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Dialektik der Aufklärung

Die Aufklärung hatte sich ursprünglich zum Ziel gesetzt, den Glauben an Mythen aus der Welt zu schaffen, sei durch den „Herrschaftscharakter“ der Vernunft aber …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und zentrale These
  2. 2. Aufbau, Entstehung und Veröffentlichung
  3. 3. Mythos, Odysseus und Moral
  4. 4. Kulturindustrie als Massenbetrug
  5. 5. Antisemitismus und Wirkungsgeschichte

Werk und zentrale These

Dialektik der Aufklärung (Untertitel: Philosophische Fragmente) ist eine Essay-Sammlung von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno aus dem Jahr 1944. Sie gilt als grundlegendes Werk der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Die Autoren untersuchen, weshalb Faschismus und Monopolkapitalismus entstehen konnten und warum ihnen kein wirksamer gesellschaftlicher Widerstand entgegengesetzt wurde.

Ihre Grundthese lautet: Aufklärung sollte Menschen von Furcht, Mythos und Unmündigkeit befreien, schlägt aber selbst in Mythologie zurück. Ursache sei die Einheit von formaler und instrumenteller Vernunft. Instrumentelle Vernunft bedeutet hier ein Denken, das alles vor allem nach Nutzen, Berechenbarkeit, Selbsterhaltung und Beherrschbarkeit bewertet. Sie richtet sich zunächst auf die äußere Natur, dann auf die innere Natur des Menschen und schließlich auf Menschen selbst.

Die Autoren fassen dies im Satz zusammen: „Schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.“ Mythen versuchen bereits, die sich wiederholende Natur zu erklären und zu ordnen. Aufklärung ersetzt dagegen den Begriff durch Formel, Zahl und System: Anerkannt wird vor allem, was sich durch Einheit erfassen, berechnen und technisch verfügbar machen lässt. Was sich diesem Denken entzieht, erscheint als Aberglaube oder bloß subjektiver Schein.

Damit werde das vielfältige Wirkliche abstrahiert und zum manipulierbaren Material. Auch Menschen würden in Industrie, Planung, Arbeitsteilung und Ökonomie zu Objekten. Fortschritt bedeute dann nicht notwendig mehr Freiheit, sondern Anpassung an Technik, Markt und politische oder wirtschaftliche Interessen. Die Menschen halten sich zwar für frei, passen sich jedoch gesellschaftlichen Zwängen und Konsummustern an. Dies führt zur Entfremdung: Menschen verlieren ein freies Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und zur Natur.

Die Kritik soll jedoch nicht die Aufklärung abschaffen. Horkheimer und Adorno wollen durch Selbstbesinnung und Selbstkritik einen positiven Begriff von Aufklärung vorbereiten, der sie aus „blinder Herrschaft“ löst. Umstritten ist, ob ihr Werk diesen Ausweg tatsächlich zeigt; Albrecht Wellmer sieht darin möglicherweise eine Theorie einer endgültig verfinsterten Moderne.

Aufbau, Entstehung und Veröffentlichung

Das Buch entstand 1939–1944 im Exil in Los Angeles. Gretel Adorno protokollierte die Gespräche der Autoren und half nach Horkheimers Worten bei der Fortbildung ihrer Theorie. Horkheimer und Adorno betonten die gemeinsame Verfasserschaft, obwohl einzelne Teile stärker einem von ihnen zugeordnet werden können: Der erste Exkurs stammt eindeutig von Adorno, der zweite von Horkheimer. Die abschließenden „Aufzeichnungen und Entwürfe“ sammeln Aphorismen Horkheimers.

Der fragmentarische Untertitel verweist auf eine mikrologische Methode, die besonders Adorno von Walter Benjamin übernahm: Im „fragmentarisch Konkreten“ soll die „Möglichkeit des Ganzen“ enthalten sein. Das Werk besteht aus einer Vorrede, fünf essayistischen Abhandlungen und „Aufzeichnungen und Entwürfen“. Die Abhandlungen behandeln den Begriff der Aufklärung, Odysseus, Juliette, Kulturindustrie und Antisemitismus. Das Schlusskapitel enthält vor allem Gedanken zu einer „dialektischen Anthropologie“, also einer Untersuchung des Menschen in seinen gesellschaftlichen Widersprüchen.

Das Kapitel über Antisemitismus entstand auch im Zusammenhang mit einem vom American Jewish Committee finanzierten „Antisemitismus-Projekt“. Später entwickelte Adorno mit R. Nevitt Sanford, Else Frenkel-Brunswik und Daniel J. Levinson die F-Skala, wobei F für Faschismus steht. Sie sollte Einstellungen und Eigenschaften autoritärer Persönlichkeiten durch projektive Fragen messen und floss in The Authoritarian Personality (1950) ein.

Die erste Ausgabe erschien 1944 als mimeographiertes Typoskript unter dem Titel Philosophische Fragmente im New York Institute of Social Research; sie war Friedrich Pollock zum 50. Geburtstag gewidmet. Die endgültige Druckfassung erschien 1947 im Querido Verlag in Amsterdam. Dabei wurden marxsche Begriffe teils ersetzt, etwa „Kapital“ durch „Wirtschaft“ und „Produktionsverhältnisse“ durch „Formen der Wirtschaft“. 1969 erschien eine offizielle deutsche Neuausgabe. Als Adressaten nannten die Autoren weder die „Massen“ noch den ohnmächtigen Einzelnen, sondern einen „eingebildeten Zeugen“; dafür wurde später die Metapher der „Flaschenpost“ gebräuchlich.

Mythos, Odysseus und Moral

Im Exkurs über Odysseus deuten Horkheimer und Adorno Homers Odyssee als frühes Zeugnis der Verschlingung von Mythos und Aufklärung. Odysseus ist für sie das „Urbild […] des bürgerlichen Individuums“. Gegen mythische Naturkräfte behauptet er sich durch List und Selbstverleugnung. Sein Opfer und seine Täuschung der Götter sind Vorformen instrumenteller Vernunft: Er überlebt, indem er Natur beherrscht oder übervorteilt, muss dafür aber warten, verzichten und eigene Wünsche unterdrücken.

So bilde sich der „instrumentelle Geist“ im Subjekt aus. Der „listige Einzelgänger“ werde zum Vorbild des homo oeconomicus, also eines Menschen, der sein eigenes wirtschaftliches Interesse rücksichtslos verfolgt. Auch das Verhältnis von Frau und Mann erscheine in der Odyssee als von Besitz, Vertrag und Entsagung geprägt: Ehefrau und Dirne gelten den Autoren als Formen weiblicher Selbstentfremdung in einer patriarchalen Welt.

Im Exkurs Juliette oder Aufklärung und Moral vergleichen die Autoren Immanuel Kant mit dem Marquis de Sade und Friedrich Nietzsche. Kant definiert Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ und fordert im kategorischen Imperativ: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Horkheimer und Adorno argumentieren, dass eine rein formale Vernunft keine sichere Begründung gegen Mord oder Herrschaft liefere, wenn Selbsterhaltung und materieller Gewinn Vorrang erhalten.

De Sades Figur Juliette und Nietzsche führen nach dieser Deutung das wissenschaftlich-formale Prinzip ins Zerstörerische. Juliette zerstört Familie, Religion, Gesetz und Moral; übrig bleibe ein sinnfreier Nihilismus und ein verbrecherisches Lustprinzip. Damit veranschaulicht der Exkurs, dass die Unterwerfung alles Natürlichen unter das selbstherrliche Subjekt nicht notwendig moralisch, sondern amoralisch werden kann.

Kulturindustrie als Massenbetrug

Kulturindustrie bezeichnet bei Horkheimer und Adorno die kommerzielle Herstellung und Vermarktung von Kultur. Sie ist kein Bereich freier, eigenständiger Kultur, sondern ein Industriezweig mit dem ökonomischen Ziel des Erfolgs und der Profitmaximierung. Die Steigerung wirtschaftlicher Produktivität führe nach ihrer Diagnose zur Ökonomisierung aller Lebensbereiche und zu einem „Ausverkauf der Kultur“.

Industriell produzierte Kultur nehme Menschen Phantasie und eigenes Nachdenken ab. Sie liefert Kultur als Ware; dem Menschen bleibe vor allem die Rolle des Konsumenten. Massenproduktion mache die Angebote gleichartig, Unterschiede beträfen nur Kleinigkeiten. Alles werde nach vorgegebenen Schemata produziert und ahme die bestehende Wirklichkeit möglichst genau nach. Unterhaltung mache passiv und behindere kritisches Denken.

Als Beispiel nennen die Autoren den Kinofilm. Filme seien prinzipiell ähnlich aufgebaut; selbst bei Filmen mit außergewöhnlichem oder phantastischem Anspruch sei das Ende oft schnell vorhersehbar, weil viele Werke demselben Schema folgen. Auch erotische Darstellungen könnten Triebe so stark anregen, dass keine Sublimierung mehr möglich sei. Sublimierung bedeutet hier die Umwandlung von Triebenergie in andere, etwa kulturelle Formen.

Dem stellen sie authentische Kultur gegenüber. Sie ist Selbstzweck, nicht auf wirtschaftlichen Erfolg gerichtet, gibt Anregungen und lässt Raum für eigenes Denken. Sie will nicht bloß Wirklichkeit nachstellen, sondern über sie hinausgehen, bleibt individuell und widersetzt sich starren Schemata.

Antisemitismus und Wirkungsgeschichte

Im Kapitel Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung entwickeln Horkheimer und Adorno sieben Thesen zu einer „philosophische[n] Urgeschichte des Antisemitismus“. Antisemitismus habe nicht nur eine Ursache. Sein „Irrationalismus“ werde aus der herrschenden Vernunft und der ihr entsprechenden Welt abgeleitet.

Sie unterscheiden unter anderem faschistische und liberale Ausgrenzung: Im Faschismus werden Juden biologistisch als „Gegenrasse“ und absolut Böses behandelt; im Liberalismus erscheinen sie als besondere, schutzbedürftige Gruppe. Beides fixiere ihre abgesonderte Stellung. Antisemitismus könne außerdem ein Ventil für Aggressionen sein, die bei verblendeten und ihrer Subjektivität beraubten Menschen entstehen. Juden würden als Sinnbild für Kapitalismus und dessen Folgen benutzt; ihnen werde „das ökonomische Unrecht der ganzen Klasse aufgebürdet“.

Weitere Motive sind die christliche Abgrenzung vom Judentum, die Wirkung des Fremden und falsche Projektion. Mimesis bedeutet ein nachahmendes Anschmiegen an Natur und Umwelt. Zivilisation unterdrücke solche unmittelbaren Regungen; Menschen könnten sie dann an anderen als beschämend und fremd wahrnehmen. Falsche Projektion bedeutet, dass eigene verdrängte Anteile einem als Feind ausgewählten Anderen zugeschrieben werden. Im zeitgenössischen Antisemitismus werde dieser schließlich zum „Ticket“, also zu einem ungeprüft übernommenen Bestandteil einer totalitären Ideologie.

Breitere Rezeption erhielt das Werk erst etwa 20 Jahre nach seinem Erscheinen durch die 68er-Bewegung. Es gilt seither als Hauptwerk der Kritischen Theorie und als grundlegende Kritik der Rationalität. Jürgen Habermas kritisiert, die Autoren unterschätzten vernünftige Gehalte der Moderne, etwa Recht, Moral, Wissenschaft und Demokratie. Außerdem entstehe eine Aporie: Wenn alles im „Verblendungszusammenhang“ befangen sei, sei schwer zu begründen, von welchem Standpunkt aus die Kritik selbst möglich ist. Leszek Kołakowski beanstandet den weit gefassten, unhistorischen Aufklärungsbegriff und den elitären Kulturbegriff. Michel Foucault würdigte dagegen die Frankfurter Schule und ihre Einsicht in die enge Verbindung von Rationalität und Machtmechanismen.

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