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Bündnispolitik Otto von Bismarcks
Bündnispolitik Otto von Bismarcks ist die Bezeichnung für die Außenpolitik des deutschen Reichskanzlers Bismarck seit 1871, nachdem der Krieg gegen …
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Ziel und Grundidee der Bündnispolitik
Bündnispolitik Otto von Bismarcks bezeichnet die Außenpolitik des deutschen Reichskanzlers seit 1871, nach der Gründung des Deutschen Reichs infolge des Kriegs gegen Frankreich. Das Deutsche Reich war nun eine neue europäische Großmacht, entstanden durch die kriegerische Expansion Preußens. Bismarck wollte verhindern, dass andere Staaten Deutschland weiter als Bedrohung wahrnahmen. Deshalb erklärte er das Reich für „saturiert“, also ohne weitere Gebietsansprüche.
Das wichtigste Ziel war, einen Krieg möglichst auszuschließen und besonders Frankreich außenpolitisch zu isolieren. Frankreich sollte nach der Niederlage von 1871 keinen starken Bündnispartner finden. Für Deutschland war vor allem ein Zweifrontenkrieg gefährlich, also ein Krieg gleichzeitig im Westen gegen Frankreich und im Osten gegen Russland. Bismarcks Politik wird oft als „Spiel mit den fünf Kugeln“ beschrieben: Deutschland sollte mit den europäischen Großmächten verbunden sein, ohne sich zu fest an eine einzelne Macht zu binden.
Dreikaiserabkommen und erste Sicherung
Bismarcks erster großer Schritt war das Dreikaiserabkommen zwischen Österreich-Ungarn, Russland und dem Deutschen Reich. Es wurde durch das Dreikaisertreffen in Berlin vorbereitet, das vom 5. September bis 11. September 1872 stattfand. Beteiligt waren Wilhelm I., Zar Alexander II. von Russland und Kaiser Franz Joseph I. von Österreich-Ungarn sowie wichtige Politiker wie Bismarck, Gortschakow und Andrássy. Die drei Monarchien wollten enger zusammenarbeiten; für Bismarck spielte dabei auch die gemeinsame monarchische Ordnung eine Rolle.
Am 6. Mai 1873 wurde zunächst eine deutsch-russische Militärkonvention abgeschlossen. Deutschland und Russland sicherten sich gegenseitig Hilfe zu, falls eine der beiden Monarchien von einer dritten Macht militärisch angegriffen würde. Vorgesehen war eine Hilfsarmee von 200.000 Soldaten. In einem Zusatzprotokoll wurde geregelt, dass die unterstützte Seite für Lebensmittel- und medizinische Versorgung dieser Hilfsarmee sorgen sollte. Bismarck hielt diese Konvention nur dann für sinnvoll, wenn auch Österreich-Ungarn einbezogen würde.
Am 6. Juni 1873 unterschrieben Russland und Österreich-Ungarn in Schloss Schönbrunn eine Konvention über Zusammenarbeit. Sie verpflichteten sich zur friedlichen Beilegung von Konflikten und zu einer gemeinsamen Haltung bei europäischen Auseinandersetzungen. Der Abschluss des Dreikaiserabkommens erfolgte am 22. Oktober 1873, ebenfalls in Schloss Schönbrunn. Die drei Monarchien vereinbarten gegenseitige Verständigung im Fall militärischer Angriffe, solidarische Hilfe bei revolutionären Unruhen und die Verteidigung des europäischen Friedens. Für Deutschland war besonders wichtig, Russland von einem Bündnis mit Frankreich abzuhalten.
Krisen, Kissinger Diktat und Berliner Kongress
Die Grenzen des Dreikaiserabkommens zeigten sich in der Krieg-in-Sicht-Krise von 1875. Damals wurde ein deutscher Präventivschlag gegen Frankreich diskutiert. Der russische Politiker Gortschakow machte Bismarck in Berlin klar, dass Russland im Fall eines deutschen Überfalls auf Frankreich trotz des Dreikaiserabkommens Frankreich militärisch helfen würde. Damit wurde der von Bismarck gefürchtete Zweifrontenkrieg zu einem realistischen Szenario.
Aus dieser Erfahrung zog Bismarck den Schluss, dass bloße Verständigung im Angriffsfall nicht genügte. Er wollte Deutschland, Russland und Österreich-Ungarn zu gegenseitiger Neutralität verpflichten. Im Kissinger Diktat formulierte er 1877 sein Ziel: eine politische Gesamtsituation, „in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden“.
1878 trat Bismarck beim Berliner Kongress als „ehrlicher Makler“ auf. Der Kongress behandelte den Frieden nach dem Russisch-Türkischen Krieg, der aus der seit 1875 bestehenden Balkankrise entstanden war. Deutschland galt als geeigneter Vermittler, weil es auf dem Balkan angeblich kein eigenes Interesse hatte, „welches auch nur […] die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert wäre“, wie Bismarck 1876 im Reichstag gesagt hatte. Trotzdem war Russland mit dem Ergebnis unzufrieden, weil es den Zugang zur Ägäis aufgeben musste. Zar Alexander II. machte Bismarck dafür verantwortlich und äußerte seinen Ärger im sogenannten Ohrfeigenbrief.
Gleichgewichtspolitik und Bündnisse der 1880er Jahre
Nach dem Berliner Kongress versuchte Bismarck, eine Gleichgewichtspolitik aufzubauen. Darunter ist eine Politik zu verstehen, die die europäischen Großmächte so miteinander verbindet, dass keine starke Koalition gegen Deutschland entsteht. Zunächst schloss Deutschland 1879 mit Österreich-Ungarn den Zweibund. Dieser Vertrag sah vor, dass bei einem Angriff Russlands auf einen Vertragspartner der andere mit seiner gesamten Streitmacht helfen sollte. Bei einem Angriff einer anderen Macht sollte mindestens wohlwollende Neutralität gelten. Der Zweibund hing auch mit den Spannungen zwischen Österreich-Ungarn und Russland auf dem Balkan zusammen.
1881 kam es zum geheimen Dreikaiserbund zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland. Er sollte die Spannungen abbauen, die aus der Krieg-in-Sicht-Krise und dem Berliner Kongress entstanden waren. Wenn einer der drei Staaten in einen Krieg mit einer nicht beteiligten Macht geriet, sollten die beiden anderen wohlwollende Neutralität wahren. Deutschland und Österreich-Ungarn sollten Großbritannien in einem Krieg gegen Russland nicht unterstützen; umgekehrt sollten Russland und Österreich-Ungarn Deutschland in einem Krieg gegen Frankreich wohlwollende Neutralität gewähren. Damit sollte auch ein russisch-französisches Bündnis gegen Deutschland oder Österreich-Ungarn ausgeschlossen werden. Wegen der Bulgarischen Krise 1885 und österreichischem Eingreifen zugunsten Serbiens ohne Absprache mit Russland zerbrach der Dreikaiserbund 1885/86.
1882 entstand der Dreibund zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien. Italien näherte sich den Zweibundmächten an, weil es wegen kolonialer Interessen in Libyen in Konflikt mit Frankreich stand. Der Dreibund war ein Verteidigungsbündnis gegen Frankreich. Ein Jahr später trat Rumänien bei. Der Dreibund wurde alle fünf Jahre erneuert, bis er sich durch den Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Entente auflöste.
Mittelmeerentente und Rückversicherungsvertrag
1887 förderte Bismarck die Mittelmeerentente zwischen Großbritannien, Italien, Spanien und Österreich-Ungarn. Sie sollte den Status quo im Mittelmeerraum erhalten. Geduldet wurden die britische Expansion in Ägypten und die italienische Expansion in Libyen. Das Deutsche Reich unterstützte diese Entente, um Großbritannien näher an den Dreibund heranzuführen. Außerdem sollte das Osmanische Reich vor russischem Expansionsstreben geschützt werden.
Den Abschluss von Bismarcks Bündnissystem bildete der Rückversicherungsvertrag von 1887. Er wurde nach dem Zerbrechen des geheimen Dreikaiserbunds abgeschlossen und war ebenfalls geheim. Vertragspartner waren das Deutsche Reich und Russland. Er enthielt ein Neutralitätsabkommen für zwei Fälle: wenn Österreich-Ungarn Russland ohne Provokation angreifen sollte oder wenn Frankreich das Deutsche Reich ohne Provokation angreifen sollte. Außerdem erkannte der Vertrag russische Interessen an den türkischen Meerengen und in Bulgarien an. Dadurch stand er eigentlich im Widerspruch zur Mittelmeerentente.
Zerfall nach Bismarck
Nach Bismarcks Entlassung 1890 zerfiel sein Bündnissystem in kurzer Zeit. Kaiser Wilhelm II. verfolgte statt Bismarcks konservativer Realpolitik eine provokante „Politik der freien Hand“, mit der Deutschland stärker auf die Bühne der Weltpolitik treten sollte.
Der Rückversicherungsvertrag wurde 1890 trotz großen russischen Interesses nicht verlängert. 1894 kam es deshalb zu einem russisch-französischen Abkommen, dem Zweiverband. Damit wurde Bismarcks „Albtraum“ wahr: Frankreich und Russland, die er auseinanderhalten wollte, rückten zusammen, und Deutschland drohte ein Zweifrontenkrieg.
Auch das Verhältnis zu Großbritannien verschlechterte sich, besonders durch Wilhelms Flottenpolitik. Großbritannien näherte sich Frankreich an; am 8. April 1904 wurde die Entente cordiale geschlossen. Nach dem Beitritt Russlands entstand die Triple Entente. So geriet das Deutsche Reich im Machtgefüge der europäischen Großmächte in eine Isolation, während Bismarck zuvor vor allem Frankreich isoliert hatte. Italien blieb im Ersten Weltkrieg zunächst neutral und wechselte 1915 die Seiten.
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