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Das Himmelreich in euch

Leo Tolstoi: Das Reich Gottes ist inwendig in Euch oder das Christentum als eine neue Lebensauffassung, nicht als mystische Lehre . Deutsche Version im Internet …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und zentrale Bedeutung
  2. 2. Aufbau und thematische Schwerpunkte
  3. 3. Tolstois Argumentation zur Gewaltlosigkeit
  4. 4. Briefwechsel mit Mohandas Gandhi

Gegenstand und zentrale Bedeutung

Das Himmelreich in euch, auch Das Reich Gottes ist in Euch oder Das Reich Gottes ist inwendig in euch genannt (russisch: Царство Божие внутри вас, transliteriert: Zarstwo Boschije wnutri was), ist ein einflussreiches Sachbuch von Leo Tolstoi. Es wurde 1894 zuerst in Deutschland veröffentlicht, nachdem es in Russland verboten worden war. Das Buch bildet den Höhepunkt von Tolstois dreißig Jahren christlichen Denkens.

Im Mittelpunkt steht der Vorschlag einer neuen Gesellschaftsorganisation, die auf einer wörtlichen christlichen Auslegung der vier Evangelien beruht. Besonders wichtig ist dabei die Lehre vom Nicht-Widerstehen, also die grundsätzliche Gewaltlosigkeit angesichts des Bösen und der Gewalt. Tolstoi untersucht, welche Folgen diese Lehre für das persönliche Verhalten, für das Verhältnis der Menschen zum Krieg und für die politische Ordnung hat.

Der Titel bezieht sich auf Lk 17,21 ELB. Tolstoi stellt die Botschaft Jesu, wie sie in den Evangelien und besonders in der Bergpredigt erscheint, der Verbindung von Staat und Russisch-Orthodoxer Kirche gegenüber. Nach seiner Auffassung steht diese Verbindung im Gegensatz zur wahren Botschaft Jesu.

Aufbau und thematische Schwerpunkte

Zu Beginn verweist Tolstoi auf sein zehn Jahre zuvor, im Jahr 1884, erschienenes Werk Mein Glaube. Dort habe er dargelegt, was er glaube. Am Ende von Das Himmelreich in euch fasst er den Inhalt in sechs Kapiteln zusammen:

  • Kapitel 1 behandelt die Lehre vom Nicht-Widerstehen. Diese Lehre sei seit der Begründung des Christentums von einer Minderheit der Menschen erkannt worden und werde auch in der Gegenwart nur von einer Minderheit anerkannt.
  • Kapitel 2 untersucht die Urteile von Gläubigen und Ungläubigen über das Nicht-Widerstehen.
  • Kapitel 3 beschreibt die falsche Auffassung des Christentums durch die Gläubigen.
  • Kapitel 4 behandelt das Missverständnis des Christentums durch die wissenschaftlichen Menschen.
  • Kapitel 5 stellt die Widersprüche zwischen dem Leben der Menschen und ihrem christlichen Bewusstsein dar.
  • Kapitel 6 untersucht das Verhältnis der Menschen der damaligen Welt zum Krieg.

Im ersten Kapitel lässt Tolstoi Autoren zu Wort kommen, die unterstützend auf Mein Glaube reagiert hatten. Dazu gehören insbesondere die Quäker sowie die christlich-pazifistischen Schriftsteller William Lloyd Garrison und Adin Ballou aus den Vereinigten Staaten. Außerdem zitiert er ausführlich Petr Chelčický, einen tschechischen Theologen und Schriftsteller sowie Vertreter der Böhmischen Brüder.

Im zweiten Kapitel widerlegt Tolstoi Einwände gegen die absolute Gültigkeit und Anwendbarkeit der Gewaltlosigkeit. Diese Gegenargumente ordnet er in fünf Kategorien ein: Erstens widerspreche Gewalt angeblich nicht dem Christentum. Zweitens sei Gewalt notwendig, um Übeltäter einzuschränken. Drittens sei Gewalt zur Verteidigung des Nächsten Pflicht. Viertens werde die Verletzung des Gebots vom Nicht-Widerstreben als bloße Schwäche anerkannt. Fünftens werde die Antwort vermieden, indem behauptet werde, die Frage sei bereits vollständig gelöst.

Tolstois Argumentation zur Gewaltlosigkeit

Tolstoi vertritt die Auffassung, dass alle kriegsführenden Regierungen einen Affront gegen christliche Prinzipien darstellen. Seine Argumentation beruht auf der Forderung Jesu: „Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen, sondern wenn jemand dich auf deine rechte Backe schlagen wird, dem biete auch die andere dar;“ (Mt 5,38 ELB).

Das Nicht-Widerstehen bedeutet in diesem Zusammenhang, auf Gewalt nicht mit Gegengewalt zu antworten. Tolstoi versteht diese Forderung als grundsätzlich und absolut. Er weist daher die Auslegungen römischer und mittelalterlicher Gelehrter zurück, die den Anwendungsbereich des Gebots einschränken wollten. Für Tolstoi darf die christliche Forderung nicht so ausgelegt werden, dass sie nur unter bestimmten persönlichen oder politischen Umständen gilt.

Aus dieser Sicht stehen Krieg, staatlich organisierte Gewalt und die Beteiligung kriegsführender Regierungen im Widerspruch zu einer wörtlichen Befolgung der Lehre Jesu. Tolstoi verbindet deshalb persönliche Gewaltlosigkeit mit einer umfassenderen Kritik der bestehenden Gesellschafts- und Staatsordnung. Die Evangelien, insbesondere die Bergpredigt, dienen ihm als Maßstab für das Verhalten einzelner Menschen ebenso wie für die Organisation der Gesellschaft.

Briefwechsel mit Mohandas Gandhi

Mohandas Gandhi schrieb in seiner Autobiographie, Tolstois Buch habe ihn „überwältigt“ und einen „bleibenden Eindruck“ hinterlassen. Er zählte Das Himmelreich in euch gemeinsam mit John Ruskins Unto This Last und den Schriften des Dichters Shrimad Rajchandra (Raychandbhai) zu den drei wichtigsten Einflüssen in seinem Leben.

1908 schrieb Tolstoi einen Leserbrief an eine indische Zeitung unter dem Titel A Letter to a Hindu. Darin vertrat er die Ansicht, das indische Volk könne die britische Kolonialherrschaft nur durch passiven Widerstand auf der Grundlage der Nächstenliebe zu Fall bringen.

Im folgenden Jahr, 1909, wandte sich Gandhi an Tolstoi. Er bat ihn um Rat und um die Genehmigung, A Letter to a Hindu in seiner eigenen Sprache Gujarati zu veröffentlichen. Tolstoi antwortete. Daraus entwickelte sich bis zu Tolstois Tod im Jahr 1910 eine andauernde Korrespondenz. Die Briefe behandeln unter anderem praktische und theologische Anwendungen der Gewaltlosigkeit.

Tolstois Idee wurde schließlich durch Gandhis Organisation landesweiter gewaltfreier Streiks und Proteste in den Jahren 1918–1947 verwirklicht. Damit erhielt die im Buch vertretene Verbindung von Nächstenliebe, passivem Widerstand und Gewaltlosigkeit eine politische Anwendung.

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