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Dekalogtafeln in Hugenottenkirchen
Der Dekalog (die Zehn Gebote) hat weltweit eine besondere theologische und ethische Bedeutung. Die Dekalogtafeln dienten in hugenottischen Kirchen oft als …
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Bedeutung und Aufbau des Dekalogs
Der Dekalog, also die Zehn Gebote, ist eine Sammlung grundlegender Gebote und Verbote mit theologischer und ethischer Bedeutung. Nach der Überlieferung des Alten Testaments erhielt Mose die beiden Gesetzestafeln von Gott auf dem Berg Sinai für das Volk Israel. Die entsprechenden Texte stehen in Exodus 20,2–17 und Deuteronomium 5,6–21. Die Zehn Gebote sind nicht nur für das Judentum wichtig, sondern besitzen in gewisser Weise allgemeingültigen Charakter und regeln sowohl das Verhältnis des Menschen zu Gott als auch das Zusammenleben der Menschen.
Johannes Calvin verstand den Dekalog als Ausdruck des inneren Gesetzes, das jedem Menschen ins Herz geschrieben sei. Die Gebote sollten zur Ehrerbietung gegenüber der göttlichen Majestät führen und als Wegweiser für Christen und für die gesamte Menschheit dienen. Calvin ergänzte die alttestamentlichen Gebote als Zusammenfassung durch das neutestamentliche Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe nach Matthäus 22,37–40.
Eine verbindliche Zählung der Gebote ist im Alten Testament nicht ausdrücklich festgelegt. Calvin hielt am biblischen Wortlaut aus Exodus 20 und Deuteronomium 5 fest. Damit übernahm er nicht die im mittelalterlichen Katholizismus und bei den Lutheranern gebräuchliche veränderte Zählung: Dort fehlte das Bilderverbot, das im Artikel als 3. Gebot bezeichnet wird, während das 10. Gebot in zwei Gebote, das 9. und 10., aufgeteilt wurde. In der Genfer Gottesdienstordnung von 1542 gehörte der Dekalog neben dem Credo und dem Gebet des Herrn zu den Hauptbestandteilen des reformierten Gottesdienstes, dessen Mittelpunkt die Predigt war.
Dekalogtafeln in den reformierten Kirchen Frankreichs
In den reformierten hugenottischen Kirchen Frankreichs hatten die Zehn Gebote von Anfang an eine wichtige Funktion als Ersatz für religiöse Bilder. Die Texte wurden auf Holz oder Stein beziehungsweise Marmor in zwei Kolumnen geschrieben. Nach einer Einleitung standen auf der ersten Tafel die Gebote 1–4 zum Verhältnis des Menschen zu Gott. Die zweite Tafel enthielt die Gebote 4–10 zur Regelung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Als Abschluss folgte das Doppelgebot der Liebe.
Die Tafeln waren meistens anstelle der nach dem Zweiten Gebot verbotenen Gottesbilder angebracht. In der Regel hingen sie oberhalb der Kanzel an zentraler Stelle, sodass die gesamte Gemeinde sie sehen konnte. Dies ist unter anderem für den Temple de Charenton, die Kirche der Pariser Protestanten, nachgewiesen. Eine Zeichnung von Paul Ferry zeigt die Amtseinführung des Pfarrers Pierre Philippe am 4. Mai 1654 in Metz. Philippe steht bei der Handauflegung vor einer Dekalogtafel an der Kanzel; von den Geboten sind dort nur die Anfangsworte erkennbar.
Das älteste in Frankreich erhaltene Beispiel befindet sich in der Schlosskapelle von Schloss Chamerolles bei Orléans. Dort sind Dekalog, Credo und Unservater als geistliches „Trio“ in einer um etwa 1590 entstandenen Wandmalerei erhalten. Die Zehn Gebote stehen in heller Schrift auf blauem Grund auf zwei Tafeln. Über ihnen befindet sich ein großes Herz mit der Einleitung zum Dekalog. Credo und Herrengebet dienten zusammen mit den Geboten der katechetischen Unterweisung der Gemeinde. Die Malerei wurde später übermalt und überstand dadurch die Verfolgungs- und Verbotszeiten.
Viele Tafeln blieben nicht am ursprünglichen Ort. Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes durch Ludwig XIV. im Jahr 1685 wurden Kirchen wie die in Charenton zerstört oder katholisch genutzt. Darum sind nur wenige französische Dekalogtafeln an ihrem ursprünglichen Platz erhalten.
Tafeln im deutschen Refuge
Nach dem absoluten Verbot der reformierten Religionsausübung in Frankreich im Jahr 1685 flohen etwa 20.000 Hugenotten in deutsche Territorien. Sie hielten an ihren gottesdienstlichen Bräuchen fest. In einem der ältesten französisch-reformierten Gotteshäuser Deutschlands, dem 1686/87 erbauten Temple in Schwabach, wurden Tafeln mit den drei christlichen Hauptartikeln Credo, Dekalog und Unservater in französischer Sprache aufgehängt.
Die Schwabacher Gebotetafeln sind handwerklich besonders: Der aus Aubusson stammende Gobelinwirker Michel de Claravaux knüpfte und signierte sie 1686 mit Goldfäden auf schwarzem Grund. Die Farbkombination Gold und Schwarz findet sich auch bei Tafeln in den ehemals französisch-reformierten Kirchen von Celle und Erlangen. Die Erlanger Tafel wurde 1717 von dem aus Genf stammenden Hoflackierer François Jeremie Abren signiert und befindet sich heute im Stadtmuseum Erlangen.
Spätere Tafeln aus dem deutschen Refuge wurden farbiger und abwechslungsreicher gestaltet. Eléazar Laurent, ein im deutschen Refuge geborener hugenottischer Lehrer, schrieb 1748 zwei ähnliche Tafeln für die französisch-reformierten Kirchen in Groß- und Kleinziethen in der Uckermark. Er verwendete Deckfarben auf Pergament beziehungsweise Papier und schmückte die Tafeln mit farbigen Säulen. Die Kleinziethener Tafel ist durch Tintenfraß stark beschädigt und wird restauriert.
Eine besonders farbenreiche Tafel aus der Wallonisch-Niederländischen Kirche in Hanau ist ein Ölgemälde auf Holz aus dem 17. Jahrhundert mit den Maßen 85 × 117 cm. Der unbekannte Künstler stellte rechts Mose mit Stab und links dessen Bruder Aaron im priesterlichen Gewand dar. Beide präsentieren die zwei Kolumnen mit den Geboten. Die erste Kolumne beginnt mit „Höre Israel“ und geht in die Gebote 1–4 über. Die zweite enthält die Gebote 5–10 und mündet unmittelbar in das Liebesgebot Jesu nach Matthäus 22. Moses’ ausgestreckter Zeigefinger verbindet die Tafel mit der versammelten Gemeinde.
Aus der einzigen bekannten deutschen Waldensergemeinde-Tafel ist das Beispiel aus dem damals württembergischen Palmbach überliefert. Pfarrer Theodoric Aubert schrieb 1725 die Zehn Gebote zusammen mit dem Doppelgebot der Liebe auf eine aus längs verbundenen Holzbohlen bestehende, gerahmte Tafel. Zwischen den beiden Kolumnen ist schemenhaft der Kopf und die Brust des Mose zu erkennen. Eine zweite Tafel erinnert an die Weihe der neuen Kirche im Jahr 1725.
Auch in weiteren französisch-reformierten Kirchen, etwa in Hannover, gab es vermutlich Dekalogtafeln; dort ist dies durch ein altes Foto belegt. Die meisten Tafeln haben die Zeit nicht überstanden. In den reformierten Gemeinden blieb jedoch die Wertschätzung der Zehn Gebote erhalten: Zusammen mit Glaubensbekenntnis und Herrengebet haben sie im sonntäglichen Gottesdienst einen festen Platz. Eine Verwendung solcher Gebotetafeln in privaten Häusern des deutschen Refuge ist nicht nachgewiesen.
Dekalogtafeln im englischen Refuge
Auch im englischen Refuge waren Dekalogtafeln üblich. Ein Beschluss und Spendenaufruf des Konsistoriums der Londoner Gemeinde „Petit Charenton“ aus dem Jahr 1701 zeigt, dass die Kirchenältesten in ihren Bezirken Geld für eine Gebotetafel der eigenen Kirche sammeln sollten. Dies belegt die Bedeutung der Zehn Gebote für den Gottesdienst und die Lebensführung der Hugenotten auch nach ihrer Flucht aus Frankreich.
Ein weiteres Beispiel ist ein 1703 von Marguerite Joans mit Wollfäden auf Leinen besticktes Tuch. Es ist im French Hospital in London erhalten.