Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Deutscher Michel
Der deutsche Michel ist eine vermutlich schon in der Renaissance entstandene nationale Personifikation der Deutschen, die heute fast nur noch in der …
Inhalt4 Abschnitte
Grundidee und typische Darstellung
Der deutsche Michel ist eine vermutlich bereits in der Renaissance entstandene nationale Personifikation der Deutschen. Er steht also als erfundene Einzelfigur sinnbildlich für das deutsche Volk und ihm zugeschriebene Eigenschaften. Heute erscheint der Michel fast nur noch in Karikaturen. Sein auffälligstes Erkennungszeichen ist die Schlaf- oder Zipfelmütze.
Die frühesten bildlichen Darstellungen stammen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie greifen literarische Vorläufer und volkstümliche Vorstellungen auf. Den Höhepunkt seiner Popularität erreichte der Michel schon in den 1840er Jahren. Wie sein Wesen und seine Eigenschaften zu beurteilen sind, ist bis heute politisch umstritten: Je nach Darstellung kann er beispielsweise als naiv, gemütlich, ungebildet, passiv oder unterdrückt erscheinen.
Zu den öffentlichen Darstellungen der Figur gehören das 1895 von Friedrich Reusch geschaffene Standbild „Der Deutsche Michel“ am Wrangelturm in Königsberg und der 1910 errichtete Michelbrunnen in Bad Liebenwerda.
Entstehung und Bedeutungswandel
In der Wissenschaft gilt die Redewendung „ein deutscher Michel“ allgemein als eine Entstehung der Renaissance. Der deutsche Humanismus verwendete Latein als Bildungssprache. Dadurch entstand eine Kluft zwischen der Sprache der Gebildeten und der Sprache des Volkes. Zugleich orientierte sich die geistige Kultur am Ausland. Vermutlich entwickelte sich die Bezeichnung „teutscher Michel“ aus dem Zusammenspiel zweier negativer Vorstellungen: ausländischen Stereotypen vom völlernden, trinkenden und schläfrigen Deutschen sowie dem abwertenden Bauernbild des ausgehenden Mittelalters.
Die früheste belegte Überlieferung steht in einem 1541 von Sebastian Franck herausgegebenen Sprichwörterbuch. Dort bezeichnet der deutsche Michel einen Dummkopf, Tölpel und Fantasten; zeitgenössische Quellen verwenden die Figur ähnlich. Diese frühe Bedeutung war rein pejorativ, also abwertend.
Im Dreißigjährigen Krieg änderte sich die Funktion der Figur. Der einfache, ungebildete und fremder Sprachen unkundige Michel wurde zu einem Symbol für die kulturelle Selbstständigkeit und Reinheit der deutschen Muttersprache. Um 1630 diente sein Name im Kampf gegen Fremdwörter als Titel des satirischen Flugblatts „Teutscher Michel“, eines Beispiels des deutschen Sprachpurismus. Darin heißt es: „Ich teutscher Michel / Versteh schier nichel / In meinem Vatterland / Es ist ein schand.“ Noch Mitte des 18. Jahrhunderts benutzte Gottlieb Wilhelm Rabener den Begriff, um die Geringschätzung der deutschen Dichtung zu beklagen.
Daneben wurde der „Vetter Michel“ populär. Mit ihm verband man Gemütlichkeit, Biederkeit und ein starkes privates wie öffentliches Ruhebedürfnis. In humoristischen Zeitschriften und in der Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschien der Michel in unterschiedlichen Rollen, häufig als ein Opfer von Unterdrückung, das diese Unterordnung selbst hinzunehmen scheint.
Politisches Symbol im Vormärz
Im Vormärz, der politischen Epoche vor der Revolution von 1848, wurde der deutsche Michel zum Kollektivsymbol für das deutsche Volk und dessen vermeintliche Wesensart. Besonders verbreitet waren Darstellungen als naiver Bauernbursche oder gemütlicher Biedermann. Joseph Eiseleins „Wörterbuch der deutschen Sprichwörter und Sinnreden“ von 1840 bezeichnete mit dem Begriff „das ganze schwerleibige deutsche Volk“. Die „Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie“ von 1846 verstand den Michel als Personifikation der „Thorheiten und Verkehrtheiten“ der deutschen Nation. Karikaturen konnten ihn zugleich als Opfer politischer Zustände zeigen, etwa Johann Richard Seels Darstellung „Der deutsche Michel in der Gewalt der Zensur“ von 1842.
Ernst Moritz Arndt und andere Zeitgenossen wollten das überlieferte Michelbild in einen neuen geschichtlichen Zusammenhang stellen. Arndt nahm an, der Begriff Michel stehe für die deutsche Mentalität. Deshalb seien die Eigenschaften der Figur von den politischen Verhältnissen und der historischen Entwicklung abhängig. Diese Beobachtung traf auf die wechselnden Michelbilder seiner Zeit zu. Seine darüber hinausgehende, mythologisch verklärte und polemische Herleitung des Michels von einem mittelalterlichen Wehrbauern gilt jedoch als etymologisch nicht überzeugend.
Ebenfalls nicht stichhaltig belegt sind die verbreiteten Behauptungen, die Figur gehe auf den Erzengel Michael oder den Reitergeneral Hans Michael Elias von Obentraut zurück. Michael galt seit der Schlacht auf dem Lechfeld im Jahr 955 als Schutzpatron Deutschlands; zu möglichen Einflüssen dieser Heiligenfigur bestehen einzelne Hypothesen. Gegen Obentraut als Ursprung spricht schon, dass der deutsche Michel 1541 und damit einige Jahrzehnte vor dessen Geburt belegt ist. Obwohl solche Erklärungen in der Wissenschaft seit mehr als hundert Jahren widerlegt sind, bleiben sie verbreitet.
Komödie und Hörspielbearbeitungen
Fritz Stavenhagen schrieb 1905 die fünfaktige niederdeutsche Bauernkomödie „De dütsche Michel“. Im Mittelpunkt steht der ewige deutsche Michel, der im Bauernturm steckt. Lebenden Menschen, darunter einem Grafen und einem Dichter, verweigert er alles, was sie von ihm verlangen könnten; den Toten dagegen ist er bereit, alles zu geben.
Albert Mähl bearbeitete das Stück 1951 für den Hörfunk. Der NWDR Hamburg produzierte die Fassung als Mundart-Hörspiel und sendete sie erstmals am 18. September 1951. Regie führte Hans Freundt; zahlreiche Mitglieder des Ensembles des Ohnsorg-Theaters wirkten als Sprecher mit.
1956 verfasste Mähl außerdem die NDR-Hörfolge „Fritz Stavenhagen. Eine Hörfolge über Werk und Leben des ersten niederdeutschen Dramatikers neuerer Zeit zur 50. Wiederkehr seines Todestages am 9. Mai 1956“. Sie enthielt Proben aus „Der Lotse“, „Mudder Mews“ und „De dütsche Michel“. Unter der Regie von Hans Tügel waren unter anderem Heinz Klevenow als Graf Malin, Walter Klam als Von Maltzahn und Hilde Sicks als Ivanak, Tochter von Plessens, zu hören.