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David Harvey (Geograph)

Harvey kritisiert neoimperialistische Entwicklungen, die er als „Akkumulation durch Enteignung“ bezeichnet. ... Bald darauf wandte er seine Interessen in Richtung …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Person und Forschungsansatz
  2. 2. Raum als soziale Beziehung
  3. 3. Kapitalzirkulation und Infrastruktur
  4. 4. Regionale Räume, Krisen und Konflikte

Person und Forschungsansatz

David W. Harvey (* 31. Oktober 1935 in Gillingham, Kent) ist ein US-amerikanisch-britischer Humangeograph und Sozialtheoretiker. Mit Social Justice and the City (1973) wurde er zu einem führenden Vertreter neomarxistischer Ideen in der Geographie; seit Anfang beziehungsweise Mitte der 1980er-Jahre gilt er als meistzitierter Geograph der Welt. Er untersucht insbesondere soziale Gerechtigkeit, Städte, wirtschaftlichen Strukturwandel und die räumliche Entwicklung des Kapitalismus. Neoimperialistische Entwicklungen kritisiert er als „Akkumulation durch Enteignung“.

Harvey ging von regionalhistorischen Forschungen zur Methodik und Philosophie der Geographie über. Seine Analyse orientiert sich dauerhaft an Karl Marx. Dies begründet er nicht mit einer von vornherein überlegenen Theorie, sondern damit, dass er keinen anderen Weg sehe, die von ihm untersuchten Prozesse zu verstehen. Zentral ist für ihn die Frage, wie Kapital eine geographische Landschaft nach seinem Bild formt, sie später aber wieder zerstören muss, damit endlose Kapitalakkumulation, technologischer Wandel und Klassenkämpfe weiterlaufen können.

Seine akademische Laufbahn führte ihn von Cambridge und Bristol nach Baltimore an die Johns Hopkins University; außerdem war er von 1987 bis 1993 Professor in Oxford. Seit 2001 ist er Distinguished Professor am Graduate Center der City University of New York. Für seine Arbeit erhielt er unter anderem 1995 den Prix Vautrin Lud und die Patron’s Medal der Royal Geographical Society.

Raum als soziale Beziehung

Harvey kritisiert, dass soziale Prozesse und räumliche Formen häufig getrennt untersucht wurden. Sein Ansatz verbindet beide: Antworten auf die Natur von Räumen liegen für ihn nicht in abstrakten philosophischen Aussagen, sondern in menschlicher Praxis. Entsprechend betrachtet er auch soziale Gerechtigkeit und Moral nicht als zeitlose Wahrheiten. Konzepte der Gerechtigkeit beziehen sich auf Praxis und entstehen aus ihr. Nach Marx ist jeder Beobachtungsakt zugleich ein Bewertungsakt; die Trennung von Beobachtung und Bewertung sei daher künstlich.

Raum besteht bei Harvey aus Objekten, die nur existieren, sofern sie Beziehungen zu anderen Objekten enthalten und darstellen. Zusammen bilden diese Objekte eine Totalität: ein Ganzes, das mehr ist als die Summe seiner Teile und unabhängig von einzelnen Teilen existiert. Die Totalität richtet ihre Teile so aus, dass Struktur und Fortbestand des Ganzen gesichert werden. Beim Kapitalismus bedeutet dies: Elemente und Beziehungen werden so geformt, dass das System fortlaufend erhalten bleibt.

Kapitalzirkulation und Infrastruktur

Die Aufrechterhaltung der Kapitalzirkulation ist für Harvey die wichtigste Bedingung des Kapitalismus. Kapitalzirkulation meint die ununterbrochene Produktion und Vermarktung von Gütern mit dem Ziel des Profits. Dafür werden soziale und physische Infrastrukturen benötigt; daraus ergibt sich eine „Geopolitik des Kapitalismus“.

Nach Harvey und Marx gehören dazu zehn Kernpunkte: Kapitalismus beruht auf einer Ideologie des Wirtschaftswachstums, also der ständigen Steigerung des Werts produzierter Güter, ohne Rücksicht auf ökologische, menschliche oder geopolitische Folgen. Wert wird ausschließlich durch menschliche Arbeit geschaffen; aus ihrer Ausbeutung entsteht Profit. Die Trennung von Käufern und Verkäufern erzeugt Klassenrelationen, aus denen Klassenkampf folgt. Wettbewerb und Kontrolle der Arbeitskraft machen technischen Wandel notwendig. Kapital und Arbeitskraft müssen daher fortwährend produziert und reproduziert werden.

Diese Zirkulation ist jedoch instabil. Das System wächst durch Ausbeutung von Arbeit, während technischer Fortschritt Arbeitskraft aus der Produktion verdrängt. Wachstum und technologischer Fortschritt sind somit zugleich notwendig und gegensätzlich. Periodische Krisen entstehen, wenn Überschüsse an Kapital und Arbeit nicht mehr absorbiert, also gewinnbringend eingesetzt, werden können. Dies nennt Harvey Überakkumulation. Nicht absorbierbare Überschüsse werden entwertet oder vernichtet.

Um dies aufzuschieben, erschließt Kapitalismus neue Räume und nutzt räumliche Unterschiede für Profit. Mobilität von Kapital setzt aber eine ortsfeste, immobile Infrastruktur voraus: Einrichtungen für Kommunikation, Transport und die Reproduktion der Arbeitskraft sowie Kreditsysteme, Währungspolitik und -sicherheit, staatliche und rechtliche Einrichtungen und Dienstleistungen. Ein Teil von Kapital und Arbeit wird deshalb dauerhaft räumlich gebunden. Harveys Formel lautet: „Die Fähigkeit [des Kapitals] Raum zu überwinden, beruht auf der Produktion von Raum.“

Regionale Räume, Krisen und Konflikte

Durch immobile Infrastruktur entstehen unterschiedliche „regional spaces“. In ihnen hängen Produktion und Konsum, Angebot und Nachfrage, Klassenkampf und Akkumulation sowie Kultur und Lebensstil als „structured coherence“, also als strukturierter Zusammenhang, zusammen. Neue Organisationsformen des Kapitalismus können diese Räume vergrößern. Staatenbildung, Klassenallianzen und Nationalismus können ihnen zeitweise Stabilität geben.

Diese Stabilität bleibt nach Harvey begrenzt. Kapitalismus baut Räume auf, untergräbt, zerlegt oder zerstört sie später jedoch wieder, weil er neue Möglichkeiten braucht, Kapital zu absorbieren, und weil technologischer Wandel weiterwirkt. Die inneren Widersprüche des Systems erscheinen daher als fortwährende Bildung und Auflösung geographischer Landschaften. Diese Prozesse sind von Krisen und Auseinandersetzungen begleitet. Zerstörung kann sowohl aus Maßnahmen betroffener Räume entstehen, die externe Lösungen suchen, als auch eine notwendige Etappe bei der Öffnung neuer Räume sein.

Die Erschließung neuer Räume „kauft Zeit“, beseitigt die systembedingte Krise aber nicht. Harvey deutet die Fragmentierung der Weltwirtschaft in den 1920er- und 1930er-Jahren als Folge anhaltender Krisen und zerfallender Klassenallianzen. Das „Golden Age Growth“ seit den 1950er-Jahren sei dagegen eine Phase besonders erfolgreicher Kapitalzirkulation und Raumerweiterung gewesen. Nach Harvey brachten nicht New Deal oder Autobahnbau die entscheidende Hilfe, sondern der Zweite Weltkrieg, der Vollbeschäftigung und neue Investitionen schuf. Neue Regionen, besonders Europa, erzielten anschließend Überschüsse und suchten wiederum neue Anlagemöglichkeiten. Daraus könnten erneut Krisen und Konkurrenz entstehen. Harvey betont zugleich, dass nicht alle Kriege rein kapitalistisch seien. 2019 erklärte er, ein Sturz des Kapitalismus sei derzeit unmöglich; das System müsse zunächst gestützt, reorganisiert und langsam in eine andere Konfiguration überführt werden.

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