Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Beatmusik
Beat (von englisch to beat ‚schlagen') ist ein von Anfang der 1960er bis um 1970 gebräuchlicher Begriff für auf Gitarrenspiel basierenden Pop-Rock von Beatbands …
Inhalt4 Abschnitte
Begriff, Merkmale und Verbreitung
Beatmusik oder Beat bezeichnete von Anfang der 1960er Jahre bis etwa 1970 einen Pop-Rock-Stil, der auf Gitarrenspiel basiert und von Beatbands gespielt wurde. Musikalische Vorbilder waren der amerikanische Rock ’n’ Roll und der britische Skiffle. Typisch war eine Bandbesetzung mit zwei bis drei E-Gitarren, E-Bass, Schlagzeug und häufig einer elektronischen Orgel. Die Beatles entwickelten den Stil mit und machten ihn besonders bekannt.
Die ersten Gruppen entstanden in England, vor allem in London und Liverpool. Weil der River Mersey in Liverpool in die Irische See mündet, heißt dieser Stil auch Merseybeat. Im Unterschied zum Rock ’n’ Roll wurde im 4/4-Takt der erste Beat betont und geschlagen. Dadurch entstand eine andere, gleichförmigere und homogenere Rhythmusfolge. Zum Erscheinungsbild gehörten feine Anzüge und vergleichsweise langes Haar in Pilzkopfform.
Beatmusik wurde rasch bei Jugendlichen beliebt. Konzerte, BBC-Liveübertragungen sowie die weltweite Ausstrahlung über BBC und den Soldatensender BFBS verbreiteten sie weit. Radio Luxemburg griff Beat als einer der ersten nicht-britischen europäischen Sender auf. Viele Erwachsene verbanden den Begriff dagegen mit Rebellion, langen Haaren und großer Lautstärke.
Beat in der Bundesrepublik
In der Bundesrepublik lud Radio Bremen britische Musikgruppen ins Fernsehen ein und gründete 1965 den Beat-Club, der zunächst noch in Schwarzweiß ausgestrahlt wurde. Die Moderatorin Uschi Nerke präsentierte dort von 1965 bis 1972 Musik.
In Großstädten entstanden eigene Beatgruppen, etwa The Lords in Berlin sowie The Rattles, The German Bonds und Cisco and his Dynamites in Hamburg. Auch Drafi Deutscher stand dem Beat nahe. Gelegentlich wurden Jugendgottesdienste mit Beatmusik-Charakter als Beatmesse gefeiert. Der Fotoband Beat in Liverpool von Juergen Seuss erschien 1965, wurde als „Schönstes Buch“ ausgezeichnet und stellte die junge Subkultur wohlwollend dar.
Beat in der DDR
Nach einer zweiten Welle der Entstalinisierung durch KPdSU-Generalsekretär Chruschtschow im Oktober 1961 lockerte die SED-Führung zeitweise Regeln gegenüber Jugendlichen, besonders bei westlichen Tänzen. Ein Politbürobeschluss von 1963 erklärte, welchen Takt die Jugend beim Tanzen wähle, bleibe ihr überlassen, „Hauptsache, sie bleibt taktvoll!“ FDJ-Vorsitzender Horst Schumann setzte sich öffentlich für den zuvor verpönten Twist ein. Beim Deutschlandtreffen der Jugend im Mai 1964 kamen neben einer halben Million DDR-Jugendlichen 25.000 Teilnehmende aus der Bundesrepublik und West-Berlin. Das beliebte Jugendprogramm des Berliner Rundfunks erhielt als DT64 einen festen Sendeplatz.
Auch in der DDR entstanden viele Beatgruppen, darunter die Sputniks, die Butlers und das Franke Echo Quintett. Billboard berichtete Anfang 1966 von einer offiziellen Zählung mit 4257 Gruppen. Nach Chruschtschows Sturz am 14. Oktober 1964 endete die entspanntere Phase jedoch schnell: Die DDR-Regierung verbot Beatmusik. Dies führte am 31. Oktober 1965 zur Leipziger Beatdemo.
Das SED-Regime agitierte in den staatsgelenkten und zensierten Medien gegen „Rowdytum“, „Gammler“, „Langhaarige“, „Verwahrloste“ und „Herumlungernde“. Die FDJ unterstützte Aktionen, bei denen Schülern durch Klassenkameraden die Haare abgeschnitten wurden. Erich Honecker wandte sich bei DT64 gegen Beatmusik und gegen Wolf Biermanns „zynischen Verse“; gegen Biermann wurde ein Auftrittsverbot verhängt. Anfang 1966 erklärte ein Sprecher des Kulturministeriums, für Auftritte gelte eine Erlaubnispflicht, auch für amerikanische Beatgruppen. Gruppen mit geschnittenen Haaren und ordentlicher Kleidung seien willkommen; ein Teil ihrer Gage werde sogar in westlicher Währung gezahlt. Daraus entstand der Spruch: „Der Beat ist tot, es lebe Herbert Roth.“
Internationale Entwicklung und Übergang zum Rock
Piratenradio spielte für die Verbreitung eine Rolle: Schiffe sendeten von außerhalb der Hoheitsgewässer aus Beat mit Werbung, etwa Radio Veronica, Radio Caroline und Radio Nordzee. Sie erreichten Publikum in den Beneluxländern und in Westdeutschland bis ins Ruhrgebiet. Hilversum 3 wurde gegründet, um ihnen Konkurrenz zu machen.
Zu den bekannten britischen Beatbands gehörten unter anderem The Beatles, The Rolling Stones, The Who, The Animals, The Kinks und The Searchers; aus den USA kamen etwa The Byrds, The Monkees, The Turtles und The Beach Boys. Auch Australien, Frankreich, Schweden und die Schweiz brachten Beatbands hervor; die Sauterelles wurden als „Swiss-Beatles“ bekannt. Der große Erfolg britischer Gruppen in den USA nach zwei Beatles-Auftritten in der Ed Sullivan Show im Februar 1964 heißt British Invasion.
Der frühe Beat der ersten Hälfte der 1960er Jahre war stark melodiös und oft durch Harmoniegesang nach dem Vorbild der frühen Beatles geprägt. Um 1964/65 kamen härtere Elemente hinzu, beispielsweise in You Really Got Me und All Day And All Of The Night von The Kinks sowie My Generation von The Who. Um 1965/66 wirkten Blues und Folk stärker ein. Ab 1967 entwickelten viele Bands nach dem Beatles-Album Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band den Stil technisch und kompositorisch weiter: Orchester- und Elektronikelemente führten zum Psychedelic Rock. Ende der 1960er Jahre ging Beat zunehmend in Rockmusik über; auch der Begriff Rock ersetzte weitgehend Beat. Elemente tauchten später im Britpop der frühen 1990er Jahre bei Oasis und Blur sowie in einer Retrowelle zu Beginn des 21. Jahrhunderts bei The Libertines, The White Stripes und The Hives wieder auf.