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Der Lotse geht von Bord
Der Lotse geht von Bord (im englischen Original Dropping the Pilot) ist eine Karikatur von John Tenniel, die am 23. März 1890 in der auf den 29.
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Gegenstand und historischer Anlass
„Der Lotse geht von Bord“ (englisch: „Dropping the Pilot“) ist eine Karikatur von John Tenniel. Sie erschien am 23. März 1890 in der auf den 29. März datierten Ausgabe der britischen Satirezeitschrift Punch, zusammen mit einem gleichnamigen Gedicht von Edwin James Milliken. Anlass war der wenige Tage zuvor erfolgte Rücktritt Otto von Bismarcks als Reichskanzler, den Kaiser Wilhelm II. erzwungen hatte. Die Darstellung gilt als bekannteste Karikatur Tenniels und des Punchs sowie als eine der berühmtesten Karikaturen überhaupt.
Bismarck war seit 1862 preußischer Ministerpräsident, seit 1867 Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes und ab der Reichsgründung 1871 Reichskanzler. Unter Wilhelm I. hatte er einen sehr starken politischen Einfluss. Nach dem Regierungsantritt Wilhelms II. im Dreikaiserjahr 1888 entstanden jedoch Konflikte über die Bündnispolitik, den Kulturkampf und die Sozialistengesetze. Wilhelm II. wollte selbst stärker regieren. Am 17. März 1890 ließ er Bismarck auffordern, noch am selben Tag ins Schloss zu kommen und sein Abschiedsgesuch mitzubringen; Bismarck übergab es am 18. März. Damit endete seine 19-jährige Amtszeit.
In Deutschland wurde Bismarcks Sturz vielfach erleichtert aufgenommen, weil er politisch zunehmend isoliert war. Sozialdemokraten, Liberale, das Zentrum, polnische Einwohner der Ostprovinzen und Teile der Kartellparteien standen ihm ablehnend oder kritisch gegenüber. Im europäischen Ausland überwog dagegen die Besorgnis. Bismarcks Bündnispolitik hatte Deutschland eine europäische Führungsrolle verschafft und den Frieden in Europa gesichert. Besonders die britische Times fürchtete, dass der Kaiser und der neue Reichskanzler Leo von Caprivi ohne klare Orientierung eine gefährliche neue Politik beginnen könnten.
Bildaufbau und zentrale Deutungen
Die Karikatur zeigt einen Ausschnitt eines Schiffes, möglicherweise eine Fantasiedarstellung der kaiserlichen Jacht Hohenzollern. Bismarck trägt Seemannskleidung und steigt über die Fallreepstreppe zu einem teilweise sichtbaren Boot hinab. Seine Miene wird als düster, verbittert, nachdenklich oder besorgt beschrieben; zugleich vermittelt seine Haltung ungebeugtes Selbstbewusstsein. Wilhelm II. steht in Offiziersuniform und mit einer Fantasiekrone an der Reling. Er blickt auf Bismarck herab und wirkt je nach Deutung selbstbewusst, selbstgefällig, gelassen, kühl, gleichgültig oder höhnisch.
Tenniel verzichtet auf groteske Verzerrungen und starke Übertreibungen. Das wichtigste karikaturistische Mittel ist die Übertragung der politischen Situation in die nautische Welt. Deshalb gilt das Werk als klassische deskriptive Karikatur: Es stellt eine politische Lage anschaulich dar, ohne durch die Bildform eindeutig zu bewerten. Die Zurückhaltung kann außerdem als Ausdruck viktorianischer Höflichkeit verstanden werden.
Die Bildaussage bleibt dadurch doppeldeutig. Einerseits kann Bismarcks Abstieg bedeuten, dass das Schiff die gefährlichen Passagen hinter sich hat und nun zu einer großen Fahrt auf offener See aufbricht. Andererseits warnt die Darstellung davor, dass ein Schiff ohne erfahrene Führung verunglücken könnte. Bismarck erscheint als Lotse oder Steuermann, obwohl er politisch eigentlich die Rolle des Kapitäns des Staatsschiffs innehatte. Diese Umdeutung konnte den Schock über den Abgang des angesehenen Staatsmanns für das britische Publikum abmildern.
Karl Arndt deutet die Karikatur vor allem als huldigenden Nachruf auf Bismarck. Seine Seemannskleidung lässt ihn kompetent und erfahren erscheinen, während Wilhelms Krone dessen jugendliche Unerfahrenheit hervorhebt. Bismarck ist im Vordergrund groß dargestellt, Wilhelm erscheint kleiner und teilweise von der Bordwand verdeckt. Eine mögliche Kanone neben Wilhelm und die von Bismarck berührte Klappe können auf Bismarcks Friedenspolitik und die Unsicherheit über deren Fortsetzung hinweisen. Für Imanuel Geiss verkörpert das Bild Europas Bedauern über den Sturz Bismarcks als Symbol deutscher Stabilität.
Titel, Gedicht und Veröffentlichung
Der englische Titel „Dropping the Pilot“ bedeutet wörtlich etwa „Den Lotsen entlassen“ oder „Den Lotsen absetzen“. Er macht Wilhelm II. zum Handelnden und Bismarck zum Entlassenen. Die deutsche Fassung „Der Lotse geht von Bord“ stellt dagegen Bismarck als Subjekt dar und kann den Eindruck erwecken, er verlasse das Schiff freiwillig. Dadurch tritt Wilhelms Verantwortung für die Entlassung in den Hintergrund. Das englische Wort „pilot“ kann sowohl „Lotse“ als auch „Steuermann“ bedeuten. Stephan Leibfried vermutet, dass Tenniel „Steuermann“ meinte und von Joseph Kepplers Darstellung „Deutschlands größter Steuermann – The champion pilot of the age“ aus dem Jahr 1871 beeinflusst wurde.
Das gemeinsam veröffentlichte Gedicht von Edwin James Milliken besteht aus vier Strophen mit jeweils neun Versen. Es bezeichnet Bismarck als „great Pilot“, der viele Stürme bestanden habe und das Ruder nun verlasse, während die See noch unruhig sei. Die Jugend wolle das Staatsschiff auf andere Weise lenken; zugleich wird gefragt, ob der neue „Palinurus“ – eine Anspielung auf den Steuermann aus der antiken Überlieferung – den Kurs halten könne. Der neue Führer könnte auf Untiefen laufen und den alten Lotsen zurückwünschen. Das Gedicht hebt damit die britische Sorge über Bismarcks Entlassung und seine außergewöhnliche politische Leistung deutlicher hervor als die zurückhaltende Karikatur.
Über die Entstehung gibt es unterschiedliche Angaben. Der Zeichner habe möglicherweise durch Königin Victoria von der bevorstehenden Entlassung erfahren; der Historiker Richard Scully hält diese Geschichte für falsch, da das Ende von Bismarcks Amtszeit bereits vor dem offiziellen Rücktrittsgesuch bekannt gewesen sei. Die Idee soll Gilbert Arthur à Beckett kurz vor einem Redaktionsdinner am 19. März 1890 vorgeschlagen haben. Edward Linley Sambourne schrieb dagegen, die konkrete Darstellung Bismarcks auf der Leiter stamme von ihm. Tenniel vollendete die Zeichnung innerhalb von 48 Stunden. Nach der Bearbeitung durch den Holzschneider Joseph Swain und die Drucker erschien sie am 23. März als „big cut“, also als große Wochendarstellung auf einer Doppelseite.
Die Leserschaft nahm das Bild sehr gut auf. Der Earl of Rosebery erwarb die Originalzeichnung und schenkte Bismarck später eine originalgetreue Kopie. Bismarck soll sie mit den Worten „It is indeed a fine one!“ gelobt haben. Über Wilhelms Reaktion bestehen widersprüchliche Angaben: Nach manchen Quellen gefiel ihm die Karikatur, nach anderen war er – abgesehen von der nautischen Metapher – unzufrieden.
Weitere Darstellungen und Adaptionen
Tenniel griff das Verhältnis zwischen Bismarck und Wilhelm II. auch in weiteren Bildern auf. „A Wise Warning“ von 1888 zeigt Wilhelm als Ikarus und Bismarck als besorgten Dädalus. „L’enfant terrible!“ von 1890 stellt Wilhelm als Gefahr für ein gemeinsames europäisches Boot dar. „The little Germania Magnate“ von 1891 kritisiert seinen absolutistischen Anspruch „Suprema lex regis voluntas!“; Bismarck und die Personifikation des Sozialismus versuchen, ihm das Zepter zu entreißen. Tenniels Darstellung von Bismarcks Tod am 30. Juli 1898 zeigt den Verstorbenen würdevoll und ohne Ironie, getragen von Personifikationen deutscher Länder.
„Dropping the Pilot“ wurde vielfach nachgeahmt, unter anderem in Deutschland, Großbritannien, den USA, den Niederlanden, Südafrika und Neuseeland. Im Zusammenhang mit Bismarck und Wilhelm II. erschien 1914 „Prophecy? (Dropping the Pilot)“ von Will Dyson, in der Wilhelm selbst das Schiff verlässt und von der verärgerten Germania beobachtet wird. „The Haunted Ship“ von Bernard Partridge aus dem Jahr 1915 zeigt Bismarcks Geist, der zum Schiff zurückkehrt, während ein gealterter Wilhelm erschrocken zusieht. William H. Walkers „Dropping the Pirate“ von 1918 überträgt das Motiv auf den abgedankten Wilhelm II.; statt eines Bootes erwarten ihn das Meer und ein Brett mit der Aufschrift „oblivion“.
Weitere Bearbeitungen übertrugen das Motiv auf den Sturz Abdülhamids II. (William Haselden, 1909), politische Veränderungen in Südafrika (D. C. Boonzaier, 1924) und Hindenburgs Wahl zum Reichspräsidenten (Arthur Johnson, 1925). Später wurden unter anderem Winston Churchills Rücktritt 1945, Helmut Schmidts politische Krise 1982, Erich Honeckers Rücktritt 1989, die deutsche Wiedervereinigung 1990, Tony Blairs Rücktritt 2007 sowie politische Wechsel um Angela Merkel, Edmund Stoiber und Barack Obama mit dem Lotsenmotiv dargestellt. 1990 würdigte eine Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum Hannover und später in Goslar und Oerlinghausen das 100-jährige Jubiläum mit Arbeiten von 23 Künstlern.
Nachwirkung und Bedeutung als Redewendung
„Dropping the Pilot“ und „Der Lotse geht von Bord“ wurden zu geflügelten Worten. Im Englischen wird „drop the pilot“ als „einen vertrauenswürdigen Berater fallenlassen“ oder als „den politischen Führer entlassen“ erklärt; beide Bedeutungen verweisen auf Tenniels Karikatur. Im Deutschen bezeichnet „Der Lotse geht von Bord“ vor allem einen Führungswechsel in der Politik und wird in der Presse bei Rücktritten und Amtswechseln verwendet.
Die Karikatur gilt als „Perle aller englischen Karikaturen“, als „berühmteste Karikatur zur deutschen Politik“ und als „Jahrhundertzeichnung“. Sie ist unter dem deutschen Titel sehr häufig in deutschen Geschichtsschulbüchern abgebildet. Ihre Interpretation ist eine typische Aufgabe im Geschichtsunterricht, weil sich an ihr historischer Kontext, Bildbeschreibung, politische Symbolik, unterschiedliche Bewertungen und die Wirkung von Karikaturen untersuchen lassen.