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Unregelmäßiges Verb

Unregelmäßige Verben im Deutschen · reiten – reite – ritt – geritten und streiten – streite – stritt – gestritten · biegen – biege – bog – gebogen und wiegen – …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Abgrenzung
  2. 2. Stammformen und Sonderfälle im Deutschen
  3. 3. Verteilung und Wandel
  4. 4. Speicherung und Spracherwerb
  5. 5. Zählweisen in verschiedenen Sprachen

Begriff und Abgrenzung

Unregelmäßige oder irreguläre Verben sind Verben, deren Stammformen nicht vollständig mithilfe von Regeln aus dem Infinitiv oder einer anderen Nennform abgeleitet werden können. Welche Verben als unregelmäßig gelten, wird in der Sprachwissenschaft jedoch nicht einheitlich bestimmt.

Bei deutschen Verben werden häufig suppletive Verben, Präteritopräsentia, Rückumlautverben und starke Verben zu den unregelmäßigen Verben gerechnet. Ein starkes Verb bildet seine Stammformen durch Ablaut, also durch die Veränderung des Stammvokals. Da diese Veränderungen oft festen Mustern folgen, sind starke Verben im engeren sprachwissenschaftlichen Sinn nicht unbedingt unregelmäßig. Im Schulunterricht werden sie meist dennoch als unregelmäßig behandelt.

Stammformen und Sonderfälle im Deutschen

Starke Verben können meist aus vier, selten aus fünf Stammformen abgeleitet werden. Bei werfen sind dies: werfen, wirft, warf, würfe, geworfen. Die Konjunktiv-II-Form wird bei vielen Verben aus dem Präteritum gebildet, gegebenenfalls mit Umlaut, etwa klänge aus klang.

Die Reihen reiten – reite – ritt – geritten und streiten – streite – stritt – gestritten folgen demselben Muster; auch leiden gehört dazu. Weitere regelmäßige Reihen starker Verben sind beispielsweise biegen – bog – gebogen, binden – band – gebunden, nehmen – nahm – genommen, geben – gab – gegeben, graben – grub – gegraben, heben – hob – gehoben sowie halten – hielt – gehalten. Nach Schmidt (1996) gibt es acht Arten solcher Stammformreihen.

Im engeren Sinn sind Verben unregelmäßig, wenn ihre Stammformen keiner erkennbaren Systematik folgen, Formen fehlen oder sie von vorhandenen Systematiken abweichen. Bei sein – bin – war – gewesen und haben – habe – hatte – gehabt ist keine einheitliche Stammformregel erkennbar. Die sechs Modalverben können, wollen, sollen, dürfen, müssen und mögen haben keinen Imperativ im Singular und Plural; bei wollen kommen entsprechende Formen vereinzelt vor. Mit Ausnahme von sollen bilden sie ihre Stammformen unregelmäßig.

Präteritopräsentia verwenden eine alte Präteritumsform als Präsens und bilden das Präteritum mit dem Dentalsuffix {-t(e)-}, etwa können – kann – konnte – gekonnt. Rückumlautverben wie denken, kennen, nennen und brennen ändern den Stammvokal und haben zugleich die typischen schwachen Dentalsuffix-Endungen. Weitere genannte unregelmäßige Verben sind gehen und stehen mit Stammsuppletion, wissen als Präteritopräsens und werden. Als grundlegende Ursachen gelten Suppletion, etwa b-in – s-ind – war/ge-wes-en, Präteritopräsentia und Rückumlaut.

Verteilung und Wandel

Die meisten deutschen Verben sind regelmäßig. Viele besonders häufig gebrauchte Verben sind jedoch unregelmäßig, während fast alle seltenen und auch neue Verben regelmäßig gebildet werden. Die Zahl der unregelmäßigen Verben nimmt im Deutschen leicht ab. Das Mittelhochdeutsche hatte mehr solcher Formen, etwa ball statt bellte sowie gedacht oder gedact statt gedeckt. Formen wie buk statt backte und gesotten statt gesiedet werden heute wenig gebraucht. Ohne Derivationen liegt die Zahl gegenwärtig zwischen 200 und 300.

Meist werden starke Formen schwach. Nach Peter Eisenberg ist aber auch die umgekehrte Entwicklung möglich: preisen hatte im Frühneuhochdeutschen noch das Präteritum preisete. Bei scheinen wurde gescheint durch geschienen ersetzt, bei verderben verderbt durch verdorben. Für winken bestehen gewinkt und gewunken nebeneinander.

Auch heute entstehen durch Analogie neue starke Formen, zum Beispiel englisch dragged – drug und sneaked – snuck. In den heutigen, stark verfestigten Standardsprachen werden solche Neuerungen in der Schriftsprache jedoch nur schwer anerkannt.

Speicherung und Spracherwerb

Steven Pinker und andere Psycholinguisten nehmen an, dass die Formen unregelmäßiger Verben einzeln im Gedächtnis gespeichert werden, während regelmäßige Verben anhand gespeicherter Regeln gebildet werden. Beim Konjugieren werde zunächst nach einer gespeicherten unregelmäßigen Form gesucht; fehlt sie, werde das Verb normalerweise regelmäßig konjugiert. Wird ein unregelmäßiges Verb lange nicht verwendet, könne seine Form aus dem Gedächtnis verschwinden und durch ein regelmäßiges Bildungsmuster ersetzt werden.

Andere Forschende gehen von einem Musterassoziativspeicher aus: Formen würden nach der Ähnlichkeit von Mustern gebildet. Genauere Zeitmessungen und bildliche Echtzeitdarstellungen der Gehirnarbeit könnten helfen, diese Theorien zu falsifizieren.

Kinder verwenden in einer bestimmten Phase des Spracherwerbs unregelmäßige Verben manchmal regelmäßig, obwohl sie zuvor die richtige unregelmäßige Form benutzt hatten. Dies geschieht laut Artikel, wenn sie die Regeln entdecken. Die heutigen unregelmäßigen Verben beruhen dabei auf früher regelmäßigen Strukturen mit regelmäßigen Vokaländerungen.

Zählweisen in verschiedenen Sprachen

Die Anzahl unregelmäßiger Verben ist schwer vergleichbar, weil „unregelmäßig“ unterschiedlich definiert wird. Typ 1 umfasst Verben ohne direkt vergleichbare Verben oder ohne Ableitung aus regulären Nennformen. Typ 2 umfasst zusätzlich Verben, die nicht nach den verbreitetsten Flexionsarten gebeugt werden, im Deutschen zum Beispiel starke Verben. Typ 3 zählt außerdem Derivationen wie Präfixbildungen mit; diese werden normalerweise nicht als eigene unregelmäßige Verben gezählt.

Die Tabelle nennt für Deutsch 10 Verben des Typs 1, 209 des Typs 2 und etwa 3000 des Typs 3; Typ 1 sind sein, haben, gehen, stehen, dürfen, können, mögen, müssen, wissen und wollen. Die Zahl von 200 bis 300 ohne Derivationen und diese Tabellenwerte beruhen somit auf unterschiedlichen Zählweisen.

Weitere Tabellenwerte sind: Italienisch 8, mehr als 400 und 1244; Niederländisch 11, 273 und mehr als 500; Englisch 114, 223 und 562; Russisch 9–10 und 220; Lateinisch 8, 207 und 924; Französisch 5, 80 und 570; Spanisch 4, 59 und 1530. Für Neugriechisch werden mehr als 500 Verben des Typs 2 genannt, für Schwedisch etwa 180, Dänisch 4 und etwa 100, Polnisch 88, Ungarisch 17, Färöisch etwa 15, Gälisch 11, Türkisch 7, Lettisch 3 und Japanisch 2. Quechua und Esperanto haben nach der Tabelle 0 unregelmäßige Verben. Im Lateinischen kann „unregelmäßig“ entweder acht Verben oder rund 900, häufig ähnlich gebildete Verben bezeichnen.

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