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Clara Viebig

Clara Viebig (* 17. Juli 1860 in Trier; † 31. Juli 1952 in Berlin (West)) war eine deutsche Erzählerin, Dramatikerin und Feuilletonistin des Naturalismus.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und literarisches Profil
  2. 2. Lebensweg und literarische Entwicklung
  3. 3. Anfänge und Eifelwerke
  4. 4. Östliche Provinzen, Berlin und historische Stoffe
  5. 5. Dramatische Werke und Nachwirkung

Bedeutung und literarisches Profil

Clara Viebig (* 17. Juli 1860 in Trier; † 31. Juli 1952 in Berlin (West)) war eine deutsche Erzählerin, Dramatikerin und Feuilletonistin. Sie zählt zu den bedeutenden Vertreterinnen des deutschen Naturalismus und war um 1900 eine der meistgelesenen deutschsprachigen Autorinnen. Bis zu ihrem 80. Geburtstag erreichten ihre Werke eine Gesamtauflage von 750.000 Exemplaren.

Ihr umfangreiches Werk umfasst Romane, Novellen, Feuilletonartikel, Theaterstücke, Libretti, Reiseskizzen, Rezensionen, autobiografische Schriften und Briefe. Als Naturalismus bezeichnet man eine literarische Richtung, die Menschen und gesellschaftliche Verhältnisse möglichst genau und wirklichkeitsnah darstellt. Viebigs Figuren werden häufig von ihrer natürlichen Umgebung, ihrer Vererbung und ihrem sozialen Milieu, also ihren Lebens- und Gesellschaftsbedingungen, geprägt. Zugleich spielt bei manchen Figuren tiefe Frömmigkeit eine wichtige Rolle.

Kennzeichnend sind bedrückende Milieuschilderungen, gesellschaftskritische Themen und ein großes psychologisches Einfühlungsvermögen. Die wörtliche Rede ist oft umgangssprachlich, dialektal gefärbt oder einem bestimmten Soziolekt angepasst. Ein Soziolekt ist die typische Sprache einer gesellschaftlichen Gruppe. Dadurch macht Viebig Herkunft und Stellung ihrer Figuren hörbar. Ihre Darstellung strebt nach nüchterner Genauigkeit, bleibt aber gesellschaftlich engagiert: Sie kritisierte unter anderem den Militarismus des Kaiserreichs, die preußische Junkerkaste, die rheinische Bourgeoisie und den katholischen Klerus.

Die Schauplätze kannte sie meist aus eigener Anschauung. Besonders wichtig waren die Eifel, Düsseldorf und das Rheinland, die Provinz Posen sowie Berlin. Ihre Eifelwerke werden teilweise der Heimatkunst zugerechnet, doch ihr Gesamtwerk reicht deutlich über regionale Heimatliteratur hinaus.

Lebensweg und literarische Entwicklung

Viebig wuchs zunächst in Trier auf. 1868 zog die Familie nach Düsseldorf, nachdem ihr Vater Ernst Viebig zum Stellvertreter des Regierungspräsidenten Friedrich von Kühlwetter befördert worden war. 1876 lebte Clara vorübergehend wieder in Trier bei der Familie eines Landgerichtsrats. Auf dessen Dienstfahrten lernte sie die Menschen und Lebensverhältnisse der Eifel kennen. Diese Erfahrungen wurden später zu einer wichtigen Grundlage ihres Schreibens.

Nach dem Tod ihres Vaters zog sie 1883 mit ihrer Mutter nach Berlin. Dort studierte sie Gesang an der Hochschule für Musik und gab Privatstunden. Weitere Stoffe gewann sie während dreizehnjähriger Ferienaufenthalte bei Verwandten auf Gütern in der Provinz Posen.

Entscheidend für ihr literarisches Selbstverständnis war Émile Zolas Roman Germinal. Zolas schonungslose, kraftvolle Wirklichkeitsdarstellung wurde für sie zum Vorbild; deshalb nannte man sie auch die „deutsche Zolaide“. Von Guy de Maupassant lernte sie nach eigener Aussage, sprachlich wählerisch zu sein.

Anfangs veröffentlichte sie unter dem Namen „C. Viebig“, weil Autorinnen im männlich geprägten Literaturbetrieb des Kaiserreichs mit Vorurteilen rechnen mussten. 1895 kam sie durch Theodor Fontane mit dem Verlag von dessen Sohn Friedrich Fontane in Verbindung. Dort lernte sie den jüdischen Verleger Friedrich Theodor Cohn kennen, den sie 1896 heiratete. Fast alle ihre späteren Werke erschienen bei F. Fontane & Co. Der gemeinsame Sohn Ernst Viebig (1897–1959) wurde Komponist und Dirigent.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs schrieb Viebig zunächst patriotische Artikel. Nachdem ihr Sohn sich zum Heer gemeldet hatte, wich ihre Begeisterung jedoch rasch einer skeptischen Haltung. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs veröffentlichte sie fast jedes Jahr einen Roman oder Erzählband. Zwischen 1898 und 1933 unternahm sie zahlreiche Vortragsreisen, unter anderem nach Paris, Wien, Sankt Petersburg und New York City. Ihre Werke wurden in viele europäische Sprachen übersetzt.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 musste ihr Mann wegen seiner jüdischen Herkunft seine Verlagsanteile abgeben; dadurch wurden auch Viebigs Publikationsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Nach seinem Tod 1936 trat sie der Reichsschrifttumskammer bei und konnte drei ältere Romane neu auflegen. Während des Zweiten Weltkriegs floh sie vor den Berliner Luftangriffen nach Mittelwalde in Schlesien. 1946 kehrte sie krank und verarmt nach Berlin-Zehlendorf zurück. Sie starb 1952 im Alter von 92 Jahren und wurde in der Ehrengrabstätte ihres Vaters auf dem Nordfriedhof Düsseldorf beigesetzt.

Anfänge und Eifelwerke

Viebigs erste Veröffentlichungen waren Märchen in der Tradition Andersens, Skizzen und Novelletten. Diese kürzeren Texte dienten teilweise als Vorstufen ihrer Romane. Nach der Lektüre Zolas schrieb sie die Novelle Die Schuldige. Darin tötet eine junge unverheiratete Mutter den Vater ihres Kindes, nachdem er ihr ankündigt, ihr das Kind wegzunehmen. Zunächst fand sich kein Verlag; 1896 wurde der Text in die Sammlung Kinder der Eifel aufgenommen und später vielfach aufgelegt.

Ihr erster Roman Wildfeuer erschien 1896 als Fortsetzungsroman in der Berliner Volkszeitung. Im Posener Land werden zwei junge Frauen von ihren Vätern zu Ehen gedrängt. Eine entzieht sich durch Selbstmord, die andere fügt sich aus Pflichtgefühl. Bereits hier zeigen sich typische Merkmale ihres späteren Schreibens: eine sorgfältige Spannungsführung, glaubhafte Figuren und Naturschilderungen, die mit den Stimmungen der Menschen verbunden sind.

Den großen Durchbruch brachte 1900 Das Weiberdorf. Schauplatz ist das fiktive „Eifelschmitt“, dessen Vorbild Eisenschmitt war. Weil die Männer den größten Teil des Jahres im Ruhrgebiet arbeiten, müssen die Frauen das Dorf und die Landwirtschaft allein erhalten. Die zeitweilige Heimkehr der Männer wird zum ausgelassenen Höhepunkt des Jahres. Der Vorabdruck löste eine überregionale Kontroverse aus: Bewohner der Eifel fühlten sich durch die harte Darstellung verletzt, und die Kirche kritisierte die freizügige Schilderung menschlicher Leidenschaften. Die Behauptung, der Roman habe auf dem katholischen Index Librorum Prohibitorum gestanden, ist jedoch unzutreffend.

Viebigs Eifelromane und -erzählungen machten eine damals als rückständig geltende Region, die sogar „Rheinisches Sibirien“ genannt wurde, zu einer bedeutenden Literaturlandschaft. Weitere wichtige Werke mit Bezügen zur Eifel oder zum Rheinland sind Kinder der Eifel (1897), Die Wacht am Rhein (1902), Vom Müller Hannes (1903), Das Kreuz im Venn (1908) und Unter dem Freiheitsbaum (1922).

Östliche Provinzen, Berlin und historische Stoffe

Viebig schrieb nicht nur über die Eifel. Das schlafende Heer (1904) spielt im Osten des Deutschen Reichs und behandelt den Kampf zwischen Deutschen und Polen um die Vorherrschaft in der Provinz Posen. Die Darstellung enthält Untertöne, die für den Wilhelminismus typisch waren. Am Schluss kündigt der polnische Schäfer Dudek nach dem Selbstmord des Herrn von Deutschau das Erwachen Polens an. Viebig betrachtete den Roman als östliches Gegenstück zu ihren Eifelgeschichten und zu Die Wacht am Rhein (1902): Während Preußen und Rheinländer in Düsseldorf nach und nach zusammenfinden, scheitert eine solche Einigung in Polen.

Ihre Berliner Romane und Novellen schildern die Entwicklung der Großstadt vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Weimarer Republik. Im Mittelpunkt stehen Industrialisierung, Landflucht, rasches Stadtwachstum und soziale Not. Besonders wichtig sind die neuen Möglichkeiten von Frauen, außerhalb traditioneller Bindungen selbstbestimmt zu leben, aber auch die Gefahren ihrer unsicheren sozialen Lage. Ein typisches Beispiel sind die Dienstmädchen Mine und Bertha: Berlin erscheint ihnen zunächst verheißungsvoll, tatsächlich bleiben ihnen vor allem harte Arbeit, Abhängigkeit und ständiges Dienen. Zu den Berliner Werken gehören unter anderem Das tägliche Brot (1900), Die vor den Toren (1910) und Menschen und Straßen (1923).

Ab 1921 griff Viebig häufiger historische Stoffe auf und verband sie mit Fragen ihrer eigenen Zeit. Unter dem Freiheitsbaum (1922) behandelt den Schinderhannes und die Folgen der Französischen Revolution. Es folgten Charlotte von Weiß (1929), Prinzen, Prälaten und Sansculotten (1931) und ihr letztes Werk Der Vielgeliebte und die Vielgehasste (1935), das Wilhelmine Enke und Friedrich Wilhelm II. von Preußen gewidmet ist.

Dramatische Werke und Nachwirkung

Viebig bearbeitete mehrere Romane und Novellen für die Bühne. Barbara Holtzer (1897) beruht auf Die Schuldige, Pittchen (1909) greift Motive aus Das Weiberdorf auf, und der vierteilige Dramenzyklus Der Kampf um den Mann (1905) basiert auf verschiedenen Novellen. Die Aufführungen hatten nur mäßigen Erfolg.

Für ihren Sohn Ernst schuf sie außerdem Operntexte. Sie bearbeitete René Morax’ Schauspiel Quatembernacht zum Libretto Nacht der Seelen; die Oper wurde 1922 im Stadttheater Aachen uraufgeführt. Aus ihrem Roman Absolvo te entstand das Libretto Die Môra, das 1925 im Stadttheater Düsseldorf aufgeführt wurde.

Bereits in den 1920er Jahren verlor Viebig einen Teil ihrer Leserschaft an neue populäre Autorinnen und an Vertreterinnen der Neuen Sachlichkeit. Nach 1945 rückten ihre Stoffe und ihr Stil gegenüber neueren literarischen Richtungen wie der Trümmerliteratur weiter in den Hintergrund. Dennoch erschienen sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland Neuauflagen, besonders ihrer Berlin- und Eifelwerke. Seit den 1990er Jahren nahm das Interesse erneut zu.

Die 1992 in Bad Bertrich gegründete Clara-Viebig-Gesellschaft erforscht ihr Leben und Werk, sammelt Sekundärliteratur und arbeitet an einer Briefdatenbank. Sie unterhält außerdem einen Clara-Viebig-Pavillon. Im Vorbild des „Weiberdorfs“, Eisenschmitt, wurde 2005 ein Clara-Viebig-Zentrum mit einer Dauerausstellung ihrer Werke und Briefe eingerichtet. Straßen und Schulen tragen ihren Namen, unter anderem in Düsseldorf, Trier, Dresden, Manderfeld und Wittlich.

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