Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Deutsch-Neuguinea

Unter dem Namen Deutsch-Neuguinea übernahm das Deutsche Reich 1899 das von der deutschen Neuguinea-Kompagnie verwaltete kaiserliche Schutzgebiet in Ozeanien …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gebiet und Bedeutung
  2. 2. Entstehung des Schutzgebiets
  3. 3. Herrschaft der Neuguinea-Kompagnie
  4. 4. Reichsverwaltung, Wirtschaft und Ausbau
  5. 5. Krieg und Ende der Kolonie

Gebiet und Bedeutung

Deutsch-Neuguinea war die Bezeichnung für die deutschen Kolonien beziehungsweise „Schutzgebiete“ im Südpazifik mit Ausnahme von Deutsch-Samoa. Das Deutsche Reich übernahm 1899 die unmittelbare Verwaltung des zuvor von der Neuguinea-Kompagnie verwalteten Gebietes. Die Kolonie bestand bis zur Besetzung im Ersten Weltkrieg und umfasste etwa 240.000 km².

Zum Gebiet gehörten Kaiser-Wilhelms-Land im Nordosten der Insel Neuguinea, der Bismarck-Archipel mit unter anderem Neupommern, Neumecklenburg, Neuhannover und den Admiralitätsinseln, die nördlichen Salomon-Inseln, die Karolinen, die Nördlichen Marianen ohne Guam, Palau, Nauru und die Marshallinseln. Die Marshallinseln bildeten von 1885 bis 1906 ein separates Schutzgebiet.

Die weit verstreuten Gebiete liegen heute in Papua-Neuguinea, den Föderierten Staaten von Mikronesien, den Nördlichen Marianen, Palau, Nauru, den Marshallinseln und dem nördlichen Teil der Salomonen. Bei der einzigen vollständigen Volkszählung von 1912 wurden 478.843 indigene und 772 deutsche Einwohner gezählt; als Gesamteinwohnerzahl wurden für 1912 rund 480.000 angegeben. Von 1885 bis 1911 galt die Neuguinea-Mark, danach die Goldmark.

Entstehung des Schutzgebiets

In den frühen 1880er Jahren verschärften wirtschaftliche Interessen deutscher und australbritischer Kaufleute den Wettbewerb um Neuguinea. Gleichzeitig wurden Inselbewohner verstärkt zur Arbeit auf Plantagen in Queensland und Samoa gezwungen. Queensland beanspruchte im April 1883 eigenmächtig den nicht niederländisch kontrollierten Teil Neuguineas östlich des 141. Längengrades. Henry Chester hisste am 4. April 1883 in Port Moresby den Union Jack, doch das britische Kolonialministerium erkannte die Annexion zunächst nicht an.

Nach Protesten in Australien verlangte ein Interkolonialer Konvent im November 1883 die britische Annexion Neuguineas und der vorgelagerten Inseln. Großbritannien beanspruchte schließlich den Süd- und Ostteil Neuguineas. Auf einer Londoner Konferenz im Februar 1885 wurden die deutsch-britischen Interessensphären abgegrenzt: Großbritannien erhielt den Süd- und Ostteil sowie die Gilbert- und Elliceinseln; dem Deutschen Reich wurden das spätere Kaiser-Wilhelms-Land an der Nordostküste und die nördlich vorgelagerten Inseln zugesprochen, die ab 1885 Bismarck-Archipel hießen. Samoa, Tonga, die Salomonen und die Neuen Hebriden blieben zunächst unabhängig.

Die deutsche Expansion wurde zunächst privatwirtschaftlich vorbereitet. Der Bankier Adolph von Hansemann entwickelte ein Programm, nach dem eine kleine Gesellschaft auf eigene Kosten Besitz erwerben und erst nach einem Erfolg eine größere Kolonialgesellschaft entstehen sollte. 1884 wurde das Neuguinea-Consortium gegründet; Otto Finsch leitete eine als wissenschaftlich getarnte Expedition mit dem Dampfer Samoa. Das Reich versprach maritimen und konsularischen Schutz.

Im Herbst 1884 schlossen deutsche Vertreter sogenannte Landkäufe und „Verträge des Reichs“ mit Küstenbewohnern. Laut Finsch verstanden die Papuas diese Vereinbarungen kaum. Am 3. November wurde auf Matupi, am 4. November auf Mioko und anschließend an weiteren Orten die deutsche Reichsflagge gehisst. Am 23. und 24. November wurde Finschhafen als Standort der ersten Verwaltungshauptstadt erkundet. Trotz britischer Einwände wurden die deutschen Ansprüche 1885 diplomatisch anerkannt.

Herrschaft der Neuguinea-Kompagnie

Die 1884 gegründete Neuguinea-Kompagnie erhielt durch den Schutzbrief vom 17. Mai 1885 weitreichende Hoheitsrechte. Sie durfte das Gebiet selbst verwalten, unbesiedeltes Land beanspruchen und Landkäufe abschließen. Die Beziehungen zu anderen Mächten blieben Aufgabe der Reichsregierung. Als Gegenleistung sollte die Kompagnie ohne Zuschüsse aus der Reichskasse Häfen und das Landesinnere erkunden, Versorgungsdepots anlegen, Rechtsverhältnisse schaffen und Siedler anwerben.

Bis Mai 1888 leiteten Kompagniebeamte die Handels- und Plantagenniederlassungen. Sie erhoben Zölle und Steuern und übernahmen richterliche Aufgaben. Der ranghöchste Vertreter war der Landeshauptmann. Die praktische Kolonisierung war jedoch mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten, Krankheiten und Widerstand gegen Landnahmen verbunden; der Artikel kennzeichnet seine Darstellung dieser Probleme ausdrücklich als unvollständig.

1888 versank bei einem Vulkanausbruch ein großer Teil der Ritter-Insel. Der folgende Tsunami tötete mehr als 3.000 Menschen, darunter die deutschen Forscher von Below und Carl Hunstein. Wegen einer Malariaepidemie musste Finschhafen 1891 als Hauptstadt aufgegeben werden; 1901 wurde der Ort neu gegründet. Ab September 1897 erhielt die Kolonie ihre ersten eigenen Briefmarken, indem Marken der deutschen Reichspost mit „Deutsch-Neu-Guinea“ überdruckt wurden.

Reichsverwaltung, Wirtschaft und Ausbau

Da der Neuguinea-Kompagnie die Insolvenz drohte, kaufte das Deutsche Reich am 7. Oktober 1898 die Hoheitsrechte über Kaiser-Wilhelms-Land zurück. Seit 1899 verwaltete es die Kolonien unmittelbar als Deutsch-Neuguinea. An die Stelle des Landeshauptmanns trat ein kaiserlicher Gouverneur. Der Verwaltungssitz befand sich zunächst in Herbertshöhe auf der Gazelle-Halbinsel, wodurch Friedrich-Wilhelmshafen seine Stellung als Hauptstadt verlor. Ab 1910 war Rabaul beziehungsweise Simpsonhafen Regierungssitz; im August 1914 wurde er vorübergehend ins landeinwärts gelegene Toma verlegt.

Die Reichsregierung wollte vor allem die Wirtschaft stabilisieren. Wichtigste Ausfuhrgüter blieben Naturprodukte wie Kautschuk, Kopra und Steinnüsse. Auf Plantagen wurden besonders Kokospalmen angebaut; hierfür brachten die Kolonialisten vermehrt chinesische und malaiische Arbeitskräfte in das Gebiet. Im Bergbau waren vor allem die Phosphatvorkommen auf Nauru und Angaur bedeutend. Eingeführt wurden unter anderem Körner- und Hülsenfrüchte, Metallwaren, Bau- und Nutzholz sowie tierische Produkte.

Durch den Deutsch-Spanischen Vertrag von 1899 erwarb das Deutsche Reich für 25 Millionen Pesetas, knapp 17 Millionen Mark, die Karolinen, Palau und die Nördlichen Marianen von Spanien. Der Samoa-Vertrag von 1899 regelte unter anderem Streitigkeiten um die Salomonen. Nauru war bereits am 16. April 1888 zum Protektorat erklärt worden. Am 2. Oktober 1888 landete der Kaiserliche Kommissar Franz Sonnenschein dort, hisste die deutsche Flagge und ließ 765 Schusswaffen beschlagnahmen; die Insel hatte damals 1008 Erwachsene und 286 Kinder. 1911 schlugen deutsche Marinesoldaten und die koloniale Polizeitruppe den Aufstand der Sokehs auf den Karolinen gewaltsam nieder.

Wegen der Insellage waren Schiffe das wichtigste Verkehrsmittel. Hauptverbindungen waren die Austral-Japan-Linie, die Neuguinea-Singapore-Linie und eine Reichspostdampfer-Linie. Eine Reise von Europa dauerte durchschnittlich sechs Wochen; selbst Reisen innerhalb der Kolonie konnten bis zu 60 Tage beanspruchen. Es gab kein Eisenbahnnetz, sondern nur kurze Feldbahnen. Der Verkehr an Land erfolgte zu Fuß, mit Pferden oder Wagen, teilweise bereits mit Autos. Nur Yap war per Kabel mit dem Welttelegrafennetz verbunden. Großfunkstationen auf Yap, Nauru und bei Rabaul sowie eine kleinere Station auf Angaur ermöglichten drahtlose Telegrafie.

Krieg und Ende der Kolonie

Nach Beginn des Ersten Weltkriegs besetzten australische Truppen ab August 1914 Kaiser-Wilhelms-Land, den Bismarck-Archipel, die deutschen Salomonen und Nauru. Japanische Einheiten übernahmen die Marianen, Karolinen, Palau und Marshallinseln nahezu kampflos. Im September 1914 eroberten australische Einheiten die Funkstation Bita Paka; anschließend nahmen mehr als 3.000 australische Soldaten Rabaul ein. Der deutsche Hauptmann Hermann Detzner versteckte sich mit wenigen Männern in der Provinz Morobe und kapitulierte erst im November 1918.

Die deutschen Bewohner wurden schrittweise ausgewiesen oder interniert. Etwa 110 Beamte und öffentliche Angestellte kehrten zwischen September 1914 und Mai 1915 nach Deutschland zurück. Rund 95 Zivilisten wurden 1914/15 in australische Lager gebracht und bis 1919/20 interniert. Die verbliebenen etwa 180 deutschen Siedler wurden zwischen 1920 und 1922 überwiegend vertrieben. Ab 1921 enteignete Australien formal sämtliche Deutschen, auch bereits Verstorbene oder Deportierte; eine Entschädigung wurde nicht gezahlt.

Australien erhielt anschließend das Völkerbundmandat über das Territorium Neuguinea. 1949 wurde es mit dem ebenfalls australisch verwalteten Territorium Papua vereinigt; 1975 entstand daraus der unabhängige Staat Papua-Neuguinea. Die früheren japanischen Mandatsgebiete kamen nach dem Zweiten Weltkrieg unter US-amerikanische Treuhänderschaft. Nauru wurde 1968 unabhängig, die Karolinen als Teil Mikronesiens und die Marshallinseln 1986, Palau 1994. Die Nördlichen Marianen gehören weiterhin zu den USA und besitzen seit 1986 eine gewisse Autonomie. Ein 1914 entworfenes Wappen und eine eigene Flagge für Deutsch-Neuguinea wurden wegen des Kriegsbeginns nicht mehr eingeführt.

Lernvideos zu Deutsch-Neuguinea

Weiterlesen

Wilhelm I. (Deutsches Reich) Im Kampf gegen das Parlament berief Wilhelm 1862 Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten. Mit dessen Unterstützung wurde der Verfassungskonflikt 1866 … Friedrich III. (Deutsches Reich) Friedrich III., mit vollem Namen Friedrich Wilhelm Nikolaus Karl von Preußen (* 18. Oktober 1831 im Neuen Palais in Potsdam; † 15. Wilhelm II. (Deutsches Reich) Nach den Oktoberreformen war der Reichskanzler nicht mehr ihm, sondern dem Reichstag verantwortlich. Im Weltkrieg war der Kaiser von der Obersten Heeresleitung … 1884 In Berlin beginnt die Kongokonferenz, auf der die Aufteilung Afrikas in Kolonien beschlossen wird. 1914 Das Jahr 1914 stellt in mehrfacher Hinsicht eine historische Zäsur dar. Das Attentat von Sarajevo, bei dem serbische Nationalisten den österreichisch- … Deutsches Kaiserreich Die innen- und außenpolitische Entwicklung des Reichs wurde von 1871 bis 1890 von seinem ersten und am längsten amtierenden Kanzler, Otto von Bismarck, bestimmt … Südpazifik Die Grenzziehung im Süden zum Südpolarmeer wird geografisch weitgehend übereinstimmend ab dem 50. Breitengrad gewählt, meteorologisch-nautisch südlich … Deutsche Kolonien Bereits auf der Kongokonferenz 1884/85 in Berlin wurden Regelungen für den Handel im Kongobecken, die Schifffahrt auf Kongo und Niger sowie für künftige … Niederlande Die Niederlande (niederländisch und friesisch Nederlân, Singular, auf Deutsch informell auch Holland) sind eines der vier autonomen Länder des Königreiches … Vulkanausbruch Das schmelzende Gestein dehnt sich aus, Magmakammern entstehen. Die entstehenden Gase erhöhen mit der Zeit den Druck innerhalb der flüssigen Masse; das Magma … Tsunami Ein Frühwarnsystem gibt bei Erdbeben der Stärke 4 automatisch Tsunamialarm ... Die Staaten am Indischen Ozean haben nach der Flutkatastrophe in Südasien 2004 … Erster Weltkrieg Der Erste Weltkrieg war ein bewaffneter Konflikt, der von 1914 bis 1918 in Europa, Vorderasien, Afrika, Ostasien und auf den Ozeanen geführt wurde.