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Der Mann, der die Sünde erfand
Der Mann, der die Sünde erfand (im Original The Man Who Invented Sin) ist eine Kurzgeschichte des irischen Schriftstellers Seán O'Faoláin, die erstmals 1947 …
Inhalt5 Abschnitte
Werk, Aufbau und zentrale Aussage
„Der Mann, der die Sünde erfand“ (Originaltitel: „The Man Who Invented Sin“) ist eine Kurzgeschichte des irischen Schriftstellers Seán O’Faoláin. Sie erschien erstmals 1947 in der Sammlung „Teresa and Other Stories“ im Londoner Verlag Jonathan Cape. Elisabeth Schnacks deutsche Übersetzung wurde 1980 in der Sammlung „Lügner und Liebhaber“ im Diogenes Verlag veröffentlicht.
Die Ich-Erzählung besteht aus zwei zeitlich getrennten Teilen. Der Hauptteil spielt während eines Sommerkurses im Juli 1920 in der Gaeltacht, dem gälischsprachigen Teil Irlands. Dort sollen englischsprachige Stadtbewohner die irische Sprache und Kultur kennenlernen. Der wesentlich kürzere Schlussteil schildert zwei Wiederbegegnungen im Jahr 1943, also dreiundzwanzig Jahre später.
Im Mittelpunkt steht der Konflikt zwischen unschuldiger Lebensfreude und individueller Freiheit auf der einen sowie gesellschaftlicher und kirchlicher Autorität auf der anderen Seite. Ein Dorfkaplan deutet harmlose Vergnügungen als sündhaft. Gerade sein Eingreifen weckt jedoch erst das Bewusstsein des Verbotenen. Die späteren Begegnungen zeigen, dass seine Machtausübung dauerhafte Folgen hatte: Ein ehemals selbstständiger Mensch ist gebrochen, während der Geistliche selbst erfolgreich und ohne Schuldgefühl geblieben ist.
Handlung
Im Sommer 1920 wohnt der junge Erzähler während eines Ferienkurses in einem Bauernhaus mit zwei Nonnen und zwei Mönchen: der lebensfrohen Schwester Magdalen, der pflichtbewussten Schwester Chrysostom, dem kräftigen Bauernsohn Bruder Virgilius und dem intellektuellen Bruder Majellan. Trotz ihrer Unterschiede kommen die fünf durch das gemeinsame Erlernen der irischen Sprache und durch Kindheitserinnerungen einander näher. Sie verbringen harmlose Abende mit Gesang, Tanz und Spielen.
Gerüchte darüber erreichen den jungen Dorfkaplan, der verächtlich „Lispeen“, also „Frosch“, genannt wird. Er dringt lautstark in das Haus ein, beschimpft die Gruppe und unterstellt ihr unanständiges Verhalten. Bis dahin hatten die fünf keinerlei unsittliche Absichten wahrgenommen. Erst die Standpauke macht ihre Vergnügungen zu etwas Verbotenem und dadurch besonders reizvoll. Sie setzen ihre Treffen fort, veranstalten nächtliche Gartenkonzerte, empfangen Freunde und unternehmen Bootsfahrten.
Am letzten Abend nehmen sie an einer fröhlichen Bootsfahrt teil, die bis weit nach Mitternacht dauert. Lispeen erwartet die Gesellschaft am Ufer und verlangt die Namen aller Beteiligten. Die beiden Mönche und die beiden Nonnen verkleiden sich und gelangen unbemerkt an ihm vorbei, während die übrigen Ausflügler ihn ablenken. Eine Nonne verliert jedoch ihre Guimpe, einen Teil ihres Schleiers. Lispeen betrachtet sie als Beweis und will das Verhalten der Ordensleute von der Kanzel verurteilen sowie dem Pfarrer und dem Bischof melden.
Der Erzähler lockt den Kaplan durch einen erfundenen Notruf zu einem angeblich entfernt wohnenden Kranken. Während Lispeens Abwesenheit stiehlt er das Beweisstück aus dessen Haus und bewahrt seine Freunde vor kirchlichen Strafen. Am folgenden Tag reisen die Ordensleute unbehelligt ab.
1943 begegnet der Erzähler Bruder Majellan wieder. Aus dem früher kritischen und mutigen Intellektuellen ist ein dünner, gebeugter und grauhaariger Mann geworden. Nun hält Majellan das damalige Ausbrechen aus dem Klosteralltag selbst für bedenklich und warnt vor den Sommerkursen. Zwei Stunden später trifft der Erzähler Lispeen. Dieser wirkt kaum verändert, tritt wohlhabend und selbstbewusst auf und kann sich zunächst fast nicht an 1920 erinnern. Schließlich erklärt er lachend, seine damalige Empörung sei nur gespielt gewesen: Die Ordensleute seien „die reinsten Kinder“ und „Unschuldslämmer“ gewesen; er habe ihnen lediglich einen Schreck einjagen müssen.
Figuren, Gemeinschaft und Autorität
Obwohl der namenlose Erzähler im Hauptteil oft im Hintergrund bleibt, ist er die Zentralfigur: Nur er erkennt rückblickend die Bedeutung der Ereignisse und vermittelt diese Einsicht. Der Wechsel vom gemeinschaftlichen „wir“ im Hauptteil zum einzelnen „ich“ im Schluss zeigt, dass die frühere Gemeinschaft zerfallen ist. Die Aussage „Die Berge sind einsam“ (im englischen Original „empty“) fasst diese Trennung zusammen.
Bruder Majellan steht 1920 für Intelligenz, Feinfühligkeit und eigenständiges Denken. Als Einziger widerspricht er dem Kaplan. 1943 hat er dessen moralische Sichtweise jedoch übernommen. Seine gebeugte Haltung spiegelt seine Unterwerfung unter die kirchliche Autorität. Lispeen dagegen besitzt weiterhin Macht und gesellschaftliches Ansehen. Zylinder und Regenschirm mit silberner Krücke betonen seinen Wohlstand. Dass sein Eingreifen für die anderen lebenslange Folgen hatte, für ihn selbst aber bedeutungslos blieb, bildet die bitterste Erkenntnis des Erzählers.
Schwester Magdalen ist klein, zierlich, heiter und übersprudelnd. Die aus der städtischen oberen Mittelschicht stammende Arzttochter hat Schwierigkeiten mit der gälischen Aussprache und empfindet weniger moralische Bedenken als die anderen. Ihr Name verweist auf Maria Magdalena und die Vorstellung der „heiligen Sünderin“.
Schwester Chrysostom ist groß, steif und autoritätsgläubig. Sie hat die kirchlichen Regeln verinnerlicht, warnt vor den möglichen Reaktionen des Bischofs und der Oberinnen und versucht, die gemeinsamen Abende früh zu beenden. Dennoch nimmt auch sie an den nächtlichen Vergnügungen teil. Ihr Name erinnert an den asketischen Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos.
Bruder Virgilius ist ein kräftiger Bauernsohn mit mächtiger Stimme, schlichtem und natürlichem Wesen. Er beherrscht Irisch, hilft bei der Aussprache und übersetzt ein Volkslied. Anders als Majellan lässt er sich leicht durch den Vikar einschüchtern.
Erzählweise und Symbolik
Die Landschaft der Gaeltacht erscheint zunächst wie ein Garten Eden: Mensch und Natur leben harmonisch zusammen, und die Ordensleute wirken kindlich und unschuldig. Sonnenschein, sich hebender Nebel, blaue Seen und springende Forellen begleiten das Entstehen ihrer Gemeinschaft. Nach der bedrohlichen Bootsfahrt verändert sich die Natur: Tau und Nebel umgeben das stille Haus, der See wirkt frostig und der Himmel bleich. Der angekündigte Herbst steht für das Ende von Unschuld und Gemeinschaft.
Lispeen wird mit satanischen Bildern verbunden. Er tritt mit „Donnergetöse“ auf, sein Schatten zieht über den See, und der Erzähler nennt ihn eine „hinterlistige Schlange“, die in den Garten eindringt. Damit werden die Ordensleute zu Bewohnern eines Paradieses, denen erst durch das Verbot die Versuchung bewusst wird. Im letzten Satz wedelt Lispeens verlängerter Schatten „wie ein Schwanz“ hinter ihm. Der Kaplan bekämpft die Sünde daher nicht nur, sondern erzeugt sie durch Verdächtigung und Verbot erst im Bewusstsein der Gruppe.
Die Erzählung ist stark verdichtet: Wenige Sätze charakterisieren die Figuren, und der Wechsel zwischen „ich“ und „wir“ macht die Entstehung beziehungsweise den Zerfall der Gemeinschaft sichtbar. Zusammenfassende Rückblicke wechseln mit Dialogen, die wichtige Szenen unmittelbar und dramatisch wirken lassen. Gälische Wörter, Sprachübungen und ein irisches Volkslied schaffen Lokalkolorit und verankern die Handlung in der Gaeltacht.
Historischer, autobiografischer und literarischer Zusammenhang
Das Jahr 1920 stellt die Handlung in den Zusammenhang des irischen Unabhängigkeitskrieges. Die Unabhängigkeitsbewegung wollte die vorbritische Kultur und die in der Gaeltacht bewahrte irische Sprache wiederbeleben. Die städtischen Kursteilnehmer verkörpern dieses Ziel. Verlassene Herrenhäuser erinnern an die Vertreibung der britisch-protestantischen Oberschicht, der „Protestant Ascendancy“. Begegnungen zwischen Stadt- und Landbevölkerung sowie Gespräche über Irlands Zukunft zeigen den damaligen Idealismus und die Hoffnung auf politische Freiheit und gesellschaftliche Toleranz.
Nach dem Waffenstillstand von 1921 und den Vertragsverhandlungen mit England folgte der Bürgerkrieg von 1922/23. Laut der im Artikel wiedergegebenen Deutung zerstörte diese Entwicklung die idealistischen Freiheitsvorstellungen. Der auf 1943 datierte Schluss verweist auf ein durch Neutralität im Zweiten Weltkrieg verstärkt isoliertes Irland, in dem katholische Kirche, Intoleranz, Prüderie und Zensur großen Einfluss besitzen. Majellans Unterwerfung und Lispeens ungebrochene Autorität stehen für diese Entwicklung. „Die Berge sind einsam“ deutet zugleich auf die durch Landflucht und Auswanderung verursachte Entvölkerung der Gaeltacht.
O’Faoláin nahm als Jugendlicher selbst an Sommerkursen in der Gaeltacht teil. Unterbringung, Freizeitaktivitäten und Alter des Erzählers weisen autobiografische Parallelen auf; sein Biograf Maurice Harmon vermutet Tuirin Dubh als Schauplatz. Die Kirchenkritik ist jedoch nicht als allgemeine Ablehnung des Katholizismus zu verstehen. O’Faoláin wandte sich gegen menschenfeindliche Haltungen des irischen Klerus, hielt aber an einer freieren Form seines Glaubens fest.
Die 1947 veröffentlichte Erzählung liegt ungefähr in der Mitte von O’Faoláins literarischer Laufbahn. Sie verbindet das Engagement und die romantischen Züge seiner frühen Texte mit der kontrollierten Distanz und Ironie späterer Werke. Formal vereint sie Merkmale der konzentrierten „Short Story“ mit denen der weiter ausgreifenden „Tale“, die mehr Figuren, Ereignisse, Stimmungswechsel und Bedeutungsnuancen aufnehmen kann. Dadurch verbindet sie eine persönliche Geschichte über die „Entstehung der Sünde“ mit der historisch-politischen Entwicklung Irlands.