Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Vokalquantität
In betonten Silben: lange geschlossene vs. kurze offene Vokale ; [iː], Miete [ˈmiːtə], [ɪ] ; [oː], Polen [ˈpoːlən], [ɔ] ; [øː], Höhle [ˈhøːlə], [œ] ; [uː], Buße [ …
Inhalt6 Abschnitte
Grundbegriff und Bedeutung
Vokalquantität bezeichnet in der Sprachwissenschaft die Länge gesprochener Vokale. In vielen Sprachen können Vokale kurz oder lang gesprochen werden. Die Vokalqualität beschreibt dagegen, wie ein Vokal gebildet wird, insbesondere durch Vertikal- und Horizontallage der Zunge sowie die Lippenstellung. Die Quantität ergänzt diese Merkmale um die zeitliche Dimension.
Vokallänge kann bedeutungsunterscheidend sein. Im Deutschen zeigen Bahn [baːn] und Bann [ban], dass ein Wechsel zwischen langem und kurzem Vokal die Wortbedeutung verändert. Die Einteilung hängt nicht von einer festen, messbaren Dauer ab: Der Langvokal eines Sprechers kann kürzer sein als der Kurzvokal eines anderen. Entscheidend ist, dass innerhalb der Aussprache eines Sprechers eine hörbare Unterscheidung zwischen zwei Klassen besteht.
Entwicklung im Deutschen
Die Opposition von Kurz- und Langvokalen bestand bereits im Urindogermanischen und Urgermanischen. In der germanistischen Fachliteratur werden Langvokale durch einen Überstrich oder Zirkumflex gekennzeichnet.
Am Übergang zum Althochdeutschen wurden im 7./8. Jahrhundert zwei urgermanische Diphthonge zu Langvokalen: ai wurde vor r, w und h zu ē, etwa gotisch saiws, althochdeutsch sē(o) „See“; au wurde vor h oder Dentalen zu ō, etwa gotisch rauþs, althochdeutsch rōt „rot“. Umgekehrt wurden im 8./9. Jahrhundert die Langvokale ē und ō zu ia/ie beziehungsweise uo diphthongiert, etwa gotisch hēr, althochdeutsch hiar/hier „hier“, und gotisch brōþar, althochdeutsch bruoder „Bruder“. Daneben gab es ā, ī und ū. Langvokale standen auch häufig in Affixen, wurden in Handschriften aber meist nicht besonders markiert.
Im Mittelhochdeutschen blieb die Opposition im Wesentlichen erhalten. Für das Neuhochdeutsche besonders wichtig war die frühneuhochdeutsche Vokaldehnung in offener Silbe. Sie ist im Mitteldeutschen seit dem 12. Jahrhundert belegt und erreichte im 14. Jahrhundert das Oberdeutsche. Kurze Vokale wurden gedehnt, wenn ihnen im Mittelhochdeutschen ein einfacher intervokalischer Konsonant statt einer Geminate, also eines Doppelkonsonanten, folgte. Daraus entwickelte sich unter anderem die heutige Opposition Bahn [baːn] – Bann [ban]. Gleichzeitig ging die Gemination verloren; erhaltene Kurzvokale standen nun regelmäßig vor verdoppelten Konsonantenbuchstaben.
Seit dem 12. Jahrhundert wurden außerdem viele ältere Langvokale verkürzt, besonders vor Konsonantenclustern wie ht und r plus Konsonant: mittelhochdeutsch brāhte wurde zu brachte, lērche zu Lerche und hōrchen zu horchen.
Vokallänge und Aussprache im Deutschen
In betonten Silben werden Vokale lang oder kurz gesprochen. Häufig verbindet sich der Quantitätswechsel mit einem Qualitätswechsel: Der kurze Vokal wird mit weniger hoch gewölbter Zunge und weiter geöffnetem Mund gebildet. Beispiele sind Miete [ˈmiːtə] – Mitte [ˈmɪtə], Polen [ˈpoːlən] – Pollen [ˈpɔlən], Höhle [ˈhøːlə] – Hölle [ˈhœlə], Buße [ˈbuːsə] – Busse [ˈbʊsə] und fühle [ˈfyːlə] – fülle [ˈfʏlə]. Bei Bahn – Bann wird im Standarddeutschen meist kein nennenswerter Qualitätsunterschied angenommen. Der lange Laut [ɛː], etwa in bäte, fehlt in großen Teilen Norddeutschlands; Mädchen wird dort häufig mit [eː] gesprochen.
Daneben gibt es den Gegensatz langer und kurzer geschlossener Vokale, etwa Gier [iː] gegenüber dem ersten Vokal von Giraffe [i]. Die Reduktionsvokale [ə] und [ɐ] kommen dagegen nur kurz und ausschließlich in Reduktionssilben und Affixen vor. Ob deutsche Minimalpaare vor allem durch Quantität oder Qualität unterschieden werden, ist in der Phonologie umstritten. Das zur Erklärung vorgeschlagene Silbenschnittmodell wurde Mitte des 20. Jahrhunderts mangels empirischer Stützung verworfen, später aber unter anderem von Theo Vennemann erneut aufgegriffen.
Für betonte Silben gelten wichtige Regelmäßigkeiten:
• Ein Vokal am Silbenende ist regelmäßig lang: da, Schnee, wie, wo, Schuh.
• Vor genau einem Konsonantenlaut kann er lang oder kurz sein: Tal [taːl] gegenüber ab [ap].
• Vor den Silbengelenken [bl], [dl], [gl], [br], [dr] und [gr] ist er immer lang, etwa in Koblenz, Adler, Iglu, Zebra, Hydra und Sigrid.
• Vor [ʃ], [ç], [x] oder [χ] ist er meist kurz, etwa in Frosch, ich und Sache.
• Vor mehreren verschiedenen Konsonanten ist er meist kurz, etwa in Angst, Mensch, Gipfel, horchen und Furcht.
In unbetonten Silben überwiegen Kurzvokale. Sie können geschlossen sein, etwa [e] in Menü oder [i] in Juli, oder offen, etwa [ɛ] in Menthol und [ɪ] in Wagnis. Geschlossene Kurzvokale stehen in der Regel vor keinem oder höchstens einem Konsonantenlaut. Offene stehen häufig vor [ʃ], einer Affrikate wie [ks], [pf] oder [ts] oder vor mehreren verschiedenen Konsonanten. [a] wird immer offen gesprochen.
Langvokale in unbetonten Silben sind Ausnahmen. Sie erscheinen unter anderem in Komposita wie Alltag, bei betonten Affixen wie in Vortrag und Raserei, in den Suffixen -bar, -sal, -sam, -mut und -tum, in vielen Wörtern auf -in, -ian, -ar, -ir und -or sowie in Eigennamen wie Erwin und Hölderlin. Einzelne Wörter besitzen Aussprachevarianten, beispielsweise Bischof mit [oː] oder [ɔ].
Vokallänge erkennen und schreiben
Wenn sich die Quantität nicht direkt durch ein Minimalpaar bestimmen lässt, kann man verwandte Formen vergleichen. Für das a in das führt die Reihe das, Fass, fasse, Masse zum Kontrast Masse – Maße. Daraus folgt, dass das a in Masse und entsprechend auch in fasse, Fass und das kurz ist. Die Zuordnung beruht damit auf zwei definierten Klassen und nicht auf dem subjektiven Eindruck einer bestimmten Dauer.
Bei einem Vokal vor genau einem Konsonantenlaut unterscheidet die deutsche Rechtschreibung die Länge meist über das folgende Konsonantengraphem, also das Schriftzeichen für den Konsonanten: Nach einem Langvokal steht es einfach, nach einem Kurzvokal doppelt, etwa Met [meːt] – Mett [mɛt]. Verdoppelt werden b, d, f, g, l, m, n, p, r, s und t; aus k wird ck, aus z wird tz. ch, sch, chs, cks, x und pf werden nicht verdoppelt. Diese Schreibung ist möglich, weil das Standarddeutsche keine doppelten Konsonantenlaute besitzt. Der Konsonant in Mett wird nur einmal gebildet; nach Kurzvokalen ist er höchstens ungefähr 20 % länger, und viele Untersuchungen fanden gar keinen Längenunterschied.
Meist lässt sich die Aussprache aus dem Schriftbild ableiten. Wichtige Ausnahmen sind häufige Wörter mit Kurzvokal vor nur einem Konsonantenbuchstaben, darunter ab, am, bis, das, es, hat, in, mit, ob, un-, von und was. Auch Akronyme und Kürzungen wie FAZ, taz, TÜV, Bus, Lok und Prof gehören dazu. Umgekehrt stehen Langvokale in Buch, nach, Plüsch, Sprache und Wuchs vor mehreren Konsonantenbuchstaben.
Offene Silben besitzen regelmäßig einen Langvokal; in ja, so oder du ist kein zusätzliches Zeichen nötig. Vor mehreren verschiedenen Konsonanten ist der Vokal meist kurz, etwa in schwarz, Rost und Wunsch. Es gibt jedoch Ausnahmen wie Husten, Krebs, Mond, Obst, Vogt und Wüste. Die Buchstabengruppen gd, gs, ks und ts stehen sogar regelmäßig nach Langvokalen, beispielsweise in Jagd, flugs, Keks und Lotse.
Dehnungszeichen wie das stumme h sind für die Aussprache grundsätzlich redundant: In Zahl wäre [aː] bereits durch das einfache l erkennbar, ebenso wie in Mal, Qual, Schal, Tal und Wal. Sie bestätigen jedoch die Länge; ein Vokal mit Dehnungszeichen wird in einer betonten Silbe immer lang gesprochen. Teilweise unterscheiden diese Zeichen Bedeutungen, etwa Meer – mehr, Bote – Boote, Mine – Miene und war – wahr.
In unbetonten Silben entstehen besondere Rechtschreibprobleme. Kurze geschlossene Vokale werden leicht mit kurzen offenen verwechselt, was Schreibungen wie „Dilletant“ statt Dilettant oder „Elipse“ statt Ellipse begünstigt. Außerdem können kurze Vokale ausnahmsweise mit Dehnungszeichen geschrieben werden, etwa in Allah, Korah und Oldie sowie in vielleicht, wieso, wiewohl, wohlan und wohlauf.
Vokalquantität in anderen Sprachen
Viele Sprachen unterscheiden wie das Deutsche zwei Quantitäten. Dabei gehen Länge und Artikulationsweise oft gemeinsam auseinander. Im Englischen unterscheiden sich hit /ɪ/ und heat /hiːt/ sowohl in der Dauer als auch in der Mundöffnung. In manchen Aussprachevarianten längen stimmhafte Konsonanten am Silbenende den vorhergehenden Vokal, wie pick [pɪk] – peak [piːk] – pig [pɪːg].
Im Japanischen kann jeder der fünf Vokale a, e, i, o und u lang auftreten; die Länge ist oft bedeutungsentscheidend. Eine lange Silbe zählt zwei Moren, also zwei rhythmische Zeiteinheiten, statt einer. Hiragana und Katakana drücken die zusätzliche More ausdrücklich aus. Beispiele sind o-bā-san /obaːsaɴ/ „Oma“ gegenüber oba-san /obasaɴ/ „Tante“, tōri /toːɺi/ „Straße“ gegenüber tori /toɺi/ „Vogel“ und sūshi /sɯːɕi/ „Zahlwort“ gegenüber sushi /sɯɕi/ „Sushi“. Frühere Sprachstufen unterschieden beim langen o vermutlich /ɔː/ und /oː/; im heutigen Japanisch besteht dieser Kontrast nicht mehr.
Andere Sprachen nutzen Vokalquantität nicht als Unterscheidungsmerkmal. Dazu gehören Polnisch und die übrigen lebenden slawischen Sprachen mit Ausnahme von Tschechisch, Slowakisch, Slowenisch und Serbokroatisch. Auch die lebenden romanischen Standardsprachen, darunter Spanisch und Portugiesisch, verwenden sie grundsätzlich nicht; genannt werden jedoch bestimmte nordfranzösische Varianten des Standardfranzösischen wie Wallonisch und Lothringisch sowie norditalienische Dialekte wie Friaulisch als Ausnahmen. Neugriechisch und modernes Ivrit haben die ältere Unterscheidung des Altgriechischen beziehungsweise Alt- oder Bibel-Hebräischen verloren.
Mehr als zwei Quantitätsstufen sind selten. Estnisch, Chaladschisch und der Kemmyn-Dialekt des Kornischen unterscheiden lang, mittel und kurz. Das mit dem Estnischen verwandte, seit 2013 ausgestorbene Livische besaß vier Stufen: überlang, halblang, kurz und überkurz.
Vokallänge in der antiken Dichtung
Im Altgriechischen und Lateinischen bildet die Silbenquantität die Grundlage der gesamten Dichtung. Entscheidend ist also die Länge der Silben, die sowohl von der Vokalquantität als auch davon abhängt, ob eine Silbe offen oder geschlossen ist. Damit unterscheidet sich diese Metrik von der deutschen Dichtung, die auf Wortbetonung und Reim beruht.