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Der Sturm (Shakespeare)
Der Sturm (engl. The Tempest) ist ein Schauspiel von William Shakespeare. Das Werk handelt vom Schicksal Prosperos und seiner Tochter.
Inhalt5 Abschnitte
Werk, Form und zentrale Themen
Der Sturm (englisch The Tempest) ist ein Schauspiel von William Shakespeare und zählt nach Dowdens Einteilung zu den späten Romanzen. Im Mittelpunkt stehen Prospero, der entthronte Herzog von Mailand, und seine Tochter Miranda. Prospero bringt seine Feinde durch Magie auf einer Insel in seine Gewalt, führt sie zur Einsicht und kehrt nach der Wiederherstellung seiner Ehre nach Mailand zurück.
Das Stück verbindet Komödienmotive wie Trennung, Wiedererkennen, Versöhnung und Vergebung mit Farce, Inselidylle, Magie und Übernatürlichem. Ein Hauptthema ist die Aneignung und Kontrolle von Natur und Gesellschaft durch menschliche Tätigkeit. Prospero beherrscht Naturkräfte und inszeniert zugleich die Vorgänge wie ein Regisseur. Damit untersucht das Stück das Verhältnis von Natur und Kunst; „Kunst“ meint hier auch gezielte menschliche Tätigkeit und Wissen.
Die Handlung ist besonders geschlossen: Ort ist eine Insel, die dramatische Zeit umfasst knapp drei Stunden und entspricht fast der Aufführungsdauer. Figuren treten in Gruppen und Paaren auf, etwa Antonio und Sebastian, Caliban und Ariel, Stephano und Trinculo sowie Miranda und Ferdinand. Das Maskenspiel in Akt IV für Miranda und Ferdinand folgt der Form der höfischen jakobäischen Masque; darin erscheinen Iris, Ceres und Juno. Am Ende entsagt Prospero seiner „groben Magie“ („rough magic“, V.1, Z. 50 f.), zerbricht seinen Stab und entlässt Ariel. Offen bleibt dagegen, was aus Ariel, Caliban und der Insel wird.
Handlung
Zwölf Jahre vor Beginn der Handlung wurde Prospero von seinem Bruder Antonio als Herzog von Mailand abgesetzt. Weil Prospero seine Regierungspflichten zugunsten magischer Studien vernachlässigt hatte, konnte Antonio mit Hilfe Alonsos, des Königs von Neapel, Mailand erobern. Prospero und Miranda wurden auf einem kaum seetüchtigen Boot ausgesetzt und gelangten auf eine Insel.
Dort herrscht Prospero über Ariel, einen von ihm aus einem gespaltenen Baum befreiten Luftgeist, und über Caliban, den Sohn der Hexe Sycorax. Als Alonso mit seinem Bruder Sebastian, seinem Sohn Ferdinand und Antonio von Tunis zurücksegelt, lässt Prospero Ariel einen Sturm erzeugen. Das Schiff strandet; die Menschen werden getrennt und die übrige Flotte hält es für verloren.
Ferdinand wird zu Prospero und Miranda geführt. Beide verlieben sich sofort. Gleichzeitig plant Antonio, Sebastian zum Mord an Alonso und Gonzalo zu verleiten, damit Sebastian König wird; Ariel verhindert den Anschlag. Als Ariel in Harpyiengestalt Alonso, Antonio und Sebastian ihre frühere Tat vorwirft, glauben sie, Ferdinand sei ihnen als Strafe genommen worden. Caliban will mit dem Hofnarren Trinculo und dem Kellermeister Stephano Prospero töten. Dafür sollen zunächst Prosperos Zauberbücher zerstört werden.
Prospero erlaubt die Verbindung Mirandas mit Ferdinand und veranstaltet ein Maskenspiel. Als er an den Anschlag erinnert wird, lässt er die Verschwörer durch Geister in Hundegestalt vertreiben. Schließlich führt Ariel die Hofgesellschaft zu Prospero. Dieser vergibt Antonio und erhält sein Herzogtum zurück. Alonso entdeckt den vermissten Ferdinand, der mit Miranda Schach spielt. Prospero kündigt die Rückkehr nach Mailand an und will Ariel und Caliban aus ihrer Dienerschaft entlassen. Im Epilog bittet er das Publikum um Befreiung: „Wie ihr wollt, daß man euch verzeih', / setz' eure Nachsicht mich nun frei.“
Vorlagen, Kolonialbezug und Deutungen
Für Der Sturm ist keine einzelne literarische Quelle nachweisbar. Shakespeare verwendet verbreitete Motive der dramatischen Romanze: Sturm und Schiffbruch, Magie, getrennte und wiedervereinte Liebende sowie die Lösung von Konflikten durch Vergebung. Vergleichbare Grundsituationen finden sich etwa in Jakob Ayrers Die Schöne Sidea (1605), in Werken von Diego Orunes de Calahorra und Antonio de Eslava sowie in William Thomas’ History of Italy (1549). Diese Parallelen belegen jedoch keine direkte Vorlage.
Wichtig sind zeitgenössische Berichte über Fahrten in die Neue Welt. Die Strandung der Sea-Adventure 1609 auf den Bermudas und Berichte von Sylvester Jourdain, William Strachey und dem Council of Virginia gelten als konkrete Anregungen. Ariel schmückt den Sturm etwa mit St. Elmo’s Fire aus. Die Inselhandlung um Caliban verweist zugleich auf Debatten über Kolonisierung, indigene Menschen und Herrschaft. Anders als die historische Bermuda-Insel ist Shakespeares Insel vor der Ankunft der Europäer bewohnt; dadurch entsteht eine Konfrontation zwischen Europäern und den „Anderen“.
Auch Michel de Montaignes Essay Of Cannibals wirkt ein. Gonzalos Entwurf einer herrschaftsfreien, gewaltlosen Gesellschaft ohne Handel, Besitzgrenzen, Erbfolge oder Oberherrschaft folgt ihm stellenweise nahezu wörtlich. Prosperos Abschwörung der Magie (V.1.33–57) geht nahezu unverändert auf Arthur Goldings englische Übersetzung von Ovids Metamorphosen (7.265–77) zurück. Das Stück legt keine einfache Entscheidung für Natur oder menschliche Kunst fest, sondern fragt nach Qualität und Legitimität menschlicher Herrschaftsmittel.
Die Deutungen sind umstritten. Im 19. Jahrhundert wurde Prospero häufig als Selbstbild Shakespeares und sein Magieverzicht als Abschied vom Theater gelesen. Jan Kott verstand das Stück seit der Mitte des 20. Jahrhunderts als Modell wiederkehrender Machtkämpfe. Ab den 1980er-Jahren dominierten zeitweise postkoloniale Lesarten: Prospero erschien als Kolonialherr, Caliban als Figur des Widerstands gegen Unterdrückung. Neuere Forschung betont meist Konflikte, Krisen sowie Macht und Herrschaft, ohne einen einzigen verbindlichen Sinn zu behaupten.
Entstehung, Text und Übersetzungen
The Tempest wurde wahrscheinlich zwischen Ende 1610 und November 1611 fertiggestellt; die verwendeten Quellen waren nicht vor September 1610 verfügbar. Am 1. November 1611 ist eine Hofaufführung vor König Jakob I. in Whitehall belegt. Eine weitere Festaufführung fand im Winter 1612/1613 zur Hochzeit von Prinzessin Elisabeth und Friedrich V. von der Pfalz statt. Da die King’s Men am Hof üblicherweise bereits erfolgreich öffentlich gespielte Stücke aufführten, war die Aufführung von 1611 vermutlich nicht die Uraufführung.
Die einzige frühe Textfassung ist die First Folio von 1623. Sie ist die autoritative Grundlage moderner Ausgaben, gilt als besonders sorgfältig ediert und beruht wahrscheinlich auf einer Reinschrift von Shakespeares Manuskript, möglicherweise durch Ralph Crane. Auffällig sind die zahlreichen präzisen Bühnenanweisungen. Obwohl das Werk zu Shakespeares letzten Stücken gehört, steht es am Anfang der Folio-Ausgabe.
Die erste deutsche Übersetzung für eine Aufführung schuf Christoph Martin Wieland 1761 unter dem Titel Der erstaunliche Schiffbruch oder Die verzauberte Insel. Wieland zielte auf wortgetreue Prosa, unterliefen aber Fehler: Mirandas „O brave new world“ gab er als „O brave neue Welt“ wieder; bei Prosperos „We are such stuff / As dreams are made on, and our little life / Is rounded with a sleep“ missverstand er unter anderem „stuff“ und „rounded“. Johann Joachim Eschenburg überarbeitete Wielands Arbeit von 1775 bis 1882. Die einflussreiche Blankversübersetzung von August Wilhelm Schlegel, später im Kreis um Ludwig Tieck vollendet, begann 1798 mit Der Sturm. Heute erscheinen neben Versübersetzungen besonders zweisprachige Ausgaben mit präzisen deutschen Prosafassungen.
Bühne und weitere Bearbeitungen
Nach der englischen Restauration wurde das Stück am 7. November 1667 im Duke of York’s Theatre in einer Bearbeitung von William Davenant und John Dryden gespielt. Der Shakespeare-Text war auf etwa ein Drittel gekürzt und durch neue Figuren ergänzt, etwa Mirandas Schwester Dorinda und Hippolito. Die Fassung betonte Musik, Theatereffekte und Unterhaltung statt Macht und Politik und prägte die englische Bühne ungefähr 150 Jahre. Im 19. Jahrhundert kehrten Regisseure wie William Charles Macready (1838), Samuel Phelps (1847) und Charles Kean (1857) schrittweise zum Originaltext zurück, kombinierten ihn aber weiterhin mit aufwendigen Illusionen und Dekorationen.
Im deutschsprachigen Theater wurde Der Sturm zunächst kaum gespielt. Die erste reguläre Aufführung als „deutsche Uraufführung“ fand 1855 in München unter Franz Dingelstedt statt. Nach 1945 gewann das Werk durch Themen wie Sühne, Vergebung und Vergangenheitsbewältigung an Bedeutung. Seit den 1960er-Jahren gehört es zu den häufig gespielten Shakespeare-Stücken und wird sehr unterschiedlich inszeniert: mit Schwerpunkten auf Prospero, Kolonialismus, Sprache, Körperaktion oder antikolonialer Kritik. Für 1991/92 bis 2000/01 sind 71 Inszenierungen verzeichnet, darunter neun in der deutschsprachigen Schweiz, fünf in Österreich und sieben Musiktheater-Adaptionen.
Verfilmungen gibt es vermutlich seit 1905. Beispiele sind Fred M. Wilcoxs Science-Fiction-Film Alarm im Weltall (Forbidden Planet, 1956), Derek Jarmans Film von 1980 und Peter Greenaways Prosperos Bücher (Prospero’s Books, 1991) mit John Gielgud als Prospero. Außerdem existieren mehr als dreißig Opernfassungen; genannt werden Frank Martins Sturm (1956), Michael Tippetts The Knot Garden (1970) und Luciano Berios Un re in ascolto (1984).