Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Der Herr ist kein Hirte
Religiöser Glaube stelle die Ursprünge des Menschen und des Universums völlig falsch dar, · er verbinde infolge dieses Irrtums ein Höchstmaß an Unterwürfigkeit …
Inhalt6 Abschnitte
Werk und Grundthese
Der Herr ist kein Hirte – Wie Religion die Welt vergiftet (englisch: God Is Not Great: How Religion Poisons Everything) ist ein 2007 erschienenes religionskritisches Sachbuch des Autors und Journalisten Christopher Hitchens. Seine zentrale These lautet, dass alle Formen praktisch ausgeübter Religion das menschliche Leben, sowohl politisch als auch privat, schädlich beeinflussten.
Hitchens beschreibt Religion als gewalttätig, irrational und intolerant sowie als dem Rassismus, Tribalismus und der Bigotterie nahe. Sie hülle sich in Unwissenheit, sei dem Freidenkertum feindlich gesinnt und verhalte sich gegenüber Frauen verächtlich sowie gegenüber Kindern nötigend. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen die abrahamitischen Religionen, bezieht aber auch Hinduismus und Buddhismus ein.
Er begründet seine Position mit historischen Beispielen, kritischen Analysen religiöser Texte und persönlichen Anekdoten. Der Stil ist laut Darstellung oft zugespitzt, drastisch und ironisch. Hitchens nennt vier grundlegende Einwände gegen religiösen Glauben: Religion erkläre die Ursprünge von Mensch und Universum falsch; sie verbinde Unterwürfigkeit mit Solipsismus, also einer auf das eigene Bewusstsein bezogenen Weltsicht; sie sei Ursache und Folge sexueller Repression; und sie beruhe letztlich auf Wunschdenken.
Religion, Gewalt und gesundheitliche Folgen
Hitchens führt Konfliktorte wie Belfast, Beirut, Bombay, Belgrad, Betlehem und Bagdad an, um seine Ansicht zu erläutern, religiöse Praxis vergifte dort soziale und politische Spannungen. Er behandelt auch die 1989 von Ayatollah Khomeini gegen Salman Rushdie ausgesprochene Fatwa als Reaktion auf Die satanischen Verse. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 kritisiert er religiöse Persönlichkeiten wie Pat Robertson, Jerry Falwell und Billy Graham, weil sie die Ereignisse für eigene Ziele genutzt hätten.
Im Bereich Medizin hält Hitchens das Verhältnis von Religion und Gesundheit für häufig feindselig. Während einer Vorbereitung der Schluckimpfung gegen Kinderlähmung in Bengalen erlebte er Gerüchte, die Impfung sei eine westliche Verschwörung gegen Muslime. Ein ähnliches, durch eine Fatwa gestütztes Vorgehen habe 2005 zur Rückkehr der Kinderlähmung nach Nigeria beigetragen und durch Pilger die Krankheit in zuvor poliofreie Gebiete getragen.
Er kritisiert außerdem die Äußerung von Kardinal Alfonso López Trujillo, Kondome böten keinen Schutz gegen AIDS. Weitere von ihm genannte Gefährdungen sind die Verweigerung von Bluttransfusionen durch Zeugen Jehovas, körperliche Selbstkasteiung, das Jerusalem-Syndrom und Massenselbsttötungen extremer Sekten. Als äußerste Gefahr beschreibt er eine fatalistische Akzeptanz oder bewusste Herbeiführung einer erwarteten Apokalypse. Nahrungstabus wie das Verbot von Schweinefleisch im Islam und Judentum deutet Hitchens als dogmatisch; einen biologischen Grund dafür, Tiere wie Schweine, Rinder oder Schnecken nicht als Nahrung anzusehen, sieht er nicht.
Kritik religiöser Wahrheitsansprüche und Schriften
Hitchens bestreitet metaphysische, also über die erfahrbare Welt hinausgehende, religiöse Aussagen. Naturwissenschaftliche Erklärungen machten Gott zur Erklärung von Weltvorgängen seiner Auffassung nach überflüssig. Als Beispiel nennt er Laplace mit „Je n’ai pas besoin de cette hypothèse“ („Ich benötige diese Hypothese [Gott] nicht“) zur Erklärung der Himmelsmechanik. William von Ockhams Sparsamkeitsprinzip würdigt er als Methode, unnötige Annahmen mit Logik zu entfernen.
Gegen das Argument eines göttlichen Gestalters verweist Hitchens unter anderem auf das menschliche Ohr und Auge, die Eigenschaften der Erde sowie darauf, dass etwa 98 % aller Arten, die je auf der Erde lebten, ausgestorben seien. Evolution sei nicht zielgerichtet; als Beispiele nennt er seit 30 Jahren untersuchte Finken auf den Galapagos-Inseln und die Laktose(in)toleranz beim Menschen. Berichte über Wunder hält er für weniger wahrscheinlich als Irrtum oder Sinnestäuschung. Im Zusammenhang mit der Seligsprechung Mutter Teresas 2003 beschreibt er ein fotografisches „Kindly Light“, das durch eine Kodak-Erfindung erklärbar gewesen sei, und ein später als inszeniert entlarvtes Heilungswunder.
Das Alte Testament untersucht Hitchens auf Anachronismen und Widersprüche. Die Zehn Gebote und etwa Regeln zum Sklavenbesitz in Exodus 21 EU deutet er als menschliche Texte. Die dort erzählten Tötungen führt er als moralische Kritik an; zugleich verweist er auf Forschung von Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman, nach der die beschriebenen Ereignisse nicht stattgefunden hätten. Das Neue Testament bezeichnet er als nachträglich zusammengestellte „Flickarbeit“ und nennt Widersprüche zur Geburt Jesu im Lukasevangelium sowie zwischen den Evangelien bei der Kreuzigung. Mit Bart D. Ehrmans Textanalysen des Johannesevangeliums verweist er auf Unterschiede in Wortwahl und Stil.
Auch den Koran beschreibt Hitchens als aus jüdischen und christlichen Überlieferungen entlehnt. Er hebt hervor, dass Ibn Ishāq den ersten Bericht über Mohammeds Leben erst 120 Jahre nach dessen Tod niedergeschrieben habe. Nach sunnitischer Tradition sei der Koran nach mehreren Versionen unter Kalif Uthman ibn Affan autoritativ vereinigt worden. Die Auffassung, der Koran sei nur auf Arabisch richtig verständlich, kritisiert er ebenfalls.
Moral, Kinder und politische Herrschaft
Hitchens verneint, dass Religion Menschen besser handeln lasse. Am Beispiel von Sklaverei, Rassendiskriminierung und dem Freiheitskampf in Indien schildert er, dass Christentum, Islam, Hinduismus und Islam nach seiner Darstellung Gewalt, Zwang oder nationale Spaltung begünstigt hätten. Für den Völkermord in Ruanda 1994 nennt er die Zahlen 65 % Katholiken und 15 % protestantische Sekten und behauptet, alle religiösen Gruppen seien verwickelt gewesen. Moralisch akzeptiertes Verhalten sei deshalb kein Vorrecht religiöser Menschen.
Religion sei für ihn „Erbsünde“, weil sie ein falsches Weltbild lehre, Blut- und Sühnopfer rechtfertige, mit ewiger Belohnung und Bestrafung arbeite und unerfüllbare Denk- und Verhaltensregeln auferlege. Die Vorstellung des Sühnopfers kritisiert er besonders: Gott lasse im Neuen Testament seinen Sohn foltern und töten, um Menschen zu erlösen. Die Lehre von Himmel und Hölle bezeichnet er als „Kombination von Erpressung mit Bestechung“.
Religiöse Indoktrination von Kindern bewertet Hitchens als Kindesmisshandlung. Er unterscheidet psychische Schäden durch frühe Glaubenserziehung, körperliche Verstümmelungen wie Zirkumzision und weibliche Genitalbeschneidung sowie psychische, körperliche und sexuelle Gewalt durch religiöse Vertrauenspersonen. Dabei grenzt er die frühe Indoktrination von der freien Religionsentscheidung Erwachsener ab.
Den Einwand, säkulare totalitäre Systeme seien schlimmer als Religion, weist Hitchens mit Parallelen zurück: Führerkult, Kontrolle der Privatsphäre, Gedankenlenkung, Verfolgung Andersdenkender, absoluter Gehorsam und Heilsversprechen seien Merkmale beider Formen. Er behandelt dazu katholisch geprägte faschistische Systeme, den Vatikan, Hirohito im imperialistischen Japan, kommunistische Systeme und Nordkorea. Einzelne Christen, die sich Hitler widersetzten, hätten dies seiner Ansicht nach aus eigener Überzeugung und nicht auf Anweisung ihrer Kirchen getan.
Rationalität, Religionen und neue Aufklärung
Hitchens beschreibt Religionen als geschichtlich entstandene und daher auch endende Bewegungen. Beispiele sind die Milleriten, die nur knapp ein Jahrzehnt bestanden hätten, die Verehrung des Gottes Pan über einige Jahrhunderte und der Osiris-Kult von etwa 2400 v. Chr. bis in die griechisch-römische Zeit. An Shabbetaj Zvi erläutert er, wie sich religiöse Bewegungen nach dem Verschwinden eines erwarteten Messias verändern, verzweigen oder als kleine Gruppen wie die Dönme fortsetzen können. Cargo-Kulte, die Mormonen und die Geschichte des Predigers Marjoe Gortner dienen ihm als Beispiele für aus seiner Sicht korrupte oder leicht beeinflussbare Religionsanfänge.
Eine „fernöstliche“ Alternative erkennt Hitchens nicht. Er verweist auf Bhagwan Shree Rajneesh, den Bürgerkrieg in Sri Lanka zwischen hinduistischen Tamilen und buddhistischen Singhalesen sowie den japanischen Zen-Buddhismus im Zweiten Weltkrieg. Dem Buddhismus gesteht er zu, dass seine ursprüngliche Form eher Philosophie als Religion sein könne.
Als Gegenmodell stellt Hitchens eine Tradition rationalen Denkens dar. Er nennt unter anderem Sokrates, Demokrit, Epikur, Galileo, Bayle, Descartes, Spinoza, Voltaire, Kant, Hume, Darwin und Einstein. Entscheidend sei, Gegebenes kritisch zu prüfen und wissenschaftliche Erkenntnisse nicht religiösen Dogmen unterzuordnen.
Im Schluss warnt Hitchens davor, dass Politiker mit Massenvernichtungswaffen sich durch Glauben zur Durchsetzung ihrer Religion oder zur Herbeiführung von Harmagedon berufen fühlen könnten. Er fordert eine „neue Aufklärung“, die den Menschen, „Mann und Frau“, zum zentralen Gegenstand macht, ungehinderte wissenschaftliche Forschung ermöglicht und Erkenntnisse breit elektronisch verfügbar macht.
Veröffentlichung und Aufnahme
God Is Not Great erschien am 1. Mai 2007 in den USA. Innerhalb einer Woche erreichte es Platz 2 der Amazon-Bestseller-Liste und am 3. Juni Platz 1 der Bestseller-Liste der New York Times. Am 10. Oktober 2007 wurde es in der Kategorie Sachbuch für den amerikanischen National Book Award 2007 nominiert.
Die deutsche Ausgabe erschien am 11. Oktober 2007 im Karl Blessing Verlag unter der ISBN 978-3-89667-355-8; ihre beste Platzierung war Rang 21 der Bestseller-Liste am 15. Oktober 2007. Die Rezensionen fielen unterschiedlich aus: Die Welt hielt Hitchens in der Hauptsache für falsch, sah das Buch aber nicht als überflüssig an. Friedrich Wilhelm Graf lobte die Schilderungen religiös motivierter Gewalt, kritisierte aber Hitchens’ aus seiner Sicht zu eindeutige Bewertung religiöser Symbolsprache. Der Humanistische Pressedienst bewertete die Begründungen seiner Thesen überwiegend positiv. 2010 veröffentlichte Peter Hitchens, der Bruder des Autors, als Replik The Rage Against God: Why Faith is the Foundation of Civilisation.