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Chinesischer Volksglaube
In der breiten Bevölkerung – vor allem auf dem Land – besteht die Vorstellung, es existiere eine unsichtbare Sphäre der Gottheiten oder Geister (shén, 神), die …
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Kernidee und Einordnung
Der chinesische Volksglaube (chinesisch 中國民間信仰 / 中国民间信仰), auch chinesische Volksreligion oder Shenismus genannt, ist ein Gemisch aus teils religiösen und teils nicht-religiösen Praktiken in von Chinesen bewohnten Gebieten. Er besitzt keine eigene Theologie, keinen Klerus und keine feste Organisation. Viele Riten werden im Familienverband gefeiert; häufig übernimmt der Familienvater mit der Großfamilie Handlungen wie Hochzeitsriten oder Neujahrsriten.
Im Zentrum steht die Vorstellung einer unsichtbaren Sphäre von Gottheiten oder Geistern, auf Chinesisch shén (神), die unterschiedlich mächtig sind. Der Volksglaube ist sehr vielfältig und lässt sich nicht klar von anderen asiatischen Religionen und Weltanschauungen trennen. Er verbindet unter anderem Ahnenverehrung, lokale Kulte, Buddhismus, Daoismus, Konfuzianismus, chinesische Geomantie (Fengshui) und andere Formen des Volksglaubens. Diese Vermischung verschiedener religiöser und weltanschaulicher Elemente nennt man Synkretismus; im chinesischen Zusammenhang wird auch auf die „Drei Lehren“ verwiesen.
Weltbild und Alltag
Das Jenseits gilt im chinesischen Volksglauben als eng mit dem Diesseits verwoben und diesem ähnlich. Die Glaubenswelt ist stark von Nützlichkeitserwägungen geprägt: Religiöse oder weltanschauliche Praktiken werden oft danach gewählt, wofür sie im Alltag hilfreich erscheinen. Konfuzianismus, heute auch Kapitalismus und Kommunismus, dienen gewöhnlich als Anleitung für das tägliche Leben. Daoismus gilt als sinnvoll bei Exorzismus und Läuterung. Für Begräbnisse wendet man sich oft an buddhistische Priester.
Weil in den Riten religiöse Vorstellungen, Philosophie und Respekt vor den Vorfahren nicht genau zu trennen sind, ist der chinesische Volksglaube keine Religion im westlichen Sinne. Seine Praktiken und Überzeugungen gehören aber zu den Grundlagen der chinesischen Kultur. Deshalb ist es schwer, Anhängerzahlen anzugeben: Viele Menschen bezeichnen sich selbst als nicht religiös, verehren aber trotzdem ihre Vorfahren oder nehmen an Riten teil.
Verbreitung und Zahlen
Der Volksglaube ist besonders in der breiten Bevölkerung und auf dem Land verbreitet, zeigt aber je nach Region viele Unterschiede. Es gibt zahlreiche geografische Variationen und lokale Besonderheiten, etwa lokale Kulte oder im Nordosten Einflüsse des mandschurischen Schamanismus.
Die Chinese Society of Purdue University veröffentlichte 2010 Schätzungen auf Grundlage einer weitreichenden Befragung. Danach praktizierten 754 Mio. Menschen irgendeine Form der rituellen Ahnenverehrung. 362 Mio. Menschen betrieben innerhalb eines Jahres Wahrsagerei oder ähnliche Praktiken. 215 Mio. Menschen glaubten an Ahnengeister. 145 Mio. Menschen hatten innerhalb eines Jahres Fengshui angewandt. 141 Mio. Menschen glaubten an den Gott des Reichtums. Diese Zahlen zeigen die große Bedeutung einzelner Praktiken, auch wenn sie nicht immer als Zugehörigkeit zu einer Religion verstanden werden.
Ahnenverehrung
Die Verehrung der Vorfahren, auch Ahnenkult genannt, ist ein zentraler Bestandteil des chinesischen Volksglaubens. Sie muss jedoch nicht zwingend religiös begründet sein; sie kann auch Ausdruck von Respekt gegenüber den Vorfahren sein.
In vielen chinesischen Haushalten, besonders auf dem Land, gibt es an einem zentralen Ort einen Tisch oder Schrank mit Bildern oder Statuen von Ahnen, Gottheiten oder wichtigen öffentlichen Personen. In der Volksrepublik China können dazu auch Bilder von Mao Zedong oder Deng Xiaoping gehören. Den Ahnen werden zum Beispiel Früchte und andere Opfergaben dargebracht.
Auf dem Land gibt es außerdem häufig Ahnenhallen, auf Chinesisch ci (祠). Dort sind Namen und Bilder wichtiger Vorfahren angebracht. In der Volksrepublik China waren solche Ahnenhallen zeitweilig kaum noch anzutreffen, doch ihre Bedeutung nimmt wieder zu, besonders in Dörfern, in denen ein großer Teil der Bewohner dieselben Vorfahren hat.
Gottheiten und Gebet
Die Gottheiten des chinesischen Volksglaubens sind männliche oder weibliche Personen, die nach der Vorstellung der Gläubigen wirklich einmal gelebt haben und denen besondere Kräfte oder Taten zugeschrieben werden. Ihre Macht ist begrenzt und nicht mit Buddha oder Guanyin, der Göttin des Mitgefühls, vergleichbar. Sie sind meist für bestimmte Bereiche zuständig, etwa den Ofen, das Haustor oder den Krieg. Auch Mao Zedong wird teilweise als Person angesehen, die bereits in den Olymp der chinesischen Gottheiten eingegangen ist. Im Westen sieht man gelegentlich Statuen der „Drei Gestirne“ Fu Lu Shou (福禄寿).
Gläubige können Gottheiten um Hilfe bei Wünschen oder Problemen bitten. Dabei beten sie vor einer Statue oder einem Bild der Gottheit und halten ein oder mehrere Weihrauchstäbchen in der Hand. Das Gebet enthält die Bitte und oft auch das Versprechen einer symbolischen Gegenleistung. Es wird kniend oder mit wiederholten Verbeugungen ausgeführt und endet damit, dass die Weihrauchstäbchen in dafür vorgesehene Gefäße gesteckt werden.
Hat der Gläubige den Eindruck, dass die Gottheit den Wunsch annehmen wird, wird ein Opfer dargebracht. Das kann durch Lebensmittel geschehen oder durch das Verbrennen bestimmter Opfergaben in Papierform. Bei Gedenkfesten für Verstorbene wird zum Beispiel „Totengeld“ (mingchao) verbrannt. Wenn eine Gottheit als nicht zuständig erscheint, kann man sich an eine andere wenden. Teilweise werden gleichzeitig Buddha-Statuen aufgestellt.
Heilung und Rituale
Ein weiterer wichtiger Bereich des chinesischen Volksglaubens ist die Krankenheilung. Heiler haben in der Regel keine besondere Ausbildung, und es gibt meist kein äußeres Merkmal, das sie klar von anderen Bürgern unterscheidet.
Zur Heilung werden unterschiedliche Methoden eingesetzt. Manchmal geht es um Geisteraustreibung, manchmal um das Gestehen von Sünden, manchmal um die Gabe von Kräutern. Auf dem Land, wo keine Ärzte der traditionellen chinesischen Medizin oder der westlichen Medizin verfügbar sind, kann diese Form der Heilkunst der einzige mögliche Ausweg sein. In anderen Fällen wird sie ergänzend zu anderen Behandlungsmethoden genutzt.