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Daniel Goldhagen

Die Vorkämpfer der Judenemanzipation, die für die Assimilation waren, stelle Goldhagen als Vorläufer der Shoah dar, während Goldhagen Hitlers eigentliche …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Person und zentrale Bedeutung
  2. 2. Goldhagens Erklärung des Holocaust
  3. 3. Kontroverse und fachwissenschaftliche Einwände
  4. 4. Kritik durch Birn und Mommsen
  5. 5. Ergebnisse und spätere Themen

Person und zentrale Bedeutung

Daniel Jonah Goldhagen (* 30. Juni 1959 in Boston, Massachusetts) ist ein US-amerikanischer Soziologe und Politikwissenschaftler. Bekannt wurde er durch sein 1996 erschienenes Buch Hitlers willige Vollstrecker – Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Das Buch löste in Deutschland eine breite öffentliche Debatte über die Ursachen des Holocaust aus. Goldhagen studierte und lehrte an der Harvard-Universität; sein Vater Erich Goldhagen war Historiker und Holocaust-Überlebender.

Im Mittelpunkt von Goldhagens Forschung steht die Frage, warum und wie der Holocaust geschehen konnte und weshalb so viele Menschen daran mitwirkten oder keinen Widerstand leisteten.

Goldhagens Erklärung des Holocaust

Goldhagen erklärt den Holocaust vor allem durch einen in Deutschland tief verankerten „eliminatorischen Antisemitismus“. Damit meint er einen Antisemitismus, der Juden nicht nur ausgrenzt oder diskriminiert, sondern ihre physische Vernichtung als Lösung betrachtet. Hitler und die Deutschen hätten Juden aus dieser Überzeugung heraus verfolgt und ermordet.

Nach Goldhagen waren in Deutschland drei Bedingungen gleichzeitig erfüllt: Erstens regierten dort die radikalsten Antisemiten der Geschichte. Zweitens dachte die Mehrheit der Bevölkerung schlecht über Juden. Drittens besaß der deutsche Staat infolge des Krieges die militärische Macht, den Großteil der europäischen Juden in seine Gewalt zu bringen. Der Antisemitismus sei eine lang tradierte und weitgehend unhinterfragte Grundüberzeugung der deutschen Kultur gewesen; bereits im 19. Jahrhundert sei die Möglichkeit einer physischen Vernichtung der Juden in Deutschland in größerem Umfang diskutiert worden.

Goldhagen lehnt Erklärungen ab, nach denen die Täter hauptsächlich durch Befehlszwang, Staatshörigkeit, Gruppendruck, Karrierestreben oder Unwissenheit gehandelt hätten. Die Deutschen seien nicht zum Töten gezwungen worden, sondern hätten aus inneren Überzeugungen freiwillig gehandelt. Deshalb bezeichnet er sie als „willige Vollstrecker“. Er weist jedoch die Vorstellung einer Kollektivschuld ausdrücklich zurück. Zugleich kommt er zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Deutschen, die kriminelle Handlungen an Juden begingen, „enorm hoch“ gewesen sei.

Als wichtigstes Beispiel untersucht Goldhagen das Reserve-Polizei-Bataillon 101, das im polnischen Generalgouvernement Juden aufspürte, folterte, erschoss oder in Vernichtungslager verschleppte. Auf Grundlage späterer Prozessakten behauptet er, die Bataillonsangehörigen hätten nicht widerwillig oder unter Zwang gehandelt, sondern freiwillig, teilweise über ausdrückliche Befehle hinaus, mit Stolz und ohne moralische Skrupel. Sie hätten ihre Opfer als ein zu beseitigendes Übel betrachtet. Bei den Männern habe es sich nicht um eingefleischte Nationalsozialisten, Weltanschauungskrieger oder besonders junge Fanatiker gehandelt, sondern um zufällig rekrutierte Durchschnittsbürger, die für den Fronteinsatz zu alt waren. Für Goldhagen zeigt ihr Verhalten, wie leicht der Schritt von einer negativen Einstellung gegenüber Juden zum Mord gewesen sei. Die Vernichtung der europäischen Juden sei daher nicht nur eine Tat der Nazis oder der SS, sondern der Deutschen gewesen, auch wenn nicht jeder Deutsche in gleichem Maße schuldig wurde.

Kontroverse und fachwissenschaftliche Einwände

Goldhagens These stieß international, besonders in deutschen Medien und unter deutschen Historikern, auf heftige Reaktionen. Viele Leser stimmten ihr betroffen zu, während sie in der Wissenschaft weithin als monokausal und irrig abgelehnt wurde. Kritiker verwiesen darauf, dass es im 19. und frühen 20. Jahrhundert auch außerhalb Deutschlands sehr starke oder sogar stärkere antisemitische Strömungen gegeben habe, etwa in Frankreich während der Dreyfus-Affäre und im zaristischen Russland, wo Juden seit den 1880er Jahren mit staatlicher Duldung oder Unterstützung Pogromen ausgesetzt waren.

Methodisch wurde kritisiert, Goldhagen konstruiere einen spezifisch deutschen eliminatorischen Antisemitismus, der wie ein programmierter „Code“ zur Vernichtung geführt habe. Außerdem vergleiche er die deutsche Beteiligung nicht ausreichend mit der Kollaboration von Verwaltungen, Polizei und Bevölkerung in den besetzten Ländern. Ein weiterer Vorwurf lautete, seine Darstellung weise den Deutschen eine Kollektivschuld zu; Goldhagen selbst lehnte diese Vorstellung kategorisch ab.

Auch der Stil und der Anspruch des Buches wurden kritisiert. Goldhagen stellte die bisherige Holocaustforschung grundsätzlich infrage und schrieb nach Ansicht von Kritikern eher aus „Betroffenheit und Identifikation“ als aus wissenschaftlicher Distanz. Eric Hobsbawm und Raul Hilberg wiesen seine Thesen besonders scharf zurück. Richard Bernstein räumte dagegen ein, Goldhagen erinnere daran, dass Deutsche selbst gegen Kriegsende weiter mordeten, obwohl Heinrich Himmler das Töten einstellen lassen wollte.

Kritik durch Birn und Mommsen

Ruth Bettina Birn, die seit Ende der 1970er Jahre im Archiv für nationalsozialistische Verbrechen in Ludwigsburg forschte, veröffentlichte 1997 im Cambridge Historical Journal den bis dahin direktesten Angriff auf Goldhagens Buch. Sie warf ihm vor, Originaltexte eindeutig falsch wiederzugeben, selektiv zu zitieren und Belege einer bereits feststehenden Theorie unterzuordnen. Aus dem umfangreichen Ludwigsburger Material habe er nur 166 Aussagen vor Kriegsverbrechertribunalen verwendet. Nach Birns Einschätzung hätte man mit einer solchen Auswahl sogar das genaue Gegenteil von Goldhagens Behauptungen belegen können. Sie kritisierte außerdem, Goldhagen schreibe vielfach in einer spekulativen Konjunktivform.

Hans Mommsen bezeichnete Birns Kritik als scharf, meinte aber zugleich, sie begebe sich bei dem Versuch, Goldhagens Unterscheidung zwischen der Behandlung von Juden und Nichtjuden zu widerlegen, teilweise auf dessen methodisches „Glatteis“. Mommsen kritisierte außerdem Goldhagens Drohungen mit Schadensersatzforderungen gegen Birn und ihren Herausgeber als juristische Pression gegen akademische Kritiker.

Mommsen betonte den Gegensatz zwischen dem großen öffentlichen Interesse und der geringen Resonanz in der Fachwissenschaft. Nahezu alle einschlägig arbeitenden Fachhistoriker hätten Goldhagens Thesen und Methoden abgelehnt. Er warf Goldhagen einen monokausalen Erklärungsversuch, eine zu schmale Quellenbasis und eine unzureichende Nutzung der neueren Sekundärliteratur vor. Besonders die Darstellung der Vorgeschichte des Dritten Reiches sei ein fehlerhaftes Klischee. Goldhagen stelle die Vorkämpfer der jüdischen Emanzipation als Vorläufer der Shoah dar, während er wichtige antisemitische Vorläufer Hitlers wie Houston Stewart Chamberlain und Paul de Lagarde übergehe.

Ergebnisse und spätere Themen

Von Hitlers willige Vollstrecker wurden innerhalb weniger Wochen über 80.000 Exemplare verkauft; die Veranstaltungen der Lesetour waren stark besucht. In der Fachwelt entstand ein Konsens eher über offene Forschungsfragen als über Goldhagens konkrete Ergebnisse. Dazu gehörte die weiterhin offene Frage nach der Rolle des Antisemitismus in der deutschen Geschichte.

Anerkannt wurde die Kernaussage, dass die Täter Deutsche waren und es ohne Hitler und das Dritte Reich keine „Endlösung der Judenfrage“ gegeben hätte. Nicht durchsetzen konnten sich dagegen Goldhagens Behauptungen, ein spezifisch deutscher eliminatorischer Antisemitismus und die mörderische Gesinnung der Täter seien die wichtigsten oder allein entscheidenden Erklärungsfaktoren. Reinhard Rürup fasste die Mehrheitsposition zusammen: „Was an den Thesen des Buches richtig ist, ist nicht neu, und was neu ist, ist nicht richtig.“ Die Debatte wurde zugleich als Prüfstein der politischen Kultur Deutschlands und als Ausdruck der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus verstanden.

In späteren Veröffentlichungen beschäftigte sich Goldhagen mit der katholischen Kirche und dem Holocaust, mit Völkermord und mit globalem Antisemitismus. In Schlimmer als Krieg (2009) untersuchte er, wie Völkermord entsteht und verhindert werden kann; sein Vorschlag, Kopfgelder auf Völkermörder auszusetzen und bei ihrer Verfolgung rechtsstaatliche Grundsätze außer Acht zu lassen, stieß in Deutschland auf Widerspruch. The Devil That Never Dies (2013) behandelt den globalen Antisemitismus und dessen neue, durch das Internet verbreitete Dimension. Kritiker bemängelten dort eine dünne, stark internetbasierte Quellenbasis, Überlänge, Wiederholungen und einen teilweise advokatorischen oder sensationalistischen Stil. Am 10. März 1997 erhielt Goldhagen den Demokratiepreis der Blätter für deutsche und internationale Politik; die Laudatio hielt Jürgen Habermas.

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