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Deutsch-Ostafrika
Deutsch-Ostafrika war die Bezeichnung einer von 1885 bis 1918 bestehenden deutschen Kolonie, die wie andere solche Kolonien „Schutzgebiet“ genannt wurde.
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Gebiet und Bedeutung
Deutsch-Ostafrika war von 1885 bis 1918 eine deutsche Kolonie, die offiziell als „Schutzgebiet“ bezeichnet wurde. Sie umfasste ungefähr 995.000 km² und war damit nahezu doppelt so groß wie das damalige Deutsche Reich. Zum Gebiet gehörten die heutigen Staaten Tansania ohne Sansibar, Ruanda und Burundi sowie das Kionga-Dreieck im heutigen Mosambik. Deutsch-Ostafrika war die größte und mit rund 7,75 Millionen Einwohnern auch die bevölkerungsreichste Kolonie des Deutschen Reiches.
Hauptstadt der Kolonie war Berlin. Der Verwaltungssitz befand sich zunächst in Bagamoyo, von 1890 bis 1916 in Daressalam und 1916 vorübergehend in Tabora. 1913 lebten in der Kolonie etwa 7,7 Millionen Menschen, darunter rund 5300 Europäer und 4100 Deutsche. Von 1890 bis 1916 war die Deutsch-Ostafrikanische Rupie die Währung; in Tanganjika blieb sie noch bis 1920 im Umlauf.
Entstehung und Übernahme durch das Reich
Die deutsche Kolonialpolitik wurde in den 1880er Jahren durch wirtschaftliche und nationalistische Interessen gefördert. Wirtschaftskreise verlangten neue Absatzmärkte. Teile des Bürgertums und des Adels hofften außerdem auf eine deutsche Auswanderung und die Entstehung eines „deutschen Indiens“ in Übersee. Reichskanzler Otto von Bismarck lehnte eine aktive Kolonialpolitik zunächst ab, änderte seine Haltung aber aus innenpolitischen Gründen.
Der Pastorensohn Carl Peters gründete die Gesellschaft für deutsche Kolonisation und reiste am 10. November 1884 nach Sansibar. Auf dem Festland schloss er sogenannte Schutzverträge mit Herrschern in Nguru, Ukami, Usagara und Usegua. Der Sinn dieser Verträge wurde von den unterzeichnenden Häuptlingen meist nicht verstanden. Am 27. Februar 1885 stellte Kaiser Wilhelm I. einen Schutzbrief aus. Damit wurden die Gebiete unter dem Namen Deutsch-Ostafrika dem Schutz des Deutschen Reiches unterstellt. Die inzwischen Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (DOAG) genannte Gesellschaft weitete ihre Ansprüche aus.
Die Regierung von Sansibar protestierte, da der Sultan die Küste und große Teile des Hinterlandes beanspruchte. Ein deutsches Marinegeschwader zwang ihn zur Anerkennung der DOAG-Erwerbungen. Im britisch-deutschen Abkommen vom 1. November 1886 wurden die Einflusssphären festgelegt. 1887 übernahm die DOAG im Namen des Sultans die Verwaltung des Festlandstreifens zwischen Umba und Rovuma sowie die Erhebung der Küstenzölle.
Als diese Regelung 1888 wirksam wurde, brach unter Buschiri bin Salim von Tanga bis Lindi der Küstenaufstand aus. Die DOAG-Herrschaft brach weitgehend zusammen. Hermann von Wissmann schlug den Aufstand mit deutschen Offizieren sowie sudanesischen und Zulu-Söldnern nieder. Buschiri wurde am 15. Dezember 1889 hingerichtet. Faktisch ging die Kontrolle damit auf das Deutsche Reich über; 1891 wurde Deutsch-Ostafrika offiziell der Reichsverwaltung unterstellt. Die frühere DOAG-Herrschaft wurde durch eine staatliche Verwaltung und die Schutztruppe ersetzt.
Der Helgoland-Sansibar-Vertrag vom 1. Juli 1890 begrenzte die deutschen Ansprüche. Deutschland gab Wituland und seine Ansprüche auf Uganda an Großbritannien ab und erhielt dafür unter anderem Helgoland. 1894 wurde nach einem Grenzkonflikt mit Portugal nur noch das Kionga-Dreieck eingegliedert. Die deutsche Herrschaft wurde in den 1890er Jahren durch militärische Feldzüge, unter anderem gegen die Hehe, weiter ausgedehnt.
Verwaltung, Recht und Kommunikation
Die Verwaltung entwickelte sich von der Küste in das Landesinnere. An der Küste entstanden Bezirke, während im Binnenland zunächst Militärstationen eingerichtet wurden. 1890 wurde die Kolonie kurzzeitig in eine nördliche und eine südliche Provinz geteilt; 1891 kehrte man zur Bezirkseinteilung zurück. 1893 bestanden sieben Bezirke, darunter Bagamoyo, Daressalam, Kilwa, Lindi, Pangani, Tabora und Langenburg. Militärstationen wurden später schrittweise in zivile Bezirke umgewandelt.
1905 gab es 22 Bezirke: Zehn unterstanden Bezirksämtern der Zivilverwaltung, zwölf waren Militärbezirke unter dem Kommando der Schutztruppe. Zusätzlich bestanden 14 Bezirksnebenstellen. 1906 entstanden aus den Militärbezirken Usumbura und Bukoba die Residenturen Ruanda, Urundi und Bukoba. In diesen Gebieten wandte die deutsche Verwaltung gegenüber den Sultanaten teilweise die britische „indirect rule“ an, also eine Herrschaft über einheimische politische Strukturen. 1914 bestanden 19 zivile Bezirksämter; Iringa und Mahenge waren weiterhin Militärbezirke.
Für Deutsche und ihnen rechtlich gleichgestellte Europäer waren Bezirksgerichte und das Obergericht in Daressalam zuständig. 1914 gab es Bezirksgerichte in Daressalam, Tanga, Muansa, Moshi und Tabora. Gegenüber der einheimischen Bevölkerung übten grundsätzlich die Bezirksamtsmänner die Strafrechtspflege aus. Häuptlinge durften häufig über ihre Stammesangehörigen richten und Geldstrafen bis zu 100 Rupien verhängen. Wenn deutsche Beamte die Rechtsprechung übernahmen, berieten sie sogenannte Walis, einheimische Richter, über örtliche Sitten und Rechtsgewohnheiten.
Ein Post- und Telegraphennetz verband die Küste mit dem Binnenland. Ab 1894 gab es staatliche Postverbindungen; abgelegene Postämter wurden durch Botenpost erreicht. Telegraphenlinien verbanden unter anderem Tanga mit Mikindani und Aruscha sowie Daressalam über Kilossa und Tabora mit Muansa. Ein Seekabel über Sansibar stellte den Anschluss an das Welttelegraphennetz her. Bis 1914 entstanden drei Funkstationen. Eine geplante Großfunkstation bei Tabora wurde wegen des Ersten Weltkriegs nicht fertiggestellt.
Wirtschaft und Verkehr
Die koloniale Wirtschaft beruhte vor allem auf Landwirtschaft, Plantagen und Handel. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Baumwolle, Kautschuk und Sisal eingeführt. Im Jahr 1902 entstand in den Usambarabergen das Biologisch-Landwirtschaftliche Institut Amani, damals die modernste Einrichtung ihrer Art in Afrika. Arbeitskräfte wurden teilweise als Zwangsarbeiter eingesetzt. Außerdem zwang die Steuerpolitik viele Afrikaner zur Lohnarbeit: Die Steuern mussten in Bargeld bezahlt werden, das für die einheimische Bevölkerung meist nur durch Arbeit bei Europäern erhältlich war. Die in vorkolonialer Zeit verbreitete Haussklaverei blieb aus Sorge vor einem Zusammenbruch der lokalen Wirtschaft zunächst erlaubt. Um 1900 waren einer Schätzung zufolge etwa zehn Prozent der Bevölkerung Ostafrikas Sklaven.
Zu den Ausfuhrprodukten gehörten Elfenbein, Rohkautschuk, Sesam, Kopra, Harze, Kokosnüsse, Matten, Holz, Gehörne, Kaffee, Gewürze und Nilpferdzähne. Die Exporterlöse betrugen 1902 5.283.290 Mark und 1903 6.738.906 Mark; einschließlich der Exporte auf dem Landweg waren es 1903 7.054.207 Mark. Importiert wurden unter anderem Baumwollprodukte, Reis, Eisenwaren, Lebensmittel, Petroleum, Mehl, Tabak und Branntwein. Die Importwerte lagen 1902 bei 8.858.463 Mark und 1903 bei 10.688.804 Mark; einschließlich der Landwege 1903 bei 11.188.052 Mark.
Wichtige Eisenbahnstrecken waren die Usambara- und die Tanganjikabahn. Die Ostafrikanische Eisenbahngesellschaft wurde am 29. Juni 1904 in Berlin gegründet. 1914 waren etwa 1628 Streckenkilometer in Betrieb. Eine Ruandabahn sowie weitere Strecken im Süden wurden wegen des Ersten Weltkriegs nicht mehr gebaut.
Die 1890 gegründete Deutsche Ost-Afrika-Linie übernahm vor allem den Schiffsverkehr zwischen Europa und der Kolonie sowie die Küstenschifffahrt. Daressalam und Tanga waren die wichtigsten Häfen. Zusätzlich verkehrten einheimische Segelschiffe, sogenannte Daus, und kleinere Schiffe auf dem Malawi-, Tanganjika- und Victoriasee. In Daressalam gab es ab 1902 ein Schwimmdock sowie ab 1906 ein Desinfektions- und Feuerlöschboot.
Bevölkerung, Bildung und Widerstand
Die deutsche Herrschaft stand in einem starken zahlenmäßigen Gegensatz zur Bevölkerungsmehrheit. 1913 lebten etwa 7.645.000 Afrikaner, 4000 Araber, 8800 Inder und 5339 Europäer in der Kolonie; unter den Europäern waren 4107 Deutsche. Nur 882 deutsche Siedler arbeiteten als Farmer oder Pflanzer. Gleichzeitig waren etwa 70.000 Afrikaner auf Plantagen beschäftigt. Araber und Inder spielten eine wichtige Rolle im Handel und in der Lokalverwaltung, wurden aber weder von der afrikanischen Mehrheitsgesellschaft noch von der europäischen Führungsschicht vollständig anerkannt.
Nach dem Maji-Maji-Aufstand von 1905 bis 1907 wurden einige Herrschaftsmethoden unter Gouverneur Albrecht von Rechenberg abgeschwächt. Reformen scheiterten jedoch weitgehend am Widerstand weißer Siedler. Der Aufstand war durch höhere Steuern, Zwangsarbeit und besonders die sogenannten Dorfschamben ausgelöst worden. Das waren Baumwollfelder, auf denen die Einwohner eines Dorfes zur Arbeit gezwungen wurden. Die Bewegung begann in der zweiten Julihälfte 1905 bei den Matumbi nahe Kilwa. Am 15. August wurde der deutsche Militärposten von Liwale erobert.
Der Prophet Kinjikitile Ngwale verband verschiedene Bevölkerungsgruppen durch den Maji-Kult. „Maji“ bedeutet „Wasser“; ein heiliges Wasser sollte die Aufständischen schützen und deutsche Gewehrkugeln in Wassertropfen verwandeln. Am 30. August 1905 griffen mehrere Tausend Menschen die Boma von Mahenge an, die von etwa 80 Schutztruppenangehörigen und 200 loyalen Einheimischen verteidigt wurde. Im Maschinengewehrfeuer erlitten die Angreifer schwere Verluste. Im Oktober kontrollierten die Aufständischen dennoch etwa die Hälfte der Kolonie. Danach gingen sie zunehmend zu einem Kleinkrieg über.
Ab 1906 zerstörten deutsche Truppen Dörfer, verbrannten Ernten und Vorräte, schütteten Brunnen zu und nahmen Angehörige von Anführern in Sippenhaft. Die sogenannte Strategie der verbrannten Erde verursachte eine Hungerkatastrophe und veränderte die sozialen Strukturen nachhaltig. Die Verluste der Aufständischen werden heute auf 100.000 bis 300.000 Menschen geschätzt; auf deutscher Seite starben 15 Europäer und 389 afrikanische Soldaten. Bis zum Ende der deutschen Herrschaft kam es danach zu keinem vergleichbaren Widerstand mehr.
Swahili gewann während der Kolonialzeit an Bedeutung und wurde für den direkten Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung sowie in staatlichen Schulen als Verwaltungssprache verwendet. Missionsschulen unterrichteten dagegen eher in den jeweiligen Lokalsprachen. 1911 waren etwa acht Prozent der Schulen staatliche und 92 Prozent Missionsschulen. Regierungsschulen nahmen auch Muslime auf und eröffneten ihnen Chancen in der niederen Verwaltung; Missionsschulen verweigerten ihnen diese Möglichkeit häufiger.
Erster Weltkrieg und Ende der Kolonie
Deutsch-Ostafrika war im Ersten Weltkrieg durchgehend umkämpft. Bis März 1916 wehrte die Schutztruppe einen britisch-indischen Landungsversuch bei Tanga ab, unternahm Vorstöße in britische und belgische Gebiete und hielt den größten Teil der Kolonie. 1916 rückten jedoch stärkere alliierte Truppen aus Kenia, Belgisch-Kongo und Nyassaland ein. Sie drängten die Schutztruppe in den unwegsamen Süden zurück.
Unter ihrem Kommandeur Paul von Lettow-Vorbeck zog sich die Schutztruppe im November 1917 nach Portugiesisch-Ostafrika, dem heutigen Mosambik, zurück. Dort führte sie weitere Rückzugsgefechte. Im Oktober 1918 gelangte sie durch den Süden Deutsch-Ostafrikas nach Nordrhodesien. Wegen der verspäteten Nachricht vom Waffenstillstand von Compiègne endete der Krieg in Ostafrika erst am 25. November 1918. An diesem Tag wurde die Überführung der Schutztruppe und der deutschen Bevölkerung nach Deutschland vereinbart.
Die Kämpfe verursachten ab 1916 schwere Verwüstungen. Hunderttausende Zivilpersonen starben, besonders unter den zwangsweise zum Militärtransport eingesetzten Trägern, während einer Hungersnot ab 1917 und infolge der Grippeepidemie von 1918 bis 1920.
Der Versailler Vertrag verpflichtete Deutschland zur Abgabe aller Kolonien. Am 20. Januar 1920 wurde Deutsch-Ostafrika der Verwaltung des Völkerbundes unterstellt. Das Gebiet wurde aufgeteilt: Belgien erhielt die Mandate über Ruanda und Burundi, Großbritannien das Mandat über Tanganjika. Das Kionga-Dreieck fiel an Portugiesisch-Ostafrika, sodass die Grenze dort bis zur Rovumamündung vorgeschoben wurde.