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Demografie der Ukraine
Die demografische Krise wurde durch die russische Invasion 2022 drastisch verschärft, Millionen Menschen flohen ins Ausland, und zehn bis hunderttausende kamen …
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Überblick und aktuelle Entwicklung
Die Demografie der Ukraine beschreibt die Entwicklung, Zusammensetzung und räumliche Verteilung ihrer Bevölkerung. Anfang der 1990er-Jahre hatte das Land rund 52 Millionen Einwohner und gehörte zu den bevölkerungsreichsten Staaten Europas. Danach führten niedrige Geburtenraten, hohe Sterblichkeit und Abwanderung zu einem starken Rückgang. Die Bevölkerung altert zugleich deutlich.
Die Lage wurde durch den seit 2014 andauernden russisch-ukrainischen Konflikt und besonders durch den russischen Überfall vom 24. Februar 2022 erheblich verschärft. Für 2024 werden in den international anerkannten Grenzen 36–38 Millionen Einwohner geschätzt; etwa 29 Millionen lebten unter ukrainischer Kontrolle. Da seit 2001 keine Volkszählung stattfand, sind aktuelle Zahlen unsicher. Für 2019 reichten Schätzungen beispielsweise von knapp 42 Millionen bis 37 Millionen Einwohnern, je nach Gebiet und Messmethode.
Die natürliche Bevölkerungsänderung ist die Differenz aus Geburten und Todesfällen. Sie ist seit 1991 negativ: Es sterben dauerhaft mehr Menschen als geboren werden. Nach UN-Schätzungen lebten 2023 in der gesamten Ukraine 37,733 Millionen Menschen; es gab 212.000 Geburten und 495.000 Todesfälle. Die Fertilitätsrate, also die durchschnittliche Kinderzahl je Frau, lag bei 0,98. Die Nettoabwanderung betrug 2022 −5,699 Millionen Menschen.
Historische Prägungen bis 1991
Das Gebiet der heutigen Ukraine bildete den Kern der Kiewer Rus. Um 1000 hatte Kiew schätzungsweise 35.000 bis 40.000 Einwohner. Der Mongolensturm von 1237–1240 zerstörte Kiew und weitere Städte; viele Menschen starben oder flohen. In den südlichen und östlichen Steppengebieten blieb die Besiedlung unter dem Krim-Khanat gering. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts wurden Schätzungen zufolge bis zu zwei Millionen Ukrainer, Russen und Polen Opfer des krimtatarischen Sklavenhandels.
Kriege des 17. Jahrhunderts, darunter der Kosakenaufstand unter Bohdan Chmelnyzkyj ab 1648, entvölkerten viele Regionen. Im 19. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung dagegen rasch durch hohe Geburtenüberschüsse. 1897 wurden im Russischen Reich 22,4 Millionen ukrainische Muttersprachler gezählt; 87 % der ethnischen Ukrainer waren Bauern. Vor dem Ersten Weltkrieg war die Gesellschaft jung und ländlich, mit etwa 6 Kindern pro Frau, aber zugleich hoher Säuglings- und Kindersterblichkeit.
Die Sowjetzeit war von extremen Verlusten und Umbrüchen geprägt. Im Ersten Weltkrieg starben rund 500.000 Ukrainer, im Bürgerkrieg bis zu 1,5 Millionen Menschen; die Hungersnot von 1921 forderte 250.000 Tote. Bei der Zwangskollektivierung und dem Holodomor 1932–1933 verhungerten schätzungsweise etwa 3 Millionen Ukrainer. Insgesamt starben zwischen 1914 und 1939 rund 7 Millionen Menschen in der Ukraine gewaltsam oder vermeidbar.
Im Zweiten Weltkrieg starben nach Schätzungen über 7 Millionen Ukrainer, darunter etwa 2,7 Millionen Soldaten und 4 Millionen Zivilpersonen; zu diesen zählten 1,5 Millionen jüdische Ukrainer, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Nach 1945 stieg die Bevölkerung durch Heimkehrer und einen Babyboom wieder: von 41,9 Millionen 1959 auf 51,7 Millionen 1989. Gleichzeitig nahm die Urbanisierung stark zu: Der Stadtanteil stieg von 19 % im Jahr 1926 auf 67,5 % 1989. Zuwanderung ethnischer Russen erhöhte ihren Anteil von 13,5 % 1939 auf 22,1 % 1989.
Krise, Krieg und Zukunft
Nach der Unabhängigkeit 1991 traf eine wirtschaftliche Transformationskrise die Bevölkerung. Die Fertilitätsrate fiel von knapp 2 Kindern je Frau 1990 auf 1,1 im Jahr 2000. Die Lebenserwartung der Männer sank 1994 auf 62 Jahre. Zwischen 1993 und 2001 verringerte sich die Einwohnerzahl um etwa 4 Millionen; die Volkszählung von 2001 ergab 48,5 Millionen Einwohner.
Ab 2005 wurden einmalige Geburtenbeihilfen und weitere Familienhilfen eingeführt. Die Fertilitätsrate stieg bis 2012 auf etwa 1,5 Kinder je Frau, doch eine dauerhafte Trendwende blieb aus. Seit 2013 ging die Zahl der Geburten wieder jährlich zurück. Die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass führten ab 2014 zu Flucht und zum Verlust der Kontrolle über Gebiete mit etwa 2,5 Millionen Einwohnern. Die COVID-19-Pandemie verursachte 2020 und 2021 erhebliche Übersterblichkeit.
Seit 2022 flohen Millionen Menschen: In den ersten Kriegsmonaten verließen rund 8,2 Millionen Personen die Ukraine, vor allem Frauen und Kinder; etwa 8 Millionen wurden als Binnenvertriebene registriert. Mitte 2023 hatten etwa 5 Millionen Ukrainer temporären Schutz in der EU, mehr als 2,8 Millionen Vertriebene hielten sich laut UN in Russland auf. Zehn- bis Hunderttausende Menschen dürften durch den Krieg ums Leben gekommen sein, genaue Zahlen sind nicht bekannt. 2022 gab es rund 30 % weniger Geburten als im Vorjahr.
Für 2030 rechnen alle genannten Szenarien mit nur noch 24 bis 35 Millionen Einwohnern. Bis 2050 könnte die Zahl auf 25 Millionen, bis 2100 auf 15 Millionen sinken. Umfragen von 2024 zufolge wollen mindestens ein Viertel der Vertriebenen nicht mehr in die Ukraine zurückkehren.
Verteilung, Ethnien, Sprache und Migration
Vor Kriegsbeginn 2022 lebten in der Ukraine durchschnittlich rund 73 Einwohner je km². Die Verteilung ist jedoch ungleich: Das Donezbecken, die Region Dnipropetrowsk, die Hauptstadtregion Kyjiw und Galizien um Lwiw sind dichter besiedelt. Polesien im Norden hat teils weniger als 30 Einwohner je km². Die nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 kontaminierten Gebiete nördlich von Kiew wurden aufgegeben. Rund 70 % der Bevölkerung lebten 2024 in Städten. Kiew war 2022 mit 2.952.301 Einwohnern die größte Stadt, vor Charkiw mit 1.421.125 und Odessa mit 1.010.537 Einwohnern.
Die Ukraine ist ein multiethnischer Staat mit über 130 registrierten Nationalitäten. Bei der Volkszählung 2001 waren 77,5 % Ukrainer und 17,2 % Russen. Russen lebten besonders im Osten und Süden; in den verbliebenen ukrainisch kontrollierten Gebieten liegt ihr Anteil inzwischen deutlich unter 10 %. Weitere regional konzentrierte Gruppen sind unter anderem Moldauer/Rumänen, Belarussen, Ungarn, Bulgaren, Griechen und Krimtataren. Rund 250.000 Krimtataren waren ab 1990 aus dem Exil zurückgekehrt und machten 2014 etwa 12–15 % der Krim-Bevölkerung aus.
Ukrainisch ist laut Verfassung die einzige Amtssprache. 2001 nannten 67,5 % Ukrainisch und 29,6 % Russisch als Muttersprache. Viele ethnische Ukrainer sprechen beide Sprachen; Surschyk ist eine Mischsprache aus Ukrainisch und Russisch. Seit 2017 ist Ukrainisch ab der fünften Klasse Pflichtsprache im Unterricht, und seit 2019 wird seine Verwendung im öffentlichen Raum ausgeweitet. Minderheitensprachen werden dadurch, besonders Russisch, stärker zurückgedrängt.
Migration verstärkt den Bevölkerungsschwund. Zwischen 1991 und 2004 wanderten schätzungsweise 2,5 Millionen Menschen aus. Vor dem Krieg arbeiteten bis knapp 9 Millionen Ukrainer im Ausland; nach 2014 wurden EU-Staaten wie Polen wichtiger als Russland. Besonders junge und gut ausgebildete Menschen wanderten ab, was als „Brain-Drain“ bezeichnet wird.
Gesundheit, Religion und Bildung
Die Lebenserwartung lag 2019 bei 72,5 Jahren, bei Männern bei 68 und bei Frauen bei 78 Jahren. Ursachen der hohen Sterblichkeit sind vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Alkohol- und Tabakkonsum, ungesunde Ernährung, geringe Vorsorge und psychosozialer Stress. Der jährliche Konsum reinen Alkohols lag bei etwa 13–15 Litern pro Kopf und 2021 noch bei etwa 9 Litern. 2021 rauchten rund 36 % der Männer und 15 % der Frauen täglich.
Auch HIV/AIDS und Tuberkulose sind bedeutend: 2021 lebten geschätzt 240.000 Menschen mit HIV, etwa 0,9 % der Erwachsenen. Mehr als 60 % der HIV-Patienten erhielten antiretrovirale Therapie. Jährlich erkranken 20.000 bis 30.000 Menschen neu an Tuberkulose; multiresistente Erreger sind ein wachsendes Problem. Das Gesundheitssystem leidet seit 1991 unter Finanzmangel, Abwanderung medizinischen Personals, Versorgungsproblemen im ländlichen Raum und Korruption.
Laut Umfrage von 2022 waren 72 % orthodoxe Christen, 9 % Katholiken, 2 % Protestanten und 2 % weitere Christen. Muslime machten 0,9 %, andere Religionen 2,1 %, Konfessionslose 10 % aus. Die Orthodoxe Kirche der Ukraine ist seit 2019 autokephal, also kirchlich eigenständig; daneben besteht die ursprünglich mit dem Moskauer Patriarchat verbundene Ukrainisch-Orthodoxe Kirche. Die griechisch-katholische Kirche ist besonders in Galizien und dem Karpatengebiet verbreitet. Muslime sind vor allem Krimtataren; die heutige jüdische Gemeinschaft umfasst etwa 50.000 Menschen, wobei die Angaben variieren.
Die Alphabetisierung liegt bei über 99 %. Es gibt eine 11-jährige Pflichtschule ab dem Alter von 6–7 Jahren; Lehrpläne werden zentral durch das Bildungsministerium festgelegt. Etwa 80 % der jungen Erwachsenen nahmen 2020 ein Hochschulstudium oder einen anderen tertiären Bildungsgang auf. Die Ukraine besitzt über 200 Hochschulen. Nach 1991 belasteten Finanzknappheit, Abwanderung von Lehrenden und Korruption das Hochschulsystem. 2021 studierten über 80.000 Ausländer im Land, Anfang 2023 noch über 50.000.