titel Die Enden der Parabel verweist auf Verbindungen zwischen Gegensätzen, zum Beispiel zwischen dem Abschussort einer V2 und ihren möglichen Opfern in London. Solche Verbindungen erscheinen teils paranoid, folgen aber auch mathematischen, spiritistischen, ökonomischen und sexuellen Mustern.
Neben Slothrops Handlung gibt es mehrere wichtige Nebenstränge. Enzian, ein Herero-Hauptmann, will sein Volk vor der „Zivilisation“ der Weißen und vor einem geplanten kollektiven Selbstmord retten. Der Statistiker Roger Mexico hat eine Beziehung mit Jessica Swanlake und baut später mit „Pirat“ Prentice ein kreatives „Wir-System“ auf, um das zerstörerische „Sie-System“ zu sabotieren, das den Krieg überdauert hat. Der Ingenieur Franz Pökler baut V2-Raketen, während seine Frau Leni und seine Tochter Ilse im KZ Dora-Mittelbau inhaftiert sind; gelegentlich darf er mit einem Kind Urlaub verbringen, das Ilse sein könnte. Dies wird als beißende Satire auf politisch verantwortungslose Wissenschaftler dargestellt. Ein weiterer Strang erzählt die sadomasochistische Beziehung zwischen Major Weissmann alias Blicero und Gottfried, einem seiner Soldaten. Blicero lässt Gottfried im Frühjahr 1945 in der Rakete 00000 in den Tod fliegen.
Im Verlauf des Romans vermischen sich Fantasie, Realität, spiritistische Erlebnisse, sexuelle Verstrickungen, Gewalt und mögliche Verschwörungen immer stärker. Paranoide Wahnvorstellungen und echte Geheimdienstverschwörungen bleiben beide möglich. Internationale Konzerne, die mit der I.G. Farben verbunden sind, und das Militär scheinen undurchschaubare Strategien der Macht zu verfolgen. Wichtige Schauplätze sind Peenemünde, das zerbombte Berlin, der Harz und die Lüneburger Heide. Am Ende löst sich die Handlung zunehmend in einzelne, assoziativ verbundene Szenen auf. Die Schlussszenen zeigen Bliceros Start der 00000 mit Gottfried an Bord und den Einschlag einer Rakete in ein Kino in Los Angeles deutlich nach dem Krieg. Dadurch wird auch die Deutung nahegelegt, die Romanhandlung könne als Film verstanden werden.
Motive und Themen
Der Roman ist voller Querverweise und wiederkehrender Motive. Dazu gehören Kabbala, Astrologie, Tarot und andere esoterische Geheimwissenschaften, germanische, griechische und Herero-Mythologie, puritanische Theologie, Opern von Rossini und Wagner, Operetten von Gilbert und Sullivan, Lyrik von Rilke und d’Annunzio, Trivialromane von Sax Rohmer, Kohlenstoffderivate, Statistik, Stochastik und Ballistik, pawlowsche Konditionierung sowie Anspielungen auf King Kong, Dumbo und Der Zauberer von Oz.
Zusammengehalten werden viele dieser Motive durch den Gedanken des Todes, der die gegenwärtige Gesellschaft durchzieht. Dazu gehören die tödliche Raketentechnik der Nazis, die später von der NASA genutzt wird, die Tötung menschlicher Willensfreiheit durch Konditionierung sowie die Verbindung von Sex und Tod in sadomasochistischen Praktiken. Der Holocaust kommt dagegen nicht oder nur am Rand vor. Stattdessen verbindet Pynchon den Bau der V2-Raketen mit dem Kalten Krieg, der Angst vor dem Atomkrieg, der Rüstungswirtschaft, dem Weltraumprogramm der NASA, dem Vietnamkrieg und der Watergate-Affäre.
Wirkung, Übersetzung und Adaptionen
Die Enden der Parabel wurde sehr unterschiedlich aufgenommen. Einige Kritiker sahen den Roman schon bei seinem Erscheinen als Klassiker und stellten ihn in eine Reihe mit James Joyce’ Ulysses oder Herman Melvilles Moby Dick. Andere hielten ihn für prätentiös und unlesbar. Häufig kritisiert wurden die Figuren, die manche Leser als flach und uninteressant empfanden, sowie eine grundsätzliche Kälte des Romans. Auch Obszönitätsvorwürfe spielten eine Rolle.
Befürworter des Romans hielten dagegen, dass Pynchons Erzählweise bewusst von literarischen Konventionen abweiche. Herkömmliche Maßstäbe seien daher für das Verständnis nur begrenzt hilfreich. Heute gilt der Roman trotz der Kontroversen als Pynchons bedeutendstes Werk und als Meilenstein des postmodernen Romans. Der britische Literaturwissenschaftler Tony Tanner nannte Gravity’s Rainbow „one of the greatest historical novels of our time and arguably the most important literary text since Ulysses“, also „einer der größten historischen Romane unserer Zeit und wohl der wichtigste literarische Text seit Ulysses“. Auch für den deutschen Medientheoretiker Friedrich Kittler war der Roman ein wichtiger Einfluss.
Der deutsche Titel Die Enden der Parabel stammt von Elfriede Jelinek. Er ist mehrdeutig: Er bezeichnet die Enden der parabelförmigen Flugbahn eines Geschosses, also Start- und Einschlagpunkt, und spielt zugleich auf die Parabel als gleichnishafte Erzählung an. Laut Jelinek war Pynchon mit der Übersetzung einverstanden.
Es gibt auch Bearbeitungen in anderen Medien. Der Film Prüfstand 7 von Robert Bramkamp aus dem Jahr 2001 verwendet Motive aus dem Roman; Pynchon erlaubte dafür erstmals eine auszugsweise Verfilmung seines Raketenromans. Von 2017 bis 2020 entstand außerdem eine über 13-stündige Hörspielfassung unter der Leitung von Klaus Buhlert, produziert von SWR und Deutschlandfunk mit über 40 Sprecherinnen und Sprechern. Pynchon gab dafür sein persönliches Einverständnis. Das Hörspiel wurde 2020 als Hörbuch des Jahres ausgezeichnet.