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Der Untergang des Hauses Usher
Eine deutsche Übersetzung der Geschichte von Hedda Eulenberg wurde erstmals 1901 veröffentlicht. 1960 wurde der Text von Christel und Helmut Wiemken neu ins …
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Werk und Bedeutung
„Der Untergang des Hauses Usher“, seltener „Der Fall des Hauses Usher“ oder „Der Fall des Hauses Ascher“ (Originaltitel: „The Fall of the House of Usher“), ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Autors Edgar Allan Poe. Sie erschien 1839 in „Burton’s Gentleman’s Magazine“ und 1840 in überarbeiteter Form in der Sammlung „Tales of the Grotesque and Arabesque“.
Die Erzählung verbindet eine Schauergeschichte über Krankheit, Lebendigbegräbnis und den Untergang einer Familie mit einer symbolischen Darstellung des körperlichen und seelischen Verfalls. Das „Haus Usher“ bezeichnet dabei sowohl das Gebäude als auch das Adelsgeschlecht. Der Tod der letzten Geschwister und der tatsächliche Einsturz des Hauses fallen am Ende zusammen. Das Werk gilt als besonders gelungenes Beispiel für Poes Prinzip der „unity of effect“, also der Einheit des Effekts: Handlung, Figuren, Erzählweise, Schauplatz und Atmosphäre wirken gemeinsam auf einen einzigen starken Gesamteindruck hin.
Handlung
Ein namenloser Ich-Erzähler erhält einen dringlichen Brief seines Jugendfreundes Roderick Usher und reist zu dessen abgelegenem Anwesen. Das düstere Haus liegt an einem See beziehungsweise Pfuhl und wirkt durch seine gespenstische Umgebung und einen feinen Riss im Mauerwerk bedrohlich. Es wird erzählt, dass dämonische Gestalten aus dem See steigen und Menschen holen sollen, die zu lange auf ihn blicken.
Roderick ist der letzte männliche Nachkomme eines degenerierten Adelsgeschlechts. Er erscheint nervlich überreizt und offenbar geisteskrank. Er bittet seinen Freund, einige Zeit bei ihm zu bleiben, damit seine Gesellschaft die Krankheit erträglicher mache. Auch Rodericks Zwillingsschwester Lady Madeline ist schwer krank. Kurz nach der Ankunft des Erzählers stirbt sie angeblich und wird in einem unterirdischen Gewölbe des Hauses aufgebahrt und beigesetzt.
Einige Tage später können Roderick und der Erzähler während einer Sturmnacht nicht schlafen. Um seinen Freund abzulenken, liest der Erzähler ihm eine Rittergeschichte vor. Die darin beschriebenen Ereignisse werden jedoch von passenden Geräuschen aus dem Haus begleitet, wodurch das Grauen immer weiter zunimmt. Schließlich gesteht Roderick, dass sie Madeline offenbar lebendig begraben haben. Kurz darauf erscheint sie blutüberströmt in der Tür. Sterbend wirft sie sich auf ihren Bruder; Roderick stirbt augenblicklich vor Schreck.
Der Erzähler flieht in Panik. Im Rückblick sieht er, wie sich der Riss im Gebäude verbreitert, das Haus auseinanderbricht und im Pfuhl versinkt. Mit Roderick und Madeline geht damit zugleich das Geschlecht der Usher und sein Stammsitz unter.
Erzählweise und zentrale Motive
Die Geschichte wird aus der begrenzten Perspektive eines außenstehenden Ich-Erzählers berichtet. Er kennt die Hintergründe der Ereignisse nicht vollständig und versucht, seine Beobachtungen vernünftig zu ordnen. Seine grundsätzlich rationale Haltung lässt die Schilderung glaubwürdig erscheinen, kann aber die irrationalen Vorgänge nicht vollständig erklären. Dadurch bleiben entscheidende Fragen offen, und die Leserinnen und Leser werden zu eigenen Deutungen angeregt. Die zunehmende emotionale und gedankliche Überwältigung des Erzählers verstärkt zugleich die schauerhafte Wirkung.
Zu Poes wiederkehrenden Motiven gehören hier Geisteskrankheit, Opiumrausch, die Liebe zwischen nahen Verwandten, das Lebendigbegräbnis, die Wiederkehr einer totgeglaubten Person und der Tod einer schönen jungen Frau. Besonders wichtig ist die Wechselbeziehung zwischen Menschen und Raum. Der Verfall Rodericks, der Niedergang des Geschlechts und die Zerstörung des Gebäudes spiegeln einander.
Rodericks Zustand ist durch krankhafte Sensibilität und nervöse Erregbarkeit geprägt. Er kann nur in abgedunkelten Räumen sitzen, nur Geigenmusik ertragen, nur schwach gewürzte Speisen essen und nur bestimmte Stoffe tragen. Seine Stimmung wechselt zwischen lebhafter Offenheit und Verdrießlichkeit. Zugleich zeigen seine Malereien, Gedichte und musikalischen Darbietungen eine außergewöhnliche Konzentration und Vorstellungskraft. Sie sind von normalen sozialen, zeitlichen und räumlichen Bezügen gelöst, spiegeln aber auf merkwürdig hellsichtige Weise seinen eigenen Zustand.
Poe ordnet diese Elemente im Sinne eines „single or unique effect“, eines einzigen oder einzigartigen Effekts. Dabei verbindet er Äußeres und Inneres, Materielles und Immaterielles sowie Belebtes und Unbelebtes. Roderick schreibt den Dingen eine „sentience“, also eine sinnliche Empfindungsfähigkeit, zu. So entspricht der Riss im Mauerwerk den ersten Anzeichen von Rodericks geistiger Auflösung; die kranke Atmosphäre des Hauses spiegelt den Zustand seiner Bewohner. Das Haus ist deshalb nicht nur Kulisse, sondern Teil einer umfassenden Ausdruckseinheit.
Geschwisterbeziehung und mögliche Lesarten
Das Prinzip der Entsprechung bestimmt auch das Verhältnis zwischen Roderick und Madeline. Als Zwillinge sind sie äußerlich und innerlich eng miteinander verbunden. Am Ende scheinen sich ihre Krankheitssymptome umzukehren: Roderick wirkt erstarrt, während Madeline höchst erregt erscheint. Ihr gemeinsamer Tod legt nahe, dass Madeline als eine Art „zweites Ich“ so eng an Roderick gebunden ist, dass beide nicht unabhängig voneinander sterben können.
Die Erzählung legt keine eindeutige Erklärung dieser Beziehung fest. In einer gattungstypischen Lesart der Schauergeschichte kann Madeline als Vampir verstanden werden, der dem Bruder das Lebensblut entzieht – oder umgekehrt. Eine tiefenpsychologische Deutung sieht in ihr Rodericks „dark underside“, seine dunkle, unbewusste Seite beziehungsweise das Böse in ihm; dabei wird teilweise ein mögliches, im Text aber nicht klar ausgesprochenes Inzestverhältnis angenommen. Nach einer an Sigmund Freud orientierten Lesart verkörpert Madeline Rodericks Todestrieb, der seinem Lebenstrieb entgegensteht. Marie Bonaparte deutete Haus und Madeline dagegen als tote Mutter, die sich für den Treubruch des Sohnes rächt. Welche Auslegung überzeugt, hängt wesentlich vom jeweiligen Deutungsansatz ab; die Geschichte entzieht sich einer einzigen, abschließenden Erklärung.
Literarische Bezüge und Übersetzungen
Seit 1943 wird in der Literaturwissenschaft angenommen, dass Poe wesentliche Elemente aus Heinrich Claurens 1812 erschienener Erzählung „Das Raubschloß“ übernommen habe. Inhalt und Aufbau gelten als so ähnlich, dass ein Zufall ausgeschlossen erscheint. Eine stark bearbeitete, an ein britisches Publikum angepasste Fassung wurde 1828 von John Hardman unter dem Titel „The Robber’s Tower. A True Adventure.“ in „Blackwood’s Edinburgh Magazine“ veröffentlicht. Poe schätzte diese Zeitschrift seit seiner Jugend und könnte den Text gelesen und als Anregung verwendet haben.
Außerdem bestehen deutliche Ähnlichkeiten zu E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Das Majorat“ von 1819. Dort finden sich ebenfalls ein einstürzendes Haus in gespenstischer Umgebung, unheimliche nächtliche Geräusche und eine Geschichte innerhalb der Geschichte; zudem heißt der Hausherr Roderich. Laut Artikel kannte Poe diesen Text mit Sicherheit und verwertete Elemente daraus für seine eigene Konzeption.
Zu den deutschen Übertragungen gehören die erste genannte Ausgabe eines unbekannten Übersetzers von 1861, die Übersetzung von Hedda Moeller-Bruck und Hedwig Lachmann von 1901, die Fassung von Christel und Helmut Wiemken von 1960 sowie Arno Schmidts Übersetzung „Der Fall des Hauses Ascher“ von 1966. Weitere Übersetzungen stammen unter anderem von Gisela Etzel (1909), Günther Steinig (1953), Otto Weith (1989), Heiko Postma (2011) und Andreas Nohl (2020).
Wirkung und Bearbeitungen
Die Erzählung zählt in Literaturwissenschaft und Literaturkritik zu Poes besten „tales of effect“. Neben der Einheit des Effekts verwirklicht sie seine Forderung nach „suggestiveness“, also Mehr- oder Vieldeutigkeit, und nach einem „undercurrent of meaning“, einer unterschwelligen Bedeutungsebene. Die knappe Handlung, die Figuren und der Raum bilden ein Ganzes. Rodericks persönlicher Verfall verweist zugleich auf den Niedergang des Adelsgeschlechts und des Hauses, ohne dass sich diese Beziehungen eindeutig festlegen lassen.
Kennzeichnend für Poes „desintegrierende Prosa“ ist die Verbindung scheinbar gegensätzlicher Elemente: Eine gespenstische Atmosphäre und eine krankhaft-irrationale Vorstellungswelt werden in einer rationalen Form und einem rational wirkenden Stil dargestellt. Thomas Mann griff die Bewunderung für die Geschichte in „Buddenbrooks“ auf: Die Figur Kai Graf Mölln liest Poes Erzählung heimlich im Bibelunterricht und bezeichnet Roderick Usher als eine außergewöhnliche literarische Figur.
Der Stoff wurde vielfach für andere Medien bearbeitet. Zu den Bühnenfassungen zählt Ernest-Maurice Laumanns Einakter „La Chute de la Maison Usher“, der im März 1918 im Pariser Théâtre du Grand-Guignol uraufgeführt wurde. Spätere Theaterfassungen kamen unter anderem 2018 bei der Bühne Cipolla, 2024 am Theater Aachen und 2025 am Wilhelma Theater Stuttgart heraus.
Musikalische Bearbeitungen umfassen Claude Debussys unvollendete Oper, für die mehrere Rekonstruktionen beziehungsweise Instrumentationen entstanden, Philip Glass’ Oper in zwei Akten, Peter Hammills Oper in sechs Akten sowie Manfred Stahnkes Kammeroper von 1981. Hinzu kommen unter anderem „Usher Waltz“ von Nikita Koshkin (1984), Gordon Gettys Oper „Usher House“ (2014) und die Bearbeitung auf dem Album „Tales of Mystery and Imagination“ von The Alan Parsons Project (1976/1987). Deutschsprachige Hörspiele erschienen beispielsweise 1969 unter der Regie von Konrad Halver, 2006 unter Marc Gruppe und 2008 unter Florian Wetter.