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Deutsches Exil in der Zeit des Nationalsozialismus
Das Deutsche Exil in der Zeit des Nationalsozialismus begann in der Regel 1933 und umfasst auch Staatsbürger von Österreich. „USA 1938: Die jüdische Familie …
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Umfang, Ursachen und Verlauf der Flucht
Das deutsche Exil in der Zeit des Nationalsozialismus begann in der Regel 1933 und schließt auch österreichische Staatsbürger ein. Zunächst verließen vor allem politische Gegner der Nationalsozialisten das Deutsche Reich. Später flohen insbesondere Menschen jüdischer Herkunft, um politischer und rassistischer Diskriminierung, der Inhaftierung in Konzentrationslagern und möglicher Ermordung zu entgehen. Wichtige Auslöser waren das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, die Nürnberger Gesetze und die Novemberpogrome 1938.
Schätzungsweise 500.000 Verfolgte und Entrechtete gingen während der NS-Zeit ins Exil: 360.000 stammten aus Deutschland, nach dem Anschluss Österreichs 1938 kamen ungefähr 140.000 Österreicher hinzu. Zwischen 80 und 90 Prozent der Exilanten waren jüdischer Abstammung.
Die nationalsozialistische Politik änderte sich im Verlauf der Verfolgung. Anfang 1939 sollte die unter Hermann Göring eingerichtete Reichszentrale für jüdische Auswanderung die Emigration jüdischstämmiger Deutscher zunächst beschleunigen. Vorbild war die 1938 gegründete Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien. Später organisierte die Reichszentrale Deportationen in die Vernichtungslager. Am 23. Oktober 1941 verhängte das Reichssicherheitshauptamt unter Heinrich Himmler ein allgemeines Ausreiseverbot für Juden, das schätzungsweise 200.000 Menschen betraf.
Berufsgruppen und kulturelles Leben
Die Vertreibung erfasste zahlreiche Berufsgruppen. Schriftsteller, die den nationalsozialistischen Anschauungen widersprachen, durften nicht mehr veröffentlichen; im Mai 1933 wurden viele ihrer Werke verbrannt. Hinzu kamen Ausbürgerungen. Im Exil entstanden neue Publikationsmöglichkeiten, etwa der 1933 in Amsterdam gegründete Querido Verlag. Hunderte Exilzeitschriften erschienen zwischen 1933 und 1945 außerhalb Deutschlands, bestanden jedoch selten länger als ein Jahr. Ein Beispiel war die Freie Presse.
Schätzungsweise 2.000 Filmschaffende, darunter Regisseure, Drehbuchautoren, Schauspieler, Kameramänner, Techniker und Schnittmeister, verließen das Deutsche Reich. Zunächst bot vor allem das europäische Ausland Zuflucht; nach Kriegsbeginn gewannen die USA an Bedeutung. Billy Wilder zog 1933 nach Paris und reiste ein Jahr später in die USA ein. Viele Filmschaffende bauten in ihren Aufnahmeländern eine neue Existenz auf. In die Sowjetunion geflüchtete Mitarbeiter der Filmgesellschaft Meschrabpom fielen dagegen teilweise den Stalinschen Säuberungen zum Opfer.
Die deutschen Universitäten verloren zwischen 1933 und 1945 ein Fünftel ihres Lehrkörpers, überwiegend Juden oder Wissenschaftler jüdischer Herkunft. Nach neueren Forschungen emigrierten 60 Prozent der Entlassenen. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft verlor nach Berechnungen von Reinhard Rürup fast ein Drittel ihrer wissenschaftlichen Mitglieder sowie 10 von 35 Institutsdirektoren beziehungsweise Forschungsstellenleitern. Die 1933 gegründete Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland vermittelte Arbeitsplätze, die aber nicht immer eine Fortsetzung der bisherigen Forschung erlaubten. Max Born konnte seine Karriere weiterführen. Max Horkheimer verlegte das Institut für Sozialforschung zunächst nach Genf und später in die USA; dank eigener Mittel setzte es seine Forschung fort und unterstützte weitere emigrierte Sozialwissenschaftler finanziell.
Mehr als 20 Exilschulen wurden weltweit von geflohenen Lehrern und Erziehern gegründet. Sie schufen Bildungsangebote und Arbeitsplätze für Exilanten. Dazu gehörte die vor dem Hintergrund der Volksfrontstrategie entstandene Freie Deutsche Hochschule in Paris.
Auch Architekten verloren durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ihre Stellen. Jüdische oder politisch missliebige freie Architekten wurden aus dem Bund Deutscher Architekten gedrängt und nicht in die Reichskammer der bildenden Künste aufgenommen, was einem Berufsverbot gleichkam. Zu den Vertriebenen gehörten Ferdinand Kramer, Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe. Bruno Taut, Robert Vorhoelzer, Wilhelm Schütte und Margarete Schütte-Lihotzky fanden in der Türkei Zuflucht.
Exil in der Literatur
Exilanten verarbeiteten Flucht, Unsicherheit und das Leben in fremden Ländern literarisch. Klaus Mann schilderte in Der Vulkan die Lage deutscher Exilanten in Paris und an anderen Orten. Anna Seghers machte in dem 1944 erschienenen Roman Transit das Schicksal der Exilanten in Marseille und ihren häufig entwürdigenden Kampf um Visa zum Hintergrund der Handlung. Judith Kerr beschrieb 1971 in Als Hitler das rosa Kaninchen stahl die Flucht ihrer jüdischstämmigen Familie aus Deutschland.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts rückte Ursula Krechel das Thema erneut in den Mittelpunkt. Shanghai fern von wo behandelt das Schicksal einiger der 18.000 Juden, die im Shanghaier Ghetto überleben konnten. Ihr mit dem Deutschen Buchpreis 2012 ausgezeichneter Roman Landgericht erzählt von dem jüdischen Richter Dr. Richard Kornitzer. Er findet in Havanna Zuflucht und kehrt 1947 zu seiner Familie nach Deutschland zurück, scheitert dort jedoch mit seinem Wunsch nach Wiedergutmachung und Wiederherstellung seiner Würde. Als Begründer der deutschen Exilliteraturforschung gilt Walter Arthur Berendsohn, der Deutschland 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung verlassen musste.
Aufnahmeländer und Einreisehindernisse
Zunächst lagen wichtige Exilzentren in europäischen Nachbarländern. Ungefähr 9.000 Exilanten lebten in der Tschechoslowakei, etwa 100.000 in Frankreich, 10.000 in den Niederlanden und 25.000 in der Schweiz. Weniger als 10.000 deutsche Verfolgte wurden in Dänemark, Norwegen und Schweden aufgenommen. Dänemark war zugleich ein bedeutendes Transitland, über das Zehntausende in Drittländer gelangten. Einige Hundert fanden zwischen 1933 und 1945 Aufnahme in der Türkei.
Mit dem Zweiten Weltkrieg und der deutschen Besetzung benachbarter Staaten mussten viele in außereuropäische Länder weiterfliehen. In die USA gelangten ungefähr 130.000 Exilanten, nach Palästina schätzungsweise 55.000. Südamerikanische Länder wie Bolivien und Uruguay nahmen deutlich mehr Verfolgte auf als Skandinavien; ein Teil reiste später in die USA weiter. Der St.-Raphaels-Verein in Hamburg unterstützte Fluchten nach Südamerika, besonders nach Brasilien.
Strenge Einreisevorschriften erschwerten die Rettung. Die USA gehörten infolge des Einwanderungsgesetzes von 1924 zu den restriktivsten Aufnahmeländern. Die Einreise war gewöhnlich nur innerhalb festgelegter Quoten oder mit einer Bürgschaft amerikanischer Privatpersonen oder Organisationen möglich, die eine Belastung öffentlicher Kassen ausschließen sollte. Das State Department wies Vorschläge zur Erhöhung der Quoten zurück und verschärfte Verfahrensregeln. 1939 durften Personen mit Besuchervisum ihren Aufenthalt jeweils um sechs Monate verlängern; außerdem entstanden private Hilfsorganisationen wie German Jewish Children’s Aid.
Ein Affidavit war eine Bürgschaft, mit der Bürger eines Aufnahmelandes die Einreise Verfolgter unterstützen konnten. Es garantierte jedoch keinen Erfolg: Fritz Karsens Einwanderung in die USA scheiterte 1935 trotz eines Affidavits von Max Horkheimer. Das Emergency Rescue Committee erreichte erst Anfang der 1940er Jahre, dass politisch verfolgte Intellektuelle ein Danger-Visum für die USA erhielten. Großbritannien erleichterte Ende der 1930er Jahre Tausenden jüdischstämmigen Kindern die Einreise. Shanghai nahm eine Sonderstellung ein, weil kein Visum erforderlich war; ungefähr 20.000 Menschen flohen dorthin. Die katastrophalen Folgen der Abschottung zeigt die St. Louis, mit der 1939 Hunderte jüdischstämmige Deutsche vergeblich versuchten, Europa zu verlassen.
Organisation, Widerstand und Gefahren
Exilanten gründeten politische, kulturelle und soziale Vereinigungen. Der SPD-Auslandsvorstand Sopade arbeitete von Prag beziehungsweise Paris aus gegen die Nationalsozialisten. In Großbritannien vereinte die Union deutscher sozialistischer Organisationen sozialistische und sozialdemokratische Gruppen; in den USA wirkte die sozialdemokratisch geprägte German Labour Delegation. In Mexiko arbeitete der Heinrich-Heine-Klub eng mit der kommunistisch dominierten Bewegung Freies Deutschland zusammen. Das republikanisch und pazifistisch ausgerichtete Andere Deutschland versuchte in Argentinien, mit einer gleichnamigen Zeitschrift den antifaschistischen Kampf in Südamerika zu organisieren.
Der 1939 gegründete Freie Deutsche Kulturbund in Großbritannien gilt als Vorläufer des Kulturbundes der DDR. Wegen seiner kommunistischen Dominanz spaltete sich 1943 der Club 1943 ab, der später als Anglo-German Cultural Forum weiterarbeitete. Aus der 1941 auf Wunsch der Labour Party gegründeten Union deutscher sozialistischer Organisationen ging der Anstoß zum German Educational Reconstruction Committee hervor. Dieses plante eine Neuordnung des Bildungs- und Erziehungssystems im Nachkriegsdeutschland.
Einige Geflüchtete kämpften unmittelbar gegen die Achsenmächte: als Deserteure in der Résistance in Frankreich oder der Sowjetunion, als Soldaten oder in Hilfskorps Großbritanniens und der USA. Künstler wirkten an der Propaganda gegen NS-Deutschland mit. Rückkehrer wurden dafür im Nachkriegsdeutschland teilweise kritisiert, darunter Thomas Mann, Bert Brecht und Marlene Dietrich.
Das Exil bot nicht immer Sicherheit. Gegner des Regimes wurden auch im Ausland getötet, wie das Schicksal Theodor Lessings in der Tschechoslowakei zeigt. Andere nahmen sich vor oder während der Flucht beziehungsweise im Exil das Leben, darunter Ernst Toller, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig, Walter Hasenclever und Paul Nikolaus. Walter Benjamin beging im spanischen Grenzort Portbou Suizid, weil er trotz der erfolgten Grenzüberschreitung seine Auslieferung an Deutschland befürchtete.
Rückkehr und Folgen nach 1945
Nach dem Ende des Nationalsozialismus kehrte nur eine Minderheit der Exilanten nach Deutschland zurück. Menschen, die aus antisemitischen Gründen vertrieben worden waren, entschieden sich besonders selten dafür. Die Mehrheit der politischen Flüchtlinge remigrierte dagegen; zu ihnen gehörten Max Brauer und Ernst Reuter. Rückkehrer stießen jedoch teilweise auf Ablehnung.
Auch die Rückgabe geraubten Eigentums scheiterte in manchen Fällen an den politischen Verhältnissen. Der Fabrikant Hermann Lewandowski hatte mit seiner Familie in England Schutz gefunden. Sein Sohn Georg konnte das Unternehmen der Familie, das in der Sowjetischen Besatzungszone lag, nach 1945 nicht zurückerlangen. Die Familie blieb in England. Zugleich zeigt ihr Beispiel, dass ein erfolgreicher Neuanfang möglich war: Kurt Lewandowski gründete dort ein Unternehmen, an dem sein Vater und sein Bruder beteiligt waren.
Von den ins Ausland geflohenen Hochschullehrern deutscher Universitäten kehrten nach dem Zweiten Weltkrieg 14,7 Prozent nach Deutschland beziehungsweise in einen der deutschen Teilstaaten zurück. Walter A. Berendsohn versuchte ohne Erfolg, wieder an seiner früheren Universität zu lehren. Hans Weil erhielt Mitte der 1950er Jahre vom Senat der Goethe-Universität Frankfurt eine Wiedergutmachungsprofessur. Die Universitätsleitung informierte jedoch zehn Jahre lang weder die zuständige Philosophische Fakultät noch Weil. 1967 räumte sie das Versäumnis ein, erklärte die Professur aber zugleich für gegenstandslos, weil Weil inzwischen das Emeritierungsalter erreicht hatte.