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Corine Pelluchon
Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Moralphilosophie, politische Philosophie und angewandte Ethik. Corine Pelluchon, 2013 …
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Person und Forschungsschwerpunkte
Corine Pelluchon, geboren am 2. November 1967 in Barbezieux-Saint-Hilaire, ist eine französische Philosophin, Autorin und Professorin für Philosophie an der Universität Paris-Est-Marne-la-Vallée. Sie beschäftigt sich vor allem mit Moralphilosophie, politischer Philosophie und angewandter Ethik. Besondere Schwerpunkte sind Bioethik und medizinische Ethik, Tierfragen, politische Ökologie und Umweltethik.
2003 promovierte Pelluchon an der Universität Panthéon-Sorbonne mit der Dissertation „La critique des Lumières modernes chez Leo Strauss“ über Leo Strauss’ Kritik an der modernen Aufklärung. Ihr Doktorvater war Rémi Brague. Ihre Habilitation von 2010 behandelte Bioethik, Ökologie und politische Philosophie sowie eine Erweiterung der Philosophie des Subjekts. Nach einer Professur an der Universität Franche-Comté wurde sie 2016 an die Universität Paris-Est-Marne-la-Vallée berufen. Dort gehört sie dem interdisziplinären Labor für das Studium der Politik Hannah Arendts an.
2009 lud die französische Nationalversammlung sie zur parlamentarischen Beratung über die Überarbeitung der Bioethikgesetze ein. Von 2017 bis 2020 war sie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Nicolas-Hulot-Stiftung für die Natur und den Menschen. Außerdem war sie Fellow der Hamburger Denkfabrik The New Institute, die sich mit ökonomischer, ökologischer und demokratischer Transformation befasst.
Grundgedanken ihrer Philosophie
Pelluchons Philosophie verbindet Fragen des menschlichen Lebens mit sozialer Gerechtigkeit, Demokratie, Tierwohl und Umweltschutz. Zu ihren Schlüsselideen gehören die Ethik der Verletzlichkeit, Körperlichkeit und Abhängigkeit, Demut, Wertschätzung, Hoffnung sowie eine Erneuerung der Aufklärung und der Demokratie. „Verletzlichkeit“ oder „Vulnerabilität“ bezeichnet dabei die körperliche Abhängigkeit, Endlichkeit und Verwundbarkeit des Menschen.
Ihre Existenzphilosophie stützt sich besonders auf Emmanuel Levinas; außerdem hat sie sich intensiv mit Leo Strauss beschäftigt. Sie möchte den Gegensatz zwischen Natur und Kultur überwinden. Der Mensch soll nicht als unabhängiges, isoliertes Subjekt verstanden werden, sondern als körperliches und auf andere Wesen angewiesenes Lebewesen. Alles, was Menschen zum Leben benötigen, ist für Pelluchon mehr als eine bloße Ressource: Es ist Nahrung. Der Körper und die Abhängigkeit von der Umwelt prägen deshalb auch menschliches Handeln.
Ihr Konzept „Zoopolis“ fordert, nicht-menschliche Lebewesen in den Gesellschaftsvertrag einzubeziehen. Ihre Ethik der Wertschätzung soll Menschen zu verantwortlichem moralischem Handeln befähigen, ohne in starren Moralismus zu münden.
In „Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärung“ von 2021 verteidigt Pelluchon die traditionellen Ziele der Aufklärung, insbesondere Vernunft und Gerechtigkeit, verlangt aber zugleich, universelle Rechte auf andere Lebewesen auszudehnen. Grundlage dieser neuen Aufklärung ist Empathie. Sie soll helfen, Herrschaftsverhältnisse zwischen Mensch und Natur zu überwinden und eine ökologische Revolution zu ermöglichen.
Hoffnung ist für Pelluchon eine Tugend und klar von Optimismus zu unterscheiden: Sie entsteht aus der Verzweiflung und ist kein naiver Glaube daran, dass alles gut ausgehen werde.
Transzendenz und gemeinsame Welt
Pelluchon überträgt den Begriff der Transzendenz auf die moderne Philosophie. „Transzendenz“ meint hier ein Überschreiten der begrenzten Perspektive des einzelnen Menschen. Sie kritisiert einen modernen Rationalismus, der vollständig mit Offenbarung bricht und dadurch eine technisierte Auffassung des Daseins begünstigt. Verantwortung für andere reicht ihrer Auffassung nach über die Grenzen reiner Vernunft hinaus.
Sie unterscheidet zwei Arten des Transzendenzdenkens. „Trans-Aszendenz“ bezeichnet die Erhebung zu etwas Übernatürlichem, beispielsweise zu Gott. „Trans-Deszendenz“ richtet den Blick dagegen in die Tiefe der menschlichen Existenz: Der Mensch erkennt sich als körperliches, verletzliches und sterbliches Wesen.
Diese innere Erkenntnis führt zugleich zu einem stärkeren Bewusstsein dafür, dass Menschen einer gemeinsamen Welt angehören, die älter und größer als das einzelne Selbst ist und den individuellen Tod überdauern kann. Wer sich mit anderen Lebewesen tief verbunden fühlt, verliert das Verlangen, über sie zu herrschen. Rücksichtnahme entsteht, wenn Menschen verstehen, dass Leben sowohl ein Leben „mit“ als auch „für“ andere bedeutet. Die gemeinsame Welt umfasst die Gesamtheit der Generationen und Lebewesen; sie bildet eine „Transzendenz in der Immanenz“, also eine Überschreitung des einzelnen Selbst innerhalb der erfahrbaren Welt.
Philosophisches Gesamtprojekt und zentrale Werke
Pelluchons Arbeiten bilden ein zusammenhängendes Projekt einer „Philosophie der Körperlichkeit“. Der erste Teil untersucht die Fragilität und die dauernde Angewiesenheit des Lebens, ausgedrückt als „vivre de …“ („von etwas leben“). Damit betont Pelluchon auch die Passivität des Menschen: Menschen können ihre Lebensbedingungen nicht vollständig selbst herstellen oder beherrschen. Dieser Teil wird vor allem in „L’Autonomie brisée. Bioéthique et philosophie“ (2009) und „Éléments pour une éthique de la vulnérabilité. Les hommes, les animaux, la nature“ (2011) entwickelt.
Der zweite Teil hebt die Fähigkeiten des Menschen und die mit der Existenz verbundene Freude hervor. Er wird in „Les Nourritures. Philosophie du corps politique“ (2015; deutsch 2020: „Wovon wir leben. Eine Philosophie der Ernährung und der Umwelt“) und „Éthique de la considération“ (2018; deutsch 2019: „Ethik der Wertschätzung. Tugenden für eine ungewisse Welt“) entfaltet.
Insgesamt entsteht daraus eine neue philosophische Anthropologie, also eine Lehre vom Menschen, welche Körperlichkeit und Beziehungen in den Mittelpunkt stellt. Das Subjekt lebt „mit“ und „für“ andere. Dadurch lässt sich Individualität denken, ohne den Menschen als vollständig isoliertes Einzelwesen aufzufassen. Das Gemeinwesen soll ein säkularer Staat sein, der auf Freiheit und der gleichen Würde jedes Einzelnen beruht.
„Das Zeitalter des Lebendigen“ (2021) kann als vorläufiger Abschluss und Zusammenfassung dieses Projekts gelten. Weitere zentrale Themen erscheinen im „Manifest für die Tiere“ (deutsch 2020), in „Verbessern wir die Welt. Die Sorge für Mensch, Tier und Natur“ (deutsch 2023), in „Die Durchquerung des Unmöglichen. Hoffnung in Zeiten der Klimakatastrophe“ (deutsch 2023), in „L’être et la mer. Pour un existentialisme écologique“ (2024) und in „Die Macht des Weiblichen. Ideen zu einer Demokratie ohne Herrschaft“ (deutsch 2026). Bücher über Emmanuel Levinas (2020) und Paul Ricœur (2022) würdigen zwei wichtige Inspirationsquellen ihres Denkens.
Auszeichnungen
Pelluchon erhielt mehrere Preise für Arbeiten, die philosophische Grundfragen mit aktuellen gesellschaftlichen und ökologischen Problemen verbinden. 2006 wurde ihr Buch über Leo Strauss mit dem François-Furet-Preis ausgezeichnet. Für „Éléments pour une éthique de la vulnérabilité“ erhielt sie 2012 den Moron-Preis. „Les Nourritures“ wurde 2015 mit dem Edouard-Bonnefous-Preis und 2016 mit dem Paris-Lüttich-Preis geehrt.
2020 erhielt sie den Günther-Anders-Preis für kritisches Denken. Gewürdigt wurde ihre Gegenwartsdiagnostik, die Wege zu einer ökologischen Zivilisation aufzeigt, ohne die Errungenschaften der Aufklärung aufzugeben. 2021 wurde sie Ritter der französischen Ehrenlegion. 2025 folgten der Dr.-Leopold-Lucas-Preis für ihre Beiträge zur politischen Philosophie, besonders zu Tierwohl, Klimakrise und pluralistischer Demokratie, sowie die Medaille der französischen Marineakademie für „Das Sein und das Meer. Für einen ökologischen Existentialismus“.