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Deutsche Predigten im Zweiten Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkrieges (1939–1945) war auch in den Kirchen eine patriotische Grundhaltung und damit die Hoffnung auf einen deutschen Sieg verbreitet.
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Gegenstand und Quellenlage
Deutschsprachige Predigten während des Zweiten Weltkriegs wurden überwiegend im Großdeutschen Reich gehalten. Die Kirchen verfügten dort über einen kleinen Freiraum für Gottesdienste. Viele Predigten enthielten keine ausdrücklich politischen Aussagen, unterstützten aber teilweise einzelne Anliegen des Nationalsozialismus oder kritisierten sie. Zugleich waren patriotische Haltungen und die Hoffnung auf einen deutschen Sieg weit verbreitet.
Predigten sind mündliche Vorgänge. Historische Untersuchungen stützen sich deshalb auf schriftliche Quellen, deren Zuverlässigkeit unterschiedlich ist. Bei einem Predigtmanuskript ist unklar, ob der Prediger beim Vortrag genau dem vorbereiteten Wortlaut folgte. Bei einer Nachschrift hängt die Übereinstimmung davon ab, ob der Stenograph alles erfasste und nichts veränderte.
Nur ein kleiner Teil der damals angefertigten Predigttexte ist erhalten. Aus der Kriegszeit liegen deutlich weniger Texte vor als aus der Zeit vor 1939. Eine Untersuchung über apokalyptische Predigten besitzt für die Jahre 1933 bis zum Kriegsbeginn etwa fünfmal so viel Material wie für die fast gleich lange Kriegszeit. Außerdem konzentrieren sich viele kirchenhistorische Darstellungen der NS-Zeit auf die Zeit vor dem Krieg, besonders auf den Kirchenkampf.
Von Predigten zu unterscheiden sind Vorträge über den christlichen Glauben, die bei kirchlichen Veranstaltungen gehalten wurden und Predigten ähneln konnten. Schriftliche kirchliche Verlautbarungen und bischöfliche Hirtenworte sind ebenfalls keine Predigten; Hirtenworte konnten jedoch predigtähnlich wirken, wenn sie im Gottesdienst vorgelesen wurden.
Die Überlieferung kann durch politische Interessen verzerrt sein. Kritische Texte konnten bis 1945 für den Prediger gefährlich sein, nach dem Krieg dagegen Zustimmung zum Nationalsozialismus. Daher ist auch die absichtliche Beseitigung von Predigttexten möglich. Zuhörer konnten außerdem aus einer ablehnenden Haltung heraus mehr NS-Kritik wahrnehmen, als tatsächlich gesagt wurde. Nach dem Krieg gedruckte Predigten wurden teilweise überarbeitet oder „aktualisiert“. Bei Helmut Thielicke ist deshalb unsicher, ob Aussagen über Vergasung, Euthanasie-Spritzen und „leergewordene Irrenhäuser“ tatsächlich so öffentlich gefallen waren. Eine sorgfältige Edition bieten die 1995 veröffentlichten Predigten Gerhard Ebelings, die Überlieferung, Wiedergabetreue und Zuhörerkreis erläutert.
Politische Grenzen des Predigens
Die politischen Aussagenmöglichkeiten waren durch Gesetze und deren diktatorische Anwendung stark eingeschränkt. Der 1871 eingeführte Kanzelparagraph verpflichtete Geistliche grundsätzlich zur politischen Zurückhaltung. 1934 kam das weit auslegbare Heimtückegesetz hinzu, das Kritik an der nationalsozialistischen Regierung verbot. Kurz vor Kriegsbeginn wurde die sogenannte Wehrkraftzersetzung durch Veröffentlichung im Reichsgesetzblatt am 26. August 1939 mit der Todesstrafe bedroht. Dazu gehörten auch pessimistische Äußerungen, die damals häufig als Defätismus bezeichnet wurden.
Denunziationen durch Predigthörer, eine weite Auslegung der Vorschriften und harte Strafen erhöhten die Gefahr. Kritische Geistliche wurden verhaftet und zum Schweigen gebracht, teils schon vor dem Krieg. Martin Niemöller wurde 1937 verhaftet, ebenso der Jesuit Rupert Mayer. In Deutschland ohne Österreich wurden insgesamt etwa 300 Priester wegen eines mit dem Gottesdienst verbundenen Verhaltens, etwa wegen ihrer Predigten, eingesperrt. Die Haft dauerte meist länger als eine Woche und teilweise Monate oder Jahre. Der schlesische Pater Richard Henkes SAC wurde wegen kritischer Predigten mehrfach von der Gestapo vorgeladen und in das KZ Dachau eingeliefert, wo er 1945 an Typhus starb.
Der baptistische Prediger Arnold Köster kritisierte den Nationalsozialismus öffentlich und blieb trotz Gestapo-Verhören von einer Verhaftung verschont. Die Gründe dafür sind unklar. Möglich waren sein geradliniges Auftreten oder die geringe Bedeutung der Baptisten. Zu Kriegsbeginn untersagte Adolf Hitler Aktionen gegen die beiden Großkirchen, um das Verhältnis von Staat, Partei und Kirchen nicht zu verschlechtern und die Unterstützung der Bevölkerung für die Kriegsanstrengungen zu sichern. Dadurch entstand während des Krieges eine Art „Burgfrieden“.
Deutungen von Krieg und Kriegsführung
Da der Krieg das Leben der Zuhörer besonders in den späteren Jahren unmittelbar bestimmte, nahmen viele Prediger auf ihn Bezug. Offener Widerstand oder deutliche Kritik am Nationalsozialismus blieben jedoch selten. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal war die Frage, ob Deutschland als Verteidiger dargestellt, die Kriegsschuld offengelassen oder die deutsche Kriegsführung kritisiert wurde.
Der Salzburger Erzbischof Andreas Rohracher deutete den Krieg als Abwehr des Bolschewismus. Am 16. Oktober 1943 sagte er, es wäre „furchtbar“ für das deutsche Volk und Vaterland, wenn die Soldaten den „gottlosen Kommunismus“ nicht aufhalten und das Heer nicht siegen würde. Damit wurden die deutschen Kriegsanstrengungen gerechtfertigt. Arnold Köster widersprach der deutschen Unschuldsbehauptung zumindest indirekt: Am 2. Januar 1944 erklärte er, kein Volk könne sagen, es führe seinen Krieg „um unserer Gerechtigkeit willen“. Am 19. Mai 1940 hinterfragte er außerdem das Großmachtstreben, bei dem Generationen junger Menschen mit dem Versprechen geopfert würden, dadurch später den Weltfrieden zu bringen. Später bezog er dieses Streben ausdrücklich auf England, Amerika und Deutschland.
Graf-Stuhlhofer ordnete solche Aussagen unter anderem entlang des Gegensatzes „Siegeshoffnung – Militärischer Sieg als Nebensache“ und der Frage nach der „Legitimation deutschen Kriegsführens“ ein. Die Hoffnung auf den Endsieg findet sich bei Köster nie, bei Rohracher dagegen deutlich. Der evangelische Pfarrer und Senior Karl Fiedler bezeichnete Weihnachten 1944 als „noch ernster und trauriger“, weil der Feind die Grenzen des Vaterlandes erreicht oder überschritten habe und Deutschland um Freiheit und Selbständigkeit kämpfe. Gustav Reingrabner bewertete Fiedlers Aussagen als „beachtlich und mutig“ und sah ihn in Opposition zum NS-Regime.
Manche Prediger deuteten militärische Erfolge unmittelbar als Gottes Wirken. Paul Althaus erklärte am 16. Juni 1940 beim Frankreich-Feldzug, man sehe die Hand des „Herrn der Geschichte“ über Deutschland und Europa; zugleich fragte er, ob Gott Gericht halte und Rache nehme, auch wenn Führer und Volk dies nicht gewollt hätten. Köster unterschied dagegen: „Der Krieg ist Gottes Zulassung, aber nicht Gottes Werk! Das Werk der Zerstörung ist immer Satans Werk.“ Am 31. Januar 1943 bezog er Gottes mahnende Hand auch auf das deutsche Volk und forderte verantwortliche Männer aller Völker auf, Gott zu erkennen.
Kriegsleid, Soldatentum und konkrete Kritik
Hinweise auf Kriegsleid müssen zeitlich eingeordnet werden. In den ersten beiden Kriegsjahren bis etwa Herbst 1941 gab es unter deutschen Soldaten nur vereinzelte Todesfälle. Später stiegen die Zahlen der Gefallenen stark an; hinzu kamen die anglo-amerikanischen Bombardierungen deutscher und österreichischer Städte. Die meisten Prediger thematisierten das Leid erst, als die eigene Heimat und die eigenen Angehörigen betroffen waren. Andreas Rohracher sprach am 14. Juni 1944 jedoch vom Leid ungezählter Mütter „nicht nur bei uns, sondern bei allen Völkern in der ganzen Welt“. Nur ein Teil der Prediger nahm auch das Leid des polnischen Volkes wahr.
In der Bekennenden Kirche bezeichnete Heinrich Schlier am 1. August 1940 jeden Krieg generell als Sünde. Karl Steinbauer sah einen Konflikt zwischen der bejahten Soldatenpflicht und dem Töten: Beim Schießen habe er Gott gebeten: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.“ Arnold Köster wandte sich am 14. Februar 1943 gegen Vergeltungslogik. Während die Welt für eine Bombe zehn Bomben fordere, gelte in der Gemeinde Jesu Christi das Verzeihen. Kritik konnte allerdings einseitig bleiben. Friedrich Heiler verurteilte vor Kriegsende die alliierten Bombenangriffe auf Frauen, Kinder, Kranke, Rotkreuzschwestern und Kirchen. Eine solche Kritik an der Gegenseite konnte zugleich die eigene Kriegsführung unterstützen.
Die Trauer um gefallene Soldaten wurde teilweise durch die Glorifizierung des „Heldentods“ überlagert. Bischof Clemens August Graf von Galen stellte den Soldatentod in treuer Pflichterfüllung nach der Lehre des heiligen Thomas von Aquin dem Märtyrertod für den Glauben nahe. Christliche Soldaten, die aus Liebe zum Vaterland ihr Leben hingäben, erhielten demnach ewige Herrlichkeit und Lohn.
Mit zunehmenden deutschen Niederlagen wurde die Kriegslage auch in Predigten unsicherer beurteilt. Der Wiener Erzbischof Theodor Innitzer sagte am 8. Oktober 1944: „Man weiß nicht, was kommen wird. Möglich, daß auch Wien Kriegsschauplatz wird.“ Die NSDAP-Ortsgruppe wertete diese Predigt als „raffiniert demoralisierend“.
Eine besonders bekannte kritische Predigt hielt Galen am 3. August 1941 zur Tötung von „Geisteskranken“. Nach Berichten erfolgte sie „auf Anordnung von Berlin“. Galen erklärte, der stets gleiche Ablauf begründe den Verdacht absichtlicher Tötungen nach der Lehre, man dürfe „lebensunwertes Leben“ vernichten. Bischöfe wurden für solche Äußerungen nicht bestraft, weil Hitler während des Krieges einen offenen Konflikt mit den Großkirchen vermeiden wollte; für Pfarrer galten diese Schutzbedingungen nicht.