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Literarische Hermeneutik

Hermeneutik (gr. hermeneutiké techné; dt.: Auslegungs-, Übersetzungskunst) bezeichnet sowohl die literarisch-philologische Kunstlehre der Textinterpretation …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand, Ziel und Grundproblem
  2. 2. Philologische Klärung und ästhetische Reflexion
  3. 3. Autor, Werk und Leser als Sinninstanzen
  4. 4. Besonderheit poetischer Texte
  5. 5. Werkimmanente und werkübergreifende Deutung
  6. 6. Historische Entwicklung und offene Positionen

Gegenstand, Ziel und Grundproblem

Literarische Hermeneutik ist die methodisch reflektierte Auslegung und das Verstehen literarischer, also poetischer Texte. Sie gehört zur allgemeinen Hermeneutik, die sowohl die Kunstlehre der Textinterpretation als auch die philosophische Theorie des Verstehens bezeichnet. Anders als die Auslegung juristischer, religiöser, historischer oder wissenschaftlicher Texte muss sie berücksichtigen, dass Poesie ein eigenes Symbolsystem besitzt. Deshalb verbindet sie philologische Klärung mit ästhetischer Reflexion.

Ihr Ziel ist ein angemessenes, plausibles und intersubjektiv nachvollziehbares Textverständnis. Dies unterscheidet sie vom gewöhnlichen Lesen, das sich oft mit einem persönlichen Verständnis begnügt und den historischen Zusammenhang nicht systematisch untersucht.

Das Grundproblem heißt hermeneutischer Zirkel: Ein Textteil lässt sich nur aus dem Ganzen verstehen, während das Ganze seinerseits aus den Teilen erschlossen wird. Außerdem können zusammengehörige Texte a, b, c und d einander wechselseitig voraussetzen. Der Verstehensprozess bewegt sich deshalb wiederholt vom Teil zum Ganzen und zurück. Durch fortgesetzte Prüfung kann aus dem Zirkel eine möglicherweise nie abgeschlossene Spirale des Verstehens werden. Besonders schwierig ist die Auslegung, wenn Autor und Leser verschiedenen historischen, sprachlichen oder kulturellen Zusammenhängen angehören.

Als Kriterien einer nachvollziehbaren Interpretation gelten die Annahme einer Autorintention als regulative Idee, ein philologisch kontrolliertes Vorgehen, die Rezeptionsgeschichte, die Rekonstruktion des Entstehungszusammenhangs und des historischen Erwartungshorizonts, literaturwissenschaftliche Begriffe und Kenntnisse sowie argumentative Schlüssigkeit und Konsistenz. Mehrere Deutungen können gleichwertig sein, wenn sie diese Anforderungen erfüllen. Obwohl hermeneutische Theorien im 20. Jahrhundert vielfach zurückgewiesen wurden, ist hermeneutisches Vorgehen in der wissenschaftlichen Interpretationspraxis nach Spörl kaum zu beseitigen.

Philologische Klärung und ästhetische Reflexion

Interpretation bezeichnet sowohl den Vorgang als auch das Ergebnis der Auslegung mündlicher, schriftlicher oder anderer zeichenhafter Äußerungen. Im engeren wissenschaftlichen Sinn ist sie eine methodisch kontrollierte Textauslegung; im engsten Sinn die Deutung von Kunstwerken.

Die philologische Interpretation klärt zunächst Sprache, Grammatik und Bedeutung unverständlicher oder fremd gewordener Stellen. Beispielsweise kann „Fiale“ als „Türmchen“ erklärt werden; „Maschine“ kann in einem Poetik-Text des 18. Jahrhunderts einen Deus ex machina, eine Theatermaschinerie oder die wunderbare Auflösung eines Handlungsknotens bezeichnen. Um den Textsinn zu erschließen, arbeitet sich die Interpretation in die Sprach-, Formen-, Vorstellungs- und Gedankenwelt des Autors ein. Das dafür herangezogene Kontextwissen muss anschließend wieder am Text geprüft werden.

Die ästhetische Interpretation baut logisch auf dieser Klärung auf. Sie untersucht nicht nur, was die Wörter aussagen, sondern wie Bilder, Klänge, Formen, Perspektiven und andere künstlerische Mittel Erfahrung erzeugen. Verstehen bedeutet dabei nicht automatisch Zustimmung: Es eröffnet sowohl die Möglichkeit des Einverständnisses als auch die des begründeten Widerspruchs.

Autor, Werk und Leser als Sinninstanzen

E. D. Hirsch unterscheidet grundlegend zwischen „Sinn“ („meaning“) und „Bedeutung“ („significance“). Der Sinn ist das, was der Autor mit dem Text meint; Bedeutung entsteht, wenn dieser Textsinn zu einem anderen Zusammenhang in Beziehung gesetzt wird. Eine Wortfolge besitzt für Hirsch nicht allein aus sich heraus einen bestimmten Sinn: „Ich gehe heute in die Stadt“ kann je nach Betonung vier verschiedene Bedeutungen haben. Erst das Bewusstsein des Autors bestimmt den gemeinten Sinn. Dazu gehören jedoch nicht sämtliche Gedanken oder Erlebnisse während des Schreibens, sondern die im Text wirksame Intention.

Zuerst muss der Textsinn geklärt werden. Danach kann man nach seiner Bedeutung für das Leben und die übrigen Werke des Autors, dessen psychische Disposition, Epoche und Gattung oder für Kultur-, Sozial-, Geistes-, Religions- und Mediengeschichte fragen. Private Assoziationen des Lesers gehören nicht zur Ermittlung des Textsinns. Deshalb wird Interpretation von Rezeption unterschieden: Der philologische Forschungsprozess kann Wissen ansammeln und verbessern, persönliche Rezeptionen dagegen sind nicht in derselben Weise korrigierbar.

Eine Hauptaufgabe besteht darin, intendierte Implikationen von beliebigen Assoziationen zu trennen. Hinweise liefern der Kontext ausdrücklicher Aussagen, die Kohärenz der Einzelheiten im Ganzen, der behandelte Gegenstand, der Sinn-Typ und die Gattung. So ist bei „Wurzel“ die „Rinde“ nur dann impliziert, wenn ein Baum, nicht etwa Gras, gemeint ist. Erreichbar ist lediglich Wahrscheinlichkeit, niemals absolute Gewissheit. Auch unbewusste Implikationen können zur Autorintention gehören: Wer von einer Schachtel spricht, muss nicht bewusst daran denken, dass sie sechs Seiten und 24 rechte Winkel besitzt. Für Hirsch ist der Sinn begrenzt, reproduzierbar und unveränderlich; ohne die im Text erkennbare Autorintention fehle die Norm einer stichhaltigen Interpretation.

Umberto Eco unterscheidet die intentio auctoris, also die Absicht des Autors, die intentio operis, den Sinn des Werks, und die intentio lectoris, die Absicht des Lesers. Leser müssen sich beteiligen, sollen ihre Deutung aber an der Rekonstruktion des Werksinns ausrichten. Maßstäbe sind „Ökonomie“ und „Kohärenz“; der Text bleibt der Parameter seiner Interpretationen. Löst sich die Leserabsicht davon, entsteht eine „Abdrift“. Eco warnt insbesondere vor einem unbegrenzten Wachstum von Konnotationen, bei dem der Text für beliebige Zwecke zurechtgelegt wird.

Von Interpretation unterscheidet Eco die „Benutzung“ eines Textes: Dabei wird der Text der intentio lectoris untergeordnet, etwa weitergedichtet, zerlegt, für eine Inszenierung verändert oder als Material für Rückschlüsse auf das Privatleben des Autors verwendet. Eine solche Nutzung ist keine bloß subjektive Interpretation, sondern eine andere Tätigkeit.

Besonderheit poetischer Texte

Prosaische Texte vermitteln vor allem Wissen und Informationen innerhalb eines gemeinsamen sprachlichen Symbolsystems. Poesie besitzt dagegen die Form des Erlebens und Erinnerns. Ihre Rezeption vollzieht das einzelne, körperliche, zeitliche, sinnliche, geschlechtliche, sterbliche und sprechende Ich. Sie ermöglicht Mit-Leiden, Mit-Lachen, Mit-Zittern, Mit-Hoffen oder Mit-Fluchen.

Dieses Mit-Erleben entsteht durch die spezifische Form der Poesie: durch Bilder und Klänge, Stimmungen und spannende Situationen, Gestik und Mimik, tragische oder komische Handlungen, Perspektive und Erzählhaltung. Inhalt und Erscheinungsform lassen sich nicht voneinander trennen. Deshalb kann das Erlebnis eines Gedichts, Romans oder Theaterstücks nicht verlustlos in Gebrauchs- oder Wissenschaftssprache übersetzt werden.

Die ästhetische Interpretation kann poetische Konnotationen, Metaphern, Klänge und Perspektiven daher nicht einfach in Prosa übertragen. Sie reflektiert deren Eigenart und Funktion und bietet Wahrnehmungshilfen, die die ästhetische Erfahrung bereichern. Philologisches Wissen ersetzt die erneute Lektüre nicht. Die Erläuterung eines hermetischen Gedichts hat nur vorübergehenden Nutzen: Das poetische Werk bleibt bildlich ein „Schloß, das immer wieder zuschnappt“.

Ästhetische Erfahrung betrifft nicht nur besonders anspruchsvolle Literatur, sondern auch alltägliche poetische Ausdrücke wie „ausflippen“, „baumlanger Kerl“ oder „stechende Sonne“. Das subjektive Erleben ist dabei nicht bloß private Willkür. Weil poetische Erfahrung sprachlich vermittelt wird, ist sie intersubjektiv, also mitteilbar und teilbar. Die ästhetische Interpretation untersucht Literatur als personale Ich- und Weltdarstellung, deren Form ein untrennbarer Bestandteil ihrer Bedeutung ist.

Werkimmanente und werkübergreifende Deutung

Die werkimmanente Interpretation bestimmt zunächst den im Text enthaltenen philologischen Sinn und reflektiert seine ästhetischen Formen und Beziehungen. Sie wird zwar häufig mit der deutschsprachigen Interpretationspraxis nach 1945, etwa mit Emil Staiger und Wolfgang Kayser, verbunden, ist logisch aber der notwendige erste Schritt jeder weiterführenden Deutung. Wird der Text selbst falsch verstanden, führen auch Aussagen über seine Beziehungen zu Autor, Gesellschaft oder Geschichte zu falschen Folgerungen.

Werkimmanenz ist in diesem Sinn keine einzelne Methode. Es gibt vielmehr ein methodisches Interpretieren, dessen Vorgehen sich nach den Fragen des jeweiligen Textes richtet. Psychologische oder soziale Gesichtspunkte können bereits notwendige Implikationen des Textes sein. Sie können aber auch zur werkübergreifenden Frage nach seiner Bedeutung für außertextliche Phänomene gehören. Wird ein Werk lediglich für eine fremde Theorie eingesetzt, handelt es sich möglicherweise um seine „Benutzung“.

Werkübergreifende oder werktranszendierende Deutung kann ein Werk als Quelle für historische, soziologische, ideengeschichtliche, religionsgeschichtliche oder psychologische Forschung verwenden. Sie kann nach Entwicklung, Absichten oder psychischer Disposition des Autors fragen, das Werk mit Gattung, Stil, Motiven und anderen Werken vergleichen oder Beziehungen zur Kultur- und Sozialgeschichte herstellen. In der marxistischen Literaturtheorie wurde etwa versucht, das Werk als Erscheinung des „Überbaus“ aus der ökonomischen „Basis“ zu erklären oder abzuleiten; als Vertreter wird Georg Lukács genannt.

Als Antihermeneutik bezeichnete Richtungen berufen sich unter anderem auf Michel Foucault, Jacques Lacan und Jacques Derrida und wollen in Diskursanalysen oder Dekonstruktionen verborgene Strukturen und Bedeutungen freilegen. Eco kritisiert solche Ansätze teilweise als Abdrift einer ungehemmt wachsenden intentio lectoris. Susan Sontag und Hans Magnus Enzensberger kritisierten wiederum den Anspruch auf die eine „richtige Interpretation“ als bevormundend und lebensfern. Sontag wandte sich besonders gegen marxistische und freudianische Entschlüsselungsverfahren und forderte eine „Erotik der Kunst“. Der Artikel hält dem entgegen, dass ästhetische Interpretation die Lust am Text nicht ersetzen, ihr aber Wahrnehmungshilfen geben kann.

Historische Entwicklung und offene Positionen

Die Hermeneutik entwickelte sich aus der theologischen Exegese, also der philosophischen und allegorischen Bibelauslegung. Im 18. Jahrhundert verbanden sich theologische und weltliche Exegese zu einer wissenschaftlichen historisch-hermeneutischen Auslegung. Wichtige Stationen ihrer Theorie führen von Friedrich Schleiermacher über Wilhelm Dilthey zu Hans-Georg Gadamer und Jürgen Habermas. Gadamer verstand hermeneutisches Erkennen als universell und in Sprache und Dialog begründet. Verstehen vollzieht sich für ihn in der „Verschmelzung“ des eigenen mit dem fremden „Horizont“.

Eine eigenständige Theorie literarischer Interpretation gilt weiterhin als wenig abgeschlossen. Hirsch und Eco halten gegenüber poststrukturalistischen Vorstellungen vom „Tod“ des Autors und vom Ende eines feststellbaren Sinns an der Autorintention beziehungsweise der intentio operis fest. H. R. Jauß betont dagegen die Unabschließbarkeit der Deutung und die unbegrenzten Sinnmöglichkeiten eines Werks. Seine Rezeptionstheorie nimmt eine historisch fortwirkende Dynamik literarischer Texte an: In fortschreitender Auslegung könne ein Original eine Bedeutungsfülle entfalten, die den Horizont seiner Entstehungszeit weit übersteigt. Damit bleibt umstritten, wie stark Autor, Werk und Leser die gültige Interpretation bestimmen und ob der Sinn stabil oder historisch offen ist.

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