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Herbert Spencer

Herbert Spencer (* 27. April 1820 in Derby; † 8. Dezember 1903 in Brighton) war ein einflussreicher Polyhistor und Systemphilosoph, der die seinerzeit …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Leben und Werdegang
  3. 3. Politische Ideen
  4. 4. System der synthetischen Philosophie
  5. 5. Essays und wissenschaftliche Themen
  6. 6. Wirkung und spätere Bewertung

Grundidee und Bedeutung

Herbert Spencer (27. April 1820 in Derby; 8. Dezember 1903 in Brighton) war ein englischer Polyhistor und Systemphilosoph. Er machte die Idee der Entwicklung zum Grundprinzip, mit dem er viele wissenschaftliche Bereiche erklären wollte: Biologie, Psychologie, Soziologie, Ethik und politische Theorie. Zu seiner Zeit galt er als einer der bedeutendsten englischen Philosophen. Er prägte oder verbreitete wichtige Begriffe, etwa Evolution in der Biologie, Intelligenz in der Psychologie und Institution in der Soziologie.

Spencers Hauptanliegen war ein umfassendes System der Wissenschaften. Er wollte zeigen, dass komplexe Formen aus einfachen Anfängen entstehen: Lebewesen aus einfachen Lebensformen, Bewusstsein aus einfachen Reflexen, Gesellschaften aus der Verbindung kleiner Gruppen zu größeren Ordnungen. Später wurde er in den einzelnen akademischen Disziplinen aber weniger als Klassiker anerkannt und seit dem 20. Jahrhundert häufig mit Sozialdarwinismus verbunden, was seine Rezeption stark belastete.

Leben und Werdegang

Spencer stammte aus einer Lehrerfamilie im protestantisch-nonkonformistischen Milieu. Dieses Umfeld betonte eigenverantwortliche Lebensführung, soziale Verantwortung und Distanz zu bloßer kirchlicher Autorität. Er kam mit der damals üblichen Methode des Auswendiglernens schlecht zurecht und wurde unter anderem von seinem Onkel Thomas Spencer im Heimunterricht unterrichtet. Sein Vater George Spencer vertrat pädagogische Ideen Johann Pestalozzis und entwickelte ein bekanntes Geometrielehrbuch.

Spencer studierte nie, legte keine Prüfungen ab und blieb zeitlebens Autodidakt. In Derby kam er früh mit naturwissenschaftlichen Debatten, technischen Erfindungen und aufklärerischen Ideen in Berührung. Mit 17 Jahren arbeitete er kurz als Hilfslehrer, danach als Assistent des Eisenbahningenieurs Charles Fox. Seine Ingenieurtätigkeit umfasste Vermessung, Zeichnen, Berechnungen, Brückenbau und Lokomotivtests. Er erfand unter anderem ein „Velocimeter“ zur Berechnung der Geschwindigkeit von Lokomotiven.

Ab den 1840er Jahren verlagerte Spencer seinen Schwerpunkt auf das Schreiben. Er verfasste technische, politische und wissenschaftliche Artikel. Von 1848 bis 1853 arbeitete er in London als Redakteur der wirtschaftsliberalen Zeitschrift The Economist. Dort bewegte er sich im Umfeld von John Chapman, John Stuart Mill, Thomas Henry Huxley, George Henry Lewes und Mary Ann Evans, bekannt als George Eliot. 1850 erschien sein erstes Buch Social Statics. Nach einer Erbschaft gab er 1853 seine Stelle auf und lebte als Privatgelehrter. Nach den 1855 erschienenen Prinzipien der Psychologie erlitt er nach eigener Darstellung einen schweren Nervenzusammenbruch und blieb danach dauerhaft gesundheitlich eingeschränkt.

1858 entwarf Spencer den Plan für ein philosophisches System, an dem er ab 1860 insgesamt 36 Jahre fast ausschließlich arbeitete. Finanziert wurde die Arbeit weitgehend durch Subskription; zu den knapp 500 Abonnenten gehörten auch Charles Darwin und John Stuart Mill. Spencer lebte sparsam, hatte aber einen privaten Sekretär und war Mitglied im wissenschaftlichen Umfeld des X-Clubs. Später engagierte er sich gegen Militarismus und Kolonialismus, gründete 1881 eine Anti-Aggression-League, lehnte 1884 eine Kandidatur für das House of Commons ab und verbrachte seine letzten Jahre ab 1898 in Brighton.

Politische Ideen

Spencer vertrat einen radikalen Liberalismus. Schon in seinen Briefen über The Proper Sphere of Government forderte er einen schlanken Staat. Staatliche Eingriffe in Wirtschaft, Armenfürsorge, Bildung und Kirche sollten nach seiner Ansicht möglichst gering sein. Statt äußerem Zwang setzte er auf moralische Eigenverantwortung, private Wohltätigkeit und die Verinnerlichung gemeinsamer Werte.

Zentral ist sein Law of Equal Freedom, abgekürzt LEF, das „Gesetz gleicher Freiheit“. Es besagt: Ein Mensch hat jede Freiheit, solange er nicht in die Freiheit eines anderen eingreift. Gerechtigkeit bedeutet bei Spencer also vor allem Rücksicht auf die gleiche Freiheit anderer. Daraus leitete er Skepsis gegenüber staatlicher Herrschaft ab. Politische Institutionen sah er historisch stark aus militärischen Erfordernissen entstanden und daher oft als Herrschaftsinstrumente.

Spencer setzte sich zugleich für Grundrechte von Kindern und die rechtliche Gleichstellung von Frauen ein. Er verteidigte materielles und geistiges Eigentum, sprach sich aber zunächst entschieden gegen Grundbesitz aus, was er später relativierte. Gesellschaftlichen Fortschritt verstand er als Übergang vom „militärischen“ Gesellschaftstypus zu einer „industriellen“ Gesellschaftsordnung. In dieser sollten Gewalt, Eroberung und Unterdrückung durch Markt, Demokratie, wissenschaftliche Debatte, fairen Wettbewerb und gegenseitige Rücksicht ersetzt werden.

Im Alter wurde Spencer zunehmend pazifistisch und antikolonial. Er kritisierte die aggressive britische Kolonialpolitik und warnte 1892 Japan vor imperialistischer Einmischung und abrupter Modernisierung. Ein vertraulicher Brief enthält in diesem Zusammenhang auch die Empfehlung, Mischehen zwischen unterschiedlichen „Rassen“ zu verbieten; der Artikel betont, dass das Wort „Rasse“ damals häufig auch für Stamm, Volk, Nation, Ethnie, Kultur oder Gesellschaft verwendet wurde. Insgesamt hatte Spencer sonst gegen rechtliche Ungleichbehandlung nach Leistung, Geschlecht, Herkunft oder anderen Kategorien argumentiert.

System der synthetischen Philosophie

Spencers Hauptwerk ist das zehnbändige System der synthetischen Philosophie. Darin machte er Entwicklung zum allgemeinen Prinzip wissenschaftlicher Erklärung. Komplexe Erscheinungen sollten auf einfache Anfänge zurückgeführt werden: Leben auf Einzeller, Bewusstsein auf Reflexreaktionen, Hochkulturen auf die Integration kleinerer Gemeinschaften.

Im ersten Band First Principles entwickelte Spencer einen allgemeinen Begriff von Evolution. Seine Definition lautet: „Entwicklung ist Integration des Stoffes und damit verbundene Zerstreuung der Bewegung, während welcher der Stoff aus einer unbestimmten, unzusammenhängenden Gleichartigkeit in bestimmte, zusammenhängende Ungleichartigkeit übergeht, und während welcher die zurückgehaltene Bewegung eine entsprechende Umformung erfährt.“ Wichtige Gegensatzpaare sind Integration und Differenzierung, Funktion und Struktur sowie Evolution und Dissolution, also Entwicklung und Auflösung.

Die weiteren Bände behandeln Biologie, Psychologie, Soziologie und Ethik. In den Prinzipien der Biologie beschreibt Spencer Leben als auf Kohlenstoffverbindungen sowie Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Schwefel beruhend. Leben zeichnet sich unter anderem durch Abgrenzung nach außen, Wachstum, strukturelle Entwicklung, Fortpflanzung und Reizbarkeit aus. Spencer warnte vor einer übertriebenen Gleichsetzung von Ontogenese, der Entwicklung des einzelnen Organismus, und Phylogenese, der Stammesentwicklung.

In den Prinzipien der Psychologie erklärte Spencer die Psyche als Aggregat von Reizempfindungen. Durch assoziative Verknüpfungen zwischen Gefühlen und Vorstellungen sollten etwa Gedächtnisleistungen möglich werden. In den Prinzipien der Soziologie beschrieb er Gesellschaft als gewachsenes System von Institutionen und nannte sie einen „sozialen Organismus“. Institutionen wie Religion, Politik, Wirtschaft und Familie sollten sich funktional ergänzen, damit gesellschaftliche Stabilität entstehen kann.

Die Prinzipien der Ethik bilden den Abschluss des Systems. Spencer verband darin biologische, psychologische und soziologische Gesichtspunkte zu einer Theorie des Handelns. Er versuchte, philosophische und religiöse Ethiken über ihre Vorstellungen von Glück miteinander zu vergleichen. Am Ende führte er seine Theorie der Gerechtigkeit fort: Einschränkungen persönlicher Freiheit sind nur legitim, wenn sie dem Schutz der Freiheiten anderer dienen.

Essays und wissenschaftliche Themen

Neben seinem Hauptwerk schrieb Spencer viele Essays zu Wissenschaft, Politik, Erziehung, Gesellschaft und Kultur. Viele dieser Texte verbinden unterschiedliche Themen mit der Leitidee der Entwicklung. In The Development Hypothesis von 1852 griff er die Frage auf, wie komplexe Formen entstehen. In anderen Essays übertrug er Entwicklungsideen auf Wissenschaft, Musik, Erziehung, Manieren, Mode, Astronomie und Physiologie.

Seine Entwicklungsidee entstand nicht nur aus seinem politischen Liberalismus, sondern auch aus zeitgenössischen Debatten in Geologie, Physiologie, Embryologie, Astronomie und Geschichtsphilosophie. Genannt werden im Artikel unter anderem Charles Lyell, Henri Milne-Edwards, Karl Ernst von Baer, William Benjamin Carpenter, Pierre-Simon Laplace, G. W. F. Hegel und Auguste Comte. Besonders einflussreich war Robert Chambers’ Buch Vestiges of the Natural History of Creation von 1844, das Parallelen zwischen der Entstehung des Sonnensystems und der Entwicklung des Lebens zog.

Spencer schrieb auch über Erziehung. In mehreren Essays analysierte er die moralische, kognitive und körperliche Entwicklung des Kindes und leitete daraus Erziehungsregeln ab. In Manners and Fashion erklärte er, dass Zeichen wie Tätowierungen oder Nasenringe, die ursprünglich Sklavenmale gewesen seien, sich im Laufe der Zeit zu Symbolen von Identität oder zu Schmuck wandeln könnten. In astronomischen Essays wie The Nebular Hypothesis und The Constitution of the Sun wandte er sich gegen die damals verbreitete Annahme, die Sonne sei ein schwarzer Festkörper.

Wirkung und spätere Bewertung

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war Spencer außerordentlich bekannt. Seine Werke wurden ins Italienische, Französische, Deutsche, Russische, Japanische und Chinesische übersetzt und millionenfach verkauft. Sein Ruhm erreichte zwischen 1870 und 1890 einen Höhepunkt. 1882 wurde seine Reise in die Vereinigten Staaten zu einem Medienereignis, obwohl er öffentliche Auftritte weitgehend mied.

Spencer beeinflusste Schriftsteller und Wissenschaftler. Der Artikel nennt unter anderem Lew Tolstoi, Rudyard Kipling, Jack London, Thomas Mann und George Eliot. Auch Wissenschaftler wie John Hughlings Jackson, William James, Iwan Pawlow und Emile Durkheim erhielten Anregungen durch ihn, distanzierten sich aber teilweise später deutlich von ihm. Nach 1900 wurde Spencer immer weniger gelesen. Mit der akademischen Etablierung von Psychologie und Soziologie setzten sich diese Fächer von ihm ab; in keinem der von seinem Werk berührten Fächer erhielt er den Status eines Klassikers.

In der Biologie verlor Spencer besonders durch die Debatte mit August Weismann an Ansehen. Spencer verteidigte den Lamarckismus, also die Vorstellung, erworbene Eigenschaften könnten vererbt werden. Weismann zeigte experimentell, dass Ratten auch nach mehreren Generationen abgeschnittener Schwänze keine verkürzten Schwänze vererbten. Dadurch galt Spencer vielen als wissenschaftlich überholt.

Trotzdem blieben wichtige Begriffe und Problemstellungen wirksam. Spencer prägte zentrale Begriffspaare wie Differenzierung und Integration sowie Struktur und Funktion. Diese wurden in Sozialwissenschaften und Systemtheorien später anders verwendet und neu kombiniert, etwa bei Talcott Parsons. Auch die Frage, wie gesellschaftliche Differenzierung Integrationsprobleme erzeugt, kann als Erbe Spencers gelten. In den Prinzipien der Biologie prägte Spencer außerdem zur Beschreibung von Darwins Evolutionstheorie die Formel Survival of the Fittest, deutsch „Überleben der Angepassten“, weil ihm der Ausdruck natürliche Selektion zu aktiv klang.

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