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Musique concrète
Musique concrète (französisch für „konkrete Musik“) ist eine Kompositionstechnik, bei der mit aufgenommenen und auf Tonträgern gespeicherten Klängen …
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Grundidee
Musique concrète, französisch für „konkrete Musik“, ist eine Kompositionstechnik, bei der Musik aus aufgenommenen Klängen entsteht. Diese Klänge werden auf Tonträgern gespeichert und anschließend bearbeitet. Das Material kann aus eingespielten Instrumenten bestehen, aber auch aus Alltagsgeräuschen wie Geräuschen von Maschinen, Verkehr oder Stimmen.
Wichtig ist, dass nicht zuerst eine Partitur oder abstrakte musikalische Struktur im Mittelpunkt steht. Stattdessen beginnt die Komposition mit konkretem Klangmaterial. Dieses wird durch technische Verfahren verändert und neu zusammengesetzt, sodass daraus eine musikalische Form entsteht.
Arbeitsweise
Die aufgenommenen Klänge werden elektronisch verfremdet. Im Artikel werden vor allem Montage, Bandschnitt, Veränderung der Bandgeschwindigkeit und Tapeloops genannt. Montage bedeutet, dass Klangstücke zusammengesetzt werden. Bandschnitt bezeichnet das physische Schneiden und Zusammenfügen von Tonband. Durch eine veränderte Bandgeschwindigkeit ändern sich Tonhöhe, Dauer und Klangcharakter. Tapeloops sind wiederholte Bandschleifen, bei denen ein Klangabschnitt immer wieder abgespielt wird.
Ein wichtiger Einfluss auf diese Art des Komponierens lag im italienischen und spanischen Futurismus. Der Futurismus interessierte sich stark für neue Klänge der modernen Welt, etwa technische und alltägliche Geräusche.
Entstehung und Begriff
Die Bezeichnung geht auf den französischen Ingenieur Pierre Schaeffer zurück. Er gründete 1943 am französischen Rundfunk RDF den Club d’essai in Paris und verwendete den Begriff in einem Artikel aus dem Jahr 1949. Mit dem Begriff wollte Schaeffer die Musique concrète von der Richtung der „Abstrakten Musik“ abgrenzen, zu der im Artikel Klassische Musik, Zwölftonmusik und Serielle Musik gezählt werden.
Schaeffer beschrieb den Unterschied so: In der klassischen Musik führe der Weg vom Abstrakten ins Konkrete, also von der Komposition zur klingenden Ausführung. Bei der Musique concrète sei es umgekehrt: Man gehe vom Konkreten aus, nämlich von Alltagsgeräuschen oder aufgenommenen Klängen, und schaffe daraus durch Klangverfremdung etwas Abstraktes.
Frühe Werke und Klangmodell
Da zu dieser Zeit nur in Deutschland mit dem Tonbandgerät gearbeitet wurde, war Schaeffer zunächst auf Direktschnittaufnahmen auf Schallplatten beschränkt. 1948 wurde das Programm „Études de bruits“ erstmals ausgestrahlt. Dazu gehörte unter anderem die „Étude pour chemin de fer“, in der verschiedene Geräusche von Dampflokomotiven und Eisenbahnwagen zu hören sind.
Während seiner Arbeit entwickelte Schaeffer das Modell des „objet sonore“. Damit ist ein allgemeines und abstraktes Schema gemeint, mit dem Klangstrukturen klassifiziert werden können, und zwar zwischen dem Einzelklang und dem Musikstück als Ganzem. Schaeffers Arbeit wirkte auch international: Sie inspirierte die britische Komponistin Daphne Oram (1925–2003), den BBC Radiophonic Workshop bei der BBC einzurichten.
Streit um Musikästhetik
Die Musique concrète führte zu einem heftigen Streit mit Anhängern der Kölner Schule und, weiter gefasst, der Zweiten Wiener Schule. Besonders mit Pierre Boulez gab es Auseinandersetzungen über zeitgenössische Musikästhetik. Boulez warf Schaeffer vor, eher ein Handwerker als ein Musiker zu sein. Seine Art, Musik zu erzeugen, gleiche einer „Bricolage“, also Bastelarbeit.
Schaeffer wies diesen Vorwurf nicht grundsätzlich zurück. Er verstand die Musikgeschichte selbst als Entwicklung durch „Bricolage“. Auch afrikanische Musik fand in seinen Werken Verwendung. Der Komponist Tod Dockstader beschrieb Schaeffers Ansatz als Arbeit direkt mit dem Klang, im Gegensatz zu einer „abstrakten“ Musik, in der Klänge zunächst geschrieben werden. Am Anfang wurde Konkrete Musik laut Dockstader nicht einmal als Musik anerkannt; Schaeffers erste Werkschau hieß „Ein Konzert der Geräusche“. Wegen der gegensätzlichen Auffassungen sprach man sogar von einem „Zweiten Eisernen Vorhang“.
Weiterentwicklung und Einfluss
Die Gegensätze zwischen den Richtungen wurden praktisch schwächer, als Karlheinz Stockhausen, der zuvor bei Schaeffer gearbeitet hatte, 1955–56 den „Gesang der Jünglinge“ komponierte. In diesem Werk wurden Sprache, Gesang und elektronische Klänge gleichberechtigt gemischt und gingen ineinander über. Seitdem ließen sich die Richtungen immer schwerer klar trennen. „Elektronische Musik“ etablierte sich bald als Oberbegriff; daneben entstand der abgrenzende, aber noch kontroverse Begriff „Elektroakustische Musik“.
1951 übernahm Pierre Henry den Club d’essai, der nun zur „Groupe de Recherches de (la) Musique Concrète“ wurde. Henry beschäftigte sich später stärker mit der Verbindung von Rockmusik und elektronischen Einflüssen der Konkreten Musik. Mit seiner „Messe pour le temps présent“ von 1967 zählt er zu den Pionieren genreübergreifender elektronischer Musik. Er arbeitete außerdem mit Spooky Tooth und später mit den Violent Femmes zusammen.
Musique concrète beeinflusste die Noisemusik. Außerdem gab sie der Entwicklung des Hörspiels und des akustischen Features wichtige Impulse, unter anderem durch Werke von Luc Ferrari (1929–2005).