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Anapäst
Der Fuß wird in der quantitierenden antiken Dichtung meist durch Doppelkürze, gefolgt von einer langen Silbe realisiert (◡◡—́), kann aber auch durch zwei …
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Grundform und Rhythmus
Der Anapäst ist ein Versfuß der antiken Verslehre. Sein metrisches Schema lautet ◡◡—: Auf ein Elementum biceps (zwei kurze Stellen) folgt ein Elementum longum (eine lange Stelle). In der antiken, quantitierenden Dichtung wird er meist als Doppelkürze und anschließende lange Silbe verwirklicht (◡◡—́); möglich ist aber auch eine spondeische Form aus zwei Längen (——́). Selten sind Längenspaltung (◡◡◡́◡, Prokeleusmatikos) sowie die Zusammenziehung der Doppelkürze zur Länge mit Spaltung der Länge (—◡́◡, anapästischer Daktylus). Unabhängig von der Ausführung beträgt seine Länge vier Moren.
Das metrische Gegenteil ist der Daktylus (—◡◡); der Anapäst kann daher als gespiegelter Daktylus gelten. In modernen akzentuierenden Sprachen besteht er gewöhnlich aus zwei Senkungen, also unbetonten Silben, und einer Hebung, einer betonten Silbe: x x x́. Er hat wie der Jambus einen steigenden Rhythmus und wurde nach einem Vorschlag von Ivo Braak auch Doppelsteiger genannt.
Antike Versmaße und Verwendung
In der griechischen Metrik ist die Dipodie grundlegend: Ein Metron, die Basiseinheit anapästischer Versmaße, besteht aus zwei Füßen. Wichtige Formen sind die anapästische Dipodie oder der anapästische Binar (an²), die anapästische Tripodie (an³) als Form des Prosodiakos, der anapästische Quaternar beziehungsweise Dimeter (an⁴ bzw. anᵈ), der katalektische Quaternar oder Parömiakos (an⁴ᶜ), der katalektische anapästische Trimeter (anᵗᶜ), der Septenar (an⁷) und der Oktonar beziehungsweise Tetrameter (an⁸).
Der Quaternar wurde in der römischen Komödie häufig von Plautus verwendet. Wegen seines stark ausgeprägten Takts und seines drängenden, bewegten Rhythmus kam der Anapäst schon früh in Marsch- und Schlachtliedern vor, etwa als Parömiakos und Enoplios, sowie in Prozessionsliedern, den Prosodia. Im Drama erscheint er in Parodos und Exodos, etwa bei Euripides, und besonders häufig in den Komödien des Aristophanes. Typisch ist eine Folge von Tetrapodien, die mit einem Parömiakos als Schlussvers endet.
Anapäst in der deutschen Dichtung
Wegen der Stammsilbenbetonung gibt es im Deutschen nur wenige einzelne anapästische Wörter, etwa „Zauberei“, „Direktion“ und „Harmonie“. Auch „Anapäst“ selbst ist ein Anapäst und damit autolog. Anapästische Rhythmen lassen sich dennoch leicht bilden, indem ein unbetontes Funktionswort, zum Beispiel ein Artikel, mit einem Wort kombiniert wird, dessen zweite Silbe betont ist. Als Beispiel nennt der Artikel: „Das Bedürfnis des Dichters ist reinlichster Reim.“
Der Anapäst spielt in der deutschen Dichtung erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eine kleine Rolle. Eine rhythmische Schwierigkeit ist, dass zwei Anfangssilben oft nicht beide unbetont gesprochen werden. In Schillers Ballade Der Taucher (1797) lautet ein Vers: „Und es wallet und siedet und brauset und zischt“. Sein Beginn kann zunächst trochäisch wirken; erst die Wiederholung von „und“ in der zweiten Hälfte stellt den anapästischen Rhythmus deutlich her. Ähnlich zeigen Verse aus August Wilhelm Schlegels Ion (1803) die Tendenz, wegen der natürlichen Betonung trochäisch anzusetzen.
Häufig wird deshalb der erste Fuß akephal verkürzt: Am Versanfang steht dann nur eine Senkung. Goethes Pandora (1807) zeigt sowohl die problematische Betonung der ersten zwei Verse als auch akephal beginnende Verse. Durch akephale und katalektische Formen entsteht eine Mehrdeutigkeit zwischen anapästischer und amphibrachyscher Deutung. In Paul Celans Todesfuge (1944/1945) kann etwa „wir trinken und trinken“ sowohl als akephal hyperkatalektischer anapästischer Zweiheber (◡—ˌ◡◡—ˌ◡) als auch als rein amphibrachysch (◡—◡ˌ◡—◡) gelesen werden.
Wolfgang Kayser plädierte dafür, Verse mit doppelten Binnensenkungen allgemein daktylisch zu nennen und auf die Unterscheidung zwischen daktylisch, anapästisch und amphibrachysch zu verzichten. Bei Beibehaltung der Unterscheidung gelten Verse, die mit einer Senkung beginnen und mindestens eine doppelte Binnensenkung enthalten, als anapästisch oder gemischt anapästisch; rein anapästische Verse enthalten nur doppelte Binnensenkungen. Beginnt ein Vers mit einer Hebung, wäre er dagegen daktylisch.
Englische Dichtung und Limerick
In der englischen Dichtung erscheint der Anapäst seit der Renaissance in volkstümlicher Dichtung, seit dem 18. Jahrhundert auch bei William Cowper, etwa in Verses Supposed to be Written by Alexander Selkirk (1782), und Walter Scott. Lord Byrons The Destruction of Sennacherib (1815) bietet anapästische Vierheber, beginnend mit „The Assyrian came down like a wolf on the fold“. Weitere Beispiele finden sich bei Robert Browning, William Morris und besonders Swinburne. William Butler Yeats verwendet in The Wanderings of Oisin (1889) gemischt jambisch-anapästische Verse.
In der ernsthaften englischen Lyrik bleiben anapästische Versmaße wie im Deutschen eher randständig, in der komischen Dichtung sind sie dagegen wichtig, etwa in Lewis Carrolls The Hunting of the Snark und T. S. Eliots Old Possum’s Book of Practical Cats (1939). Das bekannteste Beispiel ist der Limerick, der durch Edward Lears Book of Nonsense (1846) populär wurde. Im dort angeführten Limerick über die „Young Lady of Clare“ wird das Versmaß eingesetzt. Auch beim Limerick führen häufige Akephalie und Katalexe zu einer ambivalent anapästisch-amphibrachyschen Wirkung.