Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Buchhalten, Zwey Künstliche vnnd verstendige Buchhalten
Inhaltsverzeichnis · Kurzbiographie des Verfassers · Die doppelte Buchhaltung des Johann Gottlieb · Verwertungsmöglichkeiten als Informationsquelle zu …
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung des Lehrbuchs
Johann Gottliebs „Bůchhalten, Zwey Künstliche vnnd verstendige Buchhalten“ von 1546 (VD 16 G 2698) ist ein frühes deutschsprachiges Buchhaltungslehrbuch. Es erklärt als erste Publikation im deutschen Sprachraum den Rechnungsabschluss in der doppelten Buchführung, auch Doppik genannt. Bei der Doppik werden Geschäftsvorfälle systematisch auf zwei Seiten erfasst und am Ende geprüft, ob Vermögen, Schulden und Gewinn zusammenpassen.
Frühere Werke behandelten entweder die kamerale, also einfache Buchhaltung, setzten die Doppik nicht vollständig um oder erklärten den Abschluss nicht. Gottliebs eigenes Lehrbuch von 1531 enthielt den Rechnungsabschluss noch nicht. 1592 erschien ein postumer Nachdruck (VD 16 G 2699), der neu gesetzt wurde und einzelne Abweichungen enthält.
Das Werk behandelt unter anderem Bareinlagen, Bar-, Raten- und Zielkäufe beziehungsweise -verkäufe, Lieferantenkredite, Darlehen, Wechsel, Warentauschgeschäfte („Stich“) und Unkosten.
Aufbau und Buchungslogik
Das Buch hat kein Inhaltsverzeichnis, ist aber klar gegliedert. Nach Vorrede und Einführung folgen zwei vollständige Beispielbuchhaltungen: Die erste ist für einen Kaufmann, der für sich selbst oder mit Gesellschaftern handelt; die zweite ist eine Faktoreibuchhaltung. Bei einer Faktorei handelt ein Faktor mit Geld seines Herrn und legt ihm anschließend Rechenschaft ab.
Jede Beispielbuchhaltung enthält ein Journal, ein Schuldbuch, ein Güterbuch und einen Abschluss. Im Journal werden alle Geschäftsvorfälle fortlaufend und vollständig erfasst. Buchungssätze zeigen Einnahmen, Güter und Schuldner vor zwei senkrechten Strichen; Ausgaben, Waren und Gläubiger stehen danach. Die Doppelseiten der Konten heißen „cart[a]“ und entsprechen in Aufbau und Funktion heutigen T-Konten.
Das Schuldbuch umfasst das Kassenbuch zur Fortschreibung des Barbestands sowie ein Sammelkonto für Geschäftspartner. Dort wird ihr Saldo bestimmt; vorher steht nicht fest, ob er eine Forderung oder eine Verbindlichkeit ist. Im Güterbuch wird der Gewinn direkt aus Wareneinsatz, Bestandsveränderung und Umsatzerlösen ermittelt; im zweiten Beispiel kommen Unkosten hinzu.
Der Abschluss ermittelt den Gewinn zusätzlich bilanziell. Er stellt Kasse, Forderungen und Vorräte auf der einen Seite dem Hauptgut sowie Verbindlichkeiten auf der anderen Seite gegenüber. Das „Hauptgut“ entspricht ungefähr dem heutigen Eigenkapital, wird bei Gottlieb aber als Schuld an sich selbst betrachtet. Der verbleibende „lauter Gewinn“ ist die Residualgröße. Er wird mit dem Ergebnis aus dem Güterbuch verprobt; beide Gewinnermittlungen sollen übereinstimmen.
Besondere Merkmale und Ausgaben
Die Buchhaltungsperioden sind mit 131 Tagen im ersten und 48 Tagen im zweiten Teil kurz. Das Buch orientiert sich damit an Handelsprojekten, nicht an einem Geschäftsjahr. Anlagevermögen und Anlagenbuchhaltung spielen trotz eines erwähnten „Gewölbes“ als Lagerstätte praktisch keine Rolle. Unkosten wie Fuhrlohn, die keinem einzelnen Geschäftsvorfall zuzuordnen sind, werden im zweiten Teil berücksichtigt; hierfür verweist Gottlieb auf ein nicht näher beschriebenes Unkostbüchlein.
Bargeld wird in Gulden, Zwölfern, ganzen und halben Batzen sowie kleiner Münze genannt. Es gilt: 1 Gulden ≙ 60 Kreuzer, 1 Zwölfer ≙ 12 Kreuzer, 1 ganzer Batzen ≙ 4 Kreuzer und 1 halber Batzen ≙ 2 Kreuzer. Die Bücher selbst werden in Goldgulden, Schilling und Heller geführt: 1 Gulden ≙ 20 Schilling und 1 Schilling ≙ 12 Heller. Gottlieb verwendet bevorzugt arabische statt römischer Zahlzeichen.
Zwischen den Ausgaben von 1546 und 1592 bestehen Druckfehler und Zahlenabweichungen. Beim Silber-Barverkauf am 15. März 1545 stehen im Journal 1546 86 fl. 16 ß. 8 h, im Schuldbuch jedoch fehlerhaft 88 fl. 16 ß. 8 h; 1592 stehen im Journal 89 fl. 16 ß. 8 h, im Schuldbuch 88 fl. 16 ß. 8 h und im Güterbuch 86 fl. 16 ß. 8 h. Ein Kassenabschluss wurde von 3447 fl. 13 ß. 8 h auf die korrekten 3647 fl. 13 ß. 8 h berichtigt. Die Bilanzergebnisse bleiben dennoch korrekt und gleich; dies zeigt die eingebaute Kontrollwirkung der Doppik.
Die Ausgabe von 1546 entstand bei Johannes Petreius in Nürnberg, die von 1592 bei Urban Gaubisch in Eisleben. Beide sind überwiegend in Fraktur gedruckt. Die Sprache ist Frühneuhochdeutsch; eine einheitliche deutsche Buchhaltungsfachsprache und eine durchgängige Orthographie fehlen noch.
Beispiel: Samthandel und Abschluss
Im zweiten Buchhalten wird ein Verlustgeschäft mit Samt gezeigt. Am 4. September 1545 erhält der Faktor von Hans Zeuleis im Tausch 2 Stück schwarzen Samt mit zusammen 58 Ellen zu 44 Schilling. Der Wert beträgt 127,60 fl. (= 58 × 44 × 1/20 fl.). Im Schuldbuch erscheint dadurch eine Verbindlichkeit gegenüber Hans Zeuleis, im Güterbuch steigt der Vorratsbestand.
Am 10. September verkauft der Faktor denselben Samt an Wolff Steinmetz gegen Bargeld: 58 Ellen zu 43 Schilling, also für 124,70 fl. Der Verkauf wird als Kassenmehrung und Warenverkauf gebucht. Aus 124,70 fl. Erlös gegenüber 127,60 fl. Aufwand ergibt sich ein Verlust von 2,90 fl.
Für die gesamte Faktoreibuchhaltung weist das Güterbuch Umsatzerlöse von 2.159,15 fl., bezogene Waren von −1.889,14 fl., Bestandsveränderungen von 42,30 fl. und sonstige betriebliche Aufwendungen von −22,93 fl. aus. Der lauter Gewinn beträgt 161,78 fl. Im Abschluss stehen Aktiva und Passiva jeweils mit 2.515,32 fl. zu Buche; auch dort ergibt sich ein lauter Gewinn von 161,78 fl. Die Verprobung bestätigt damit die direkte Gewinnermittlung.
Wirtschaftliche Aussagekraft und Würdigung
Die Beispiele zeigen Handel mit Wolle, Atlas, Barchent, Samt, Thabin, Worrsat, Kupfer, Silber, Safran und Zucker. Geschäftspartner werden unter anderem Kulmbach, Bamberg, Frankfurt, Leipzig und Annaberg zugeordnet. Die kurzen Perioden machen deutlich, dass Gottlieb vor allem den Erfolg einzelner Handelsprojekte betrachtet.
Im ersten Buchhalten betragen Aufwand −1.446,97 fl., Umsatz 1.667,68 fl. und lauter Gewinn 220,71 fl.; der Deckungsbeitrag beträgt 15,3 %. Im zweiten Buchhalten liegen Aufwand und Umsatz bei −1.997,37 fl. beziehungsweise 2.159,15 fl.; der lauter Gewinn beträgt 161,78 fl. und der Deckungsbeitrag 8,1 %. Der einzige negative Deckungsbeitrag der dargestellten Warenfälle entsteht beim Samt mit −2,90 fl.
Bei linearer Hochrechnung auf ein Jahr haben beide Beispielbuchhaltungen eine Kapitalrentabilität von 30,8 %. Das erste Beispiel setzt 2.000,00 fl. Hauptgut ein, erzielt 220,71 fl. Gewinn in 131 Tagen und einen Perioden-RoI von 11,0 %. Das zweite setzt 4.000,00 fl. ein, erzielt 161,78 fl. in 48 Tagen und einen Perioden-RoI von 4,0 %. Mit Zinseszins lautet die Formel RoIₐ, dyn = (1+RoIₚ)ⁿ − 1; daraus ergeben sich 33,9 % beziehungsweise 35,2 %.
Die besondere Bedeutung des Lehrwerks liegt in der erstmals deutschsprachigen, teilweise didaktisch aufbereiteten Darstellung eines vollständigen doppischen Abschlusses. Es enthält annähernd 50 Buchungsfälle auf weniger als 70 bedruckten Seiten. Wegen seiner knappen Erklärungen setzt es jedoch Buchhaltungskenntnisse und Rechenroutine voraus und eignet sich eher als Leitfaden für Unterricht oder berufsbegleitendes Lernen als für ein Selbststudium.