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Der dritte Mann

Der dritte Mann (Originaltitel The Third Man) ist ein in Schwarzweiß gedrehter britischer Film noir von Carol Reed aus dem Jahr 1949. Der Film entstand nach …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Handlung
  2. 2. Entstehung, Drehorte und Gestaltung
  3. 3. Musik, Fassungen und Veröffentlichung
  4. 4. Genre, Figuren und Deutungen
  5. 5. Resonanz, Auszeichnungen und Nachwirkung

Überblick und Handlung

Der dritte Mann (Originaltitel The Third Man) ist ein 104 Minuten langer britischer Schwarzweißfilm von 1949. Regie führte Carol Reed, das Drehbuch schrieb Graham Greene. Der Film spielt im Wien der Nachkriegszeit und verbindet eine Kriminalhandlung mit der Atmosphäre einer zerstörten, von vier Siegermächten besetzten Stadt. Im Mittelpunkt stehen der amerikanische Schriftsteller Holly Martins (Joseph Cotten), Anna Schmidt (Alida Valli) und der Schieber Harry Lime (Orson Welles). Bekannt wurde der Film besonders durch Anton Karas’ Zithermusik, ungewöhnliche schräge Kameraperspektiven, die „Kuckucksuhr-Rede“ und die Verfolgung in der Kanalisation.

Wien ist nach dem Zweiten Weltkrieg in amerikanische, sowjetische, französische und britische Besatzungssektoren geteilt; die Innere Stadt wird als internationaler Sektor abwechselnd verwaltet. Der finanziell gescheiterte Autor Holly Martins kommt wegen eines Arbeitsangebots seines Jugendfreundes Harry Lime nach Wien. Dort erfährt er, Lime sei bei einem Verkehrsunfall gestorben. Der britische Major Calloway erklärt Martins jedoch, Lime sei ein gefährlicher Schieber gewesen.

Martins untersucht den angeblichen Unfall. Zwei Bekannte Limes, Kurtz und Popescu, sowie der Arzt Dr. Winkel behaupten, Lime sei von seinem Fahrer überfahren worden. Ein Portier berichtet aber von einem „dritten Mann“, der geholfen habe, Lime über die Straße zu tragen. Der Portier wird ermordet, bevor er aussagen kann. Zugleich droht Anna Schmidt, Limes ehemalige Freundin aus der Tschechoslowakei, wegen gefälschter Papiere die Auslieferung an die sowjetische Besatzungsmacht.

Calloway enthüllt, dass Lime gestohlenes, zur Gewinnsteigerung gestrecktes Penicillin verkauft hat. Die Medikamente verursachten bei Erkrankten dauerhafte Schäden oder den Tod. Martins entdeckt schließlich, dass Lime lebt: Im Sarg lag stattdessen der verschwundene Informant Joseph Harbin. Am Wiener Riesenrad rechtfertigt Lime seine Verbrechen damit, dass einzelne Menschenleben unbedeutend seien, und bietet Martins eine Mitarbeit an. Martins lehnt ab.

Zunächst will Martins Lime nicht an die Polizei ausliefern. Nachdem Calloway ihm Opfer der Penicillin-Geschäfte in einem Kinderspital zeigt, wird er zum Lockvogel. Anna warnt Lime jedoch. Lime flieht durch die Kanalisation, tötet Sergeant Paine und wird von Calloway angeschossen. Als Lime nicht durch einen Kanaldeckel entkommen kann, bittet er Martins durch ein Nicken stillschweigend, ihn zu erschießen. Martins tut dies. Nach Limes Beerdigung wartet Martins auf Anna, doch sie geht ohne Blickkontakt an ihm vorbei.

Entstehung, Drehorte und Gestaltung

Alexander Korda beauftragte Graham Greene nach Kleines Herz in Not (The Fallen Idol, 1948) mit einem neuen Drehbuch für Carol Reed. Eine frühe Idee Greenes handelte von einem Mann, der einen tot geglaubten Freund wieder sieht. Auf Vorschlag von Karl Hartl wurde Wien als Schauplatz gewählt. Greene erhielt 10.000 britische Pfund für Recherchen und einen Entwurf. Ein Besuch in der Kanalisation sowie ein Bericht über einen Wiener Ring von Penicillin-Schiebern lieferten wichtige Anregungen. Greene erklärte später, der Film sei „nicht geschrieben, um gelesen zu werden, sondern um gesehen zu werden“.

Das zunächst geplante Happy End, in dem Holly und Anna zusammenkommen, verwarf Reed erfolgreich; Greenes späterer Roman auf Grundlage des ersten Treatments behielt es dagegen bei. Für den US-Verleih wurde mit David O. Selznick koproduziert. Dadurch konnten Joseph Cotten und Alida Valli verpflichtet werden. Orson Welles übernahm nach Zusage von mehr als 100.000 US-Dollar die Rolle Harry Limes. Dass Welles sämtliche eigenen Dialoge geschrieben habe, wird im Artikel als unwahr dargestellt; lediglich die „Kuckucksuhr-Rede“ verfasste er.

Die siebenwöchigen Dreharbeiten in Wien begannen im Oktober 1948. Drei Teams arbeiteten parallel. Robert Krasker fotografierte Nachtaufnahmen; dafür hielt die Feuerwehr Straßen und Pflaster nass, damit sie sichtbar blieben. Welles war nur zwei Wochen vor Ort. Daher entstanden zahlreiche Aufnahmen mit Doubles oder ohne ihn, darunter Teile der Kanalisationsszenen und Limes erster Auftritt. Nach den Wiener Dreharbeiten entstanden bis März 1949 weitere Szenen in den Isleworth und Shepperton Studios in London.

Gedreht wurde unter anderem am Wiener Zentralfriedhof, in der Kanalisation, im 1. Bezirk sowie im Prater und am Riesenrad. Limes Wohnhaus ist das Palais Pallavicini am Josefsplatz. Einige Orte waren für den Film verändert oder als Kulissen gebaut: Die Litfaßsäule am Platz Am Hof und der Brunnen mit Engelsplastik existierten dort nicht; auch das Café „Marc Aurel“ am Hohen Markt war eine Kulisse. Der Film enthält im englischen Original nicht synchronisierte deutsche Dialoge. Paul Hörbiger sprach seine englischen Sätze selbst, obwohl er kein Englisch verstand und sie Wort für Wort lernte.

Ein prägendes Gestaltungsmittel sind Kraskers schräge Bilder, der Dutch Angle: Die Kamera ist seitlich gekippt. Solche extremen Perspektiven, starke Kontraste und Low-key-Ausleuchtung – eine dunkle, kontrastreiche Beleuchtung – erzeugen Unsicherheit und eine Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die Wirkung wurde unterschiedlich beurteilt: Manche Kritiker nannten sie prätentiös oder übertrieben, Roger Ebert verteidigte sie als passenden Ausdruck einer „aus dem Ruder geratenen“ Welt.

Musik, Fassungen und Veröffentlichung

Die Filmmusik von Anton Karas spielt auf der Zither und vermittelt Wiener Lokalkolorit. Reed hörte Karas in einer Gaststätte und ließ ihn zunächst in einem Hotelzimmer aufnehmen. Ob Reed oder Korda entschied, den gesamten Film statt nur einzelner Szenen mit Karas’ Musik zu vertonen, ist laut Artikel unterschiedlich überliefert. Einig sind sich die Quellen, dass die Entscheidung erst in der Postproduktion fiel und Karas dafür nach London kam. Das „Harry-Lime-Thema“ wurde international ein Bestseller. Außerdem sind Das alte Lied von Henry Love und Irving Berlins Managua, Nicaragua zu hören.

Die britische Uraufführung war am 31. August 1949 in London. Selznick stellte für die USA eine um elf Minuten kürzere Fassung her, die am 2. Februar 1950 in New York startete. In der britischen Fassung spricht Reed den einleitenden Kommentar; in der US-Fassung spricht Joseph Cotten ihn.

In Westdeutschland lief der Film ab 6. Januar 1950, in Österreich ab 10. März 1950. Die deutsche Mars-Film-Fassung war wegen der vollständigen Synchronisation etwa eine Minute kürzer. 1963 entstand bei Atlas-Filmverleih eine neue Synchronisation, die diese Kürzungen beibehielt und einen veränderten Vorspann erhielt. Inhaltlich korrigierten die Synchronfassungen unter anderem vertauschte Gesten des Portiers zu Himmel und Hölle; außerdem wird in beiden deutschen Fassungen nach der Riesenrad-Szene Benito Mussolini statt der Borgias genannt. Seit 2006 ist der Film in Deutschland erstmals ungekürzt auf DVD erhältlich; eine Blu-ray-Special-Edition von 2015 enthält die zusätzlichen Szenen im englischen Original mit deutschen Untertiteln.

Genre, Figuren und Deutungen

Die Einordnung als Film noir ist umstritten. Als typische Merkmale dieser Filmgattung gelten ein urbaner Schauplatz, moralisch ambivalente Figuren, eine düstere Stimmung, oft ein negativer Ausgang sowie kontrastreiche, expressive Bilder und extreme Kameraperspektiven. Der dritte Mann erfüllt viele dieser Merkmale. Einige Autoren führen ihn eindeutig als Film noir, andere sehen ihn außerhalb des Noir-Kanons, als „ausländischen Ableger“ eines amerikanischen Phänomens oder schlicht als Thriller. Der Begriff „British noir“ für britische Filme mit Noir-Elementen wird ebenfalls unterschiedlich beurteilt.

Im Unterschied zu vielen Filmen über zerstörte Städte nach 1945 verzichtet Der dritte Mann weitgehend auf offene Sozialkritik oder politische Analyse; die Kriminalhandlung steht im Vordergrund. Die Figuren bleiben moralisch mehrdeutig: Holly Martins beginnt als naiver, sentimental handelnder Freund, der Lime rehabilitieren will, und wird schließlich zu dessen Gegner. Lime ist ein charismatischer, aber skrupelloser Verbrecher. Anna liebt Lime weiter, obwohl er sie an sowjetische Behörden verraten hat, und weist Martins am Schluss zurück. Dadurch endet der Film ohne eindeutige persönliche Versöhnung.

Auch politische Bedeutungen werden verschieden gedeutet. Marc Ferro erkannte einen antikommunistischen Standpunkt und eine Tragödie des Kalten Krieges; Pauline Kael sah eine Anklage gegen Krieg und seine Folgen; Lynette Carpenter einen Appell an Menschlichkeit und Mitgefühl in einer korrupten Welt. In der 96. Filmminute ist in der Kanalisation das Kürzel O5 zu sehen, das Zeichen der österreichischen Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus.

Am Riesenrad hält Lime die „Kuckucksuhr-Rede“: Er stellt 30 Jahre unter den Borgias mit „warfare, terror, murder, bloodshed“ den „Michelangelo, Leonardo da Vinci and the Renaissance“ gegenüber. Der Schweiz mit „five hundred years of democracy and peace“ schreibt er dagegen nur die Kuckucksuhr zu. Der Monolog behauptet damit, Krieg und Terror brächten Großes hervor, Frieden und Demokratie nur Banales. Er gilt als bedeutendes Beispiel für Monolog und Improvisation. Welles wies später selbst darauf hin, dass Kuckucksuhren nicht ausschließlich aus der Schweiz stammen; der Artikel ergänzt, dass die Schweiz tatsächlich einen eigenen Chalet-Stil beisteuerte.

Resonanz, Auszeichnungen und Nachwirkung

Die zeitgenössischen Kritiken waren überwiegend positiv. Gelobt wurden die Spannung, Figurenzeichnung, Bildsprache und die Darstellung des Nachkriegs-Wien. Kritisch wurde teils eingewandt, der Film habe trotz seiner stilistischen Brillanz keine tiefere Analyse europäischer Probleme oder keine klare „Botschaft“. Heute ist die Bewertung weiterhin sehr hoch: Rotten Tomatoes nennt 99 %, Metacritic 97/100, und die FBW verlieh das Prädikat „besonders wertvoll“.

Bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1949 erhielt der Film den Grand Prix. 1950 gewann er den British Film Academy Award als bester britischer Film und war als bester Film nominiert. Bei der Oscarverleihung 1951 erhielt Robert Krasker den Oscar für Beste Schwarz-Weiß-Kamera; außerdem gab es Nominierungen für Beste Regie und Besten Schnitt. Das British Film Institute wählte den Film 1999 auf Platz 1 der größten britischen Filme aller Zeiten; Sight & Sound nannte ihn 2012 den besten britischen Film aller Zeiten.

Die Popularität führte zu Hörspielbearbeitungen, einer BBC-Serie The Adventures of Harry Lime (1951–1952) mit Orson Welles und einer Fernsehserie The Third Man (1959–1965) mit Michael Rennie. In Wien erinnern ein Dritte Mann Museum und Führungen zu Drehorten daran. Das Burgkino zeigt The Third Man seit vielen Jahren mindestens zweimal pro Woche in englischer Originalfassung. 2013 sicherten sich die Vereinigten Bühnen Wien Musicalrechte; im Juni 2023 fand in London die Welturaufführung des Musicals The third man statt.

Der Artikel berichtet außerdem über Angaben der Historikerin Karina Urbach aus dem Jahr 2024: Nach Aussagen von Angela Allen sollen Graham Greene, Alexander Korda, Carol Reed und möglicherweise Elisabeth Montagu am Set für den MI6 tätig gewesen sein. Daraus wird als Möglichkeit abgeleitet, Dreharbeiten im sowjetischen Sektor könnten geheimdienstlichen Zwecken gedient haben. Dies wird nicht als gesicherte Tatsache dargestellt.

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