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Burushaski

– Die Nomina der x-Klasse bezeichnen typischerweise zählbare nichtmenschliche Wesen oder Dinge, z. B. Tiere, Früchte, Steine, Eier, Münzen; Nomina der y …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Sprachsituation
  2. 2. Schrift, Unterricht und Erforschung
  3. 3. Einordnung und Lautsystem
  4. 4. Nominalklassen, Plural und Kasus
  5. 5. Verbformen und Personenkennzeichnung
  6. 6. Satzbau

Überblick und Sprachsituation

Burushaski [buˈɾuɕaski] wird von etwa 100.000 Menschen im Karakorumgebirge in Nordpakistan gesprochen. Es gilt nach der Mehrheitsmeinung der Forschung als isolierte Sprache: Es ist weder mit den benachbarten dardischen Sprachen Shina und Khowar noch mit dem südost-iranischen Wakhi genealogisch verwandt.

Die Burusho leben vor allem in Hunza und Nagar beiderseits des Hunza-Flusses sowie im etwa 100 km entfernten Yasin-Tal. Es gibt die Dialekte Hunza, Nagar und Yasin. Hunza und Nagar unterscheiden sich nur wenig; Yasin weicht phonetisch, im Wortschatz und teilweise in der Morphologie deutlich ab. Wie gut Sprecher der Gebiete einander verstehen, wird unterschiedlich beurteilt; Yasin-Sprecher verstehen den prestigereicheren Hunza-Nagar-Dialekt offenbar eher als umgekehrt.

Viele Sprecher sind mehrsprachig und beherrschen auch Khowar, Shina oder Urdu. Alte Lehnwörter stammen besonders aus Shina, daneben aus Khowar und vereinzelt aus Balti; zunehmend werden Wörter aus Urdu und Englisch übernommen. Jüngere Sprecher beherrschen teils die komplexe Morphologie und Syntax nicht mehr vollständig. Dennoch stieg die Sprecherzahl im letzten Jahrzehnt leicht, die Einstellung zur Muttersprache ist überwiegend positiv, und Burushaski bleibt wichtiges Kommunikationsmittel sowie Träger einer lebendigen mündlichen Erzählkultur.

Schrift, Unterricht und Erforschung

Burushaski war lange keine Schriftsprache. Für wissenschaftliche Beschreibungen wurden lateinische Notationen entwickelt; am häufigsten wird die Notation von Hermann Berger verwendet. Es gab nur wenige schriftliche Werke, darunter religiöse Lieder im Diwan-i-Nasiri (Karachi 1960), Rätsel, eine Fibel sowie einige Gedichte und Geschichten. Dafür wurde eine modifizierte Urdu-Schrift verwendet, die sich jedoch nicht allgemein durchsetzte. Im Februar 2023 wurde eine einheitliche Schrift für alle Dialekte vereinbart und vom National Curriculum Council übernommen.

Der Unterricht im Hunza- und Yasin-Tal findet in Urdu statt; Burushaski ist weder Unterrichtssprache noch Schulfach. Etwa die Hälfte der von Backstrom Befragten wünschte sich jedoch Schulen mit Burushaski als Unterrichtssprache.

Die Forschung begann Mitte des 19. Jahrhunderts mit Wortlisten von A. Cunningham und G. W. Hayward. Wichtige frühe Arbeiten lieferten G. W. Leitner und J. Biddulph. D. L. R. Lorimers The Burushaski Language von 1935–38 enthielt Wörterbuch und Grammatik. Besonders grundlegend sind Hermann Bergers feldforschungsbasierte Beschreibungen des Yasin-Dialekts (1974) und des Hunza-Nagar-Dialekts (1998).

Einordnung und Lautsystem

Burushaski ist agglutinativ: Grammatische Informationen werden meist durch aneinandergereihte Affixe ausgedrückt. Es ist außerdem eine Ergativsprache und hat gewöhnlich die Wortstellung Subjekt–Objekt–Verb (SOV). Typologisch, also nach Bauprinzipien statt nach nachgewiesener Abstammung, erinnern die komplexe Verbalmorphologie und Teile des Nominalsystems an jenisseische, nordkaukasische Sprachen und Baskisch. Die Phonologie weist eher auf Ähnlichkeiten mit benachbarten dardischen Sprachen.

Hypothesen einer genetischen Verwandtschaft mit Baskisch, nordkaukasischen Sprachen oder einer größeren sino- beziehungsweise dene-kaukasischen Makrofamilie sind bisher kaum anerkannt: Die angeführten Wortvergleiche gelten den meisten Forschern nicht als belastbar. Van Driem schlug wegen Gemeinsamkeiten besonders bei Personalpräfixen eine hypothetische Karasuk-Familie aus Burushaski und den jenisseischen Sprachen vor; sowohl lexikalische Belege als auch morphologische Übereinstimmungen sind umstritten. Ilija Čaşules indogermanische Hypothese findet ebenfalls keine Unterstützung. Parallelen im Wortschatz werden eher durch historische Kontakte mit dardischen Gruppen erklärt; eine genetische Beziehung zum Indogermanischen wird nach dem dargestellten Wissensstand ausgeschlossen.

Das Phoneminventar umfasst 32 Konsonanten und 5 Vokale. Auffällig sind zahlreiche retroflexe Laute, die mit zurückgebogener Zungenspitze gebildet werden. Die Vokale /a, e, i, o, u/ kommen kurz und lang vor; lange Vokale gelten phonologisch als zwei gleiche kurze Vokale und werden bei Berger doppelt geschrieben, etwa aa. Vokale können ausnahmsweise nasal sein. Der freie, bedeutungsunterscheidende Druckakzent kann die Wortbedeutung ändern: báre bedeutet „des Tals“, baré „schau!“; ḍuḍúr ist eine Aprikosenart, ḍúḍur ein kleines Loch.

Nominalklassen, Plural und Kasus

Substantive gehören zu vier Nominalklassen, also grammatischen Klassen ähnlich Geschlechtern: m für männliche Menschen, Götter und Geister; f für weibliche Menschen und Geister; x für Tiere und meist zählbare Gegenstände; y für Abstrakta, Flüssigkeiten und meist nicht zählbare Gegenstände. Die Klassen sind nicht rein nach Bedeutung festgelegt. So gehört ha „Haus“ trotz Zählbarkeit zur y-Klasse. bayú bedeutet als x „Salz in Brocken“, als y „Salz in Pulverform“. Attribute wie Artikel, Adjektive und Zahlwörter stimmen mit der Nominalklasse überein.

Es gibt Singular und Plural. Der Singular ist unmarkiert, der Plural wird mit zahlreichen, meist klassenabhängigen Suffixen gebildet, etwa wazíir – wazíirting „Wesir, Minister“ und huk – hukái „Hund“. Manche Wörter haben mehrere Pluralformen, manche erscheinen nur im Plural, etwa bras „Reis“, und bei anderen sind Singular und Plural gleich, etwa hagúr „Pferd(e)“.

Die fünf primären Kasus werden durch Suffixe markiert. Der unmarkierte Absolutiv steht beim Subjekt intransitiver Verben und beim direkten Objekt transitiver Verben. Der Ergativ auf -e kennzeichnet das Subjekt transitiver Verben. Der Obliquus auf -e, in der f-Klasse -mo, dient auch als Genitiv; der Dativ hat -ar oder -r, der Ablativ -um, -m oder -mo. Sekundäre Kasus verbinden Marker mit diesen Endungen: -ts- bedeutet „an“, -ul- „in“, -aṭ- „auf; mit“ und im Hunza-Dialekt -al- „bei“. So bedeutet -ul-e „in“, -ul-ar „in … hinein“ und -ul-um „aus … heraus“.

Körperteil- und Verwandtschaftsbezeichnungen benötigen zwingend ein pronominales Besitzpräfix: Die Wurzel mi „Mutter“ kann nicht allein stehen; i-mi heißt „seine Mutter“, mu-mi „ihre Mutter“. Personalpronomina unterscheiden in der 3. Person nahe und ferne Formen. Das Zahlensystem ist vigesimal, beruht also auf 20: 20 altar, 40 alto-altar, 60 iski-altar und 100 tha.

Verbformen und Personenkennzeichnung

Die Verbalmorphologie ist besonders komplex. Endliche Verbformen unterscheiden Tempus und Aspekt (Präsens, Futur, Imperfekt, Perfekt, Plusquamperfekt), Modi wie Konditionalis, drei Optative, Imperativ und Konativ, außerdem Numerus, Person und in der 3. Person die Nominalklasse. Bei vielen transitiven Verben wird nicht nur das Subjekt, sondern auch das direkte Objekt am Verb angezeigt.

Ein regelmäßiges System mit 11 Positionen beschreibt den Verbaufbau. In Position 5 steht der Verbstamm. Davor stehen unter anderem das Negationspräfix a-, das d- oder n-Präfix, ein pronominales Präfix für das Objekt transitiver oder Subjekt intransitiver Verben sowie das s-Präfix für sekundäre Transitive. Nach dem Stamm folgen unter anderem ein Pluralsuffix, das Präsenszeichen -č-, Personenendungen, Endungen für Modi und Formen des Hilfsverbs ba-. Nicht alle Positionen müssen besetzt sein.

Präteritum, Perfekt, Plusquamperfekt und Konativ werden vom einfachen Stamm gebildet. Präsens, Imperfekt, Futur und Konditionalis beruhen auf einem Präsensstamm, der meist mit -č- erweitert wird. Beim Stamm her „weinen“ lautet das Präteritum her-i-m-i „er weinte“, das Perfekt her-u-ba-i „er hat geweint“, das Präsens her-č-u-ba-i „er weint“ und das Futur her-č-i-m-i „er wird weinen“. Der Imperativ Singular ist her „weine!“, der Plural her-in „weint!“.

Präfixe in Position 3 bezeichnen das direkte Objekt transitiver Verben oder das Subjekt intransitiver Verben. Suffixe in den Positionen 8 und 10 kennzeichnen das Subjekt. i-phus-i-m-i bedeutet „er band ihn“, mu-phus-i-m-i „er band sie (f)“. Auch wenn ein Subjekt oder Objekt als Substantiv genannt wird, erscheinen diese Affixe. Bei intransitiven Verben kann das Subjekt doppelt, durch Präfix und Suffix, markiert werden. Das d-Präfix bildet von primär transitiven Verben regelmäßig Intransitiva; i-phalt-i-mi heißt „er brach es auf“, du-phalt-as „aufbrechen, explodieren“. Seine genaue Bedeutung ist nicht geklärt.

Satzbau

Im einfachen Satz steht das Subjekt eines transitiven Verbs im Ergativ, das direkte Objekt dagegen im Absolutiv. Bei einem intransitiven Verb steht auch das Subjekt im Absolutiv. Die Grundstellung ist SOV, ohne Objekt SV.

In hír-e gus mu-yeéć-imi „der Mann sah die Frau“ ist hír-e „der Mann“ das transitive Subjekt im Ergativ; gus „die Frau“ steht als Objekt im Absolutiv. Das Präfix mu- verweist auf das feminine Objekt, das Suffix -imi auf das maskuline Subjekt. In hir i-ír-imi „der Mann starb“ steht hir als intransitives Subjekt im Absolutiv; Präfix i- und Suffix -imi beziehen sich beide auf dieses Subjekt. Das finite Verb stimmt mit dem Subjekt in Person und in der 3. Person auch in der Nominalklasse überein. Bei mehreren Subjekten verschiedener Klassen wird meist die x-Klasse verwendet.

In Nominalphrasen stehen Attribute grundsätzlich vor dem Nomen, wobei Genitive vor Adjektiven, Pronominaladjektiven und Zahlwörtern stehen; Demonstrativpronomen folgen in dieser Reihenfolge zuletzt. Zahlwörter können ausnahmsweise auch nach dem Nomen stehen. Die Kasusendung erhält bei einer solchen Phrase nur das Substantiv.

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