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Compagnie de Saint-Gobain

Geschichte · Entstehung des Unternehmens im Zeitalter des Merkantilismus · Wachstum zu einem europäischen Großunternehmen · Im deutsch-französischen Spannungsfeld …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Aufbau
  2. 2. Gründung und Aufstieg der Glasproduktion
  3. 3. Europäische Expansion und Kriegszeiten
  4. 4. Technische Neuerungen und neue Werkstoffe
  5. 5. Mischkonzern, Übernahmen und Forschung

Überblick und Aufbau

Die Compagnie de Saint-Gobain ist ein börsennotierter französischer Industriekonzern in der Rechtsform einer Société anonyme. Er wurde 1665 gegründet, hat seinen Sitz in Courbevoie in La Défense und zählt zu den ältesten Unternehmen der Welt. CEO und Chairman ist Benoît Bazin. Zum 31. Dezember 2025 beschäftigte der Konzern ungefähr 162.000 Menschen und erzielte 2025 einen Umsatz von 46,5 Milliarden Euro.

Saint-Gobain ist in 75 Ländern vertreten. Bedeutend ist die Gruppe besonders bei Flachglas, Baustoffen, Industriekeramik, Hochleistungskunststoffen und im Baustoffhandel; bei einzelnen Produkten ist sie Weltmarktführer oder europäischer Marktführer. Die Aktivitäten gliedern sich in die drei Hauptsparten Innovative Werkstoffe, Bauprodukte und Baufachhandel.

Die Muttergesellschaft konsolidiert rund 1.200 Einzelgesellschaften. Der Konzern ist als Matrixorganisation organisiert: Unterhalb der Generaldirektion bestehen Generaldelegationen und Hauptsparten. Für Deutschland, Österreich und die Benelux-Länder ist die Generaldelegation für Mitteleuropa mit Sitz in Aachen zuständig. Sie ist keine eigene Gesellschaft, sondern eine Zweigniederlassung der französischen Muttergesellschaft.

Gründung und Aufstieg der Glasproduktion

Unter König Ludwig XIV. gründete Jean-Baptiste Colbert in Paris die Manufacture Royale des glaces de Miroirs, eine königliche Spiegelglas-Manufaktur. Sie war Teil des Merkantilismus, einer zentral gelenkten Wirtschaftspolitik: Waren wurden nach festen Vorgaben arbeitsteilig hergestellt. Für die Gründung wurden 20 Glasmacher aus Murano angeworben, das zuvor über ein mehr als zweihundertjähriges Monopol auf Kristallspiegel verfügt hatte. Der erste Großauftrag war Glas für den Spiegelsaal des Schlosses Versailles.

1688 erhielt die Gesellschaft ein staatliches Monopol für Flachglas ab 60 Zoll × 40 Zoll, also ab 1,56 m × 1,04 m. 1692 verlagerte sie die Produktion nach Saint-Gobain in der Picardie. Nach dem Verlust des Monopols geriet sie zunächst in Schwierigkeiten, gewann aber durch ein neues Verfahren erneut eine führende Stellung. Louis Lucas de Nehou entwickelte ab 1688 das Tischwalzverfahren: Glasschmelze wird auf ebene Tische gegossen, mit schweren Walzen geglättet und mit Sand geschliffen. Es ermöglichte besseres, größeres und mengenmäßig mehr Flachglas als das zuvor verbreitete Antikglas-Verfahren. Etwa ab 1691 war es marktreif und blieb im Grundsatz bis ins 19. Jahrhundert Standard.

Mit der Französischen Revolution endeten die staatlichen Privilegien: Am 4. August 1789 schaffte die Nationalversammlung das Privilegiensystem ab. Der code de commerce von 1807 führte Gesellschaftsrecht auf Grundlage von Gewerbefreiheit und Konkurrenz ein.

Europäische Expansion und Kriegszeiten

Um 1840 teilten Saint-Gobain und die Manufacture royale des cristaux et de verres en table den europäischen Flachglasmarkt ungefähr je zur Hälfte. Wegen wachsender Konkurrenz, besonders aus Großbritannien und Belgien, fusionierten sie 1858. Saint-Gobain wurde dadurch zum dominierenden europäischen Flachglasproduzenten und führte den Namen Société Anonyme des Manufactures des Glaces et Produits Chimiques de Saint-Gobain, Chauny & Cirey.

Die Strategie bestand lange darin, auf Glas und eng verbundene Bereiche konzentriert zu bleiben und Marktführerschaft durch Übernahmen, geografische Ausweitung und Modernisierung zu sichern. In Deutschland entstanden beziehungsweise übernahm der Konzern Betriebe in Waldhof bei Mannheim und Stolberg-Münsterbusch; 1866 entstand in Stolberg die erste Gussglashalle Deutschlands. Um 1872 entfielen rund 40 % der Gesamtproduktion auf die Fabriken Waldhof und Stolberg. Weitere Standorte entstanden unter anderem in Pisa (1888), Bilin (1897), Franière (1898), Sas van Gent (1904) und Arija. In den USA war Saint-Gobain seit 1831 durch eine Verkaufsniederlassung in New York präsent.

Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/1871 ließ Produktion und Verkauf fast vollständig stocken; Exporte über Antwerpen verhinderten jedoch den Zusammenbruch. Im Ersten Weltkrieg wurde das deutsche Vermögen als Feindvermögen zwangsverwaltet. Mehrere Betriebe und Beteiligungen wurden verkauft, während Stolberg weiterlief; dort fiel die Produktion bis 1918 wegen Kohle- und Arbeitskräftemangels auf etwa ein Fünftel des Vorkriegsniveaus. Von 1919 bis 1921 erhielt Saint-Gobain die verkauften Betriebe aufgrund des Versailler Vertrags zurück.

In der Weimarer Republik wurde 1919/1920 ein deutsches Zentralbüro eingerichtet, das 1924 von Stolberg nach Aachen zog. Inflation und weitere Krisen verzögerten die Erholung; erst nach rund zehn Jahren wurde wieder das Produktionsniveau von 1913 erreicht. 1931 beteiligte sich Saint-Gobain an einem Produktionskartell, 1936 entstanden die Vereinigten Glaswerke Aachen. Nach der Niederlage Frankreichs 1940 wurde die deutsche Beteiligung erneut zwangsverwaltet. Am 29. Juli 1942 brachte die Stolberger VEGLA 68 männliche Zwangsarbeiter in einem Lager auf dem Betriebsgelände unter. 1944 und 1945 brach der Geschäftsbetrieb zusammen.

Technische Neuerungen und neue Werkstoffe

Ab 1910 setzte sich das Bicheroux-Verfahren durch. Dabei fließt geschmolzenes Glas direkt aus dem Ofen auf eine schiefe Ebene und wird zwischen zwei Walzen im Endlosverfahren geglättet. Das Verfahren wurde zwischen 1910 und 1914 in Herzogenrath perfektioniert und im Ersten Weltkrieg in Stolberg eingeführt. In den 1920er und 1930er Jahren steigerten Ziehglas-Verfahren wie Fourcault-, Libby-Owens- und Pittsburgh-Verfahren die Produktivität weiter: Flüssiges Glas wird dabei mit einem Rahmen aus der Schmelze gezogen. Unternehmen ohne diese Verfahren konnten bei den Kosten oft nicht mithalten; von 1925 bis 1936 gingen in der deutschen Tafelglasindustrie mehr als die Hälfte der ursprünglich rund 16.000 Arbeitsplätze verloren.

Saint-Gobain brachte 1927 das Sicherheitsglas Securit heraus. 1929/1930 folgte Einscheiben-Sicherheitsglas, das weiterhin Standardsicherheitsglas im Automobilbau ist; bei Frontscheiben wurde es inzwischen durch Verbund-Sicherheitsglas ersetzt. Der Konzern erwarb von 1931 bis 1935 Rechte und Beteiligungen für Glaswolle, einen Dämmstoff, und 1936 Rechte für Glasfaser. Die Glasfaserproduktion begann 1938 in Herzogenrath und diente zunächst als Isoliermaterial im U-Boot-Bau. 1952 übernahm Saint-Gobain die Aachener Spezialglasfabrik Kinon, heute Vetrotech Saint-Gobain Kinon GmbH. 1966 nahm in Porz die erste deutsche Floatglas-Anlage den Betrieb auf; nach diesem Verfahren werden inzwischen rund 95 % des gesamten Flachglases hergestellt.

Mischkonzern, Übernahmen und Forschung

Seit 1970 wandelte sich Saint-Gobain vom vor allem auf Glas ausgerichteten Unternehmen zu einem internationalen Mischkonzern. Den Ausgangspunkt bildete 1970 die Fusion mit dem Eisenindustrieunternehmen Société Pont-à-Mousson. 1971–1972 erwarb Saint-Gobain 89 % der Grünzweig+Hartmann AG, die mit Patenten und der Marke ISOVER im Dämmstoffbereich stark war. 1981 verstaatlichte die Regierung unter François Mitterrand den Konzern; nach dem Wahlsieg der Gaullisten 1986 wurde er reprivatisiert. Ab 1991 expandierte die Gruppe auch nach Osteuropa.

Wichtige Zukäufe waren der amerikanische Norton-Konzern (1990), die Mehrheit an der Oberland Glas AG (1991), die Poliet-Gruppe für Baustoffe und Baufachhandel (1996), der Schalker Verein (1999) und 2000 Raab Karcher, damals die größte Akquisition der Unternehmensgeschichte. Zugleich wurden einzelne Bereiche wieder verkauft. In den 1990er Jahren wurden 50 % der zehn Jahre zuvor ausgeübten Tätigkeiten veräußert; 60 % der Umsätze bis 1998 stammten aus Neuerwerbungen der vorherigen zehn Jahre.

2005 übernahm Saint-Gobain BPB plc, den Weltmarktführer bei Gipskartonplatten und Mutter von Rigips, für 5,7 Milliarden Euro. 2007 folgte Maxit für 2,13 Milliarden Euro. Wegen illegaler Preisabsprachen in einem internationalen Glaskartell verhängte die EU im November 2007 ein Bußgeld von 134 Millionen Euro und im November 2008 ein weiteres von 900 Millionen Euro. Die Verpackungssparte Verallia wurde 2015 verkauft. Die Aktie schied am 24. September 2018 aus dem Euro Stoxx 50 aus und wurde am 18. September 2023 wieder aufgenommen. 2025 wurde die Schließung eines Werks in Herzogenrath angekündigt; als Gründe wurden hohe Energiekosten und schlechte Absatzzahlen der Autoindustrie genannt.

Für Forschung und Entwicklung verfügt Saint-Gobain über acht interdisziplinäre F&E-Zentren in Frankreich, Deutschland, den Vereinigten Staaten, China, Indien und Brasilien. Hinzu kommen zwölf Fachforschungszentren und rund 100 Entwicklungsabteilungen.

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