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Deutsche Dialekte
Im größten Teil des Raums, wo deutsche Dialekte gesprochen werden, gilt das Deutsche als Dach- oder Standardsprache. In Grenznähe zu Deutschland gibt es in …
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Begriff, Einordnung und Abgrenzung
Deutsche Dialekte oder Mundarten sind landschaftlich geprägte Sprachformen, die sich eigenständig aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen beziehungsweise dem Alt- und Mittelniederdeutschen entwickelt haben. Sie sind genetisch nicht aus der heutigen deutschen Standardsprache entstanden, sondern bilden zusammen mit ihr einen Teil des kontinentalwestgermanischen Dialektkontinuums. Ein Dialektkontinuum ist ein Gebiet, in dem sich benachbarte Sprechweisen meist nur geringfügig unterscheiden, während die Unterschiede mit wachsender Entfernung zunehmen.
Soziolinguistisch gelten weitgehend jene westgermanischen Varietäten als deutsche Dialekte, für die Standarddeutsch die Kultur- oder Dachsprache beziehungsweise die nächstverwandte Standardsprache ist. Eine Dachsprache ist die übergeordnete Standard- und meist auch Schriftsprache. Diese Definition hat Grenzfälle: Elsässisch wird vom Französischen überdacht, ist aber eng mit dem Deutschen verwandt. Friesische und niederfränkische Dialekte in Deutschland verwenden Standarddeutsch als Dachsprache, stehen sprachgeschichtlich jedoch dem Friesischen beziehungsweise Niederländischen näher. Luxemburgische Mundarten sind sprachtypologisch weitgehend mit dem Moselfränkischen identisch, werden heute aber von der eigenständigen Standardsprache Luxemburgisch überdacht.
Ob eine Varietät als Sprache oder Dialekt bezeichnet wird, hängt daher von ihrer Beziehung zu anderen Varietäten und von gesellschaftlichen Bedingungen ab. Politische Grenzen bilden keine zuverlässigen Sprachgrenzen. Auch die Bezeichnungen Dialekt und Mundart werden gewöhnlich gleichbedeutend verwendet; Jacob Grimms Unterscheidung zwischen großräumigem Dialekt und kleinräumiger Mundart setzte sich nicht durch. Im Westen heißt eine örtliche Mundart häufig Platt, was nicht mit Plattdeutsch als Bezeichnung für Niederdeutsch verwechselt werden darf.
Entstehung und räumliche Gliederung
Im Frühmittelalter bestanden im späteren deutschen Sprachraum Stammesverbände wie Alamannen, Bajuwaren, Franken, Friesen, Sachsen und Thüringer. Wie weit sie jeweils eigene Sprachen besaßen, ist unbekannt. Seit dem 8. Jahrhundert, vereinzelt früher, sind verwandte althochdeutsche sowie altniederfränkische und altsächsische Schreibsprachen belegt. Sie dienten vor allem Literatur und Verwaltung und bildeten die gesprochene Sprache nur in Grundzügen ab. Vieles spricht dafür, dass wesentliche Merkmale heutiger Mundarten bereits im Hochmittelalter vorhanden waren.
Die früher verbreitete Annahme, Dialektgrenzen entsprächen den Grenzen alter Stämme, erwies sich als unzureichend. Georg Wenker ließ seit den 1870er Jahren Schulkinder vorgegebene Sätze in ihre örtlichen Dialekte übertragen. Die bis 1939 auf den gesamten deutschen Sprachraum ausgedehnten Erhebungen zeigten, dass Dialekträume eher mit mittelalterlichen Territorien als mit frühen Stammesgebieten übereinstimmen. So deckt sich das Moselfränkische ungefähr mit den früheren Grenzen des Erzbistums Trier, das Innerschwäbische mit Altwürttemberg.
Dialektgrenzen werden durch Isoglossen beschrieben, also Linien, die unterschiedliche Ausprägungen eines Sprachmerkmals trennen. Mehrere zusammen verlaufende Linien heißen Isoglossenbündel. Da breite Übergangszonen bestehen, sind diese Grenzen meist keine scharfen Sprachgrenzen. Die Benrather Linie, auch maken/machen-Linie, trennt Niederdeutsch und Niederfränkisch vom Mitteldeutschen. Zwischen Mittel- und Oberdeutsch wird meist die Speyerer appel/apfel-Linie oder die Germersheimer pund/pfund-Linie angesetzt. Heute bestimmt man Dialekträume nicht nur anhand einzelner Merkmale, sondern auch durch die Untersuchung ganzer Lautsysteme und dialektometrische Abstandsmessungen.
Hauptgruppen der Dialekte
Die traditionelle Gliederung beruht vor allem darauf, wie stark die Zweite Lautverschiebung wirkte. Diese begann im 6. Jahrhundert n. Chr. im Südosten des germanischen Sprachgebiets und breitete sich nach Nordwesten und Norden aus. Im Niederdeutschen fand sie nicht statt, im Mitteldeutschen nur teilweise und im Oberdeutschen am stärksten. Sichtbar wird sie beispielsweise in niederdeutsch maken gegenüber hochdeutsch machen oder in ik gegenüber ich. Daraus ergeben sich Niederdeutsch sowie das aus Mittel- und Oberdeutsch bestehende Hochdeutsch. Übergangsdialekte lassen sich jedoch nicht immer eindeutig einordnen; Berlinerisch weist etwa nieder- und mitteldeutsche Merkmale auf.
Das Niederdeutsche wird meist in West- und Ostniederdeutsch gegliedert. Zum Westniederdeutschen oder Niedersächsischen gehören Westfälisch, Ostfälisch und Nordniedersächsisch. Das Ostniederdeutsche umfasst Brandenburgisch beziehungsweise Märkisch und Mecklenburgisch-Vorpommersch; historisch gehören Ostpommersch und Niederpreußisch dazu. Eine alternative Einteilung unterscheidet Nord- und Südniederdeutsch. Niederdeutsch war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts besonders auf dem Land eine wichtige Umgangssprache und im Mittelalter sowie in der Frühneuzeit auch Kanzlei- und Hansesprache. Reformation, Zuwanderung und der Einfluss des Hochdeutschen drängten es zurück.
Das Mitteldeutsche zerfällt in West- und Ostmitteldeutsch. Westmitteldeutsch umfasst die fränkischen Gruppen Rheinfränkisch, Moselfränkisch und Ripuarisch. Es wird unter anderem in Luxemburg, im Saarland sowie in großen Teilen von Rheinland-Pfalz und Hessen gesprochen. Das vergleichsweise einheitlichere Ostmitteldeutsche umfasst vor allem die thüringisch-obersächsischen Mundarten; historisch gehören Schlesisch und Hochpreußisch dazu. Die Merkmale der Zweiten Lautverschiebung sind besonders im Westmitteldeutschen uneinheitlich verbreitet.
Zum Oberdeutschen gehören Alemannisch beziehungsweise Schwäbisch-Alemannisch im Westen, Bairisch im Osten sowie Ostfränkisch und Südfränkisch. Alemannische Mundarten werden im deutschsprachigen Teil der Schweiz, in Vorarlberg, Teilen Bayerns und Baden-Württembergs sowie historisch in weiten Teilen des Elsasses gesprochen. Sie gliedern sich meist in Schwäbisch, Nieder-, Mittel-, Hoch- und Höchstalemannisch. Bairische Mundarten erstrecken sich über Österreich außer Vorarlberg, Oberbayern, Niederbayern, die Oberpfalz und nahezu ganz Südtirol. Sie werden in Nord-, Mittel- und Südbairisch gegliedert; Wienerisch ist eine mittelbairische Stadtmundart.
Das Niederfränkische nimmt eine Sonderstellung ein: Es verwendet in Deutschland Standarddeutsch als Schrift- und Kultursprache, entstand jedoch aus dem Altniederländischen und steht dem Standardniederländischen näher. Es wird besonders am Niederrhein und im Osten des Bergischen Landes gesprochen. Saterfriesisch und Nordfriesisch stammen aus dem Altfriesischen und sind sprachtypologisch keine deutschen Dialekte; ihre Sprecher verwenden innerhalb Deutschlands jedoch Standarddeutsch als Dachsprache.
Dachsprachen und Verbreitung
Im größten Teil des deutschen Dialektraums ist Standarddeutsch die Dachsprache. In Teilen Frankreichs und Belgiens übernimmt Französisch diese Funktion, in norditalienischen Sprachinseln Italienisch. Luxemburgisch wurde in den letzten Jahrzehnten zur Standardsprache ausgebaut und 1984 zur Nationalsprache Luxemburgs erhoben; Deutsch blieb besonders als Schriftsprache wichtig. Schweizerdeutsche Dialekte werden stark verwendet, bilden aber keine gemeinsame Standardsprache. Das Standarddeutsch Deutschlands, Österreichs und der Schweiz besteht aus nationalen Varietäten derselben Standardsprache.
Das autochthone, also angestammte, Verbreitungsgebiet umfasst vor allem Deutschland, Österreich, die Schweiz, Liechtenstein und Luxemburg sowie angrenzende Gebiete Frankreichs, Belgiens, Italiens und Dänemarks. Hinzu kommen europäische Sprachinseln unter anderem in Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Slowenien, Rumänien und der Ukraine. Bis 1945 wurden deutsche Dialekte in großen Teilen Mittel- und Osteuropas gesprochen. Umsiedlungen während des Zweiten Weltkriegs, Stalins Deportation aller Wolgadeutschen nach Sibirien oder Kasachstan im Jahr 1941 sowie Flucht und Vertreibung nach 1945 ließen viele dieser Gebiete verschwinden. Rumänien- und Ungarndeutsche waren mehrheitlich nicht von Vertreibungen betroffen, doch Aussiedlung und Assimilation bedrohen ihre Dialekte.
Außereuropäische, durch Migration entstandene Dialektgebiete finden sich besonders in Amerika. Mennoniten in Mexiko und Paraguay sowie viele Sprecher in Kanada und den USA verwenden das ostniederdeutsche Plautdietsch. Hutterer sprechen das bairisch-österreichisch basierte Hutterisch. Bei den Amischen ist vor allem das pfälzisch basierte Pennsylvaniadeutsch erhalten; eine kleinere Gruppe spricht das berndeutsch basierte Shwitzer. Weitere Beispiele sind Alemán Coloniero in Venezuela, Riograndenser Hunsrückisch und Ostpommersch in Brasilien sowie Texasdeutsch und Belgranodeutsch. Nationale Standardvarietäten in Übersee, etwa das durch Afrikaans und Englisch beeinflusste Deutsch Namibias, sind von eigentlichen Dialekten zu unterscheiden.
Gegenwärtige Entwicklung
Die kleinräumige Abgeschlossenheit, die örtliche Unterschiede förderte, ist weitgehend verschwunden. Standard-, Umgangs-, Fach- und Mediensprachen sowie größere Mobilität gleichen Basisdialekte zunehmend aus; an ihre Stelle treten häufig großräumigere Regionalsprachen. Dialekte können dennoch kulturelle Identität vermitteln und sogar Umzugsentscheidungen beeinflussen.
In Deutschland gehen Dialekte insgesamt zurück, wenn auch regional unterschiedlich. 13 deutsche Regionalsprachen, darunter Kölsch und Bairisch, wurden als vom Aussterben bedroht gemeldet. Einer 2001 veröffentlichten Studie zufolge sprechen Menschen über 60 Jahre häufiger Dialekt als unter 35-Jährige und Bewohner von Orten mit weniger als 50.000 Einwohnern häufiger als Großstadtbewohner. Die selbst eingeschätzte Dialektkompetenz betrug in Bayern, im südlichen Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland 60–70 %, in Hamburg, im südlichen Niedersachsen, Berlin und südlichen Brandenburg dagegen weniger als 20 %. Solche Angaben sind vorsichtig zu beurteilen, weil manche Befragte auch regionale Umgangssprache als Dialekt verstehen.
In Österreich sind Mundarten besonders auf dem Land verbreitet, werden aber durch weniger kleinräumige Ausgleichsmundarten ersetzt. In Wien sprechen Schätzungen zufolge nur noch zehn Prozent das angestammte mittelbairische Wienerisch. In der Schweiz haben vor allem alemannische Mundarten gegenüber dem Standarddeutschen an öffentlicher Bedeutung gewonnen. Standarddeutsch bleibt unter anderem in Teilen von Parlament, Unterricht, Universität, Rundfunk und öffentlichen Ansagen gebräuchlich. Gleichzeitig werden ausgeprägte Dialektunterschiede abgebaut und der Abstand zur Schriftsprache kleiner.
In Ostbelgien stehen die Dialekte besonders im Eupener Land unter Druck, während sie in der belgischen Eifel stärker sind. In manchen Gemeinden dient Französisch statt Standarddeutsch als Hochsprache. In Luxemburg wurde der mittelfränkische Dialekt zur Standardsprache ausgebaut. In Frankreich werden deutsche Mundarten vielerorts vom Standardfranzösischen verdrängt.
Erforschung und Dokumentation
Die wissenschaftliche Dialektforschung dokumentiert Wortschatz, Lautung, Formenlehre, Satzbau, räumliche Verteilung, Wandel und gesellschaftlichen Gebrauch. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden Idiotika, also Sammlungen regional gebundener Wörter. Franz Joseph Stalders Schweizerische Dialektologie von 1819 und Johann Andreas Schmellers Die Mundarten Bayerns grammatisch dargestellt von 1821 waren frühe Grammatiken. Schmellers Bayerisches Wörterbuch von 1827–1836 legte eine Grundlage der modernen Dialektlexikographie. Seit dem späten 19. Jahrhundert entstanden wissenschaftliche, meist mehrbändige großlandschaftliche Wörterbücher.
Jost Wintelers Darstellung der Kerenzer Mundart von 1875/76 war grundlegend für die moderne Untersuchung der Dialektlautlehre. Zahlreiche spätere Ortsgrammatiken behandelten Phonologie, also das Lautsystem, und Morphologie, also Formenbildung; jüngere Arbeiten berücksichtigen auch Syntax, den Satzbau.
Georg Wenkers ab 1876 erarbeiteter Sprachatlas des Deutschen Reichs erfasste zunächst vor allem Lautverhältnisse. Ab 1939 ergänzte Walther Mitzka ihn durch den Deutschen Wortatlas. Der 1935 begründete Sprachatlas der deutschen Schweiz wurde zum Vorbild moderner Atlanten, die Wörter mit den bezeichneten Gegenständen und Sachverhalten verbanden. Neuere Projekte untersuchen auch Dialektsyntax. Der Digitale Wenkeratlas macht die an Tausenden Orten erhobenen Übersetzungen der Wenkersätze breit zugänglich und ermöglicht quantitative sowie arealtypologische Vergleiche.
Nach dem Zweiten Weltkrieg rückten soziale und praktische Fragen stärker in den Mittelpunkt, etwa die Verteilung von Dialekt und Standardsprache in Diglossie, also einer Situation mit zwei funktional unterschiedlich verwendeten Sprachformen, sowie die Sprachwahl in zweisprachigen Regionen. Weitere Forschungsfelder sind der noch wenig untersuchte Dialektwandel des 20. und 21. Jahrhunderts, Regionalsprachen und die Wahrnehmungsdialektologie. Letztere untersucht, wie sprachwissenschaftliche Laien regionale Varietäten sprachlich, räumlich, sozial und gedanklich wahrnehmen und darstellen.
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