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Daphne Oram
Daphne Blake Oram (* 31. Dezember 1925 in Devizes; † 5. Januar 2003 in Maidstone) war eine britische Komponistin und Pionierin elektronischer Musik und die …
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Bedeutung und Ausbildung
Daphne Blake Oram (* 31. Dezember 1925 in Devizes; † 5. Januar 2003 in Maidstone) war eine britische Komponistin und Pionierin der elektronischen Musik. Sie konstruierte als erste Frau ein elektronisches Musikinstrument, erfand die Oramics-Technik der grafischen Tonerzeugung und gehörte zu den ersten britischen Komponistinnen, die elektronische Klänge und Musique concrète einsetzten. Als Mitbegründerin des BBC Radiophonic Workshop war sie wichtig für die Entwicklung elektronischer Musik; außerdem leitete sie als erste Frau ein unabhängiges persönliches Studio für elektronische Musik.
Oram war die Tochter von James und Ida Oram. An der Sherborne School for Girls erhielt sie Unterricht in Klavier, Orgel und Komposition. Einen angebotenen Studienplatz am Royal College of Music nahm sie nicht an, sondern begann bei der BBC zu arbeiten.
Experimente und Arbeit bei der BBC
Ab 1942 arbeitete Oram bei der BBC als Junior-Studiotechnikerin. Sie hielt bei Live-Konzerten aufgezeichnete Fassungen bereit, erstellte Soundeffekte für Radiosendungen und stellte Sendepegel ein. In den 1940er Jahren komponierte sie auch Still Point für Plattenspieler, Doppelorchester und fünf Mikrofone. Das Werk verband akustische Orchestrierung mit elektronischer Live-Manipulation. Die BBC lehnte es ab; die erste Aufführung erfolgte erst am 24. Juni 2016 durch Shiva Feshareki und das London Contemporary Orchestra. Eine revidierte Fassung wurde am 23. Juli 2018 bei The Proms in London uraufgeführt.
Mit Tonbandgeräten experimentierte Oram in den 1950er Jahren nach Dienstschluss: Sie nahm Alltagsgeräusche auf, schnitt, trennte und loopte sie, verlangsamte oder beschleunigte sie und spielte sie rückwärts ab. Diese Arbeitsweise steht für Musique concrète, bei der aufgenommenes Klangmaterial statt herkömmlicher Instrumentalmusik gestaltet wird. Die BBC zeigte zunächst wenig Interesse an solchen Klangexperimenten.
1957 komponierte Oram für Jean Giraudoux’ Amphitryon 38 mit Sinuswellen-Oszillator, Tonbandgerät und selbst entworfenen Filtern die erste vollständig elektronische Partitur der BBC-Geschichte. Mit Desmond Briscoe arbeitete sie danach unter anderem an Samuel Becketts All That Fall (1957). Anfang 1958 erhielten beide ein Budget und Räume in den Maida Vale Studios zur Gründung des BBC Radiophonic Workshop. Der Name vermied bewusst das Wort „Musik“; der Workshop produzierte Soundeffekte und Themenmusik, etwa für Quatermass and the Pit (1958–59) und The Goon Show. Oram wurde erste Studioleiterin, verließ die BBC jedoch 1959, um ihre eigenen Techniken selbstständig weiterzuentwickeln.
Oramics: Klang aus Zeichnungen
Nach ihrem BBC-Austritt richtete Oram 1959 das Oramics Studio in Tower Folly, einem umgebauten Haus in Fairseat in Kent, ein. Oramics ist grafische Tonerzeugung: Formen und Motive werden direkt in 35-mm-Filmmaterial geätzt. Fotoelektrische Zellen lesen diese Zeichnungen und wandeln sie in elektrische Tonsignale um. Nach Orams Auffassung sollte jede Nuance der Phrasierung, jede Tonabstufung und jede Tonhöhenmodulation allein durch Änderungen der Schriftform möglich sein. Damit erlaubte das Verfahren eine besonders genaue Steuerung von Klangnuancen.
Neben der Entwicklung der Maschine arbeitete Oram aus finanziellen Gründen kommerziell. Sie komponierte für Radio, Fernsehen, Theater, Kurzfilme, Toninstallationen und Ausstellungen. Zu ihren Arbeiten aus dem Studio zählen elektronische Klänge für Jack Claytons The Innocents (1961), Four Aspects (1960) sowie Zusammenarbeit mit Thea Musgrave und Ivor Walsworth. Für Dr. No (1962) lieferte sie nicht zugeschriebene elektronische Klänge, die bis Goldfinger (1964) in James-Bond-Filmen verwendet wurden. Sie arbeitete außerdem an Snow (1963) und erhielt für die elektronische Bearbeitung der Musik von Rail (1967) eine Nennung.
Die Gulbenkian-Stiftung unterstützte Oramics 1962 mit £3.550, heute etwa GBP 76.000, und 1965 mit weiteren £1.000. Contrasts Essonic wurde 1968 als erste vollständig mit der Maschine gezeichnete Klangkomposition aufgenommen. Später erforschte Oram mit Oramics das nichtlineare Verhalten des menschlichen Ohrs und die Klangwahrnehmung des Gehirns. Sie nannte die Untersuchung von Klang und seiner Beziehung zum Leben „Oramatik“ und unterschied „kommerzielle“ von „mystischer Oramatik“. In den 1980er Jahren plante sie eine Softwareversion für den Acorn Archimedes; fehlende Mittel verhinderten die vollständige Realisierung.
Schriften, Tod und Archiv
Oram hielt während ihrer Laufbahn Vorträge über elektronische Musik und Studiotechniken. In An Individual Note of Music, Sound and Electronics (1971) behandelte sie die Physik des Klangs und die Entstehung elektronischer Musik philosophisch; eine Neuausgabe erschien im Dezember 2016. Ihr unvollendetes Manuskript The Sound of the Past – A Resonating Speculation befasste sich mit archäologischer Akustik. Darin vermutete sie anhand von Forschungsergebnissen, dass neolithische Kammerhügel, Stonehenge und die Große Pyramide in Ägypten als Resonatoren genutzt worden sein könnten. Dies blieb eine von Oram entwickelte Spekulation.
In den 1990er Jahren erlitt Oram zwei Schlaganfälle, gab ihre Arbeit auf und zog später in ein Pflegeheim. Sie starb am 5. Januar 2003 im Alter von 77 Jahren. Ihr umfangreiches Archiv ging zunächst an den Komponisten Hugh Davies, nach dessen Tod 2005 an das Sonic Arts Network und 2008 an Goldsmiths, University of London. Es wird in den Goldsmiths Special Collections & Archives öffentlich zugänglich aufbewahrt und für Forschung genutzt. 2007 erschien die Zusammenstellung Oramics; 2008 sendete BBC Radio 3 den Dokumentarfilm Wee Have Also Sound-Houses über ihr Leben.
Wirkung und spätere Würdigungen
Oram stellte sich räumliche Klangbehandlung und Klangverstärkung bei Aufführungen bereits vor, bevor Begriffe wie „Raumklang“ gebräuchlich waren. Ihre Tonbandtechniken aus dem Radiophonic Workshop wirkten über Jahrzehnte in vielen Genres weltweit. Ihre Arbeit ebnete auch Delia Derbyshire den Weg, die 1960 zur BBC kam und später das ursprüngliche Doctor-Who-Thema mitgestaltete. Oramics wird als ein Grundstein moderner elektronischer Musikproduktion beschrieben.
Das Daphne Oram Creative Arts Building an der Canterbury Christ Church University wurde 2019 eröffnet. Die Oram Awards wurden von der PRS-Stiftung und dem New BBC Radiophonic Workshop zur Würdigung aufstrebender Künstlerinnen in Musik, Klang und verwandten Technologien geschaffen. Die erste Verleihung fand am 3. Juli 2017 im Turner Contemporary in Margate statt: Zwei Innovatorinnen erhielten jeweils £1.000, sechs weitere jeweils £500. Eine BBC-Sendung von Click zeigte 2012 die dreiteilige Oramics Machine im Science Museum London; wegen ihres zerbrechlichen Zustands war sie nicht mehr spielbar, doch eine interaktive virtuelle Version erlaubte eigene Kompositionen.