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Der gekreuzigte Gott
Weniger theologisch ausgedrückt geht es um eine Theologie nach Auschwitz. Das Buch stellt eine komplementäre Ergänzung zu Moltmanns acht Jahre zuvor …
Inhalt4 Abschnitte
Gegenstand und Bedeutung
Jürgen Moltmanns 1972 erschienenes Buch „Der gekreuzigte Gott. Das Kreuz Christi als Grund und Kritik christlicher Theologie“ fragt nicht in erster Linie, was der Tod Christi für die Menschheit bedeutet. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, was dieser Tod für Gott selbst bedeutet. In weniger theologischer Sprache geht es damit um eine Theologie nach Auschwitz: Der christliche Gottesbegriff soll angesichts von extremem Leid und der Erfahrung der Gottverlassenheit neu durchdacht werden.
Das Buch ergänzt Moltmanns acht Jahre zuvor erschienenes Hauptwerk „Theologie der Hoffnung“. Dort bildet die Auferstehung Jesu an Ostern den Ausgangspunkt, hier dagegen sein Tod am Kreuz am Karfreitag. Beide Ereignisse sind dialektisch verbunden, das heißt, sie werden als gegensätzliche und zugleich zusammengehörige Seiten des christlichen Glaubens verstanden: Die Auferstehung steht für Gottes Verheißung, das Kreuz für Gottes Liebe.
Der leidensfähige Gott
Moltmanns Denken geht von der Erfahrung der Gottverlassenheit aus, also dem Gefühl, von Gott verlassen zu sein. Er selbst machte diese Erfahrung im Feuersturm von Hamburg. Sie begegnete ihm erneut, als er sich für das Geschehen von Auschwitz mitverantwortlich fühlte. Trost fand er darin, dass auch Christus am Kreuz dieselbe Erfahrung der Gottverlassenheit gemacht habe.
Aus der Gottverlassenheit Jesu leitet Moltmann seine Hauptaussage ab: Gott ist leidensfähig. Wäre Gott grundsätzlich unfähig zu leiden, könnte die Passionsgeschichte Christi – die Geschichte seines Leidens und Sterbens – keine Offenbarung Gottes sein.
Gott liebt nach Moltmann sein Volk und die Gerechtigkeit. Deshalb nimmt er am Schicksal der Leidenden teil und leidet mit ihnen. Sein Leiden unterscheidet sich jedoch von ihrem: Gott erleidet nicht selbst das Sterben, sondern leidet unter dem Tod seines Sohnes. Nur wenn Gott leiden kann, erhält nach Moltmann auch die Auferstehung eine Heilsbedeutung für die Welt.
Einwände gegen Moltmann
Moltmanns Vorstellung eines leidenden Gottes wurde aus verschiedenen Richtungen kritisiert.
• Karl Rahner betont den Abstand zwischen Gott und dem menschlichen Leiden: Die Menschen seien „in das Leid zementiert“, Gott aber stehe darüber.
• Johann Baptist Metz meint, Gott dürfe nicht leiden, damit die Theodizeefrage offenbleibe. Die Theodizeefrage fragt, wie das Leiden in der Welt mit Gott vereinbar ist. Menschen müssten weiterhin fragen dürfen: Warum gibt es so viel Leiden in der Welt?
• Hans Küng hebt hervor, dass Gott jenseits des menschlichen Verstehens liege. Angesichts des Leidens bleibe dem Menschen daher nur das Schweigen.
• Dorothee Sölle kritisiert eine andere mögliche Folge von Moltmanns Ansatz: Wenn Gott den Tod Jesu nicht von Anfang an als Erlösungsgeschehen versteht, erscheine er als sadistisch, weil er seinen eigenen Sohn töte. Später vertrat Sölle bei der theologischen Deutung von Auschwitz allerdings eine Position, die Moltmanns Auffassung ähnelte.
Verwandte Positionen und Buchangaben
Die Theologie Hans Urs von Balthasars gilt manchen als katholisches Gegenstück zu Moltmanns Position. Auch die Theologie der älteren Dorothee Sölle näherte sich Moltmanns Standpunkt stark an.
Das Buch erschien 1972 im Christian Kaiser Verlag in München. Es wurde unter anderem ins Niederländische, Englische, Französische, Spanische, Tschechische und Kroatische übersetzt. Bis 2002 erschienen sieben Auflagen der deutschen Ausgabe.