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Deutsche Kolonien - Der Fall Neuguinea

Ein Hut voll Wissen22:09 2.136 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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Transkriptautomatisch erstellt · 129 Zeilen
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  1. Hallo zusammen und herzlich willkommen zu einer neuen Folge. In der heutigen Folge sprechen wir erneut über die deutschen Kolonien, und zwar dieses Mal den Fall Neuguinea. Los geht’s.
  2. Im Zuge der deutschen Kolonialpolitik, die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhundert so langsam einsetzte, gerieten neben Afrika und China vor allem die Pazifikstaaten in den Fokus.
  3. Und unter den unterschiedlichen Staaten, auf die es die Deutschen abgesehen hatten, war auch Neuguinea. Bereits im Jahr 1884 stellte das Deutsche Reich Neuguinea beziehungsweise einen
  4. Teil Neuguineas unter den Schutz des Reiches. Die deutsche Regierung begründete diesen Schritt oder diese Inbesitznahme Neuguineas beziehungsweise ein Teil Neuguineas damit, dass angeblich vor
  5. Ort verschiedene Einheimische durch Australier entführt werden würden und auf australischen Zuckerrohrplantagen versklavt würden. Tatsächlich wurden auf australischen Zuckerrohrplantagen
  6. Arbeiter ausgebeutet, die man quasi in diesen Regionen entführt hatte. Doch schlussendlich war das aus deutscher Sicht natürlich nur ein willkommener Grund, nun endlich selbst eine
  7. Kolonie in dieser Region zu begründen. Insofern waren die ganzen Menschenrechtserklärungen sozusagen bei dieser Aktion natürlich nur vorgeschoben. Mit der Errichtung einer deutschen
  8. Kolonie Neuguinea wurde als erster Schritt die Anwerbung von Arbeitskräften aus dieser neuen Kolonie durch andere Länder verboten. Damit wollte man eben genau verhindern, dass jetzt Australier
  9. und andere die eigenen Arbeitskräfte abwerben würden, denn die wollte man natürlich für die eigene koloniale Arbeit nun haben. Von Beginn an war eine Besonderheit in den Pazifikstaaten,
  10. aber vor allem auch in Neuguinea, dass die Deutschen - ganz anders als in Afrika - von Beginn an überhaupt nicht versuchten, großartig Land von der einheimischen Bevölkerung zu
  11. erwerben. Man muss sich dazu bewusst machen: In den Pazifikstaaten und auch in Neuguinea hatte man sehr andere gesellschaftliche Systeme als man sie aus Europa kannte. Man hatte in
  12. der Regel egalitäre Gesellschaftsformen und keine hierarchischen Gesellschaftsformen. Das bedeutet, verschiedene Familien, Sippen, Clans und so weiter verwalteten Grund und Boden gemeinsam, und man
  13. hatte in dem Sinne keine Führungspersönlichkeit, der man jetzt das Land hätte abkaufen können. Aus deutscher Sicht war das allerdings ein sehr glücklicher Umstand. Denn da man dieses Prinzip
  14. in Europa nicht kannte, sah man dieses Land, das die Gesamtheit besaß, im Grunde als ein „herrenloses“ Land an, das man jetzt für sich reklamierte. Die Leitung der Kolonie vor Ort
  15. übernahm für die ersten Jahrzehnte die sogenannte Neuguinea-Kompagnie, also ein Zusammenschluss von Bankiers und anderen Finanzunternehmen, die sich hier wirtschaftliche Vorteile in der Region
  16. erhofften. Allerdings war ein größeres Problem von Beginn an in der neuen Kolonie Deutsch- Neuguinea, dass die Verwalter dieser Kolonie, also die Neuguinea-Kompagnie, im Grunde kaum eine
  17. Ahnung davon hatte, was vor Ort eigentlich passierte, sondern viele Entscheidungen, wie man mit dieser Kolonie verfahren sollte (sozial, gesellschaftlich, politisch und so
  18. weiter), wurden in Berlin getroffen, und man versuchte nun, diese neuen Regeln über die Jahre der neuen Kolonie überzustülpen, ohne überhaupt nur ansatzweise zu wissen,
  19. wie es vor Ort eigentlich aussah und mit welchen sozialen Gegebenheiten es man zu tun hatte. Diese Unwissenheit der verwaltenden Handelskompagnie zeigte sich alleine schon in dem gewählten Logo
  20. dieser Kompagnie, nämlich einem Löwen, mit dem man quasi ausdrücken wollte in welcher wilden Region man sozusagen jetzt tätig sei. Doch tatsächlich gab es in Neuguinea keine Löwen und auch keine
  21. Raubkatzen im Allgemeinen, und damit zeigte das schon in gewisser Weise die Ratlosigkeit und die Unwissenheit über die eigentlichen Umstände vor Ort. Das eigentliche Wappentier
  22. Neuguineas hingegen war der Paradiesvogel, der schon wesentlich stärker aussagte, dass man sich in einer etwas exotischen Region befand, tausende Kilometer entfernt von Europa, wo
  23. man alleine heute mit dem Flugzeug noch sehr lange brauchen würde um dort überhaupt hin zu kommen. Und für damalige Verhältnisse (wie man sich vorstellen kann) ohne Flugzeuge und einfach nur
  24. mit einem Schiff, häufig auch noch mit einfachen Segelschiffen, war das im Grunde eine Weltreise. In wirtschaftlicher Hinsicht stellte die neue Kolonie die Deutschen auch vor größere Probleme.
  25. Aus Europa war man natürlich gewöhnt, dass man einen Münzhandel hatte, einen Geldhandel. Doch vor Ort hatte man natürlich keine verschiedenen Währungen, sondern die Bevölkerung lebte vor
  26. allem von Tauschhandel wie das auf vielen Inseln im Pazifikraum der Fall war. Und hier musste man zunächst einmal Wege finden wie man jetzt das neue gesellschaftliche Leben organisierte. Und
  27. tatsächlich ging die Neuguinea-Kompagnie zunächst einmal dazu über, dass man den Tauschhandel förderte, dass man die Arbeitskräfte vor Ort quasi dann mit Tabak und anderen Waren
  28. versorgte und die damit quasi bezahlte. Und erst nach und nach sollte überhaupt so etwas wie ein Geldhandel und ein Steuersystem im klassischen Sinne eingeführt werden. Tatsächlich hatte die
  29. Neuguinea-Kompagnie von Beginn an den Tabakhandel zu einem wichtigen Handelsposten ausgearbeitet in Neuguinea. Doch schnell sollte sich das als eine Fehlinvestition erweisen. Denn die Tabakpreise
  30. brachen im ausgehenden 19. Jahrhundert massiv ein weltweit, und damit wurde diese Region Neuguinea für die Neuguinea-Kompagnie immer unattraktiver. Und so versuchte
  31. die Neuguinea-Kompagnie dann schlussendlich zur Jahrhundertwende das Gebiet abzustoßen und an die Reichsregierung zur Verwaltung zurückzugeben. Abseits von wirtschaftlicher Expansion sorgte
  32. die Neuguinea-Kompagnie in Deutsch-Neuguinea natürlich jetzt dafür, dass hier ein stärkerer Urbanisierungsgrad zu Stande kam. Zuvor hatten natürlich die Bevölkerungen vor Ort eher in
  33. kleinen Dorfgemeinschaften gelebt. Doch nun, unter der Aufsicht der neuen Kolonialverwaltung, sollte natürlich ein Stück weit sozusagen auch Europa in Neuguinea einziehen oder Deutschland
  34. in Neuguinea einziehen. Und damit musste man ein Stück weit auch urbanisieren, also sprich kleinere Städte errichten. So entstanden unterschiedliche deutsche „Hauptstädte“ im Laufe der Jahre;
  35. die wichtigste unter ihnen war Finschhafen, benannt nach dem deutschen Reisenden und Hobby-Wissenschaftler Otto Finsch, der bereits in den 1880er-Jahren die Einnahme
  36. Neuguineas in gewisser Weise vorbereitet hatte. Der Chef der deutschen Kolonie Neuguinea vor Ort war wiederum ein Landeshauptmann sozusagen, und zwar ein Landeshauptmann der Neuguinea-Kompagnie,
  37. der vor Ort die Entscheidungen traf. Während die Verwaltung natürlich vor allem durch Deutsche und Europäer vollzogen wurde, musste die harte Arbeit, die harte körperliche Arbeit, vor allem natürlich
  38. durch die einheimische Bevölkerung verrichtet werden: sprich Pflanzen anbauen, Wälder roden, Erntearbeiten verrichten und ähnliche Dinge. Doch die von den Deutschen erwartete Arbeitsmoral der
  39. einheimischen Bevölkerung war doch wesentlich geringer als man sich zunächst erhofft hatte, was natürlich auch damit zusammen hing, dass die Bevölkerung vor Ort von europäischen
  40. Arbeitsnormen natürlich überhaupt keine Ahnung hatte, sondern man ging hier ja einfach seinem kleinen isolierten Leben nach. Doch die Deutschen hatten natürlich ein Interesse daran,
  41. und vor allem die Neuguinea.Kompagnie, Neuguinea nun auszubauen zu einem wirtschaftlich attraktiven Ort für deutsche Handelsbeziehungen. Und daher musste man natürlich die Bevölkerung irgendwie
  42. vorantreiben, notfalls auch mit disziplinarischen Maßnahmen. Dennoch wurden über die Jahre auch weitere Arbeitskräfte angeworben, die mit den europäischen Arbeitsstandards sozusagen besser
  43. vertraut waren. Man warb also auch Leute aus dem Bismarckarchipel an. Aber es kamen auch Leute aus China, teilweise sogar ein paar Inder und Pakistani. Und so entstand in
  44. Neuguinea durch diese Arbeitszusammensetzung eine polykulturelle Gesellschaft mit sehr vielen unterschiedlichen Sitten, Bräuchen und natürlich auch sprachlichen Anteilen.
  45. Aus dieser sprachlichen Vielfalt heraus entstanden natürlich - wie man sich denken kann - Probleme, und zwar kommunikative Probleme. Und daher musste jetzt eine einheitliche Sprache her, mit der man
  46. sich verständigen konnte. Anders als in anderen Kolonien wurde jetzt nicht einfach Deutsch von oben quasi aufgestülpt den verschiedenen Leuten und die mussten das lernen, sondern es entwickelte
  47. sich tatsächlich in Neuguinea eine eigene neue Amtssprache sozusagen, nämlich das sogenannte Tok Pisin, das unterschiedliche Sprachbausteine beinhaltete von sehr unterschiedlichen Sprachen:
  48. malaiische Anteile, chinesische Anteile, aber auch deutsche Anteile. Und diese Sprache ist bis heute erhalten geblieben tatsächlich und hat sich natürlich auch immer weiter entwickelt
  49. über die folgenden Jahre und Jahrzehnte. Daneben existierte aber natürlich selbstredend innerhalb der deutschen Verwaltung auch weiterhin Deutsch als eine zweite Amtsprache sozusagen.
  50. Anders als in Afrika oder auch in China waren die Konflikte zwischen Deutschen beziehungsweise Europäern und der einheimischen Bevölkerung sehr übersichtlich. Das hing auch damit zusammen,
  51. dass sich die Machthaber vor Ort, die Neuguinea-Kompagnie, möglichst wenig in das Privatleben und in das Stammesleben der unterschiedlichen Menschen einmischte.
  52. Denn man war nicht vor Ort, um irgendwie eine neue Gesellschaftsform zu entwickeln, sondern man war vor allem vor Ort wegen wirtschaftlichen Vorteilen. Und solange die Kolonie wirtschaftlich
  53. prosperierte war es den Machthaber ziemlich egal wie die Leute im Busch sozusagen vor sich hin lebten. Dennoch gab es natürlich im Laufe der Jahre immer wieder auch mal kleinere
  54. Streitigkeiten zwischen Deutschen/Europäern und der einheimischen Bevölkerung, allerdings aus sehr anderen Gründen als in anderen Kolonien. In Afrika ging es vor allem um Streitigkeiten
  55. um Siedlungsgebiet, weil die Deutschen dort immer wieder versuchten, Gebiet von der einheimischen Bevölkerung aufzukaufen oder ihnen zwangsweise wegzunehmen. In der Pazifikregion allerdings
  56. war es sehr anders. Denn in der Pazifikregion ging es wesentlich weniger um Landstreitigkeiten als vielmehr um zwischenmenschliche Dinge. Und das hatte vor allem mit dem Verhältnis
  57. der deutschen und europäischen Männer vor Ort zur einheimischen weiblichen Bevölkerung zu tun. Denn es gab natürlich auch sexuelle Kontakte und Beziehungen zwischen Deutschen/Europäern und
  58. der einheimischen weiblichen Bevölkerung, und das brauchte natürlich vor allem die männliche einheimische Bevölkerung gegen die Machthaber auf. Man muss sich dazu bewusst machen: Viele
  59. der Männer in diesen Pazifikraum-Gesellschaften lebten natürlich nicht wie in Europa monogam, sondern das waren polygame Gesellschaften. Das bedeutet, viele der Männer hatten viele Frauen,
  60. und entsprechend sah man auch in gewisser Weise seine Machtbasis angegriffen, wenn nun Europäer versuchten, diesen Männern die Frauen wegzunehmen. Versuche von deutschen oder europäischen Männern,
  61. sich nun an diese einheimischen Frauen sozusagen „heranzumachen“ beantworteten die wütenden einheimischen Männer vor allem mit „Magie“. Man hatte in gewisser Weise Leute,
  62. die sich als Zauberer verstanden, die in dieser Gesellschaft lebten, und jetzt nun den Deutschen quasi Flüche aufdrängten in dem Moment wo diese versuchten, sich an die einheimischen Frauen
  63. heranzumachen. Das führte teilweise zu sehr interessanten Entwicklungen. Denn tatsächlich kam es nach der Aussprache mancher Flüche zu einer größeren Anzahl von Todesopfern,
  64. sodass sogar die Europäer anfingen, an diesen Zauber sozusagen zu glauben und teilweise reihenweise aus dieser Kolonie flüchteten. Doch insgesamt (wie gesagt) blieben die Konflikte
  65. relativ übersichtlich zwischen Europäern, Deutschen und der einheimischen Bevölkerung. Man ließ der einheimischen Bevölkerung sogar die eigenen Sitten und Bräuche. Das bedeutet Dinge wie
  66. Blutrache, die in diesen Gesellschaften durchaus vorkamen, konnten weiter praktiziert werden, auch wenn sie aus europäischer Sicht natürlich Morde waren. Man muss sich klarmachen,
  67. dass die Deutschen hier einen Spagat in gewisser Weise wagten: Denn auf der einen Seite galt natürlich in dieser deutschen Kolonie deutsches Gesetz, und damit hätte man normalerweise solche
  68. Dinge als Straftaten verfolgen müssen. Auf der anderen Seite wollte man sich aber eben auch nicht zu sehr mit der einheimischen Bevölkerung anlegen, denn man hatte ja primär wirtschaftliche
  69. Interessen. Und daher wurde die Strafverfolgung teilweise über Jahre verschleppt. Doch kann es mal zu einer Strafverfolgung wurde die auch drakonisch verfolgt. Das bedeutet,
  70. man ging da los und versuchte die Täter einzufangen. Doch wie man sich vorstellen kann: mitten im Busch war es relativ schwer, gerade mit zeitlicher Verzögerung, Täter noch zu stellen.
  71. Und entsprechend wurden häufig kollektive Strafen verhängt. Das bedeutet, wenn man den Täter nicht fand dann ging man zu der jeweiligen Sippe, dem jeweiligen Klan, dem jeweiligen Dorf, aus dem
  72. dieser Mann oder diese Frau kam, und bestrafte die gesamte Bevölkerung. Dabei wurden Hütten niedergebrannt, Leute ausgepeitscht und so weiter. Ohnehin war die Neuguinea-Kompagnie im Umgang mit
  73. der einheimischen Bevölkerung nicht wirklich zimperlich. Denn wenn ihr wirtschaftliches Wachstum gefährdet war wurde mit massiven Strafen und massiven Disziplinarmaßnahmen eingegriffen.
  74. Man hatte eigentlich von Seiten des Auswärtigen Amtes gesagt, dass man so etwas wie Prügelstrafen in der Kolonie eigentlich nicht haben wollte, hatte allerdings hier bestimmte Ausnahmeregelungen
  75. eingeführt - und zwar für „disziplinarische Maßnahmen“. Man kann sich vorstellen, „disziplinarische Maßnahmen“ war etwas, das man sehr frei auslegen konnte, und entsprechend wurde
  76. die Bevölkerung überall geprügelt wenn sie nicht mitzog. Neben den schweren Prügelstrafen und den körperlichen Schäden, die daraus entstanden, gab es natürlich auch noch weitere größere Probleme,
  77. darunter vor allem die Nahrungsmittelversorgung. Denn die Handelskompagnie war nicht gerade sehr offen was die Versorgung ihrer Arbeitskräfte betraf. Entsprechend starben häufig viele Arbeiter
  78. schlicht und einfach an Mangelerscheinungen. Im schlimmsten Jahr der Neuguinea-Kompagnie, 1891/92 sollen angeblich nahezu 60 % der gesamten Arbeiterschaft gestorben sein. Und schließlich
  79. kamen natürlich auch Tropenkrankheiten hinzu, die ausbrachen und die Bevölkerung dahinrafften. Insbesondere auch die Pocken spielten eine Rolle, die eingeschleppt wurden in die Region,
  80. und dann natürlich die Bevölkerung dezimierten. Auf der anderen Seite fiel kein einziger Deutscher den Pocken zum Opfer, denn es gab bereits seit 1875 in Deutschland eine Impflicht gegen Pocken,
  81. und entsprechend war die deutsche Bevölkerung auch in der Kolonie darauf vorbereitet. Im Jahr 1899, also kurz vor der Jahrhundertwende, gab die Neuguinea-Kompagnie nun die Aufsicht
  82. über die Kolonie zurück an die deutsche Reichsregierung. Denn man hatte offenbar wirtschaftlich nicht mehr das rausgeholt, was man rausholen wollte, und hatte auf der
  83. anderen Seite natürlich mit hohen Kosten für Verwaltung und so weiter zu kämpfen, und das wollte man nicht mehr. Und so gab man die Kontrolle nun zurück an die Reichsregierung. Und
  84. damit wurde eine ganz andere Verwaltungsstruktur letztlich eingeführt vor Ort und ganz andere Dinge wurden nun wichtiger: Der erste Schritt, den die Reichsregierung tatsächlich einleitete,
  85. war die Pockenimpfung. Denn wie gesagt viele Einheimische waren den Pocken zum Opfer gefallen, und wollte man eine Bevölkerung auf lange Sicht erhalten dann konnte man das natürlich nicht
  86. einfach dulden. Also wurde jetzt so nach und nach die Bevölkerung in Deutsch-Neuguinea gegen die Pocken durchgeimpft. Und das Durchimpfen übernahm mit der Direktor des Preußischen Instituts für
  87. Infektionskrankheiten Robert Koch. Er und seine Mitarbeiter begannen nun systematisch, in der Kolonie die einheimische Bevölkerung gegen die Pocken durchzuimpfen. Der neue Chef der Verwaltung
  88. vor Ort wurde nun ein deutscher Kolonialbeamter, der jetzt der neue Gouverneur vor Ort wurde. Allerdings war hier schon ein deutlicher Unterschied zu erkennen im Vergleich zu dem,
  89. was vorher war. Denn nun versuchte man, stärker auf die Bevölkerung zuzugehen, und man versuchte, die Bevölkerung und das Sozialsystem Neuguineas zusehends an europäische Verhältnisse anzupassen.
  90. Das bedeutet, es wurden nun Bürgermeister eingeführt in den unterschiedlichen Dörfern, man bildete Einheimische aus in „deutschem Denken“ sozusagen, und man brachte ihnen die jeweiligen
  91. Sprachkenntnisse bei, die sie brauchten. Und so entwickelte sich langsam aus einem egalitären System eine Form von indirekter Herrschaft in einem hierarchischen System, das natürlich
  92. oben beim Gouverneur zusammenlief. Das hatte zudem auch Auswirkungen auf das Denken der einheimischen Bevölkerung. Denn die Bevölkerung wollte nach und nach ihre eigenen Bürgermeister wählen
  93. und entwickelte so etwas wie ein demokratisches Selbstverständnis. Das war natürlich wie gesagt nur lokal in den Dorfgemeinschaften, doch wenn es um die Kolonie gesamt ging behielten natürlich
  94. Deutsche und Europäer die Oberhand und sagten wo es lang zu gehen hatte. Insgesamt verwaltete sich so die Bevölkerung über die Jahre immer stärker, indem die Bürgermeister auch Richterfunktionen,
  95. Verwaltungsfunktionen und so weiter wahrnahmen, und die Deutschen und die Europäer hielten sich dabei bedeckt, und griffen vor allem dann natürlich ein wenn es um Streitigkeiten zwischen
  96. Einheimischen und Europäern ging. Allerdings abseits davon versuchte man sich immer mehr rauszuziehen. Seit 1906 ging man dann in der Kolonie Neuguinea dazu über, eine sogenannte
  97. Kopfsteuer einzuführen. Das Ganze ging einher mit einer Umstellung von Tauschhandel auf Münzhandel. Denn europäisches Geld hatte sich über die Jahre immer stärker verbreitet auch in der einheimischen
  98. Bevölkerung. Und damit konnte man jetzt quasi zu einem monetären System übergehen. Die Kopfsteuer wiederum, die jetzt die Kolonie mehr oder weniger am Laufen halten sollte, hatte allerdings durchaus
  99. verschiedene Ausnahmeregelungen, die die Deutschen sich klug zurecht gelegt hatten: Denn man war der Ansicht gewesen,wenn man auf Dauer diese Kolonie aufrecht erhalten möchte dann muss man vor allem
  100. die Geburtenrate in der einheimischen Bevölkerung hochhalten. Und was ist ein besserer Anreiz, die Geburtenrate hoch zu halten, wenn es steuerliche Vergünstigungen gibt für Familien. Das bedeutet,
  101. man führte nun ein neues System ein. Man sagte beispielsweise, dass Väter von acht Kindern und mehr von der Steuer befreit sein würden. Acht Kinder hört sich natürlich aus heutiger Sicht
  102. massiv viel an, aber man muss sich natürlich klar machen (wie gesagt), dass diese Gesellschaften nicht monogam waren. Das bedeutet, ein Mann hatte mehrere Frauen, und insofern waren acht Kinder
  103. natürlich keine Seltenheit. In wirtschaftlicher Hinsicht wurde nun der frühere Tabakhandel, der unter der Neuguinea-Kompagnie noch vorangetrieben wurde, nun abgeschafft, und man ging alleine dazu
  104. über, den Koprahandel auszubauen, also ein Produkt, das mit dem Anbau von Kokospalmen zusammenhängt. Und das war natürlich das Übliche könnte man sagen, denn das tat man im Grunde in
  105. allen Pazifikregionen mehr oder weniger. Der gravierendeste Einschnitt des Gouverneurs war aber sicherlich, dass der Ankauf von Land durch Ausländer quasi jetzt untersagt wurde. Das
  106. bedeutet, die deutsche Verwaltung vor Ort sicherte sich sozusagen das Ankaufsrecht wenn man so möchte für das gesamte Land, und konnte dieses Land dann wiederum verpachten an Interessenten. Aber kaufen
  107. konnte es sozusagen von Außenstehenden niemand mehr. Und damit hatte die Kolonialverwaltung vor Ort eine genaue Übersicht und eine Kontrolle darüber, wer erwarb das Land eigentlich und
  108. für welchen Zweck wollte er es erwerben. Und damit hatte man optimale Kontrollmechanismen, auch eine Entwicklung, die in verschiedenen deutschen Kolonien so gehandhabt wurde, selbst im
  109. deutschen Pachtgebiet Kiautschou in China, über das wir dann in einer eigenen Folge sprechen. Soviel erstmal bis hierhin in einem Miniüberblick und in ein paar Worten zur deutschen Kolonie
  110. Neuguinea. Ich fasse zusammen: In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts intensivierte sich die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches. Obwohl der deutsche Reichskanzler
  111. Otto von Bismarck ein Skeptiker war, was Kolonien betraf, sollte Deutschland über die Jahrzehnte immer mehr Kolonien sich aneignen in unterschiedlichen Regionen der Welt; von China
  112. über Afrika bis hin in die Pazifikregion. In der Pazifikregion waren, neben Mikronesien, dass ich bereits in einer eigenen Folge behandelt habe und auch anderen Gebieten,
  113. vor allem Neuguinea interessant. Neuguinea war von Beginn an in gewisser Weise mehrfach geteilt, denn man hatte nicht nur ein Deutsch-Neuguinea, was nun entstand, sondern man hatte auch in direkt
  114. benachbarter Region sozusagen das australische Papua. Ursprünglich entstand die deutsche Kolonie Neuguinea von der Begründung her aus dem Wunsch heraus, die einheimische Bevölkerung vor
  115. australischen Übergriffen sozusagen zu schützen. Doch das war natürlich nur vorgeschoben, weil man irgendwie ein gutes Argument gesucht hatte, selbst sich in dieser
  116. Region niederzulassen. Zunächst einmal regierte vor Ort die sogenannte Neuguinea-Kompagnie, also ein Handels- und Finanzconsortium sozusagen, die im Grunde nur ein Ziel verfolgten: nämlich die
  117. Kolonie wirtschaftlich prosperieren zu lassen. Das bedeutet, solange die Bevölkerung vor Ort nicht störte ließ man sie in ihren eigenen Bräuche und Sitten weiterleben. Allerdings wurden diese Leute
  118. natürlich zu Zwangsarbeit mehr oder weniger herangezogen, denn man brauchte natürlich die indigene Bevölkerung als Arbeitskraft. Zunächst einmal hatte man seinen Fokus auf Tabak gelegt.
  119. Doch im ausgehenden 19. Jahrhundert brachen die Tabakpreise weltweit ein und damit wurde die Kolonie aus Sicht der Neuguinea-Kompagnie immer unattraktiver. Infolge gab man die Kontrolle über
  120. die Kolonie an die deutsche Reichsregierung ab, die nun völlig andere Seiten aufzog. Man ging nun wirtschaftlich zum Kokoshandel über beziehungsweise zum Koprahandel, und auf
  121. der anderen Seite wurde die Kolonie umgebaut. Man versuchte aus dem egalitären System, dass es bis dato gab, nun ein hierarchisches System umzubauen mit einer indirekten Herrschaftsform.
  122. Das bedeutet, die Bevölkerung sollte sich in großen Teilen selbst verwalten, aber alle relevanten Dinge am Ende, vor allem die, die die Wirtschaft betrafen und die das europäische Leben
  123. und deutsche Leben in Neuguinea betrafen, wurden natürlich von Deutschen und Europäern entschieden; an der Spitze der jeweilige Gouverneur, der eingesetzt wurde. Insgesamt gehörte Neuguinea,
  124. zumindest der Part, der dann unter der Verwaltung der Deutschen Reichsregierung sich abspielte, eher zu den erfolgreichen Kapiteln deutscher Kolonialgeschichte. Doch wie die gesamte
  125. Kolonialgeschichte endete auch dieses Kapitel im Jahr 1914 in gewisser Weise, nämlich beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Denn im Zuge dieser Entwicklung machten sich vor allem die Japaner
  126. über die deutschen Besitztümer im Pazifik und in Ostasien her und sollten das Kapitel deutscher Kolonialgeschichte vorzeitig beenden. In der nächsten Folge sprechen wir dann über ein anderes
  127. Kapitel aus der deutschen Kolonialgeschichte, unter anderem über die afrikanischen Kolonien. Falls euch diese Folge gefallen hat, dann hinterlasst doch bitte einen Daumen hoch,
  128. abonniert den Kanal, teilt und empfehlt das Video weiter. Hinterlasst auch gerne einen Kommentar mit Feedback, Themenvorschlägen, anderen Anregungen und ähnlichem. Und ansonsten sehen wir uns dann
  129. das nächste Mal, bei welcher Folge und welchem Thema auch immer. Macht's gut!

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