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Worin mein Glaube besteht
Wahre Religion ist Aufklärung der Vernunft. Parabel ... Kirche scharf kritisierende christliche Morallehre, die allein auf der Bergpredigt basiert.
Inhalt4 Abschnitte
Werk und Grundgedanke
Worin besteht mein Glaube? (auch Worin mein Glaube besteht oder Mein Glaube; russisch „В чём моя́ ве́ра?“) ist ein religiöser Essay von Leo Tolstoi. Im Mittelpunkt steht Tolstois Auslegung der Lehre Jesu Christi, besonders der Bergpredigt. Er versteht deren Kern als Forderung nach Gewaltlosigkeit: „Widerstrebe nicht dem Übel!“. Daraus entwickelt er eine christliche Morallehre, die Krieg, Gericht, Eide und Feindschaft ablehnt und die kirchliche Vermittlung dieser Lehre scharf kritisiert.
Tolstoi beschreibt seine persönliche Glaubenswende mit den Worten, er habe – abgesehen von den ersten 14–15 Jugendjahren – 35 Jahre als Nihilist gelebt. Nihilismus bezeichnet hier eine Haltung, die keinen religiösen Glauben als Grundlage des Lebens annimmt. Vor fünf Jahren sei ihm der Glaube an die Lehre Christi gekommen; dadurch sei sein Leben „plötzlich ein anderes“ geworden.
Christi Gebote und ihre Begründung
Tolstoi sieht in der Bergpredigt eine Grundlehre, die seiner Ansicht nach durch kirchliche Lehren verdeckt worden sei. Für ihn stehen die gesellschaftlichen Einrichtungen im Widerspruch zu dieser Lehre, weil Menschen durch die Gesamtheit zur Teilnahme an Krieg und Gericht gezwungen würden. Christus verwerfe nach Tolstois Deutung sowohl Krieg als auch Gericht. Die kirchliche Erklärung von „Richtet nicht und verdammet nicht“ hält er deshalb für problematisch.
Er stellt die christliche Sittenlehre der jüdischen Sittenlehre gegenüber und erklärt, Christus hebe das Gesetz des Mose auf. Als Gegenbild nennt er das Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.
Die Lehre Christi fasst Tolstoi in fünf Geboten zusammen:
- Man soll nicht mit seinem Bruder zürnen.
- Man soll sich unter keinem Vorwand von seinem Ehepartner scheiden.
- Man soll niemandem einen Eid leisten.
- Man soll dem Übel nicht widerstreben.
- Man soll auch seine Feinde lieben, also diejenigen, die nicht die eigenen Volksgenossen sind.
Die Befolgung dieser Gebote werde durch falsches Verständnis behindert. Tolstoi hält sie weder für ein unerreichbares Ideal noch für einen Wahn, wie Ungläubige meinten. Vielmehr seien sie für alle Menschen ausführbar, leicht und glückbringend; ihre Verinnerlichung führe zum ewigen Frieden.
Glaube, Leben und Kritik an Kirche und Weltordnung
Tolstoi wendet sich gegen die Auffassung, die Gebote Christi seien unausführbar. Diese Behauptung führt er auf den Glauben an Sündenfall und Erlösung zurück. Auch Wissenschaft und philosophische Systeme, die die bestehende Ordnung gutheißen, seien nach seiner Auffassung von diesem Glauben abhängig. Wahre Religion bedeute für ihn Aufklärung der Vernunft.
Ebenso weist er die Ansicht zurück, ein einzelner Mensch könne Christi Gebote nicht in einer egoistischen Welt erfüllen. Der Grund liege in einer falschen Wertschätzung des persönlichen Lebens. Das wahre Leben sei das „ewige Vernunftleben“; eine persönliche Auferstehung verwerfe Christus nach Tolstois Auslegung.
Glaube ohne Werke sei tot. Glaube definiert Tolstoi als die zur Überzeugung gewordene Auffassung des Lebens, aus der Handlungen entstehen. An Christus zu glauben bedeute daher, die Wahrheit zu erkennen und danach zu handeln. Die Opfer, welche die Welt verlange, seien größer als jene, die Christi Gebote forderten. Arbeit im Dienst anderer sichere stets die Erhaltung des Lebens; als Beispiel wird die Speisung der fünftausend Mann genannt.
Die Kirche hindere nach Tolstoi die Befolgung der Gebote, weil Zeremonien und Metaphysik – Lehren über Grundfragen des Seins und Gottes – die Sittenlehre verdrängten. Er verweist dabei auf das russische Gebetbuch und den russischen Katechismus. Daraus folgten ein allgemeiner Abfall von der Kirche und ein selbständiger Fortschritt der Welt. Die lange verhüllten Gebote Christi müssten angenommen werden, da sie mit jeder theoretischen Anschauung vereinbar seien. Sein Glaubensbekenntnis lautet: Glückseligkeit auf Erden sei möglich, wenn alle Menschen Christi Lehre erfüllten; deren Erfüllung sei möglich, leicht und freudebringend.
Entstehung, Verbot und Wirkung
Tolstois Lebenswerk war von der Suche nach Lebenssinn, wahrem Glauben und Gerechtigkeit geprägt. Nach dem Weltruhm durch Krieg und Frieden und Anna Karenina in den 1860er und 1870er Jahren geriet er in eine seelische Krise. Todesvisionen und das Elend großer Teile der russischen Bevölkerung verstärkten seine religiöse Sinnsuche. Ab 1879 beschäftigte er sich intensiv mit religiösen Fragen und geriet in Konflikt mit Staat und russisch-orthodoxer Kirche. Vorläufer des Essays waren Meine Beichte, Vereinigung und Übersetzung der vier Evangelien sowie Kritik der dogmatischen Theologie. 1882 nahm Tolstoi Hebräischunterricht; 1882/1883 fasste er seine Antworten auf religiöse Sinnfragen in Worin mein Glaube besteht zusammen.
Die erste Ausgabe erschien am 22. Januar 1884 in Moskau in der Zeitschrift „Русская мысль“. Da Zensur befürchtet wurde, waren bereits im September 1883 ungenehmigte Exemplare zum Verstecken und Verteilen vereinbart worden. Das Werk wurde in Russland verboten und beschlagnahmt, verbreitete sich aber dennoch. 1885 erschien es auf Deutsch in der Übersetzung von Sophie Behr bei Duncker & Humblot in Leipzig, auf Englisch als What I Believe bei Elliot in London und auf Französisch als Ma Religion bei Librairie Fischbacher in Paris. Eine russische Ausgabe wurde 1888 in Genf gedruckt. Raphael Löwenfelds Übersetzung von 1902 im Verlag Eugen Diederichs führte den Titel Mein Glaube ein.
Die Schrift fand im In- und Ausland Resonanz. Zehn Jahre später setzte sich Tolstoi in Das Himmelreich in euch erneut mit Unterstützern und Kritikern seiner aus der Bergpredigt abgeleiteten Gewaltlosigkeit auseinander. Seine kirchenkritische, allein auf der Bergpredigt beruhende Morallehre trug zu Konflikten mit dem zaristischen Staat und der Kirche bei. Am 24. Februar 1901 erklärte die Heilige Regierende Synode Tolstoi für nicht mehr zur Kirche gehörig. In seiner Antwort an die Synode vom 4. April 1901 bestätigte Tolstoi seinen Bruch mit der orthodoxen Kirche, weil er dem Herrn dienen wolle. Weltweit entstanden Anhänger, die Tolstojaner; sie vertraten einen radikalen christlichen Anarchismus und Pazifismus. Auf Tolstoi bezogen sich unter anderem Mahatma Gandhi, Albert Schweitzer und Martin Luther King.