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Phantastik
Phantastik, auch Fantastik, ist ein literarischer Genrebegriff, der in Fachkreisen sehr unterschiedlich definiert wird. Außerwissenschaftlich bezeichnet der …
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Gegenstand und grundlegende Definitionen
Phantastik oder Fantastik ist ein literarischer Genrebegriff, der in der Fachwissenschaft unterschiedlich bestimmt wird. Im filmwissenschaftlichen Diskurs gilt sie als Metagenre, das Science Fiction, Fantasy und Horror umfasst. Entscheidend für literaturwissenschaftliche Definitionen ist meist das Verhältnis einer erzählten Welt zu Naturgesetzen, zum Wunderbaren und zur Frage, ob ein ungewöhnliches Ereignis innerhalb der Geschichte wirklich stattfindet.
Uwe Durst unterscheidet grob maximalistische und minimalistische Definitionen. Beide Ansätze helfen dabei, Texte einzuordnen, setzen jedoch unterschiedliche Kriterien an: Der Maximalismus fragt vor allem nach der Missachtung von Naturgesetzen, der Minimalismus nach der anhaltenden Ungewissheit über ein wunderbares Ereignis.
Maximalismus und Minimalismus
Nach der maximalistischen Definition gehören alle erzählenden Texte zur Phantastik, in deren fiktiver Welt Naturgesetze missachtet werden. Ob das Übernatürliche innerhalb der Geschichte tatsächlich vorhanden ist oder am Ende angezweifelt wird, ist dabei unerheblich. Die ahistorische Variante rechnet alle aus heutiger naturwissenschaftlicher Sicht naturgesetzwidrigen Texte dazu, etwa auch Bibel und antike Epen. Die historische Variante, vertreten etwa von Louis Vax und Roger Caillois, beschränkt Phantastik auf Texte nach der Entstehung der realistischen Literaturkonvention Anfang des 18. Jahrhunderts: In einer zunächst realistischen Welt tritt ein übernatürliches Ereignis auf. Marianne Wünsch zählt auch Texte dazu, in denen dieses Ereignis am Schluss realistisch erklärt wird; andere Theoretiker lehnen dies ab.
Die minimalistische Definition geht auf Tzvetan Todorov zurück. Das Phantastische entsteht hier durch die Unschlüssigkeit des impliziten Lesers, also der im Text vorausgesetzten lesenden Instanz. Es bleibt offen, ob das Wunderbare innerhalb der fiktiven Welt wirklich existiert oder beispielsweise auf Täuschung, Betrug, Drogenkonsum oder Wahnsinn einer Figur beruht. Wird das Ereignis eindeutig realistisch oder eindeutig wunderbar erklärt, verlässt der Text nach Todorov den Bereich des Phantastischen; das zweifelsfrei Übernatürliche gehört zum Wunderbaren.
Christine Brooke-Rose und Thomas Wörtche führten diese Forschungslinie fort. Wörtche erklärte die Ambivalenz mit einer Destabilisierung der Erzählinstanz. Uwe Durst ersetzt das naturwissenschaftliche Kriterium des Übernatürlichen durch das literarisch-konventionsbedingte Wunderbare. Er betont, dass der Minimalismus Begriffe präziser verwendet und dadurch auch Texte genauer als Nachbarkategorien beschreiben kann, die nicht mehr zur Phantastik im engen Sinn gehören.
Realitätssysteme, Riss und Systemsprung
Roger Caillois beschreibt das Übernatürliche als „Riß in dem universellen Zusammenhang“: Das Unmögliche tritt unerwartet in einer Welt auf, aus der es definitionsgemäß ausgeschlossen war, und erschüttert deren Sicherheit. Sein weiteres Kriterium, der reale Leser müsse bei phantastischer Lektüre Angst empfinden, gilt wissenschaftlich als überholt und war umstritten. Todorov wandte dagegen ein, die Gattung eines Werkes hinge dann von der Nervenstärke des Lesers ab.
Uwe Dursts Begriff Realitätssystem bezeichnet die Ordnung der Gesetze, die innerhalb einer fiktiven Welt gelten. Das reguläre Realitätssystem (R) verdeckt seine eigene Verfahrensbedingtheit und wirkt dadurch wie außerliterarische Wirklichkeit. Beispielsweise werden die Wunderbarkeit eines allwissenden Erzählers oder die pan-deterministische Kausalität symbolischer Ordnungen in realistischen Texten konventionsgemäß verborgen. Das wunderbare Realitätssystem (W) lässt wunderbare Ereignisse wie Hellseherei, Unsichtbarkeit, Unsterblichkeit oder Vampirismus offen auftreten. Diese Wunderbarkeit kann im Text selbst oder durch den Vergleich mit realistischen Texten markiert sein.
Das Phantastische liegt bei Durst zwischen R und W. Es ist ein Nichtsystem (N), weil kein kohärentes Realitätssystem festgelegt werden kann: R und W negieren einander. Ein Systemsprung ist der Wechsel eines Realitätssystems innerhalb eines Textes. Texte mit einem solchen Wechsel heißen mobil, Texte ohne ihn immobil. In Lewis Carrolls Alice im Wunderland lautet die Abfolge R + W + R: Alice befindet sich zunächst mit Cecilia beim Picknick, folgt dem weißen Kaninchen ins Wunderland und erwacht schließlich aus ihrem Traum. Dursts Schreibweise stellt das am Ende etablierte System der Abfolge gegenüber: R = R + W + R.
Erzählverfahren und sequentielle Lücken
Minimalistisch verstandene Phantastik erzeugt Unschlüssigkeit durch Verfahren, welche die Erzählinstanz destabilisieren, also ihre Glaubwürdigkeit als Garantie der erzählten Welt erschüttern. Nach Wörtche gibt es makro- und mikrostrukturelle Verfahren. Makrostrukturell ist die Destabilisierung, wenn mehrere Erzähler oder Figuren sich widersprechen oder einander Lüge beziehungsweise Unzurechnungsfähigkeit vorwerfen; als Beispiel wird Theodor Storms Der Schimmelreiter genannt. Mikrostrukturell wird die Aussage eines einzelnen Erzählers bereits in seiner eigenen Rede fraglich, etwa durch Modalisation wie „es schien mir“ oder durch grammatische Zerrüttung. Hanns Heinz Ewers’ Die Spinne wird hierfür angeführt. Auch die Beteuerung, nicht verrückt zu sein, kann Zweifel wecken, wie in Edgar Allan Poes Das verräterische Herz.
Hans Dieter Zimmermann erklärt Wunderbares durch sequentielle Lücken: In einer Handlung fehlt ein notwendiges Element, dennoch geschieht die Handlung. Ein Beispiel ist das Hindurchtreten durch eine Wand, ohne zuvor eine Tür zu schaffen. Durst unterscheidet seit 2007 drei Typen. Syntagmatisch-subtraktive Lücken lassen ein unverzichtbares Handlungselement fehlen. Syntagmatisch-additive Lücken erklären zwei Handlungen zu einer Einheit; beim Pan-Determinismus tötet etwa das Zersägen eines Schmuckringes dessen Besitzerin. Paradigmatische Lücken schließen eine ganze Handlung aus den möglichen Handlungen aus, beispielsweise das Führen eines Krieges in einer utopischen Welt.
Da sequentielle Lücken auch in realistischen Texten vorkommen und geradezu eine Bedingung des Erzählens sind, bilden sie einen zentralen Teil von Dursts These: Phantastische Literatur lege die immanente Wunderbarkeit des Erzählens offen. Ihr eigentliches Thema sei daher nicht der Vampir, sondern die Unmöglichkeit des Erzählens selbst.
Beispiele und politische Deutungen
Als Beispielwerke der Phantastik nennt der Artikel unter anderem E. T. A. Hoffmanns Der goldene Topf, Mary Shelleys Frankenstein, Edgar Allan Poes Das verräterische Herz, Theodor Storms Der Schimmelreiter, Franz Kafkas Die Verwandlung, Stanisław Lems Solaris, Michael Endes Die unendliche Geschichte und Neil Gaimans Niemalsland. Diese Liste umfasst unterschiedliche Zeiten und Formen und zeigt, dass die Einordnung vom verwendeten Phantastikbegriff abhängt.
Politische Deutungen sind umstritten. Peter Cersowsky sieht vielfältige Bezüge zwischen phantastischer Literatur und konservativen beziehungsweise rechten Positionen, etwa Politikferne und Schicksalsgläubigkeit. Er nennt Edmund Burke als ein frühes Beispiel und verweist auf die Herausgabe und Übersetzung von Poes Werken durch Arthur Moeller van den Bruck im Jahr 1904. Außerdem verbindet er technische Utopien, etwa Roboter, das Atlantropa-Projekt und Raumfahrtbücher Hermann Oberths, mit technisch orientierter Phantastik und früher Science-Fiction. Dennoch folgert Cersowsky nicht, dass Phantastik notwendig reaktionär sei.
Lars Gustafsson hält Phantastik am Beispiel Lovecrafts dagegen für grundlegend reaktionär und verknüpft Hochzeiten von Phantastik und Esoterik mit gesellschaftlichem Rückschritt. Lothar Baier und Cersowsky widersprechen: Grenzüberschreitung, Riss und Utopie könnten auch emanzipatorisch wirken und gesellschaftliche sowie technische Innovation ermöglichen.