Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Metrische Notation

Dem silbenzählenden Versprinzip entsprechen Notationsformen, die eine Strophenform durch die Silbenzahl der Verse und das Reimschema wiedergibt. Zur Darstellung …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Versprinzipien
  2. 2. Antike Zeichen und ihre Entwicklung
  3. 3. Formeln für Versmaße und Strophen
  4. 4. Akzentuierende Notation
  5. 5. Heuslersche Taktnotation
  6. 6. Silbenzahl, Rhythmus und Reim

Grundidee und Versprinzipien

Metrische Notation bezeichnet die Darstellung metrischer Schemata in der Verslehre. Solche Schemata zeigen die Regelmäßigkeiten gebundener Sprache. Die verwendete Notation richtet sich danach, worauf der Rhythmus eines Verses beruht.

Beim quantitierenden Versprinzip der antiken griechischen und lateinischen Metrik werden vor allem lange und kurze Silben unterschieden. Das Zeichen — steht für Länge, das Zeichen ◡ für Kürze; in modernen Darstellungen können diese Zeichen auch Hebung und Senkung wiedergeben. Die Folge —◡◡ bezeichnet beispielsweise den Versfuß Daktylus.

Die akzentuierende Metrik, die besonders für ältere deutsche Dichtung wichtig ist, richtet sich dagegen nach betonten und unbetonten Silben. Beim silbenzählenden Versprinzip werden vor allem die Silbenzahl, die Position bestimmter Betonungen, mögliche Zäsuren, die Kadenz und das Reimschema berücksichtigt.

Antike Zeichen und ihre Entwicklung

Die Anfänge metrischer Notation hängen eng mit Lesehilfen und Interpunktion zusammen. Ein früher Beleg findet sich auf dem Nestorbecher von Ischia aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. Als Begründer der Interpunktion und metrischen Notation gilt Aristophanes von Byzanz, der im 2. Jahrhundert v. Chr. wirkte. Mit ihm werden die Betonungszeichen Akut (´) und Gravis (`) verbunden, die in der Metrik Haupt- beziehungsweise Nebenakzent markieren. Das Makron (¯) und das Breve (˘) bezeichneten Länge und Kürze; daraus entwickelten sich die heute gebräuchlichen Zeichen — und ◡.

Metrische Lesehilfen sind besonders in Papyri der Kaiserzeit, im 1. Jahrhundert v. Chr. aber auch vereinzelt, belegt. Aristophanes führte außerdem die zeilenweise Darstellung lyrischer Texte ein. Ein Paragraphos trennte Abschnitte, ein Koronis (⸎) markierte das Ende der letzten Strophe und ein Asteriskos (⁜) wies auf ein folgendes Gedicht in einem anderen Metrum hin.

Wichtige Zeichen der antiken Notation sind:

  • —: lange Silbe; sie kann in der Regel auch in zwei kurze Silben aufgelöst werden.
  • ◡: kurze Silbe; sie wird stets durch eine kurze Silbe realisiert.
  • ×: elementum anceps, also eine lange oder kurze Silbe beziehungsweise zwei kurze Silben.
  • ◠ oder ◠̣: elementum indifferens, eine lange oder kurze einzelne Silbe.
  • ◡◡: elementum biceps; meist zwei kurze Silben, gelegentlich eine lange Silbe, beziehungsweise meist eine lange Silbe, gelegentlich zwei kurze Silben.
  • ◡(◡): zwei oder eine kurze Silbe in modernen Nachbildungen antiker Metrik.
  • ○○: äolische Basis, also zwei Silben, von denen eine kurz sein kann.
  • ^: fehlendes Element am Versanfang oder -ende, also Akephalie beziehungsweise Katalexe.
  • ˌ: Trennung von Versfüßen oder Metren; alternativ sind Punkt, Komma oder | möglich.
  • | oder ‖: Zäsur oder Dihärese, also ein durch Wortende entstehender Einschnitt im Versfußinneren oder am Versfußende.
  • ¦: häufiges Wortende; ⏜: Brücke, also ein verbotenes Wortende.
  • / oder ‖: Versende; ⫽ oder ⦀: Strophenende.

Bei seltenen Zeichen ist die Verwendung nicht einheitlich. Die äolische Basis kann etwa auch mit ×× notiert werden, während für die Anaklase, die Vertauschung von Kürze und Länge beziehungsweise Länge und Kürze, ebenfalls ○○ verwendet werden kann. Meist genügen — und ◡, weil sich aus dem Zusammenhang ergibt, ob ein Versschema oder die konkrete metrische Gestalt dargestellt wird.

Formeln für Versmaße und Strophen

Die Formelnotation stellt Versmaße mit einer Abkürzung für den Versfuß und einer meist hochgestellten Anzahl dar. „da“ bedeutet Daktylus; da^6 bezeichnet einen aus sechs Daktylen bestehenden Hexameter. Ein jambischer Senar aus sechs Jamben kann als ja^6 oder 6ja geschrieben werden. Bei manchen Bezeichnungen bezieht sich die Zahl auf die Silbenzahl: alc^9 ist der alkäische Enneasyllabus.

Auch Strophen lassen sich so angeben. alc^11 / alc^11 / alc^9 / alc^10 bezeichnet die alkäische Strophe. da^6 / da^5 steht für das elegische Distichon. Ein Vierzeiler aus jambischen Fünfhebern lautet ja^5 / ja^5 / ja^5 / ja^5 oder verkürzt 4 × ja^5.

Zu den gebräuchlichen Abkürzungen gehören unter anderem ad für Adoneus, alc für alkäischen Vers, an für Anapäst, as für Asclepiadeus, da für Daktylus, ia beziehungsweise ja für Jambus, tr für Trochäus, gl für Glykoneus, sapph für Sapphicus, phal für Phaläkeus, dis für Distichon und x für eine Einzelsilbe. Zusätze kennzeichnen besondere Formen: c oder ^ bedeutet katalektisch, d Dimeter, t Trimeter, q Tetrameter, mi a minore und ma a maiore. Die Zahl kann auch eine bestimmte Variante bezeichnen, etwa gl2 für den 2. Glykoneus; eine voran- oder hochgestellte Zahl kann dagegen die Anzahl der Wiederholungen meinen.

Bei füllungsfreien Versformen älterer deutscher Sprachstufen, etwa im Mittelhochdeutschen, werden häufig nur die Zahl der Hebungen und die Kadenz angegeben, gegebenenfalls zusammen mit dem Reimschema. Im Schema des Bernertons bedeutet 4ma einen Vierheber mit männlicher Kadenz und 3wb einen Dreiheber mit weiblicher Kadenz. Die Buchstaben geben zugleich das Reimschema an; im Beispiel lautet es aab ccb dede fxf. Die Kadenz wird mit m für männlich, w für weiblich oder r für reich bezeichnet.

Akzentuierende Notation

Im Deutschen und in vergleichbaren modernen Sprachen ist nicht die Silbenlänge, sondern der Wechsel von betonten und unbetonten Silben entscheidend. Zwei betonte Silben können zwar nebeneinander stehen, doch wird meist eine stärker betont oder zwischen ihnen liegt ein deutlicher Einschnitt, der als Dihärese oder Versgrenze dargestellt wird. Folgen von mehr als zwei unbetonten Silben sind selten, weil eine längere Folge schwacher Silben einen Nebenakzent erhält.

Daher könnte eine deutsche metrische Notation grundsätzlich nur zwischen betont und unbetont sowie gegebenenfalls zwischen Haupt- und Nebenakzent unterscheiden. Im 19. Jahrhundert übernahm man jedoch zunächst die antiken Zeichen: — steht für eine betonte und ◡ für eine unbetonte Silbe.

Eine andere Schreibweise markiert betonte Silben im Text durch einen Akut-Akzent über dem Vokal. Friedrich Kauffmann, Wolfgang Kayser und andere stellten jede Silbe durch x dar; der Hauptakzent wird als x́, der Nebenakzent als x̀ geschrieben. Ulrich Pretzel vereinfachte dies weiter: X bezeichnet eine Hebung, x eine Senkung. Ein Vers mit regelmäßigem Wechsel lässt sich damit etwa als x X x X x X x X x / x X x X x X x X darstellen.

Heuslersche Taktnotation

Andreas Heuslers Notation beruht auf einem anderen Ansatz als die bloße Kennzeichnung von betonten und unbetonten Silben. Sie ist besonders in der germanistischen Mediävistik und bei der Untersuchung der mittelhochdeutschen Metrik verbreitet. Nach Heuslers Taktmetrik wird ein Vers nicht in Versfüße, sondern in Takte gegliedert, ähnlich wie ein musikalischer Takt. Jeder Takt beginnt mit einer Hebung und besitzt eine bestimmte Gesamtlänge.

Den taktfüllenden Silben werden Notenwerte zugeordnet. Eine normale Silbe entspricht einer Mora beziehungsweise einer Viertelnote und wird mit x dargestellt. Der Hauptakzent steht als x́, der Nebenakzent als x̀. Senkungen am Versanfang bilden den Versauftakt. Die letzten beiden Takte bilden die Kadenz, der übrige Teil das Versinnere.

Die Notenwerte reichen in der Darstellung von vier Vierteln (└───┘) über drei Viertel (└──╴), zwei Viertel (──), Dreiachtel (x.), Viertel (x), Achtel (◡) und Sechzehntel (◠). ○ bezeichnet eine unbestimmte Silbe, ^ ein pausiertes Viertel. | markiert eine Taktgrenze, ‖ das Versende; . | und .. | stehen für einen ein- beziehungsweise zweisilbigen Auftakt.

Goethes Vers „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten […]“ wird im bewegten Zweivierteltakt nach Heusler so wiedergegeben: x | x́ x | x́ x | x́ x | x̀ x | x́ x ‖.

Silbenzahl, Rhythmus und Reim

Ein silbenzählendes Versschema bestimmt einen Vers durch die Zahl seiner Silben, obligatorische Betonungspositionen, eine mögliche Zäsur, die männliche oder weibliche Kadenz und die Art, wie die Verse im Reim miteinander verbunden sind. x́ bezeichnet eine obligatorisch betonte, x eine unbetonte oder frei realisierbare Silbe.

Bei einem achtsilbigen Vers mit regelmäßiger Alternation sind beispielsweise zwei Realisierungen möglich: xx́xx́xx́xx́ als steigender und x́xx́xx́xx́x als fallender Rhythmus. Häufig legt das Versmaß die vollständige Rhythmisierung jedoch nicht fest. Der Endecasillabo a minore verlangt bei elf Silben nur Betonungen auf der 4. und 10. Silbe: xxxx́xxxxxx́x. Außerdem wird eine Zäsur nach der ersten obligatorischen Betonung gefordert. Möglich sind unter anderem eine rein jambische Folge (◡—◡—◡ ‖ —◡—◡—◡), eine daktylische (—◡◡—◡◡ ‖ —◡◡—◡) oder eine daktylisch-trochäische Rhythmisierung (—◡◡—◡ ‖ —◡—◡—◡). Der Wechsel solcher Rhythmisierungen erzeugt einen abwechslungsreicheren Sprachrhythmus als reine Alternation.

Das Reimschema wird mit Kleinbuchstaben notiert; reimende Verse erhalten denselben Buchstaben. Ein kreuzgereimter Vierzeiler lautet [abab], ein häufiges Sonettschema [abba abba cdc dcd]. Nichtreimende Verse werden meist mit x, gelegentlich mit w für „Waise“ bezeichnet. w kann jedoch mit w für weibliche Kadenz verwechselt werden. Ein jambischer Vierzeiler mit abwechselnd 8 und 9 Silben lässt sich vollständig als 8ma / 9wb / 8ma / 9wb notieren. Ist der jambische Rhythmus bekannt, genügt 8a / 9b / 8a / 9b; soll nur der Reim angegeben werden, verwendet man [abab].

Weiterlesen

Silbe Beispielsweise erlaubt das Deutsche in unbetonten Silben auch „klingende“ (sonore) Konsonanten wie Nasale oder Liquiden, etwa in Laden in der Aussprache … Versfuß Im metrischen Schema erscheint er als eine Folge von Verselementen, im konkreten Vers als eine Folge von Silben, die je nach Versprinzip der jeweiligen Sprache … Daktylus Da man dem Daktylus, ähnlich wie dem Trochäus, einen fallenden Rhythmus zuschreibt, wird er nach einem Vorschlag von Ivo Braak auch als Doppelfaller bezeichnet. Akut Der Akut [aˈkuːt] [1] ist ein diakritisches Zeichen (ein Akzentzeichen), Akzente Akut, Gravis und Zirkumflex. Im Schwedischen kommt der Akut nur in franzö … Gravis (Typografie) Der Gravis [ˈɡʀaːvɪs] französisch accent grave; englisch grave [accent]), kritisches Zeichen, genauer ein Akzent zur Kennzeichnung einer besonderen Aussprache, … Jambus Nach Gottfried August Bürger ist der Jambus „das einzige, wahre, echte, natürliche, heroische Metrum unserer Sprache“, ein kerndeutscher Versfuß also … Punkt (Satzzeichen) Punkt (Satzzeichen) ; Gedankenstrich; Bis-Strich · Anführungszeichen „ “ » « / « » ‚ ' › ‹ / ‹ ›. Schrägstrich; Backslash / \ ; –. Anführungszeichen „ “ » « / « » Komma Kommata oder auch Kommas) bzw. der Beistrich (österreichisches Hochdeutsch) wird als Satzzeichen und Trennzeichen verwendet. In Österreich heißt das … Anapäst Der Fuß wird in der quantitierenden antiken Dichtung meist durch Doppelkürze, gefolgt von einer langen Silbe realisiert (◡◡—́), kann aber auch durch zwei … Takt (Musik) Der Takt (die Taktart) eines Stückes beschreibt in der Regel ein Muster gleicher Grundschläge und Zählzeiten, wodurch die grundlegende zeitliche Struktur des … Notenwert Ein Notenwert ist die Darstellung der Tondauer einer Note in der Notenschrift. Die Ableitung der absoluten Dauer eines Tons kann nur in Verbindung mit einer … Reim Alliteration ist dagegen ein seit jeher und bis heute häufig gebrauchtes sprachliches Schmuckmittel, allerdings kann es nur im weitesten Sinne als Reim …