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Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

Es kann dem epischen Theater zugeordnet werden und besteht aus 17 Szenen. In einer Parabel werden die Machtergreifung und der Machtausbau Adolf Hitlers in die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und Aufführung
  3. 3. Handlung
  4. 4. Historische Deutung
  5. 5. Figuren und Entsprechungen
  6. 6. Parallelen zur Geschichte

Kernidee und Bedeutung

„Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ ist ein Theaterstück von Bertolt Brecht. Es wurde 1941 geschrieben, gehört zum epischen Theater und besteht aus 17 Szenen. Die Originalsprache ist Deutsch; erschienen ist das Stück 1957, uraufgeführt wurde es am 10. November 1958 in Stuttgart.

Das Stück ist eine Parabel: Ein historischer Vorgang wird in eine andere Welt übertragen, damit seine Struktur deutlicher sichtbar wird. Brecht stellt die Machtergreifung und den Machtausbau Adolf Hitlers als Aufstieg eines Gangsterbosses in Chicago dar. Arturo Ui steht im Wesentlichen für Hitler, trägt aber auch Züge von Al Capone. Das Verbrechermilieu der USA dient als verfremdeter Rahmen, um Politik, Wirtschaft und Faschismus verständlich zu machen.

Der Titel ist zentral: Der Aufstieg Uis ist „aufhaltsam“, also nicht zwangsläufig. Das bedeutet im übertragenen Sinn, dass auch Hitlers Aufstieg hätte verhindert werden können. Im Stück wird deutlich, dass Ui ohne die eigennützige Unterstützung anderer nicht so weit gekommen wäre. Brecht zeigt damit, dass Gewalt, politische Schwäche, wirtschaftliche Interessen und Mitläufertum zusammenwirken.

Entstehung und Aufführung

Brecht beschäftigte sich schon vor der endgültigen Fassung mit dem Ui-Stoff. Walter Benjamin notierte unter der Jahreszahl 1934 ein Gespräch mit Brecht, das dies zeigt. Zunächst entstanden der „Tuiroman“ und eine titellose Erzählung, später unter den Titeln „Wenige wissen heute ...“ beziehungsweise „Die Geschichte des Giacomo Ui“ herausgegeben. Darin erscheint der Dachdecker Giacomo Ui aus Padua als Satire auf Adolf Hitler.

Das Stück selbst schrieb Brecht im März 1941 im finnischen Exil in nur drei Wochen nieder. Grundlegende Änderungen nahm er danach nicht mehr vor, abgesehen vom Schluss. Auf der letzten Manuskriptseite stehen das Datum 29.4.41 und der Name der Mitarbeiterin M. Steffin.

Brecht wollte, dass das Stück in den USA aufgeführt wird, wohin er im Juli 1941 kam. Trotz Kontakten zu Erwin Piscator und Berthold Viertel im September gelang keine Aufführung. Piscator ließ eine Übersetzung anfertigen, doch Probelesungen am Dramatic Workshop in New York hatten wenig Erfolg. Als englische Titel waren „That wellknown racket“ oder „The gangsterplay we know“ gedacht. Später strich Brecht zeitweise das Wort „aufhaltsame“ aus dem Titel; in den meisten Ausgaben blieb es jedoch erhalten.

Erst nach Brechts Tod wurde das Stück am 10. November 1958 in Stuttgart uraufgeführt, inszeniert von Peter Palitzsch mit Wolfgang Kieling in der Titelrolle. Ekkehard Schall spielte Ui seit 1959 über 500 Mal in der ersten DDR-Inszenierung des Berliner Ensembles. Diese Inszenierung wurde 1974 aufgezeichnet. Weitere Aufführungen oder Produktionen gab es unter anderem 1960 in Paris, 1963 in New York City in der Übersetzung von George Tabori, 1966 in Venedig und 1975 in Chicago.

Handlung

Die Handlung beginnt mit einer wirtschaftlichen Krise im Karfiolgeschäft. Die Besitzer des Karfioltrusts beraten in der Bank, wie sie ihre Absatzprobleme lösen können. Arturo Ui bietet an, das Geschäft durch Gewalt und Drohungen anzukurbeln, doch der Trust lehnt zunächst ab. Stattdessen hoffen die Besitzer auf eine Stadtanleihe für Kaianlagen, die der angesehene Politiker Dogsborough ermöglichen soll. Dogsborough erkennt jedoch, dass der Trust die Kaianlagen gar nicht bauen will, und lehnt ab.

Daraufhin wird Dogsborough in eine Intrige hineingezogen. Der Reedereibesitzer Sheet verkauft seine Reederei billig an den Karfioltrust, der sie für einen Spottpreis an Dogsborough weiterverkauft. Dadurch wird Dogsborough selbst Teil des Trusts. Nun setzt er die Stadtanleihe doch durch. Die Mitglieder des Trusts, einschließlich Dogsborough, verbrauchen das Geld, ohne Kaianlagen zu bauen. Damit veruntreuen sie städtische Gelder.

Arturo Ui will den Gemüsehandel Chicagos unter seine Kontrolle bringen. Zunächst fürchtet er die Polizei und lehnt offene Gewalt ab. Als er aber von der Veruntreuung erfährt, erpresst er Dogsborough: Wenn Dogsborough nicht für ihn bürgt, will Ui den Skandal aufdecken. Eine Untersuchung gegen Dogsborough wird beantragt. Um ihn zu decken, soll Sheet die Schuld tragen. Sheet wird tot aufgefunden, und auch Bowl, der frühere Prokurist Sheets, wird auf dem Weg zum Gericht erschossen.

Ui baut nun seine Macht aus. Ein Schauspieler bringt ihm bei, wie man vor großen Menschenmengen spricht und Wirkung erzielt. Ui bietet den Gemüsehändlern seinen „Schutz“ an. Als der Händler Hook ihn kritisiert, brennt kurz darauf Hooks Speicher. Es ist offensichtlich, dass Uis Männer dahinterstehen. Im folgenden Speicherbrandprozess wird Fish angeklagt. Ui hat das Gericht bereits beeinflusst, Zeugen eingeschüchtert und die Presse unter seine Kontrolle gebracht. Hook wird verprügelt, damit er nicht aussagt, und Fish bricht nach dem Trinken von Wasser zusammen, das ihm ein Arzt gegeben hat.

Im Inneren von Uis Gruppe entstehen Machtkämpfe. Roma, Giri und Givola stehen gegeneinander. Ui möchte seine Herrschaft auf Cicero ausweiten. Roma fürchtet ein Komplott und trifft Ui in einer Garage. Dort lässt Ui ihn und seine Gefolgsleute ermorden; Givola erschießt Roma.

Anschließend versucht Ui, Einfluss auf Cicero zu gewinnen. Ignatius Dullfeet steht für die Freiheit Ciceros und wird ermordet. Ui versucht, Betty Dullfeet zur Zusammenarbeit zu bewegen; sie lehnt zunächst ab, gibt später aber nach. Ui erklärt sich in einer Rede zum Nachfolger Dullfeets und kündigt eine Volksabstimmung über Cicero an. Gleichzeitig bedroht er alle, die gegen ihn stimmen. Durch diese Drohungen stimmen die Bewohner Ciceros für ihn. Am Ende klagt eine verletzte Frau aus einem zerschossenen Lkw Ui und seine Leute des Mordes an und wird niedergeschossen.

Der Epilog fordert dazu auf, nicht nur zu schauen, sondern zu handeln. Brecht warnt, dass die Gefahr nicht endgültig vorbei sei: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Historische Deutung

Der historische Bezug des Stücks reicht von 1929 bis 1938, in einer späteren Fassung bis 1941. Im Mittelpunkt steht Hitlers Aufstieg bis zur Machtübernahme in Österreich. Brecht bezeichnete das Werk als „Historienfarce“, also als derb-komisches Stück mit geschichtlichem Hintergrund.

Das Stück nutzt Mittel des epischen Theaters. Episches Theater will das Publikum nicht einfach emotional mitreißen, sondern zum kritischen Nachdenken bringen. Dazu dienen Verfremdungseffekte: Bekannte historische Vorgänge erscheinen in einer ungewohnten Form. Bei Brecht wird aus nationalsozialistischer Politik eine Gangsterhandlung im Chicago der Prohibitionszeit. Die Verhüllung soll aufdecken, was hinter politischen Abläufen steht. Brecht formulierte dazu: „Verhüllung dient zur Enthüllung“.

Brecht zeigt Hitlers Aufstieg allegorisch. Eine Allegorie ist eine Darstellung, bei der Figuren und Ereignisse für etwas anderes stehen. Arturo Ui wartet zunächst auf seine Chance, baut Macht im Hintergrund auf und sucht einen scheinbar legalen Weg nach oben. Das entspricht Hitlers Versuch, legal an die Macht zu kommen und die Wirtschaft auf seine Seite zu ziehen. Später ordnet Ui die Machtverhältnisse, schaltet Gegner aus, missbraucht seine Macht und will expandieren. Dies entspricht Hitlers Ausschaltung inner- und außerparteilicher Gegner, der Festigung seiner Führung und dem Ziel, Österreich zum Deutschen Reich hinzuzufügen.

Brecht setzte sich 1948 in einem „Nachwort“ mit dem Vorwurf auseinander, man dürfe „große Verbrecher“ nicht dem Gelächter preisgeben. Er hielt Hitler nicht für einen „großen Verbrecher“, sondern für einen „Verüber großer politischer Verbrechen“. Gerade der noch vorhandene Respekt vor Hitler müsse durch Gelächter gebrochen werden.

Figuren und Entsprechungen

Die Figuren des Stücks haben erkennbare historische Vorbilder, auch wenn die Übertragung nicht vollständig eins zu eins zu verstehen ist. Die Gewichtung der Figuren ist nicht immer realitätsnah, und wichtige politische Ereignisse werden nicht direkt behandelt. Laut Artikel ging es Brecht darum, den „Anspielungscharakter zu wahren und zugleich den ästhetischen Abstand zu halten“.

Arturo Ui steht für Adolf Hitler. Giri entspricht Hermann Göring, Roma Ernst Röhm und Givola Joseph Goebbels. Der alte Dogsborough verweist auf Paul von Hindenburg. Dullfeet steht für Engelbert Dollfuß. Fish entspricht Marinus van der Lubbe. Der Karfioltrust steht für Junker beziehungsweise Industrie, die Gangster für Faschisten.

Auch Orte und Ereignisse haben Entsprechungen. Chicago steht für Deutschland, Cicero für Österreich. Der Dockshilfeskandal verweist auf die Osthilfe im Deutschen Reich. Der Speicherbrand steht für den Reichstagsbrand.

Die Sprache ist ebenfalls Teil der Verfremdung. Die Gangster sprechen teils in Versen, also in gebundener Sprache, und teils in Alltagssprache. Dadurch werden sie auf eine ungewohnte Weise aufgewertet. Brecht nutzt Sprache zugleich als Mittel des Beschönigens und Verhüllens. Der Artikel nennt als Beispiele aus der Sprache des Nationalsozialismus „Reichskristallnacht“ für Gewaltmaßnahmen gegen Juden und „Endlösung der Judenfrage“ für ein industrielles Ermordungsprogramm.

Parallelen zur Geschichte

Viele Handlungsschritte entsprechen historischen Ereignissen. Die Krise des Karfioltrusts verweist auf die Weltwirtschaftskrise und auf Junker, die Staatsanleihen wollten. Dass der Karfioltrust Dogsborough durch die Reederei und ein Landhaus an sich bindet, entspricht dem Geschenk eines Gutsbesitzes an Hindenburg.

Uis schwieriger Weg zur Macht entspricht Hitlers Lage 1932: Hitler stand vor dem finanziellen Ende, seiner Partei drohte die Auflösung, und der Zugang zu Hindenburg gelang lange nicht. Uis Drohung, Dogsborough mit dem Dockshilfeskandal zu erpressen, entspricht dem Druck durch den Osthilfeskandal. Dass Ui und seine Leute Zeugen beseitigen und die Untersuchung zum Scheitern bringen, verweist auf die Zerschlagung der Untersuchung dieses Skandals.

Uis Schauspielunterricht hat eine direkte historische Parallele: Hitler nahm Unterricht bei einem Provinzschauspieler, um Wirkung auf große Menschenmengen zu lernen. Der Speicherbrand entspricht dem Reichstagsbrand im Februar 1933. Fish wird im Stück als Täter verurteilt; historisch wurde Marinus van der Lubbe als Alleintäter verurteilt. Der Artikel merkt an, dass der Reichstag von mehreren Seiten gleichzeitig zu brennen begann und es sich daher nicht um einen einzelnen Täter gehandelt haben könne.

Die Ermordung Romas und seiner Gefolgsleute entspricht der Ausschaltung Ernst Röhms und der SA, die in Konkurrenz zur SS stand. Zugleich gibt es eine Parallele zum Valentinstag-Massaker aus der Geschichte Al Capones. Dullfeets Ermordung steht für die Ermordung Dollfuß’. Uis Ausweitung auf Cicero entspricht dem Anschluss Österreichs: Am 11. März 1938 marschierten Hitlers Truppen in Österreich ein; danach wurde eine Volksabstimmung durchgeführt, um den „Anschluss“ nachträglich zu rechtfertigen.

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