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Daktylus

Da man dem Daktylus, ähnlich wie dem Trochäus, einen fallenden Rhythmus zuschreibt, wird er nach einem Vorschlag von Ivo Braak auch als Doppelfaller bezeichnet.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und metrische Form
  2. 2. Antike Versmaße
  3. 3. Entwicklung in der deutschen Dichtung
  4. 4. Messung und Deutungsprobleme
  5. 5. Daktylische Verse und Strophen im Deutschen
  6. 6. Gedichtformen und andere Sprachen

Grundbegriff und metrische Form

Der Daktylus ist in der Verslehre ein Versfuß, der aus einem langen beziehungsweise betonten Teil und zwei kurzen beziehungsweise unbetonten Teilen besteht. Seine metrische Formelnotation ist da. Das metrische Gegenteil ist der Anapäst (◡◡—).

In der quantitierenden antiken Verslehre besteht der Daktylus aus einer Länge, dem elementum longum (—), und einer Doppelkürze, dem elementum biceps (◡◡). Das Schema lautet daher —◡◡. Das elementum biceps kann in vielen Versarten entweder aus zwei kurzen Silben bestehen, also als eigentlicher Daktylus —◡◡, oder durch eine lange Silbe ersetzt werden, also als Spondeus ——. In beiden Fällen umfasst der Daktylus vier Moren, also vier Zeiteinheiten.

In der akzentuierenden Dichtung moderner Sprachen, besonders im Deutschen, wird der Daktylus meist als eine Hebung, also eine betonte Silbe, mit zwei Senkungen, also unbetonten Silben, verstanden. Weil sein Rhythmus wie beim Trochäus als fallend beschrieben wird, nannte Ivo Braak ihn auch Doppelfaller.

Antike Versmaße

In der antiken Dichtung ist der daktylische Hexameter das wichtigste daktylische Versmaß und überhaupt eines der wichtigsten Versmaße. Er gilt als der epische Vers schlechthin, besonders durch die homerischen Epen Ilias und Odyssee. Deshalb spricht man oft einfach vom Hexameter. Auch der daktylische Pentameter ist wichtig; er besteht tatsächlich nicht aus fünf, sondern wie der Hexameter aus sechs Metra und ist eine Variante des Hexameters. Hexameter und Pentameter bilden zusammen die Strophenform des elegischen Distichons.

Wichtige antike daktylische Versmaße sind der katalektische daktylische Trimeter, auch kleiner Archilochischer Vers genannt, der daktylische Tetrameter, auch Alkmanischer Vers oder Alcmanicus, der daktylische Pentameter und der daktylische Hexameter. Katalektisch bedeutet, dass ein Vers am Ende verkürzt ist.

Als berühmtes Beispiel nennt der Artikel den ersten Vers der Ilias: „Μῆνιν ἄειδε, θεά, Πηληϊάδεω Ἀχιλῆος“, übertragen als „Singe, Göttin, den Zorn des Peleussohnes Achilleus“. Aus der römischen Dichtung wird der Beginn von Vergils Aeneis angeführt: „Arma virumque cano, Troiae qui primus ab oris“, in der Übersetzung: „Waffen besing ich und ihn, der zuerst von Troias Gestaden“. Außerdem gibt es daktyloepitritische Verse, die daktylische und epitritische Füße und Kola verbinden.

Entwicklung in der deutschen Dichtung

Daktylische Verse kommen schon in der mittelalterlichen deutschen Dichtung vor. Danach erscheinen sie erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts wieder in der deutschen Lyrik, teils aus humanistischer Tradition, teils angeregt durch daktylische Verse in italienischen Chorliedern, Kantaten und Opernarien.

Für das Mittelalter gilt der sogenannte mittelhochdeutsche Daktylus nach Andreas Heusler wahrscheinlich als eigenständige deutsche Entwicklung. Eine Übernahme aus neulateinischer oder provenzalischer Lyrik wird als weniger wahrscheinlich angesehen. Die Form tritt im Minnesang des 12. Jahrhunderts auf; Hauptvertreter sind Kaiser Heinrich, Friedrich von Hausen, Heinrich von Morungen und Ulrich von Lichtenstein. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts verschwindet sie mit dem Minnesang wieder.

Begünstigt wurde die Form im Deutschen durch viele daktylische Wortfüße. Solche entstehen zum Beispiel, wenn an zweisilbige trochäische Stammwörter ein Suffix angefügt wird: aus „Schweigen“ wird „Schweigende“, aus „heiter“ „heiterer“, aus „Schwager“ „Schwägerin“. Auch durch unbetonte Funktionswörter zwischen trochäischen Wörtern oder durch ein unbetontes Präfix kann ein daktylischer Rhythmus entstehen, etwa in „Traurig der Bäcker betastet die trockene Semmel.“

In der Neuzeit passte der Daktylus zunächst schlecht zum barocken Alternationsprinzip, das vor allem Martin Opitz vertrat und das im Grunde nur jambische und trochäische Verse zuließ. August Buchner ließ ihn in seiner um 1630 entstandenen Anleitung zur deutschen Poeterey ausdrücklich zu, doch blieb der Gebrauch zunächst selten. Erst Klopstocks Versepos Der Messias, dessen erste Gesänge 1748 erschienen, machte den daktylischen Hexameter in der deutschen Dichtung populär. Der heroische Hexameter wurde danach lange zum dominierenden epischen Versmaß. Klopstock ebnete auch dem Distichon aus Hexameter und Pentameter den Weg, das nach Goethes und Schillers Xenien besonders für Epigramme und kleine Formen verwendet wurde, aber auch für elegische Texte größeren Umfangs, etwa bei Friedrich Hölderlin.

Messung und Deutungsprobleme

In der deutschen Dichtung können daktylische, anapästische und amphibrachysche Deutungen miteinander konkurrieren, besonders wenn Versmaße mit Auftakt zugelassen werden. Ein Auftakt ist eine unbetonte Silbe vor dem eigentlichen metrischen Beginn. Die Silbenfolge ◡—◡◡—◡◡—◡◡—◡ kann zum Beispiel als daktylischer Vierheber mit Auftakt, als anapästischer Vierheber mit verkürztem erstem Fuß oder als amphibrachyscher Vierheber gemessen werden.

Welche Messung sinnvoll ist, hängt vom Rhythmus ab, der durch die sprachliche Verwirklichung entsteht, also durch Sinneinheiten und Betonungen im konkreten Vers. Der Artikel nennt Verse aus Theodor Däublers Versepos Das Nordlicht, in denen einmal ein daktylischer, einmal ein anapästischer und einmal ein amphibrachyscher Rhythmus entsteht.

Wenn ein Text überwiegend eine dieser Formen nutzt, kann man ihn entsprechend messen. Da das aber oft nicht eindeutig ist, plädieren viele Metriker, darunter Wolfgang Kayser, dafür, auf die Unterscheidung daktylisch, anapästisch und amphibrachysch zu verzichten und Verse mit doppelten Binnensenkungen grundsätzlich als daktylisch zu bezeichnen. Binnensenkungen sind unbetonte Silben innerhalb des Verses.

Daktylische Verse und Strophen im Deutschen

Neben den nach antikem Vorbild gebildeten daktylischen Hexametern und Pentametern gibt es in der deutschen Dichtung der Neuzeit daktylische Verse verschiedener Länge: vom Einheber bis zum Achtheber. Ein Heber ist eine betonte Silbe beziehungsweise eine Hebung. Bis ins 20. Jahrhundert überwiegen Zweiheber und Vierheber. Anders als die meist ungereimten antiken Nachbildungen sind diese Verse sehr häufig gereimt. In längeren daktylischen Versen können gelegentlich Trochäen eingemischt sein.

Der daktylische Zweiheber hat das Grundschema —◡◡ˌ—◡◡. Er kann akatalektisch sein, also mit vollständigem zweitem Fuß, oder katalektisch, also am Ende um eine oder zwei unbetonte Silben verkürzt. Beide Formen können im selben Text nebeneinanderstehen. Als Beispiel nennt der Artikel den Chor der Engel aus Goethes Faust: „Christ ist erstanden! / Freude dem Sterblichen, / Den die verderblichen, / Schleichenden, erblichen / Mängel umwanden!“

Der daktylische Vierheber hat das Grundschema —◡◡ˌ—◡◡ˌ—◡◡ˌ—◡◡. Häufig ist der vierte Fuß um eine oder zwei Silben verkürzt; solche Schlüsse wechseln oft im Gedicht. Beispiele finden sich bei Josef Weinheber in Der Daktylus und im Drama bei Friedrich Schiller, etwa in Maria Stuart.

Daktylische Strophen sind im Deutschen seltener als jambische oder trochäische Strophen. Eine häufige Form ist nach Horst Joachim Frank der kreuzgereimte Vierzeiler aus katalektischen daktylischen Dreihebern. Er wurde fast ausschließlich im 20. Jahrhundert verwendet, etwa von Hermann Scherchen in seiner Übersetzung von Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, von Stefan George und von Gottfried Benn. Daneben gibt es umfangreichere daktylische Strophen, etwa bei Friedrich Rückert, sowie daktylische Kirchenliedstrophen wie in Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren. Daktylische Verse können auch mit anderen Metren kombiniert werden, etwa bei Schiller, wo daktylische Bewegung und trochäische Ruhe einander gegenübergestellt werden.

Gedichtformen und andere Sprachen

Abgesehen vom elegischen Distichon kennt die deutsche Dichtung keine Gedichtformen, deren Grundlage fest daktylische Verse sind. Der Limerick ist höchstens verwandt. Daktylische Verse wurden aber gelegentlich in Formen verwendet, die sonst meist andere Metren nutzen, besonders im Sonett. Andreas Gryphius schrieb im 17. Jahrhundert das Sonett Mitternacht in daktylischen Achthebern. Rainer Maria Rilkes Sonette an Orpheus enthalten im 20. Jahrhundert mehr als 20 Sonette mit daktylischen Versen; das im Artikel zitierte 26. Sonett des ersten Teils verwendet fünfhebige Daktylen, in die gelegentlich Trochäen eingemischt sind.

In der englischsprachigen Dichtung wurden daktylische Verse unter anderem von Henry Wadsworth Longfellow in Evangeline als Hexameter und von Robert Browning in The Lost Leader als Tetrameter verwendet. Sie blieben im Englischen jedoch randständig und hatten nicht die Bedeutung, die Klopstocks Hexameter und die deutsche Distichendichtung im Deutschen erreichten.

Eine eher komische Gedichtform ist der Double Dactyl, also „doppelter Daktylus“. Er wurde 1951 von Anthony Hecht und Paul Pascal erfunden. Diese Gedichte bestehen aus zwei Vierzeilern aus daktylischen Dipodien mit dem Schema —◡◡—◡◡; die letzten Verse sind gereimt und zweisilbig katalektisch, entsprechen also einem Chorjambus (—◡◡—).

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