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Baum der Erkenntnis
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Biblische Erzählung und Bedeutung
Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse (hebräisch עֵץ הַדַּעַת טוֹב וָרָע ‘eṣ hadda‘at ṭôv wārā‘) ist ein besonderer Baum in der Paradieserzählung des Buches Genesis. JHWH Elohim pflanzt im Osten einen Garten und lässt darin den Baum der Erkenntnis sowie den Baum des Lebens wachsen. Der aus Staub geschaffene Mensch darf von allen Bäumen essen, nur nicht vom Baum der Erkenntnis: „Denn sobald du davon isst, musst du gewiss sterben“ (Gen 2,17).
Auf Anregung der klugen Schlange essen die Menschen dennoch von der Frucht. Sie sterben nicht sofort, sondern erkennen Gut und Böse und nehmen zunächst ihre Nacktheit wahr. Danach verweist Gott sie aus dem Garten, damit sie nicht auch vom Baum des Lebens essen und ewiges Leben erlangen. Die Erzählung behandelt damit die Grenzen des Menschen, seinen Ungehorsam, den Erwerb von Erkenntnis und sein Verhältnis zu Gott, Sterblichkeit und Verantwortung.
Garten und besondere Bäume
Der Garten erscheint wie eine künstlich bewässerte Oase in unkultiviertem Land. Vergleichbare mesopotamische Gärten gehörten zu Palästen oder Tempeln, waren von Mauern umgeben und enthielten große Dattelpalmen sowie kleinere Nutz-, Obst- und Zierpflanzen. Neuassyrische Könige stellten sich als Gärtner dar; Pflanzen und Tiere aus verschiedenen Reichsteilen symbolisierten die wohlgeordnete Schöpfung. Solche Gärten dienten der Repräsentation, Erholung und dem Genuss.
Ob in Gen 2,9 zwei Bäume oder ursprünglich nur ein Baum in der Gartenmitte gemeint sind, ist umstritten. Grammatisch wäre auch die Lesart möglich, dass der Lebensbaum zugleich der Erkenntnisbaum sei. Gen 3,22–24 unterscheidet beide jedoch deutlich. Der Baum des Lebens besitzt Parallelen im Alten Orient und in anderen biblischen und jüdischen Schriften. Ein Baum der Erkenntnis ist außerhalb der Paradieserzählung dagegen nicht belegt. Claus Westermann vermutet deshalb, die Bezeichnung sei eigens für diese Erzählung geschaffen worden. Wörtlich kann sie als „Baum des Gut-und-Böse-Erkennens“ verstanden werden.
Auch der auffällige Satzbau von Gen 2,9 führte zu literarkritischen Theorien. Nach einer klassischen Erklärung wurde der Lebensbaum später in eine ursprünglich nur vom Erkenntnisbaum handelnde Geschichte eingefügt; auch Gen 3,22.24 wäre dann sekundär. Andreas Michels zeigte jedoch, dass der Satz im Hebräischen sprachlich wohlproportioniert ist und „mitten im Garten“ auf beide Bäume bezogen werden kann. Jan Christian Gertz hält aus mehreren Gründen dennoch an einer späteren Ergänzung des Lebensbaum-Motivs fest und verbindet sie mit dem Interesse, Paradiesgarten und Jerusalemer Tempel aufeinander zu beziehen.
Verbot, Todesdrohung und Erkenntnis
Das Verbot wird unterschiedlich ausgelegt. Andreas Schüle versteht es als Sicherung der Grenze zwischen Gott und Mensch: Der Mensch sei zur Pflege des Gartens geschaffen worden, während die Todesdrohung abschrecke. Christoph Riedweg bezeichnet den Baum als „Mahnmal für die göttliche Überlegenheit“ und das Verbot als Tabu, das die bestehende Ordnung schützt. Nahum Sarna sieht darin eine Aufforderung zu Zurückhaltung und Selbstbeherrschung und ein Vorbild späterer Speisegebote der Tora.
Warum der angekündigte Tod nicht unmittelbar eintritt, bleibt eine zentrale Frage. Westermann meint, Gott verzichte in seiner Souveränität auf die Vollstreckung der Todesstrafe. Thomas Hieke versteht die Aussage dagegen nicht als gesetzliche Sanktion, sondern als Warnung vor den schweren Folgen des Ungehorsams: Statt getötet zu werden, erhalten die Menschen andere Strafen, und Gott sorgt sogar für ihre Kleidung.
Auch „Erkenntnis von Gut und Böse“ wird verschieden erklärt. Julius Wellhausen verstand „gut und böse“ nicht zuerst moralisch, sondern als „heilsam und schädlich“. Für Sarna ist die Wendung ein Merismus, also eine Verbindung von Gegensätzen, die eine Gesamtheit ausdrückt: Die Menschen werden nicht allwissend, erweitern aber ihren geistigen Horizont und können verantwortlich entscheiden. David M. Carr verbindet die Erkenntnis mit dem Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter, besonders mit Körperbewusstsein, Scham und der Orientierung am Blick anderer.
Dirk U. Rottzoll deutet die Wendung als Ausdruck für den Geschlechtstrieb und rekonstruiert einen kanaanäischen Mythos, den ein jahwistischer Bearbeiter antikanaanäisch umgestaltet habe. Andere Ausleger widersprechen einer rein sexuellen Deutung. Gertz betont, dass Kleidung in antiken Gesellschaften den sozialen Status sichtbar machte: Das Bedecken der Nacktheit sei daher ein wirklicher Erkenntnisgewinn. Im weiteren Verlauf nehmen die Menschen sich als von Gott getrennte Individuen wahr und versuchen zugleich, ihre Schuld auf andere abzuwälzen.
Übersetzungen und jüdische Auslegung
Die griechische Übersetzung der Genesis entstand wahrscheinlich im 3. Jahrhundert v. Chr. in Alexandria. Sie bezeichnet den Baum ausführlich als „Baum des Wissens dessen, was von Gut und Böse erkennbar ist“, legt aber nicht eindeutig fest, welche Art von Wissen gemeint ist. Frühe lateinische Bibeln folgten dieser Formulierung. Hieronymus übersetzte im frühen 5. Jahrhundert näher am Hebräischen mit lignum scientiae boni et mali, „Baum des Wissens um Gut und Böse“.
Jüdische Schriften und Übersetzungen entwickelten die Erzählung weiter. Das um 150 v. Chr. entstandene Jubiläenbuch berichtet, Eva habe sich unmittelbar nach dem Essen einen Schurz aus Feigenblättern gemacht und erst danach Adam die Frucht gegeben. Das legt einen Feigenbaum als Schauplatz nahe. Die aramäischen Targumim erklären den Baum meist als Gewächs, dessen Frucht zur Unterscheidung von Gut und Böse befähigt. Targum Pseudo-Jonathan gibt dem Lebensbaum außerdem eine Höhe, die einer Reise von 500 Jahren entspricht.
Talmud und Midrasch diskutieren die Pflanzenart, ohne sie abschließend zu bestimmen. Genannt werden Weinstock, Weizen, Feigenbaum und Zitrone. Für den Weinstock spricht die schädliche Wirkung des Weins, für den Weizen der Zusammenhang zwischen Getreidenahrung und kindlicher Sprachentwicklung, für die Feige die Kleidung aus Feigenblättern. Der Midrasch Bereschit Rabba erklärt schließlich, Gott habe die Identität des Baumes dauerhaft verborgen.
Mittelalterliche jüdische Kommentatoren setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Abraham Ibn Esra verbindet die Erkenntnis mit dem in der Pubertät entstehenden sexuellen Verlangen; David Kimchi stimmt ihm zu. Nachmanides lehnt diese Deutung ab: Die Menschen hätten vorher instinktgeleitet gehandelt und durch die Frucht Willensfreiheit sowie die Fähigkeit zu bewussten Entscheidungen gewonnen.
Christliche Deutungen
Spätantike Christen betrachteten Frucht und Erkenntnis meist nicht als an sich böse. Der Brief an Diognet erklärt, Adam und Eva seien sterblich geworden, weil sie noch ohne Erkenntnis und daher ungehorsam handelten. Erkenntnis und Leben müssten in der richtigen Lebensführung verbunden werden. Theophilos von Antiochia sah Adam als Kind, das für die gute Erkenntnis noch nicht reif war; das Verbot sei eine Gehorsamsprobe. Gregor von Nyssa identifizierte den Lebensbaum mit der Weisheit beziehungsweise Christus. Der Erkenntnisbaum bringe dagegen eine gemischte Frucht hervor, in der das einfach Gute mit dem verführerisch erscheinenden Bösen verbunden sei.
Augustinus bestand darauf, dass Paradies und Bäume wirklich existierten. Der gute Schöpfer habe keinen schädlichen Baum geschaffen. Dieser heiße Erkenntnisbaum, weil der Verstoß gegen das Gebot den Menschen den Unterschied zwischen dem Guten des Gehorsams und dem Bösen des Ungehorsams erfahren ließ, nicht wegen einer bösen Frucht.
Bonaventura stellte im 13. Jahrhundert den Lerneifer (studiositas) der gefährlichen Neugier (curiositas) gegenüber. Der Lebensbaum steht bei ihm für lebendige Weisheit, der Erkenntnisbaum für eine nur wörtliche oder intellektuelle Beschäftigung, die vom Heil wegführen kann. Um 1600 erklärten Henry Ainsworth und Johannes Piscator den Namen rationalisierend: Erst durch die Übertretung sei dem Menschen der Unterschied zwischen Gut und Böse bewusst geworden.
Der Katechismus der katholischen Kirche von 1993 versteht den Baum sinnbildlich als unüberschreitbare Grenze, die der Mensch als Geschöpf freiwillig und vertrauensvoll anerkennen soll. Freiheit bleibe an den Schöpfer, die Schöpfungsordnung und sittliche Normen gebunden. Willibald Sandler sieht in den beiden Bäumen die zwei Wege von Leben und Tod; Sexualität könne nur insofern gemeint sein, als ihre unzeitige oder deplatzierte Ausübung den Garten verwüste. Johannes Paul II. deutete den Erkenntnisbaum zusammen mit dem Lebensbaum als „Symbol des Bundes mit Gott“.
Darstellung, Frucht und Brauchtum
Die Bibel bestimmt die Art der verbotenen Frucht nicht. In griechischsprachiger spätantiker Auslegung galt sie häufig als Feige, sowohl aufgrund älterer jüdischer Traditionen als auch wegen der Bedeutung des Feigenbaums im östlichen Mittelmeerraum. Die Vorstellung vom Apfel stammt nach Hans-Günter Leder nicht aus der exegetischen Literatur und auch nicht aus einem lateinischen Wortspiel zwischen mālum beziehungsweise mālus („Apfel“ beziehungsweise „Apfelbaum“) und malum („das Böse“). Sie ist erstmals im Heptateuchos des frühen 5. Jahrhunderts und bei Avitus von Vienne um 500 nachweisbar. Vermutlich entstand diese Tradition in Gallien, wo der Apfelbaum eine ähnliche kulturelle Bedeutung besaß wie der Feigenbaum im Osten.
Eine deutsche Legende erklärt den „Adamsapfel“ damit, dass Adam ein Stück der verbotenen Frucht im Hals stecken geblieben sei. Auch Äpfel am Weihnachtsbaum erinnern an den Sündenfall des „alten Adam“. Dem wird Jesus Christus als der an Weihnachten geborene „neue Adam“ gegenübergestellt, der die Menschheit von den Folgen der Erbsünde erlöst.