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Cluster (Wirtschaft)

Cluster (Wirtschaft). geographische Konzentration von Unternehmen des gleichen Wirtschaftszweigs. Artikel · Diskussion.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Funktionsweise
  2. 2. Begriffe, Theorie und Kritik
  3. 3. Entstehung und Wandel historischer Cluster
  4. 4. Wichtige Branchenbeispiele
  5. 5. Clusterpolitik und Förderung
  6. 6. Vernetzung und Risiken

Grundidee und Funktionsweise

Ein Cluster ist in der Wirtschaft ein regional nahes Netzwerk von Produzenten, Zulieferern, Forschungseinrichtungen wie Hochschulen, Dienstleistern, Handwerkern und Institutionen wie Handelskammern. Die Mitglieder sind durch Lieferbeziehungen, Wettbewerb oder gemeinsame Interessen verbunden. Häufig gehören sie zu derselben Wertschöpfungskette, zum Beispiel der Automobilproduktion, oder sie ballen sich an einem Ort, weil dort günstige Standortfaktoren bestehen.

Von einem Cluster spricht man erst, wenn eine „kritische“ Anzahl von Unternehmen und Organisationen räumlich nahe beieinander liegt und ihre Tätigkeiten sich ergänzen oder miteinander verwandt sind. Dann kann ein Wachstumspol entstehen: Zulieferer und spezialisierte Dienstleister werden angezogen, die Arbeitsteilung verbessert sich, und alle Beteiligten können Wettbewerbsvorteile gewinnen.

Wichtige Vorteile entstehen durch gemeinsame Interessen, etwa an gut ausgebildetem lokalem Personal, durch Spezialisierung auf Kernkompetenzen und durch positive externe Effekte. Externe Effekte sind Wirkungen, die Unternehmen gegenseitig nutzen, ohne dass sie direkt eingekauft werden müssen. Besonders wichtig ist implizites Wissen, also schwer schriftlich festzuhaltendes Erfahrungswissen. Es verbreitet sich über persönliche Kontakte, Arbeitsplatzwechsel und das soziale Kapital eines Clusters. Dadurch können Innovationen entstehen. Nachteile sind möglich, etwa durch Abwerbung von Fachkräften oder zu große Transparenz gegenüber Konkurrenten.

Cluster liegen in ihrer Koordination zwischen Markt und Hierarchie: Die Akteure bleiben eigenständig, handeln aber durch Nähe, Vertrauen und gemeinsame Strukturen schneller zusammen. Clusterinitiativen unterstützen Networking, Informationsplattformen, Projektpartnersuche, Fördermittel, Beratung, Fortbildungen, Fachveranstaltungen, Studienreisen, Messeauftritte und den Zugang zu neuen Märkten.

Begriffe, Theorie und Kritik

Verwandt mit dem Clusterbegriff ist das „kreative Milieu“. Damit ist ein raumgebundener Zusammenhang gemeint, der nach außen für Technologie- und Marktentwicklungen offen ist und nach innen Know-how, Regeln, Normen, Werte und soziale Beziehungen integriert. Die GREMI-Gruppe („Groupe de Recherche Européen sur les Milieux Innovateurs“) untersucht seit 1984, warum Regionen unterschiedlich innovativ sind. Voraussetzungen gelten räumliche Nähe, gemeinsame Wertvorstellungen und Vertrauen.

Die moderne Clustertheorie wurde besonders von Michael E. Porter geprägt. Er erklärte Cluster aus betriebswirtschaftlicher Sicht als Ergebnis ähnlicher komparativer Standortvorteile mehrerer Unternehmen einer Region. Diese Vorteile können auf globalen Märkten Wettbewerbsfähigkeit schaffen. Porter unterscheidet Faktorbedingungen, Nachfragebedingungen, unterstützende und verwandte Branchen sowie Strategie und Wettbewerb. Paul Krugman ergänzte die Theorie durch Transaktionskosten und unterschied zwischen zentripetalen Faktoren, die Konzentration fördern, und zentrifugalen Faktoren, die Unternehmen auseinanderziehen, etwa hohe Bodenpreise oder sinkende Transport- und Kommunikationskosten.

Der Clusterbegriff bleibt unscharf und kann sehr unterschiedliche Unternehmensansammlungen bezeichnen. Kritisiert wird, dass Politik oft zu viel Machbarkeit unterstellt und Clusterförderung technokratisch betreibt. Nutzen ziehen nach Kritikern häufig nur wenige „picking winners“, besonders große Unternehmen. Weitere Risiken sind Überspezialisierung, kognitive Lock-ins durch groupthink, institutionelle Lock-ins durch Subventionen und bestehende Infrastruktur, steigende Arbeits-, Lebenshaltungs- und Umweltkosten sowie geringe empirische Belege für erfolgreiche staatliche Clusterförderung.

Globalisierung und digitale Kommunikation schwächen die Bedeutung rein regionaler Produktionscluster. Wertschöpfungsketten sind heute oft räumlich stark verteilt, wie das Beispiel iPhone zeigt: Der größte Teil der Wertschöpfung entfällt auf Entwicklung, Design, Marketing und Management. Künftig könnten Produktionscluster teilweise durch virtuelle Wissenscluster ersetzt werden.

Entstehung und Wandel historischer Cluster

Viele Cluster entstanden historisch durch Ressourcen, Residenzen, Hochschulen, Häfen oder Leitunternehmen. Frühe Beispiele waren Luxuswarencluster an fürstlichen Residenzen des 17. und 18. Jahrhunderts, etwa Kunsthandwerk in Weimar, oder rohstoffnahe Cluster wie die eisenverarbeitende Zone zwischen Leoben und Steyr seit 1600 und das über 200 Jahre alte Portweincluster in Porto.

In Deutschland entstanden unter anderem montanindustrielle Cluster im Ruhrgebiet und Saarland, Ansiedlungen von Gerätebau, Feinmechanik und Optik rund um die Universität Göttingen, Textil- und Textilmaschinencluster in Württemberg, Werkzeugmaschinenbau und Automobilindustrie in Baden-Württemberg, die Autozulieferindustrie im Bergischen Land und das mitteldeutsche Chemiedreieck. In der Schweiz ist die Uhrenindustrie im Kanton Jura ein Beispiel.

Cluster verändern sich mit Technik und Märkten. Aus dem Montancluster des Ruhrgebiets entstand seit etwa 1870 ein spezialisiertes Bergbau-Zuliefercluster mit Bereichen wie Schachtbau, Pumpen, Kompressoren, Rohrleitungsbau, Hydraulik sowie Lokomotiv- und Waggonbau. Mit der Schrumpfung des Bergbaus seit den 1980er Jahren gerieten viele kleine Betriebe in die Krise, während Gießereien stärker in die Autozulieferung einbezogen wurden.

Auch moderne Cluster brauchen oft lange Vorläufe. Am oberen Zürichsee entwickelte sich seit dem frühen 19. Jahrhundert Know-how für Wasserturbinen, später Elektrotechnik und Präzisionsmessgeräte. Daraus gingen Unternehmen wie Mettler-Toledo und Tecan hervor. In den USA gelten Detroit als Automobilcluster und Silicon Valley als High-Tech-Cluster. Hochschulen, Technologieparks, Großhäfen und Luftverkehrszentren können ebenfalls Kristallisationspunkte sein. Man unterscheidet Cluster mit einem fokalen Unternehmen, etwa Flughafen Rhein-Main, und multilokale Cluster mit mehreren Zentren, etwa IT-Cluster Rhein-Main-Neckar.

Wichtige Branchenbeispiele

In Deutschland gibt es nach Angaben von Acatech etwa 500 regionale Cluster-Initiativen und -Netzwerke. Beispiele zeigen, dass Cluster sehr verschiedene Branchen betreffen können.

In der Biotechnologie ist Basel rund um Novartis eines der größten Life-Science-Cluster; es erbringt etwa 18 % des schweizerischen Bruttoinlandsprodukts und wuchs 2000 bis 2010 durchschnittlich um 9 bis 10 % pro Jahr. Weitere Biotech-Standorte sind Cambridge, Genf, Südkalifornien, Toronto, Medicon Valley am Öresund, Boston, Martinsried bei München, Mitteldeutschland sowie die Region Heidelberg, Mannheim, Ludwigshafen und Darmstadt.

In der Medizintechnik gibt es seit 2010 das Medical Valley EMN e. V. in der Europäischen Metropolregion Nürnberg mit etwa 250 Mitgliedern. Tuttlingen entwickelte sich seit 1867 zu einem bedeutenden Medizintechnikcluster mit mehr als 400 überwiegend kleinen und mittelständischen Unternehmen, rund 8000 Mitarbeitenden und etwa 65 % Exportanteil.

Weitere Beispiele sind Maschinen- und Anlagenbaucluster im Bergischen Land, in Ostwestfalen-Lippe, Sachsen-Anhalt, Karlsruhe und Augsburg; Luft- und Raumfahrtcluster in Oberbayern, Stuttgart/Backnang, Bremen und Hamburg; sowie Automobilcluster in Stuttgart, Karlsruhe, der Region Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg, im Bergischen Land und in Sachsen. Die deutsche Automobilindustrie erzielte 368 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigte 775.000 Personen ohne Zulieferer. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung stieg von 1995 bis 2015 von 2,8 auf 4,0 Prozent.

Auch Software, Finanzwirtschaft, Consulting, Kreativwirtschaft, Umwelttechnik, Mode, Landwirtschaft, Forst- und Holzwirtschaft, Sensorik, Kunststoffindustrie sowie optische und feinmechanische Industrie bilden Cluster. Beispiele sind das IT-Cluster Rhein-Main-Neckar mit SAP und Software AG, Finanzcluster in London, New York, Frankfurt, Zürich und Singapur, die Digital Media City in Seoul, das Weinbaucluster Napa Valley und das Optikcluster Jena.

Clusterpolitik und Förderung

Clusterpolitik ist ein Teil der Wirtschafts- und Regionalförderung. Sie soll Ansiedlungen, Innovationen und Kooperationen fördern. Dazu wird häufig die regionale Wertschöpfungskette untersucht, ein Potenzial abgeschätzt und ein Clustermanagement eingerichtet. Dieses kann als Verein organisiert sein oder bei Kammern und Wirtschaftsförderungen liegen. Beteiligt sind Politik, Verwaltung, Forschung, Bildung und Wirtschaft.

Instrumente der Clusterpolitik sind unter anderem Unternehmensansiedlung, Konzentration oder Diversifizierung von Branchen, Sonderwirtschaftszonen, Forschungs- und Entwicklungsförderung, Aufbau von Hochschulen und Technologiezentren, grenzüberschreitende Kooperation, Informationsaustausch, Messeauftritte, Mitarbeiterqualifizierung und Öffentlichkeitsarbeit. Länder wie China, Singapur und Malaysia versuchen mit großen Ressourcen neue Kompetenzzentren aufzubauen und ausländisches Know-how einzubinden. Dabei besteht das Risiko, dass Ausbildung, Infrastruktur und Wohnqualität nicht mitwachsen.

In Deutschland wurde 1996 Innovationsförderung durch Vernetzung ausdrücklich in die Förderpolitik aufgenommen. Das erste entsprechend geförderte Clusterprogramm war 1995 die BioRegio-Initiative mit 25 regionalen Schwerpunkten. Es folgten Programme wie InnoRegio, Lernende Regionen, Unternehmen Region, NEMO, InnoProfile, BioIndustrie 2021, der Spitzencluster-Wettbewerb, ZIM-Nemo und go-cluster. Fast alle Bundesländer entwickelten eigene Programme.

In Österreich gilt die Clusterpolitik als wenig koordiniert, besonders zwischen Bund und Ländern. Oberösterreich und die Steiermark gelten jedoch als wichtige Kompetenzregionen. Frankreich baut auf dem Plateau de Saclay ein Forschungs- und Technologiecluster auf. Die EU förderte Clusterpolitik unter anderem über EUREKA, Europe INNOVA, PRO INNO und PRO INNO II. In China entstehen arbeitsintensive Riesencluster und High-Tech-Konzentrationen, etwa in Shenzhen mit 2.500 IT-Unternehmen auf knapp 2.000 Quadratkilometern.

Vernetzung und Risiken

Cluster können untereinander vernetzt sein. Logistik, IT, Finanzwirtschaft und Consulting dienen oft als Interaktionsplattformen für andere Cluster und können deren Wachstum beschleunigen. Gleichzeitig kann eine starke Konzentration von Finanzwirtschaft und Consulting Arbeitskräfte und Standorte aus anderen Branchen abziehen. Synergien entstehen also nicht automatisch.

Grenzüberschreitende Cluster sind zum Beispiel Biovalley am mittleren Oberrhein mit Chemie-, Biotechnik- und Pharmaunternehmen im Dreiländereck Deutschland, Frankreich und Schweiz, das Technologie-Dreieck Eindhoven-Leuven-Aachen oder ein Agro-Business-Cluster im deutsch-niederländischen Grenzgebiet. Im Dreiländereck Slowakei, Tschechien und Polen produzieren VW, KIA, PSA Peugeot Citroën, Hyundai und Fiat; die EU fördert dort die Vernetzung.

Virtuelle Cluster sind vor allem im Hochtechnologiebereich erfolgreich. Wenn Logistikkosten im Verhältnis zur Wertschöpfung wenig wichtig sind, können Flugverbindungen und Internet stabile Kooperationen ermöglichen.

Einseitige Clusterförderung kann gefährlich sein. Die Slowakei exportiert 99 % ihrer Automobilproduktion; 2008 war der Automobilsektor mit 74.000 Angestellten für rund ein Viertel des slowakischen Bruttoinlandsprodukts verantwortlich. In der Krise 2008–2009 gingen Produktion und Exporte stark zurück. Solche Klumpenrisiken können auch Deutschland und Mitteleuropa treffen, besonders durch Probleme der deutschen Automobilindustrie seit 2018.

Als Gegenmittel gilt Cross-Cluster-Politik: Verschiedene Cluster sollen vernetzt und gemeinsame Kommunikationskanäle geschaffen werden. Dennoch lockern sich regionale Beziehungen oft, wenn Cluster global stärker werden. Nachhaltige Cluster brauchen ausreichende Interaktionsdichte, passenden räumlichen Abstand und Rahmenbedingungen wie Ausbildung, Zulieferer, Logistik und Energieversorgung, die mit dem Wachstum Schritt halten.

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